Kann ein Bäumchen schon in den Himmel ragen?

Welcher Mensch kann wissen, wie ein allfälliges Himmelreich aussehen und sich auswirken kann? Und doch: Haben wir uns schon einmal gefragt, wo der natürliche Himmel anfängt und wo er endet. In der Ferne? Oder gar erst auf dem Boden, auf dem wir stehen? Denn der natürliche Himmel besteht aus Luft; und diese umgibt alles, was auf der Erdoberfläche ist! Was hindert uns denn, unsern irdischen, natürlichen Himmel täglich von neuem wahrzunehmen? Das ist die Frage! Und wer die Gründe dafür erkennt, erkennt automatisch auch den Grund, weshalb der geistige Himmel für uns Menschen so unerfahrbar scheint; aber beginnt auch einzusehen, wie leicht er erfahrbar werden kann.

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KANN EIN BÄUMCHEN SCHON IN DEN HIMMEL RAGEN?

Es braucht nicht unbedingt einen blinden Glauben, aber auch kein theologisches Studium, um eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Der umsichtig Aufmerksame, der aus der Bibel weiss, dass das Himmelreich sich nur inwendig im Menschen befinden kann, wird nicht schwer haben, dem Text zu folgen, aber wird sich vielleicht wundern, nicht selber schon auf Grund seiner eigenen Erfahrungen die Antwort auf diese Frage gefunden zu haben.



Wie kann man auch dazu kommen, eine solche Frage überhaupt zu stellen?! Ein Bäumchen ist doch einfach ein werdender Baum; und wo er steht, da steht er eben. Wenn wir vor ihm stehen, so steht er vor uns, und sonst eben in unserer Umgebung; was der Himmel mit ihm zu tun hat, ist da völlig schleierhaft und die Abklärung darüber zu niemandes Nutzen. Ja, man könnte wirklich so denken, wie die meisten wohl darüber denken werden. Alleine – es gibt in der materiellen Welt Verhältnisse, welche der geistigen Welt entsprechen, die wir nur darum "Jenseits" nennen, weil sie sich jenseits unserer gegenwärtigen, materiellen Interessen befindet. Das Fatale an diesem Umstand besteht darin, dass wir ohne Weiteres abzuklären imstande wären, ob und wie es eine bleibende geistige Welt gibt, wenn wir nur ein Interesse daran hätten. Weil das Interesse dafür in guten, wohlhabenden äusseren Verhältnissen aber völlig verschwindet und höchstens in Zeiten materieller Not wieder erwacht, weil uns dann das karge Materielle denn doch als zu wenig vorkommt, so kennen wir nicht einmal mehr die starken Berührungspunkte dieser beiden Welten. Und weil die eine – eben die jenseitige – dem durchschnittlichen Menschen nicht schaubar ist, so ist er leichtweg versucht, sie überhaupt zu negieren. Eben für diesen Fall sind die Bilder aus der Natur uns eine Hilfe, aus der Sphäre des Sichtbaren die Gesetze der Entwicklung kennen zu lernen, die in der Sphäre des Unsichtbaren genau die gleichen sind.

Im sichtbaren Bereich wird der Himmel nämlich auch dort vermutet, wo er auch im unsichtbaren Bereich vermutet wird, nämlich:  weit, weit weg! Im Laufe der Erörterungen darüber, ob ein Bäumchen nicht dennoch in den Himmel ragen kann, werden wir erkennen, wie nahe uns schon der natürliche Himmel in Tat und Wahrheit ist. Da er nämlich nur aus verschiedenen Luftarten besteht, so ist er förmlich bei, ja – durch unsere Atmung bedingt – teilweise sogar in uns. Zwar spüren wir das Atmen – das Luftholen – normalerweise nicht, weil es zum allzu selbstverständlichen Alltag gehört; folglich ist es nur dieser gedankenlose Alltag, der uns das Allerwichtigste vergessen macht.  – Denn ohne Einatmung der Luft hält es auch ein geübter Mensch nur wenige Minuten aus, während schon der Verzicht auf Flüssigkeit (Wasser) ein bis zwei Tage lang unser Leben nicht gefährdet und der Verzicht auf Nahrung sogar einige Wochen möglich ist, ohne dabei das irdische Leben einbüssen zu müssen.

Genau so verhält es sich mit dem  "Jenseits" in Verbindung zu uns. Diesseits ist nämlich lediglich das Materielle, das Äussere, dasjenige, das wir sehen, hören, betasten und greifen können. Das Inwendige – die Gedanken, die Kraft der Liebe und des aus ihr hervorgehenden Willens ist bereits "Jenseits" – so sehr dieser Wille auch fähig ist, in das Diesseitige, Materielle einzugreifen. Viele Menschen - besonders solche in guten äussern Verhältnissen - brauchen jedoch diese innere – also jenseitige – Kraft nicht mehr, sodass sie zu kümmern und sich zu verlieren beginnt. Für solche gibt es tatsächlich kein Jenseits mehr, was Jesus einmal mit den Worten ausdrückte: "....., lass die Toten ihre Toten begraben" (Matth. 8, 22). Das Jenseits und seine Ausgestaltung sind also dem jeweiligen Menschen selber über-lassen! Wohl erkennt man seine Arbeit in diesem Jenseits im Allgemeinen nicht immer, denn sie liegt ja eben jenseits aller Äusserlichkeit – eben im Innern – und zudem sind ja viele untätig in ihrem Innern, haben also entweder keine oder nur eine sehr geringe Ausgestaltungskraft erlangt, die den vordergründigen, rein materiellen Eindruck ihrer äussern Erscheinung unmöglich durchdringen, geschweige denn mitprägen kann. Indessen kommt es immer wieder vor, dass Menschen in ihrem jenseitigen, ihren Charakter und ihre Wesenheit betreffenden Wirken schon so geübt sind, dass wir es ihnen, ohne danach zu forschen, anmerken, dass sie mehr sind und mehr haben, als es ihre äussere Form erkennen lässt. In ihrer Nähe wird es uns entweder so wohl, wie es uns kaum je in unseren glücklichsten Erdentagen geworden ist. Es ergiesst sich in unser Gemüt eine vorher nie gekannte Ruhe, Zuversicht und hoffnungsvoller Gleichmut und erweckt in uns ein Gefühl der Fülle, ohne dass dabei Worte gewechselt wurden, oder – im entgegen gesetzten Fall – wird es uns enge; wir werden unruhig und haben das Gefühl, stetig etwas zu verlieren. Diese Gefühle berühren uns oft stärker als solche, die wir in einer natürlichen Landschaft empfinden, eben weil sie uns aus der jenseitigen Landschaft, nämlich entweder aus dem Himmel oder aus der Hölle – je nach dem ausgeprägten, innern Zustand des Gemütes oder Herzens eines solchen Menschen – zufliessen. Wer es gewohnt ist, speziell auf solche Gefühle zu achten, erkennt den Charakter der Menschen viel leichter als alle Psychologen. Nicht nur das, er kann sogar durch seine gedankliche Verbindung mit einem weit von ihm entfernten Menschen durch sein dabei entstehendes Gefühl erfahren, wie es diesem ergeht. Er braucht dazu der Materie nicht, braucht keine Briefe, kein Telefon und weiss oft bestimmter Bescheid als der Betreffende selber, weil viele Menschen sich nie so recht über ihren eigenen Zustand im Klaren sind.

Aus diesem Wenigen können wir ersehen und auch erkennen, dass das Jenseitige nicht erst jenseits - nach dem Tode -, sondern bereits diesseits, aber jenseits aller Äusserlichkeit, beginnt; dass also mit andern Worten das Jenseits bereits im irdischen Leben wahrgenommen und erkannt, aber auch gebildet werden kann – und vor allem auch gebildet werden sollte! Auch dazu wieder ein passendes Wort aus Jesu Munde: "Das Reich Gottes kommt nicht mit äusserlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch" (Lukas 17, 20 & 21). Um das noch viel besser und detaillierter verstehen zu können, ist es eben gut, sich mit dem Wesen der natürlichen Verhältnisse besser vertraut zu machen, weil wir das, was wir dort erkennen – zufolge seiner Äusserlichkeit – nicht erst glauben müssen; wir müssen es nur als eine bisher nicht beachtete Tatsache annehmen und daraus erkennen, wie wenig wir mit den sichtbaren Verhältnissen vertraut sind. Das lehrt uns dann, wie wir mit dem im Diesseits Vorhandenen umgehen müssen, damit es sich uns in seinem ganzen Wesen erschliesst. Das dadurch gewonnene, neue Verständnis lässt uns dann dieselben Gesetze im innern, jenseitigen Leben erkennen, sodass uns unsere eigene innere Welt regelrecht sicht- und erlebbar wird. Gerade aus diesem Grunde hat Jesus so viel in Bildern der äussern Natur, also in Gleichnissen, geredet. Wer diesen Bildern Zeit und Raum in sich, das heisst in seinem Gemüte, gibt, dessen erkennendes Leben ergiesst sich in den jenseitigen Raum – schon im diesseitigen Leben, und die Kraft, welche ihm daraus wird, lässt ihn fühlen und erfahren, dass sie grösser und bleibender ist als die natürliche Kraft des irdischen Lebens.

