Zwei Welten

Der Themenkreis dieses Buches ist derart vielgestaltig, dass es nicht unbedingt jedermanns Wunsch ist, das ganze zu lesen. Darum sind die einzelnen Kapitel, die jeweils nur einem oder höchstens zwei Themen gewidmet sind, auch als Einzelhefte erhältlich – und auf dem Portal sowie im folgenden Inhaltsverzeichnis auch einzeln anklickbar. Allen gemeinsam ist jedoch das Thema einer ganzheitlichen Medizin – nebst dem Grundthema über das Wesen der Liebe, als der lebenswirksamen und heilenden Kraft schlechthin. Darum ist sein Inhalt dann auch wieder aufschlussreich und wünschenswert für all jene, die das Bessere suchen und das Gute und Nützliche lieben; aber ebenso auch für all jene, die nach ihrem eigenen Grund und nach dem Sinn ihres Lebens suchen.

Als Buch gedruckt erhätlich für SFr. 58.00
In Heftform, pro Heft SFr. 6.00

Den vollständigen Inhalt enthalten die nachfolgenden Seiten:

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A. Perle Verlag
CH-4315 Zuzgen AG


INHALTSÜBERSICHT
1. Kapitel Arme Reiche und reiche Arme.
2. Kapitel Die Liebe als Grund aller Erscheinungen und allen Lebens.
3. Kapitel Leben nach dem Tode, oder:  Wie sich das Leben ohne Leib gestalten kann.
4. Kapitel Erschütternde Ereignisse zerstören ein sorgfältig gehätscheltes Weltbild.
5. Kapitel Neue Propheten?
6. Kapitel Den eigenen Weg, im äussern Bild erahnt, gilt es zu erkennen.
7. Kapitel Es werde Licht in allen Dingen!
8. Kapitel Homöopathie und Irisdiagnose
9. Kapitel Zwei Praxisfälle bringen eine weitere, reiche Ernte an neuen Erkenntnissen.



VORWORT

Es gibt im Universum unzählige Stoffe, die wir noch gar lange nicht alle kennen, denn ihre Zahl ist nahezu unbegrenzt. Selbst von den einfachsten Grundstoffen, die chemisch nicht mehr zerlegbar sind (die Elemente), kennen wir nahezu 100 (die künstlich geschaffenen nicht mitgezählt). In ihrer Gesamtzahl machen sie mit all ihren unzähligen Verbindungen die Erscheinungen dieser sichtbaren Welt aus. All diese unnennbar vielen Erscheinungsformen sind aber nur Ausdruck einer einzigen Kraft! Da diese zweipolar ist, kennen wir sie unter zwei Namen: Magnetismus und Elektrizität. Sie erst ermöglichen die Erscheinung und Wahrnehmung einer Materie überhaupt und bestimmen damit auch die Art und Weise all dieser Erscheinungsformen. Angesichts der Unsummen von Erfahrungen mit den Erscheinungen dieser Kraft wissen wir beinahe überhaupt nichts über ihr Wesen.

Und genauso verhält es sich mit dem Menschen selbst, der all seine Erfahrungen zu ordnen sucht:   Er hat einen erscheinlichen Körper, den es zu ernähren, zu pflegen und zu erhalten gilt. In seiner innern Gliederung ist er unendlichfältig; und die Wissenschaft der Medizin und Biologie beginnt sich bei dessen Erforschung in Tiefen zu verlieren, deren Weiten unbestimmbar bleiben.

Und dennoch bewegt auch den erscheinlichen Menschen nur eine einzige Kraft! Trennt sich diese vom Leibe, so zerfällt er unwiderruflich – schneller oder langsamer, das spielt dabei keine Rolle.

Obwohl wir viele Reaktionsweisen der Menschen (körperliche oder seelische) kennen, etwa vergleichbar den Reaktionsweisen der verschiedenen Stoffe untereinander, so wissen wir dennoch praktisch nichts über das Wesen dieser Kraft. Sicher sind wir nur, dass sie (die Kraft) vieles bewirkt, ohne dass wir verstehen, wie, weshalb und wofür. Über alle diese Erscheinungen, ob der Materie oder des menschlich-körperlichen Wesens, gibt es unzählige Bücher und ebenso viele Vermutungen und Urteile.

Über das Wesen der Kraft selber aber gibt es nur ganz wenige Bücher, obwohl sie doch – wenn auch verborgen – der einzige Grund zu allen Erscheinungen bildet! Aber, wie das Wesen der Kraft in aller Vielfalt der Erscheinungen nur ein einziges ist, so sind auch die Bücher über diese Kraft in all ihrer Vielfalt der Art und Weise doch einheitlich in ihrer Aussage.

Sie zu kennen, müsste deshalb den Menschen weiter bringen, als alle Erkenntnis über die Unzahl der Erscheinungen, die ihn nur verwirrt – während die Kenntnis über das Wesen (auch seiner eigenen) Kraft ihn sammeln würde in seinem eigenen Wesen.

Es gibt also zwei Welten, jene der Erscheinung und jene der Kraft; die eine ohne die andere nicht denkbar!

Über die wunderbare Einheit der Welt der Kraft will dieses Buch berichten und diese anhand der darin aufgeführten Schriften auch belegen. Die Seligkeit, welche der innere Mensch beim Bekanntwerden mit ihr empfinden kann, gibt dem Leser vielleicht eine Vorahnung, wie einfach und wie schön es sein könnte, sich einmal um diese Welt zu kümmern.

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1. KAPITEL


ARME REICHE UND REICHE ARME

Auf die Klage eines Schülers bei seinem Lehrer, am Ende einer Unterredung nach dem Unterricht, über die ungerecht verteilten Chancen der armen und der reichen Kinder gab ihm der Lehrer folgende Antwort: "Du glaubst nur, dass die Chancen ungleich verteilt sind. In Wirklichkeit aber sind die Chancen der armen wie der reichen Kinder ganz dieselben. Das reiche Kind kann alles haben, was man