Betrachten wir also einmal ein kleines Bäumchen und stellen uns die Frage, ob es wohl schon in den Himmel ragen kann.  "Ja", müssen wir sagen, schon ein junges Bäumchen ragt voll und ganz in den Himmel – selbst dann, wenn wir als Betrachter es von einer erhöhten Stellung aus sehen würden, von wo aus es nicht über die Konturen des Horizontes erhaben erschiene. Denn der Himmel – in natürlicher Hinsicht – besteht aus der freien Luft; und diese liegt dem festen Boden auf. Wohl ist die Luft in Bodennähe schwerer und auch stärker mit verunreinigenden Stoffen durchmengt als in bedeutenderer Höhe. Aber frei und voll beweglich ist sie überall, so wie sie auch überall durchlässig für das Licht ist und erwärmungsfähig bleibt, obwohl ausgerechnet wieder die Erwärmungsfähigkeit in tieferen Schichten wesentlich grösser ist als in der Höhe, ansonst die Tiefen der Erde nicht wärmer würden als die Höhen. Das schöne Blau der Luft des Himmels ergibt sich aus der Mächtigkeit oder Weite der Lufträume. So ist nicht nur der Himmel über uns blau, sondern auch der Himmel neben uns oder zwischen den einzelnen Punkten der Erde. Darum erscheinen uns ferne Gegenden und ferne Berge bläulich. Wir Menschen haben im Allgemeinen nicht nur ein falsches Bild über den geistigen Himmel, sondern ebenso sehr über den natürlichen Himmel, den wir doch mit unseren Augen betrachten und studieren könnten. Das zeigt sich beim verweilenden Betrachten einiger natürlicher Erscheinungen: Wie klein und unbedeutend ist doch der Himmel in einer grossen Stadt, wo tausend Dinge sich befinden und Abertausende von Häusern in den Himmel ragen. Wo die Wege und Gassen enge sind und durch das Feuern, das Qualmen der Fabriken und des Auspuffs der Fahrzeuge die Luft des Himmels getrübt wird. Der Boden einer engen Gasse in einer Stadt ist genau gleich gross wie die Fläche des Himmels über ihr. Aber schon die Hausfassaden beiderseits der Gasse nehmen eine vielfach grössere Fläche unseres Blickfeldes in Beschlag als der Himmel. Selbst wenn die Sonne scheint, so bleibt es in solch enger Gasse düster, sofern sie nicht gerade zufällig einmal in derselben Richtung verläuft, in welcher die Sonne am Himmel steht. Der Himmel bleibt für die Bewohner einer solchen Gasse überflüssige Theorie. Überflüssig darum, weil praktisch nichts von seinem äussern Bilde übrig bleibt und weil sein Wesen – die reine Luft – so verschmutzt ist, dass wir uns die erholende Wirkung seines Wesens gar nicht vorstellen können. Das Einzige, was wir als Gassenbewohner einer Stadt vom Himmel erwarten können, ist Regen – also nass zu werden.

Höchstens ganz kleine Kinder haben noch Zeiten, in denen sie an schönen Tagen voll Freude nach dem herrlich leuchtenden Blau des Himmels blicken, das in die engen Häuserspalten – Gassen genannt – hinab leuchtet. Und sie ergötzen sich wenigstens noch an seiner Farbe, die es im materiellen Wesen dieser Stadt sonst nirgends gibt, noch geben kann.

Wie gross hingegen ist der Himmel in der freien, von Gott durch die Natur gestalteten Landschaft! Ringsum senkt er sich bis zum Boden hernieder und strahlt durch das Geäste eines jeden Baumes. Selbst wo Berge unsere Blicke einengen, empfinden wir, wie sich der Himmel über dieselben hinwegzieht und sich hinter ihnen dann zu Boden senkt. Er umschliesst uns mitsamt der Landschaft, in welcher wir ihn bestaunen und uns seinem sichtbaren Wesen voll hingeben. "Ja - -, ist denn das wahrhaft derselbe Himmel wie jener in der Stadt?", so möchten wir fast zu fragen beginnen, wenn wir den wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes himmelweiten Unterschied zwischen der einen und der andern Erfahrungsweise seines Wesens so überaus bewusst und stark in uns zu fühlen beginnen. "Ja und Nein zugleich", wäre da die richtige Antwort. "Ja" dann, wenn wir bedenken, dass wir an jeder Stelle eine Stadt aufbauen könnten, und dass der Himmel der freien Landschaft dabei nicht weichen würde, ja nicht einmal weichen könnte. Nur wäre sein Bild durch die vielen materiellen Bauten so stark beschnitten, dass er zum Fragment würde und sein allumfassendes Wesen dem blossen Betrachter als Theorie erscheinen müsste. Auch sein Wesen – die Luft – würde alles andere als erfrischend sein, sondern so stark mit Russ, Schmutzteilchen und Säuren durchmengt sein, dass unsere Lungen dadurch geschädigt würden, anstatt gestärkt. Und darin wäre dann ein "Nein" begründet, eine Verneinung, was seine Wirkung auf unser Gemüt und unsere gesundheitliche Erfahrung mit ihm anbelangt.

Wir ersehen daraus, dass oberflächlich urteilende Menschen und solche, die auf ihrem Standpunkt festgebannt bleiben, nicht einmal in der Lage sind, den natürlichen Himmel zu beurteilen, ja ihn nicht einmal in seinem Wesen zu erfassen. Unter dem Gesichtspunkt nämlich, dass die freie atmosphärische Luft den natürlichen Himmel ausmacht, fallen auch alle meteorologischen Erscheinungen in seine Sphäre, wie Regen Wind und Sturm, aber auch Schnee und Tau, Blitz und Donner. Der Sturm zum Beispiel wird aber in einer engen Stadtgasse ganz anders erlebt als in der freien Natur. In der engen Stadtgasse kommt er überraschend um die Ecke, fegt durch die Gasse und reisst und tobt an den Wänden der Fassaden und besonders an den Kanten der Häuser bei Kreuzungen, oder bei Einmündungen anderer Strassen. Mit dem Himmel hat er dort nichts zu tun, denn der Himmel über einer solchen Stadt ist ohnehin nur ganz selten blau, sondern zumeist grau vom Dunst und Qualm – so, wie er es auch bei Stürmen ist. Wohl wechselt seine Farbe öfters beim Sturm. Aber der Sturm bewegt so viel in einer engen Gasse, das dem Menschen gefährlich werden könnte, dass man weder Zeit noch Lust hat, nach dem wechselnden Grau des Himmels zu sehen. Und überdies würden wir das "Warum" solchen Wechsels nie so recht erfassen, weil sein Ausschnitt in der Gasse einer Stadt viel zu enge ist, um einen Überblick über das ganze Geschehen zu erhalten.

Ganz anders erleben wir den Sturm in einer natürlichen Landschaft! Schon lange ehe er auftritt, sehen wir seine Vorboten. Oft – an heissen Tagen – wird es vorher stille. Kein Lüftchen bewegt sich, kein Zweiglein rührt sich, alles ist stille, alles schweigt unter dem Druck der Hitze. – Da, plötzlich ein leichter Wind in den Zweigen hoher Baumkronen, dort ein leichtes Wiegen der Wipfel im Walde; bald ein leichter Dunst. Die Winde kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Sie nehmen zu; sie bringen Wolken vom fernen Horizont her, oder türmen sie einfach über uns auf. Sie zerreissen sie wieder und führen sie schnell über uns hinweg. Sie verdichten sie über uns und lassen sie schwer werden. Der Wind nimmt auch in Bodennähe beträchtlich zu, beugt die Wipfel der Bäume, ja, er artet aus in Sturm, rüttelt die Baumkronen durcheinander, zerzaust das Gras am Boden. Das alles sehen und erleben wir, bevor der erste Regentropfen fällt. Es sind die Kräfte des Himmels, die das tun. Die Kraft der freien Luft! Und wir sind mitten drin! Der Himmel ist nicht tot. Er ist lebendig, sehr lebendig sogar; und seine Kräfte übersteigen die unsrigen um ein Unendlichfaches. Der Sturm ist die Bewegung seiner Kraft – und nicht einfach irgendein Naturphänomen, so, wie es dem Stadtbewohner vorkommt. Seine unsern Sinnen als nichtig erscheinende Luft entwickelt Kräfte, die unsere besten Bauwerke beschädigen, ja vernichten können. Denn neben der Bewegung, welcher die Luft fähig ist, gibt es im natürlichen Himmel auch ein mächtiges Lebensfeuer, das alles Leben überhaupt erst erhält. Wir nennen es Elektrizität, die in ihren kleinsten Quanten die Atome zusammenhält, die in ihrer Allgemeinheit den Strom des Lebens ausmacht, die aber – einmal aus ihrem Gleichgewicht gebracht – alles zerstört, auf das sie sich konzentriert. Das zeigt der Blitz, als das Zornlicht des natürlichen Himmels.

Es ist zwar der Landbewohner nicht besser geschützt vor der gewalttätigen Kraft des Himmels als der Städter. Aber er weiss doch wenigstens, woher all das kommt. Er weiss, wie gross und stark der natürliche Himmel ist und dass er selber niemals aus seiner Macht- und seiner Einflusssphäre entweichen kann. Er kann sich aber besser vorsehen und viel besser an seinen Segnungen (frische, belebende Luft, Bewässerung seiner Saat und Beleuchtung seines Arbeitsfeldes) teilhaben. Er kennt den frischen, belebenden Tau, der in der heissen Steinwüste einer Stadt nicht so leicht und nur spärlich fällt. Er kennt die belebende Wirkung eines Morgenlüftchens, das in den engen Gassen einer Stadt nicht zustande kommt, oder das nur bei grösserer Heftigkeit in die Stadt eindringt, dann aber eher zügig und darum unterkühlend wirkt.

Der Landmann sieht auch unsern in der Überschrift angesprochenen kleinen Baum in den Himmel wachsen. Denn er selbst steht ja – wie das Bäumchen - zwar auf dem Boden der Erde, aber seine Gestalt ragt ebenfalls in die freie und bewegte Luft des Himmels wie der kleine Baum. Er atmet sie ein, sie belebt sein Wesen und stärkt es zur weitern Betätigung.

All das trifft zwar im Prinzip auch auf den Städter zu. Alleine, manches Gute kann er nicht erfahren und beurteilen, weil ihm der Weitblick fehlt. Manches wird ihm in der Stadt auch weniger zu Teil – wie der Tau, die frische, reine Luft, das stärkende Licht der Morgensonne etc. Und vor allem ist in seiner Umgebung alles derart verstellt, und es bewegt sich so viel um ihn herum, dass er weder Zeit noch Lust hat, eine grössere, allgemeinere Wesenheit oder Bewegung – wie jene des Himmels und seiner Kräfte – zu studieren. Sie kommt ihm auch – auf seine Situation bezogen – als unwesentlich vor. Er ist ja im Falle eines plötzlich einsetzenden Regens diesem nicht lange ausgeliefert. Hunderte Häuser stehen ihm offen, daneben Tram, Bus oder auch sein eigenes Auto. Er arbeitet ohnehin mit Kunstlicht und braucht daher des Himmels Licht nicht. Der Strassenverkehr und der Geldverkehr sind ihm wichtiger als jener mit dem Himmel. Und wirklich; es wäre gefährlich, mitten in einer Stadt auf den Himmel zu achten, anstatt auf den Verkehr! Darum wird sogar der natürliche Himmel in einer Stadt zur Theorie und der unaufhaltsame Verkehr zur Realität, während umgekehrt auf dem Lande der äussere Verkehr zur Theorie wird, aber der Himmel zu einer mächtigen Realität.

Wer hätte so etwas gedacht?! Und dennoch ist es so und kann jederzeit von jedermann erfahren werden. Ist es nicht erschreckend, eine solche Entdeckung machen zu müssen, die uns eigentlich schon lange nur zu gut bekannt oder bewusst sein müsste?! Denn, es erhebt sich dabei die Frage: Wenn das beim natürlichen Himmel über dem Boden dieser Erde schon der Fall ist, den wir sehen und fühlen können sofern wir nur wollen, wie steht es dann mit dem geistigen Himmel über dem natürlichen Leben? Ist auch er so leicht zugänglich, erfahr- und erforschbar, obwohl wir uns – wie die Städter vom natürlichen Himmel – gar so entsetzlich weit von ihm entfernt und von ihm getrennt vorkommen? Das wollen wir einmal zu beurteilen versuchen:

Das junge Bäumchen, bei welchem wir eingangs vor der Frage standen, ob es wirklich in den Himmel rage, oder ob das nur so scheine, ist ein gutes Entsprechungsbild für einen jungen Menschen ebenso wie auch für eine jüngste Erfahrung auf einem neuen Gebiet. Und so wollen wir einmal sehen, wie es mit unseren eigenen Erfahrungen steht – in Anbetracht dieser neu entdeckten Parallelen.

Da gehen wir zum Beispiel an einem schönen Morgen zur Arbeit. Wir sind ungewöhnlich gut gelaunt. Alles scheint sich uns mitteilen zu wollen. Wir sehen, wie ein Vogelpaar seine Jungen füttert; wir sehen, wie eine Katzenmutter mit ihren Jungen spielt. Wir hören der Vöglein Gezwitscher in der Luft und spüren, wie uns die warmen Strahlen der Morgensonne berühren. Kurz, alles spricht uns an, alles scheint nur eines zu bezwecken: uns glücklich und reich zu machen. – Ragt dieses Erlebnis schon in eine himmlische Realität hinein, oder ist es bloss natürlich gewachsen und begründet? Selbstverständlich erscheint es aus der beschriebenen Sichtweise heraus als natürlich gewachsen. Aber die Frage lautet ja nur: Ragt dieses Erlebnis (einem Bäumchen gleich) – wenn auch auf Natürlichem basierend – schon in den Himmel, oder scheint es nur so? Das Bäumchen selbst ist ja auch natürlich gewachsen. Wir fragen uns ja nur, ob es bereits in den Himmel ragt, oder ob es nicht doch noch in seiner natürlichen Sphäre steht. Beim Bäumchen haben wir festgestellt, dass der natürliche Himmel aus der freien Luft besteht und sein helles, leuchtendes Blau erst durch seine Weite zustande kommt. Und genauso können wir hier sagen: Das Wesen des geistigen Himmels besteht ja nur in der Vervollkommnung (vollendete Ausbildung in Einsicht und Wille) aller Wesen, welche sie erst befähigt, in vollkommener Freiheit das Schöne und Gute mehren zu helfen, welches dann die Grundlage zur Seligkeit aller Wesen ist. Die Seligkeit dieses geistigen Himmels besteht dann also im unendlichen Reichtume an Vielfalt angenehmer Erfahrungen. Wohl scheint die angenehme Erfahrung auf unserem morgendlichen Arbeitsweg aus völlig natürlichen Vorkommnissen und Erscheinungen zu bestehen. Nur wäre hierbei die absichernde Frage notwendig, ob uns allezeit bei schönem Frühlingswetter die natürlichen Vorkommnisse auf dem Arbeitsweg so Vieles so eindrücklich zu sagen haben, dass sich unsere Seele fast zu erheben beginnt und in ihrem Gefühl beinahe den Eindruck gewinnt, als flöge sie gleitend zwischen all diesen Herrlichkeiten hindurch. Wenn wir diese Frage bejahend beantworten könnten, so wäre sichergestellt, dass einzig die Natur Grundlage unseres Gefühlszustandes ist. Aber wir wissen genau, dass uns schon an manchem schönen Tag gar nicht so freudig zu Mute war. Also hängt der Reichtum angenehmer Erfahrungen nicht alleine von materiellen Erscheinungen ab. Vielleicht ist es anderseits dem einen oder andern gar schon passiert, dass er bei irgend einer völlig belanglosen Beschäftigung – in einem geschlossenen Raume noch dazu – plötzlich herrliche Gefühle empfand, so als ginge er in herrlicher Frühlinssonne durch einen schönen Park oder bestiege eine freie Anhöhe. Bei einem solchen Erlebnis sind dann schon die innern Gefühle die massgebende Quelle für den Reichtum angenehmer Erfahrungen – und nicht die äussere Natur –, und zwar auch dann, wenn sie entsprechende natürliche Bilder in unserem Gemüt hervorrufen. Bei ausgeprägten derartigen Erscheinungen, wenn beispielsweise der Raum keine Fenster hat, kann es beim Hinaustreten aus dem geschlossenen Raum sogar zu einer überraschenden Enttäuschung kommen, wenn man dabei feststellen muss, dass eine dicke Wolkendecke den natürlichen Himmel verhüllt und dabei keinen einzigen direkten Sonnenstrahl durchkommen lässt. Daraus aber können wir gar leicht erkennen, dass unsere innern Gefühle auch für sich alleine schon fähig sind, uns einen Reichtum angenehmer Erfahrungen zu verschaffen, und dass die angenehme Erfahrung äusserer Bilder nur dann wirksam wird, wenn wir in einem ihnen entsprechenden, innern Zustand sind und dadurch eine Bereitschaft haben, im Äussern das ihnen Entsprechende wahrzunehmen – was unsere Freude natürlich wesentlich erhöht. Das ist der Grund, weshalb wir ja eben nicht jedes Mal bei sonnigem Frühlingswetter dieselben Gefühle empfinden. Daraus lässt sich ableiten, dass die Bilder der äussern Natur uns nur dann ansprechen und bereichern können, wenn wir in uns eine ihnen entsprechende Stimmung haben. Also müssen wir doch vorzüglich den Geist unserer Liebe ordnen, wenn wir schon erkennen, dass seine Ordnung uns auch ohne materielle Eindrücke glücklich, ja selig machen kann. Denn einmal sinkt für einen jeden das Materielle zurück – bei seinem Tode! Warum also nicht dasjenige pflegen, das uns auch ohne Materielles bleibt, wenn es für uns dieselbe Kraft oder möglicherweise eine noch viel grössere Kraft darstellt als alle Materie zusammen. Denn ähnliches, wie vorher geschildert, können wir auch umgekehrt erfahren. So ängstigen oder beunruhigen beispielsweise Sturm, Blitz und Donner unser Gemüt. Wir empfinden normalerweise Bedrängnis und Enge. Und dennoch kann es immer wieder – wenn vielleicht auch seltener – vorkommen, dass wir uns in einem Hause völlig geborgen fühlen, sosehr der Sturm auch an Fenstern, Türen, Läden und Dachvorsprüngen zerrt und reisst und Blitz und Donner in unserer nächsten Umgebung reichlich tätig sind. Einige wenige haben ein solches Gefühl wohl sogar schon im Freien erlebt, wenn ihnen der Sturm auch schon fast das Gehen verunmöglicht hatte. In diesen selteneren Fällen verstärkt der Sturm – als Gegensatz zur momentanen, innern Wesenheit – sogar noch die Gefühle des Friedens und der Geborgenheit. Also kann auch da das äussere, natürliche Geschehen uns nichts Einheitliches an Wirkung vermitteln und scheidet damit als Grund unseres Reichtums angenehmer Erfahrungen aus. So müssen wir uns nochmals ernstlich fragen, ob denn der Himmel oder das Himmelreich etwa doch nur bloss ein inwendiger, der Natur unseres Leibes entrückter Reichtum unseres Gemütes und Geistes ist, so, wie die Bibel die Worte und Lehre Jesu festhält. Wäre es der Inhalt dieser Frage nicht wert, ihn einmal besser zu verstehen versuchen? Denn immerhin hängt ja vielleicht unsere Seligkeit davon ab, ob wir das verstehen oder nicht.

Beginnen wir beim schönen morgendlichen Erlebnis auf dem Arbeitsweg: Das natürliche Bild zeigt uns einen stets lichter und wärmer werdenden Moment im Tageslauf. Farben und Formen erscheinen stärker, nuancierter und reicher. Die Luft belebt sich, und durch ihr sanftes Wehen auch uns selbst, aber auch die Tiere und sogar die Pflanzen, welche ihre Blätter entfalten und ihre Blüten zu öffnen beginnen. Gedeihen und friedliche Entwicklung herrschen überall. Und diese Einheit – im Fortgang zu stets Besserem und Höherem – macht uns glücklich. Aber da muss sehr wenig passieren, und schon zerbricht dieses Bild. Es raubt beispielsweise eine Elster die Jungen eines Singvogelpaares trotz des Wehrens der Eltern aus ihrem Nest. Die Katze erwischt eine Maus, die gar jämmerlich quietscht. Oder wir sehen einen abgerissenen Ast am Stamm eines stattlichen Baumes herabhängen, weil ihn der Sturm vor etlichen Tagen angerissen hatte.

Bei all dem leidet unser innerster Wunsch nach Ausgleich und Vervollkommnung gewaltig und der Schmerz der Enttäuschung verdüstert das ehemals so hehre Bild. Wir sehen dadurch vielleicht auch das Ende allen materiellen Lebens vor uns – das Loch: den eigenen leiblichen Tod! Da rüttelt das materielle Bild schon wieder an unserer Seligkeit, und wir haben ihm innerlich nichts entgegenzustellen. Unser Wunsch bleibt nur eine Vorstellung, blosse Theorie. Aber auch auf andere Art – durch blosses Denken – kann sich ein schönes Bild in uns verdüstern und unsere Gefühle wandeln: Da steht eine Mutter eines Abends vor ihrem noch schlafenden Säugling und betrachtet ihn, wie er so ruhig und gelöst daliegend schläft, während der Mondschein durchs Fenster dringt und sich im weichen Bettlein verbreitet. "Wie schön – – dieser Friede!", denkt sie mit vor Freude und Rührung feucht werdenden Augen. Da plötzlich kommt ihr der Gedanke – wer weiss, woher –, dass dieser Friede im Gesichtchen ihres Kindes, der nun noch Schlaf bedeutet, – wenn er ungestört fortbestände –, unweigerlich "Tod" bedeuten würde. Nur durch Wecken und Nähren des Säuglings kann sie sein Leben fort erhalten. – Also durch die Unterbrechung dieses Friedens. Aber dabei erscheint dann das Leben zunehmend weniger ruhig und friedlich. Ist der Friede also ein Unding, eine Fantasterei? An diesem Punkte müssen wir bekennen, dass wir das Leben nicht verstehen. – Verstehen wir etwa den Gang der Welt?! – – Das muntere Leben einer Maus muss zur Grundlage des Lebens einer Katze dienen. Wie kann da im Äussern, Materiellen Harmonie und Ausgleich herrschen? Und in der innern Welt? Wie ist es dort? Folgende Entsprechung dieses natürlichen Bildes finden wir mit reiflichem Nachdenken dennoch in unserer eigenen, innern Entwicklung: Haben nicht auch wir oft recht schöne Gedanken und Vorstellungen von irgendeiner Sache. Diese einfachen Vorstellungen und Gedanken in uns sind anfangs in ihrer äussern Form so schön und niedlich wie ein munteres Mäuschen mit seinem seidenglänzenden Fell. Wie schade wäre es, solches zu zerstören! Und dennoch zeigen uns weitergehende Erfahrungen, dass wir solche Vorstellungen und Ideen in der vorläufig vorliegenden Form nicht verwirklichen können, ohne andere, ebenso wertvolle Ideale zu tangieren. Da muss dann ein jedes in der Form, wie es war, aufhören zu sein; aber sinngemäss kann – ja soll – es weiter bestehen, im Verband mit anderem, sodass endlich ein einziger grosser Gedanke wird, in welchem alle zahllos vielen Einzelformen oder -bilder wohl enthalten sind, wenn der blossen Form nach auch nicht mehr ausgesprochen.

Verliert nicht ein jeder Mensch seine Kindheit, wenn er erwachsen wird? Wo bleibt da das herzige, unschuldige Kind? War die leichte Lenkbarkeit in seiner Jugend nicht eine gar schöne Erfahrung seiner Eltern! Wo ist sie beim Erwachsenen hingekommen? Eine Federflaume hingegen behält ihre Leichtigkeit und dadurch ihre leichte Lenkbarkeit, die so enorm ist, dass der leiseste Hauch sie in ihrem Fluge beeinflussen kann. Wünschen sich Eltern um der Beständigkeit der Lenkbarkeit willen deshalb wohl lieber eine nichtige Federflaume anstatt ein Kind?! Ein ernsthaftes Kind wird mit seinem Willen wohl bald einmal selbst Hand an seine weitere Entwicklung legen. Wie aber, wenn es am Ende all seiner irdischen Erfahrung erkennen muss, dass es trotz all seiner vorwaltenden Vorsicht und Umsicht dennoch unzählige Male durch "Zufall" vor einem grösseren Schaden bewahrt blieb. Wenn es mit der Zeit erkennt, dass diese glücklichen Zufälle vorwiegend dann stattfanden, wenn es nur das Bessere suchte und nicht das Eigene; sieht es sich da – in seinem freilich schon vorgerückteren Alter – nicht vielleicht wieder wohlbehütet wie in seiner Kindheit und denkt, dass eine viel grössere Macht ihm diese glücklichen Umstände "zufallen" liess. Und wenn der schon erwachsene Mensch dann diese Macht in einem liebenden Gott erkennen lernt, ihm und seinem Willen nachzueifern beginnt, weil er die Wohltaten dankbar spürt, die ihm daraus zufliessen; wird er da nicht wieder zum leicht lenkbaren Kinde!? – – Aber diesmal nicht aus dem Grunde seiner noch völligen Unausgebildetheit und kindlichen Blödheit heraus, sondern aus einem tiefsten, erkennenden Liebewunsche heraus. Aus seinem eigenen Willen – nicht aus seiner ihm als schwachem Kinde unter erfahrenen Erwachsenen gegebenen Stellung heraus. War es da nicht gut, dass das erste, noch so schöne, aber bloss äussere Formenbild eines Kindes aufgelöst werden musste zugunsten einer noch viel schöneren, weil vollkommeneren und mit eigener Erkenntnis und Willen ausgefüllten, ewig bleiben könnenden, rein innerlichen Wesenheit. Dabei hat sich dann also anstelle der vergänglichen, äussern Kindesform eine innere, geistige und darum bleibende Form ergeben, die in der Atmosphäre des geistigen Himmels gereift ist, ja von ihr erst zur Reife gebracht werden konnte. Also müssen wir nicht an den materiellen Formen festhalten, sondern können uns an ihnen bloss gleichnisweise orientieren, um uns die höher stehenden geistigen Formen besser zu versinnlichen und sie dadurch besser zu verstehen. Erkennt der solches einsehende oder dasselbe auch bloss erst empfindende Mensch daraus nicht, dass es sehr wohl möglich sein könnte, dass auch der geistige und darum bleibende Himmel mehr enthält, als es dem kurzsichtig denkenden und urteilenden Menschenverstand auf den ersten Blick vorkommen mag, und dass dieser Himmel – wie der natürliche Himmel auch – schon mit der materiellen Ebene des noch irdischen Menschen in Verbindung ist und als solcher vom Aufmerksamen auch erkannt und geschätzt werden kann. Wenn er auch die Ursonne dieses geistigen Himmels – Gott – zufolge seiner vielen Verstandeseinwendungen vorerst noch nicht, oder nicht immer zu sehen vermag – ähnlich den Bewohnern enger Gassen, welche das Bild der Sonne ja auch kaum je zu Gesichte bekommen –, so erkennt er doch an der durch gemütsmässigen Eindruck hervorgerufenen Beleuchtung all der Dinge und Vorkommnisse in seinem Leben, dass es sie wohl geben mag, ja geben muss!

Wenn er dann sein Augenmerk auf diesen überall vorhandenen geistigen Himmel richtet und damit all die kleinlichen Weltvorteilsgedanken zu verschwinden beginnen, die bisher seine Sicht so stark behindert haben – gleich wie eine Stadt mit ihren engen Gassen mit stets grösserer Entfernung von ihr aus unserem Gesichtskreis zu schwinden beginnt –, dann wird er immer mehr gewahr, wie sehr die Sonne des geistigen Himmels – Gott – überall wirkend gegenwärtig ist, und für jeden sogar wohl erreichbar wird, der sich ihr hingibt.

Aber wie die natürliche Sonne auch nur jene erwärmt, die sich ihr direkt hingeben, das heisst: die sich ihr gegenüberstellen, und nicht auch jene, die in ihren steinernen Häusern, in den kalten Räumen materieller Betrachtungen verweilen, so auch erwärmt und belebt die geistige Sonne – also der Schöpfer aller Dinge und Vater aller Menschen – auch nur jene, die sich innerlich durch den heftigen Wunsch, sie zu erkennen und zu erfahren, darauf bereiten, ihr zu begegnen und vor allem sie und ihre belebend erwärmende Wirkung zu spüren.

Anfänglich vermutet sie der sie suchende Mensch noch viel eher, als dass er sie wirklich schon sieht, wie der natürliche Mensch die Örtlichkeit der natürlichen Sonne – vor ihrem Aufgange – ebenfalls nur an der Lichtfülle über dem Horizont vermuten kann auf so lange hin, bis er sich nicht mitsamt der ganzen Welt ihr immer mehr zugekehrt hat (durch die Drehung der Erdkugel nach Osten). Dann allerdings geht sie ihm mächtig gross und im schönsten rot-goldenen Glanz der vollen Liebekraft in seinem Wesen auf und er erkennt plötzlich, wie ungemein stark sie auf jedes Wesen einwirkt, das sich ihr stellt. Er beginnt zu merken, dass der mächtige Gott auch ein liebender Vater sein muss – so wie ihn Jesus lehrte –, denn trotz der Ferne, die sich aus seiner Unendlichkeit zu uns endlichen Menschen ergibt, ist er für einen jeden genau da, wo er ihn sucht – wie die unendlich weit im All stehende natürliche Sonne für ein jedes Auge ebenfalls voll erschaubar und für das ganze Wesen eines jeden Menschen voll wirksam erfassbar ist, und zwar so, als ob sie nur ihm alleine gehören würde. Wer diese geistige Sonne allerdings nicht alleine um ihrer selbst willen sucht, sondern um materieller Vorteile wegen, der wird sie ebenso wenig finden wie der Bewohner enger Gassen einer Stadt, der damit bloss seine altgewohnten Räume seines materiellen Erwerbswirkens erwärmen möchte, sie findet, wenn er seine zur geliebten Gewohnheit gewordenen Handlungsräume nicht verlassen will. Darum aber darf der Mensch dann – nach seiner endlich einmal erfolgten Begegnung mit dieser Sonne – auch nicht wieder zu seiner materiell begründeten Gedankenstätte zurück kehren und sich dabei in allerlei Weltsorgen begraben, sondern muss im Angesichte dieser Sonne wonnetrunken und mit grosser Dankbarkeit verweilen, dann wird er sogar die bisher fast nicht wahrgenommene Himmelsluft seiner liebewilligen Wünsche zu spüren beginnen, wie sie – durch stets erweiterte Erkenntnisse erwärmt – sich zu bewegen und zu erheben beginnt, und wie noch viele weitere, noch kühle Luft vom Natürlichen ins Geistige nachzufliessen beginnt, um sich ebenfalls von den Strahlen dieser Sonne beleben und damit geistig enthüllen und begreifen zu lassen. Das heisst: der so mit dem Vater im Himmel durch seine Liebe eins Werdende beginnt immer mehr zu spüren, wie sich alle Bilder, die er von der von ihm vermeintlichen materiellen Wirklichkeit her kannte, zu verändern beginnen, wie all das viele neu Erkannte auch das Alte in ganz anderem Licht erscheinen lässt; wie viele erlebte böse Zustände eigentlich nur ihn vorwärts drängende Schatten seines ehemals eigenliebig gewesenen Denkens und Handelns waren. Je mehr er sich dieser für ihn neu aufgegangenen Sonne zuwendet, desto mehr wird sie in ihm bewirken, und das Erkenntnislicht, das ihn zu durchstrahlen beginnt, entdeckt ihm noch so manchen dunkeln Winkel des Eigennutzes und der fahrlässigen faulen Gewohnheiten, die sein Fortkommen bisher beengten und behindert haben und auch weiterhin noch beengen und behindern wollen. Aber mit zunehmender Tätigkeit aus all den neu gewonnenen Erkenntnissen beginnt er diese dunkeln Reste seiner ehemaligen Betrachtungsweise wegzuräumen, sodass er alles ihm fernerhin Zustossende als eine Führung zur Stärkung, Vervollkommnung und endlichen Beseligung seines ganzen Wesens erkennt. Dabei werden seine Gedanken so klar, dass sie förmlich zu greifbarer Wirklichkeit werden können – sogar auch für jene, denen er sie kundgibt –, die dann auch Vieles – sogar im materiellen Bereich – ermöglichen, was ihm bisher unmöglich erschien (wie zum Beispiel die als Wunder empfundenen Taten Jesu und seiner Apostel). Wer dabei um eine Kraft bittet, dem wird sie mit der Zeit werden, sofern er sich auch in der rechten Geduld übt und diese erbetene Kraft nur zum Nutzen seiner Nächsten erbittet.

Wer um eine Antwort bittet, dem wird sie gegeben, sofern er ernstlich um sie bemüht ist. Anfangs vielleicht noch oftmals indirekt, von andern unaufgefordert und scheinbar unbegründet ausgesprochen, oder durch Erschauen irdischer Bilder induziert, später dann direkt in sein Gemüt einfliessend wie die Strahlen der Sonne in eine Wohnstube, und manchmal sogar so deutlich, dass er sie förmlich in Worten zu hören glaubt.

Wer um Verständnis bittet, der wird immer mehr verstehen, wie sachte und wie sanft die göttliche Kraft wirkt und wie sehr im Verborgenen sie wirksam ist, um ja keinen Menschen zu ihrer Annahme und Anerkennung zu drängen, weil ein solch unausweichlicher Erkenntnisdruck den ganzen Menschen unfrei machen würde, weil er dann gegen seinen ursprünglichen Willen das Gute tun müsste, um vor schlechten Folgen verwahrt zu bleiben. Was aber schadet der Seligkeit eines Menschen mehr, als ein ungewolltes eisernes "MUSS", das all seine Freiheit beschränkt!? Darum die fast grenzenlos erscheinende Handlungsfreiheit der Menschen – die sie sich nur selber einschränken können –, damit jene, die weniger das Gute als vielmehr nur das Eigene suchen, erst aus ihren eigenen Handlungen und ihren Folgen dann endlich doch noch zum dannzumal als selbst erkannten Guten finden mögen.

Alle Tiere stehen zwar mehr oder weniger unter einem MUSS, aber es liegt bei ihnen noch eher in ihrem eigenen Wesen begründet als in einer Erkenntnis, sodass es sich damit verhält wie mit einem persönlichen Eigentum, für welches jedes Wesen ohnehin zu sorgen beflissen ist. Darum auch ist der geistige Himmel so unscheinbar wie die Luft des natürlichen Himmels: Jeder Geweckte weiss zwar, dass er ohne die natürliche Luft keine Minute lang leben kann, aber der Träge oder Verschlafene atmet sie ein, ohne eine Ahnung zu haben, dass und wie er sie braucht. Wären nicht manchmalige Stürme – er würde sie sogar völlig negieren. Und genau so steht es mit der Atmosphäre des geistigen Himmels: Niemand kennt ihre Kraft, der sich ihr nicht bewusst hingibt und sie bewusst in sich aufnimmt. Aber die sie kennen und nutzen, denen dient sie zu immer grösserer Seligkeit und Vollkommenheit. Und doch ist es einem in einer weltsorgenvoller Stadt Wohnenden schwer oder fast unmöglich begreiflich zu machen, dass und wie es sie gibt. Obwohl ja auch er sich in ihr befindet wie ein Bäumchen im natürlichen Himmel. Aber was dem einen – Unwissenden – widerstrebt, es anzunehmen, das nutzt dem andern und beseligt ihn. Und wenn es dem Auge eines kleinen, noch unerfahrenen Kindes auch noch so vorkommen mag, dass sich im Sturme die Bäume schütteln, so weiss der Eingeweihte, der Erfahrene in solchen Dingen dennoch, dass nur die Luft des Himmels in ihrer grossen Erregung die Bäume schüttelt und dass darum im Winter auch die mit Schnee schwer beladenen Äste nicht von den Bäumen selber, sondern nur von der stark bewegten Luft des Himmels freigeschüttelt werden, wie sehr dieselben Bäume durch ihrer Äste Kraft dieser Luft auch zu widerstreben suchen und ihr Geschütteltwerden als einschneidend empfinden könnten.

Die Bäume können das zwar nicht verstehen und wissen auch nicht, dass sie mit ihren Kronen in den Himmel ragen, wiewohl einzig ihr Suchen und Streben nach Licht und Wärme sie dorthin treibt; aber wir Menschen könnten sehr wohl empfinden und sogar auch einsehen, dass wir uns mit unsern Gedanken manchmal in der Atmosphäre des geistigen Himmelswirkens befinden, das in solchen Momenten auch mächtig und wohltuend auf die Sinne unseres Gemütes einzuwirken imstande ist, sosehr wir uns daneben auch oft noch nur allzu sehr am materiellen Boden der Selbstsucht festzukrallen bemüht sind. Aber wenn – auch all dieses zeitweiligen Bemühens des Festhaltens am Materiellen zum Trotz – für einen jeden Menschen die Materie einmal vergehen wird (bei seinem Hinschied, oder dem Abfallen seines Leibes), so wird doch der mächtige Strom seiner Liebekraft in völliger Freiheit fort erhalten, genau gleich, wie zum Beispiel die Kraft des elektrischen Stromes weiter besteht, ganz unabhängig davon, ob sie noch in einem kupfernen Leiter eingeengt oder geführt wird, oder schon in völliger Freiheit – zum Beispiel als elektromagnetische Radiowelle – in der Luft wirksam wird. Aber die Artung einer solchen Kraft wird in ihrer völligen Freiheit ganz andere und viel heftigere Wirkungen hervor bringen, ganz gleichgültig, ob es die elektromagnetische Kraft ist, die – gerade als Radiowelle – sich allem und auch jedem mitteilen kann, sofern nur ein Empfänger für sie vorhanden ist, oder ob es die seelische Kraft ist, die sich in ihrer völligen Freiheit vom materiellen Gefäss ihres Leibes auch zu allem gesellen kann, das für ihre Anliegen empfänglich ist, während beide Kräfte in ihrer jeweiligen, sie wohlverwahrenden materiellen Hülle in ihrer Wirkungsausbreitung sehr beschränkt waren. Der in der materiellen Vorrichtung eines Senders ganz individuell gestaltet gewordene Stromfluss wird in seiner atmosphärischen Freiheit nichts von seiner Individualität verlieren. Ja, seine Individualität kann sogar auf fremden Sternen empfangen und wahrgenommen werden, also als solche erkannt werden – und wäre das nicht der Fall, wie sonst könnten sich Astronauten auf dem Mond mit ihrer Basis auf der Erde verständigen! Genau gleich erfährt die menschliche Liebekraft während ihres Wirkens in ihrem Leibe durch die aus ihm und durch ihn empfangenen Eindrücke und ihren daraus resultierenden Schlussfolgerungen eine ganz individuelle Prägung, die zu ihrem eigenen, unverwechselbaren Wesen wird, das sie – wie der Stromfluss im Kupferdraht eines Senders – nicht mehr verlieren kann. Aber in der absoluten Freiheit und Ungebundenheit von ihrem Leibe ist sie viel schneller an den für sie interessanten Orten.

Gilt ihr Interesse – zufolge ihrer in ihrem Leibe erlangten individuellen Wesenheit – dem Ganzen, dem Urgrunde ihres Wesens, dem Schöpfer und Gestalter der Unendlichkeit und seiner in sie gelegten Ordnung, so wird sie viel schneller noch, als es zu ihren leiblichen Zeiten möglich gewesen wäre, bei und in dieser weit reichenden  und sie ganz beseligenden Ordnung der Liebe zum Ganzen sein. Gilt ihr Interesse – zufolge ihrer in ihrem Leibe erlangten Individualität – jedoch nur sich selbst und ihrer immer grösser werdenden Gier, selber ein Zentrum zu werden, so wird sie auch ebenso viel schneller bei und in ihr ähnlich fordernden Gesellschaften sein, deren Mitglieder dann allerdings ihre Forderungen auch gegen ihre jeweiligen Gesellschaftsglieder zu erheben beginnen. Besessene sind oft Träger solcher bereits jenseitigen Gesellschaften oder Geisterheere.

Darum ist es so unendlich wichtig, unsere seelische Kraft nach einer höchstmöglichen Erkenntnis der göttlichen Ordnung zu bilden und in ihrem Wesen zu gestalten, weil sie dann – in völliger Freiheit – sich leicht vereint mit aller andern geordneten Kraft, während sie – in ihrer eigenen Unordnung bleibend – sich heftig zu stossen beginnt an der Widerordnung aller andern völlig frei gewordenen Kräfte und vor allem auch an der mächtig geeinten Kraft der vielen in der göttlichen Ordnung sich Befindenden. So, wie die ungeordnete, freie Elektrizität der natürlichen Luft sich jederzeit bei Sturm, Blitz und Donner verheerend gebärden kann, während sie in kupfernen Leitern fliessend sich nur der materiellen Führung dieser Leiter gemäss bewegen kann – besonders, wenn diese noch isoliert sind –, ebenso können sich die vom Materiellen entbundenen, ungeordneten Liebekräfte der Menschen sich gegenseitig zerstörend bekämpfen, weil kein materieller Fortgang der Zeit sie bindet oder nötigt, sich anderweitig zu beschäftigen. Aber ebenso stark, jedoch das Leben fördernd und vervollkommnend, kann sich die vom Materiellen freie, nach göttlicher Ordnung gestaltete Liebe in ihrer völligen Freiheit entfalten, während sie – im materiellen Leib gefangen – sich zumindest äusserlich nicht allzu stark kundgeben kann und darf – all der andern wegen, welche durch die dadurch bewirkte Durchkreuzung ihrer schlechten Absichten in ihrer freien Entfaltung zu sehr beengt würden.

Das Vermögen und die Gewalt der nach göttlicher Ordnung gestalteten Artung dieser Kraft kennt und spürt darum nur derjenige, der es schon in seinem Leibe erleben wollte und erlebt hat, dass und wie er in der Kraft des Himmels geborgen ist und der die Wesenheit dieser Kraftordnung – die nicht die seine ist – schon als noch materieller oder leiblicher Mensch an sich erfahren hat. Der also mit andern Worten schon als kleines Bäumchen ganz bewusst und dankbar durch all seine Gedanken und Taten in den Himmel hinein wuchs - und nicht ahnungslos auf dem materiellen Boden der Erde stand, seinen kümmerlichen Wipfel nur etwa darum erhebend, um grösser als die ihm zur Grundlage dienende Erde dazustehen.

Aus all diesem erkennen wir, dass alles Natürliche nur Mittel oder Werkzeug zu einem höheren Zweck ist und darum vergänglich sein muss, und dass es aus eben diesem Grunde nur im Innern – der Seele – des Menschen Bleibendes gibt, das zu ordnen sich vor allem andern lohnen würde und auch wirklich lohnt. Diese Seele ist – als ein sich bildendes Individuum – noch stark mit ihrem Ausbildungsgefäss – dem Leib – verbunden, wie der Kern einer werdenden Frucht mit seinem ihn umgebenden Fruchtfleisch verbunden ist. Je mehr dieser sich aber in der Wärme des Sonnenlichtes konsolidiert, desto gelöster wird er in seiner Verbindung mit dem ihn umgebenden Fruchtfleisch. Die konsolidierende Kraft der Wärme für die Seele ist der Geist, der in sich pur Liebe ist – weshalb es auch von Gott heisst, dass er Liebe ist, und wer in der Liebe bleibt, auch in Gott verbleibt. Die Kraft des Geistes ist also die Liebe. Was diese in sich hält, das bleibt ihr. Das ersehen wir an so manchen Idealisten: Tausend fehlgeschlagene Versuche, die Menschen zu beglücken, bringen sie nicht von ihrer Liebe zum Ideal einer beglückten Menschheit ab. Wenn ein solcher stirbt, so stirbt er noch mit dem in seiner Liebe festgehaltenen Vorsatz oder Wunsche, die Menschheit möge glücklich werden. Es ist aber leicht zu erkennen, dass es unmöglich ist, alle Menschen zu beglücken, so lange dem Einzelnen die Freiheit belassen wird, gegen das Glück der anderen zu arbeiten – durch Raffgier, Herrschsucht etc. Wie also das Ideal verwirklichen? Wäre es da nicht des Prüfens wert, zu versuchen, wenigstens in sich selbst – ohne alle äussere Materie – zu solchen Gefühlen zu gelangen, wie sie der äussere Frühlingsmorgen manchmal zu vermitteln vermag? Anstatt der natürlichen Sonne ginge dabei eine Sonne des Verständnisses dafür auf, dass alle tiefere Erkenntnis dem Menschen ohnehin so vieles zum Bestaunen, Überlegen und Entdecken gibt, dass er nicht nötig hat, im Materiellen Vieles zu besitzen. Eine Welt voller schöner Ideen geht bei solchen Betrachtungen im Menscheninnern auf, die sich in unzähligen, teils äusserst ergreifenden Bildern niederschlägt und das Gemüt mehr bereichert als der kurze Arbeitsweg an einem Frühlingsmorgen – und das erst noch unabhängig von äusserer Zeit und äussern Umständen. Woher nehmen denn die Dichter und Erzähler ihre in ihren Büchern dargestellten Welten? Woher den Streit und den Frieden darin, woher die Wege vom einen zum andern? Alles das nehmen sie aus ihrer Liebe, die möglichst viele Verhältnisse und Möglichkeiten erkennen und zum Guten lenken will. Wohl sind die Formen solcher Gedanken, Vorstellungen und Wünsche der materiellen Welt entnommen, aber Gedeihen und Werden dieser Formen müssen sich nach der Art der Liebe, nach den Idealen solcher Menschen gestalten, sofern der Schriftsteller nicht durch blosse Schilderungen den Leser zum selber Suchen auffordern will.

Woher nimmt denn ein armseliger, von den Grossen der Welt verachteter Maler das Licht in seinen Bildern, das so ergreifend den Betrachter berührt, ohne dass es sichtlich stark angedeutet ist? Aus der tiefen Glut seiner Liebe zum Guten und Wahren! Mehr als der Schriftsteller hängt er aber noch an der äussern Form. Er kann noch leiden, wenn die äussern Formen nicht seiner Vorstellung entsprechen. Der Schriftsteller hingegen kann solche Formen in seinen Erzählungen und Berichten bewegen und kann sie sich ändern und vervollkommnen lassen, bis sie seinen Idealen entsprechen.

Woher nimmt der Komponist das sanfte Wehen der Töne; das "Du" des einzelnen Tones, das uns trifft, uns berührt und bewegt; woher die Landschaft und Umgebung in seiner Melodie, welche diese bald einbettet, bald wieder herausstellt und sich immer wieder mit ihr vereinigt wie unser Gemüt mit der Landschaft auf unserem morgendlichen Arbeitsweg? Alle nehmen es aus der Bewegtheit ihrer innern Tätigkeit. Und jene, die es nicht daraus nehmen können, die schreiben eine Musik der toten Bilder, der Akkorde und der Lehren über sie, ohne dass sie etwas dadurch entstehen lassen können als den leeren Klang!

Gewiss, so lange wir auf dieser Erde leben, brauchen wir ein absolutes Minimum an Materie zur Grundlage unseres materiellen Lebens – wie das kleine Bäumchen auch –, jedoch bei weitem nicht so viel, als wir im Allgemeinen annehmen. Und je weniger wir davon haben, desto weniger lenkt uns ab von der innern Möglichkeit, zu wachsen im Liebewunsche, dass es allen besser gehen möge und dem Liebeverständnis dafür, was es wirklich braucht, um einen Menschen wahrhaft glücklich zu machen. Wir erkennen sodann viel leichter, dass unser Schöpfer Geist sein muss und uns für den Geist der Liebe geschaffen hat – ihm selber und uns zur Freude. Nur wer die Hilfsmittel (die Materie in all ihren Formen) mehr liebt als dasjenige, was mit ihnen erreicht werden kann (die Kräftigung des Geistes), nur der bleibt fest im Boden verwurzelt, ohne dass er gleichzeitig seine (Baum-) Krone (entsprechend: sein Verständnis) in den Himmel einer wahrhaft alle beglückenden Liebe treiben kann.

Ragt also der Baum unseres eigenen Lebens – der Trieb unserer Liebe – schon in den Himmel hinein, oder treibt er mit seinen Wurzeln alleine ein eigenliebiges Spiel? Mit jenen Wurzeln seiner bloss irdischen Begehren, die er ursprünglich nur zum Zweck der Entwicklung des Baumes, also zur Grundlage seines irdischen Wesens haben musste. Dann allerdings triebe er keinen Stamm, keine Äste und Blätter und verlöre damit auch die Möglichkeit zur Bildung einer gediegenen geistigen Frucht (Erkenntnis und Lebensausrichtung), die den Winter – den Tod des materiellen Leibeswesens – überdauern kann!

Wer spürt, wie sich die Kräfte seiner Seele auch ohne äussere, materielle Anstösse bewegen und immer mächtiger bewegen können und sich zu sammeln verstehen um das Licht und die Wärme seines Liebemittelpunktes, der weiss – ja, der erfährt es ja –, dass seine Krone schon lange in den Himmel reicht, wiewohl er daneben auch immer noch eine Verwurzelung im Materiellen verspürt. Erst in dieser Situation kann er vertrauensvoll glauben, weil zur Not auch schon verstehen, dass Gott Geist und Liebe ist, und dass einzig, wer all seine Liebe auf die Ordnung Gottes und den Liebewunsch Gottes konzentriert, seinen Nächsten so lieben kann, dass er bei solcher Liebe sich frei entfalten kann zu Gott hin, der auch sein, wie jedermanns inneres Zentrum ist, das es für jeden aufzufinden gilt. Darum auch die Frage Jesu: "Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?" (Matth.16,26).

Denn wer eine ganze Stadt bewohnt, oder – entsprechend diesem natürlichen Bilde – ein halbes Universum von blossem Wissen um äussere Vorgänge in sich anhäuft, der kann seine Seele nie so weit entwickeln, dass sie ihm in seinem Gefühl eine Wohnwelt abgibt. Er spürt dann auch beim Zurücksinken und Unnötigwerden der Aussenerkenntnisse seine innere Taubheit, seinen Innern Tod, den er nicht erträgt. Menschen, die in beiden Welten – ihrer innern Gefühlswelt und der materiellen Welt – tätig sind, aber zufolge der hohen Forderungen der äussern, materiellen, gesellschaftlichen Welt immer weniger Zeit für das innere Leben haben und darum den Himmel nur noch streifenweise – über den engen Gassen ihrer Geschäftigkeit – zu erblicken gewohnt sind, haben zwar noch eine allerkleinste innere Welt, aber nur noch so gross wie der Himmelsausschnitt über einer engen Gasse, um sich herum, aber ihre Kräfte liegen brach oder sind gebunden wie die aufeinander liegenden Steine der vielen Häuser einer Stadt. Darum kann es jedem solchen innern Städter, der bisher stündlich von unzähligen Vorkommnissen in Atem gehalten wurde, durchaus passieren, dass er unversehens einmal auf dem grossen Felde der Natur (der Naturmässigkeit seiner Seele) sich sieht und den Himmel gewaltig über sich herrschen spürt. – Dann nämlich, wenn die Werkstatt seines Verstandes einmal zu viel seiner Energie verbraucht, sodass sie in sich zusammenfällt und darum die Stimmungen in seinem Gemüte stärker werden als seine Gedanken. Man nennt dann solche Menschen "Depressive". Diese sehen und spüren ungeheure Vorgänge in den Kräften ihres innern, zum Himmel bestimmten Wesens, die sie zutiefst erschüttern und denen sie nichts mehr – auch keine gedanklichen Ablenkungen mehr – entgegenzusetzen haben. So schwer ein solcher Zustand auch zu ertragen ist, so schön und himmlisch kann diese innere Landschaft mit der (allerdings langen) Zeit des geduldigen Wartens dann auch werden, wenn sich die Begriffe über die geistigen Kräfte zu einem reinen Himmelsbilde zu klären beginnen und das Blau – die Farbe der Treue und Beständigkeit – wieder zu erkennen ist und dadurch das Licht der Liebe, so wie es uns in Jesus entgegengekommen ist, wieder den Boden der menschlichen Natur erwärmen kann und dadurch die geweckte Liebe in ihm die noch vorhandenen guten (Vorsatz-) Samen dann ungestört auswachsen lässt zu Taten, die dann – wie junge Bäume – bereits schon in der Himmelsluft der durch das Erkennen geläuterten Liebebegriffe stehen.

Die Verletzlichkeit Depressiver ergibt sich aus dem Freistehen all ihrer Gefühle, ungeschützt von erklärenden oder gar ihnen vorbeugenden Gedanken des Verstandes, weil dieser zuvor zu wenig vorgebildet und in der Liebe gestärkt worden ist. So schwer dabei auch die Stürme in solch ungeschützter Gemütslandschaft zu erleben sind, so schön und ergreifend ist dafür dann auch das durch keine Gedanken getrübte Erleben eines Innern Sonnenaufganges, der mit sanftem Lichtschein am Himmel – dem Ahnen gleich – erst vorsichtig angekündigt wird, dann an Intensität (Gewissheit) stets zunimmt, bis er endlich die in der Nacht ruhig gewordene (Lebens-) Luft zu bewegen vermag, sodass sie uns wieder sanft entgegen weht und auch die Vöglein in den Wipfeln der Bäume weckt (d.h. freie, der Liebe zugängliche Gedanken weckt), bis endlich der Grund all dieser herrlich belebenden Erscheinungen – die Sonne selbst – über dem Horizonte (d.h. innerhalb unserer Erkenntnissphäre) sichtbar wird. Der Depressive ist nur darum lange Zeit so arm daran, weil er um sich her nichts als die unbarmherzige Natur in den Herzen so vieler Menschen sieht und keinen Schimmer einer Hoffnung hat, dass in ihm selber durch das Einfliessen liebebesorgter Worte des Geistes ein eigenes Bild der Sonne erstehen kann, das ihn wieder ganz und lebenskräftig macht. Wo und wann er das aber einmal zu merken beginnt, von da an wird er voll Dankbarkeit bleiben. Und die Dankbarkeit selbst ist schon die erste eigene Kraft und Wärme, wennschon von einer ihm noch nicht ganz zu eigen gehörenden Kraft hervorgerufen. Und gerade bei dieser Dankbarkeit muss der Mensch gewahr werden, wie wenig er sich bis dahin ihrer befleissigt hat. Ja, wenn der Mensch eine Gabe nicht würdigt, so hat er sie auch nicht wirklich, und besässe er die ganze Welt. Würdigt er aber selbst die kleinsten Gaben, so wird er bald einmal erstaunen, wie unendlich viel an Möglichkeiten in der kleinsten, geistigen Erkenntnis-Gabe verborgen ist und welches Gefühl des Reichtums seine Dankbarkeit in ihm hervorruft. Wer eine solche Dankbarkeit auch nur zeitweise kennt, wird ohne weiteres zu merken beginnen, dass ihm schon die einleitende Darstellung des natürlichen Himmels zu Beginn dieser Abhandlung so reich gemacht hat, wie er selber es schon lange hätte werden können, wenn er sich aus grosser Dankbarkeit nur die Zeit genommen hätte, alle diese Vorkommnisse und Bilder der Natur dankbar zu würdigen.

Also bleibt es dabei: Wir ragen vom natürlichen Boden aus schon in die Luft des geistigen Himmels, sofern wir nur frei genug werden, Zeit und Liebe zu finden, ihm in uns Raum zu geben.

Die geistigen Landbewohner unter den Menschen sind jene, die das Licht ihrer Innern Erkenntnis nicht durch die aus dem Verstande heraus willentlich gezogenen Erfolgslinien ihrer materiellen Bestrebungen begrenzen und dadurch das Bild des Himmels zerschneiden und teilen. Ihnen werden die trotz ihrer irdischen Tätigkeit noch übrig bleibenden Reststücke ihres Gemütes, die also nicht dazu verpflichtet wurden, ihren materiellen Bestrebungen zu dienen, zu einem fruchtbaren Feld, das unter dem Einfluss der Kräfte des Himmels die Frucht zur Reife bringt. Sie kennen auch die Kräfte ihres innern Wesens besser als die geistigen Städter, weil sie in ihrem weitern, nur von wenig Materiellem begrenzten Horizont alle möglich werdenden Konflikte schon in weiter Ferne sich abzuzeichnen sehen und so rechtzeitig allem Ungemach vorbeugen können durch die Anpassung ihrer Arbeit an die Gegebenheiten ihres innern Wetters. Sie richten die Bearbeitung ihres materiellen Seelenbodens nach den Gegebenheiten ihrer geistigen Möglichkeiten – ragen also mit ihrer geistig geformten, innern Gestalt – obwohl durch die stete Kultivierung ihres Bodens mit ihrer materiellen Unterlage (dem Leib) noch fest verbunden - schon in die Sphären ihres eigenen Himmels.

31.7.2000

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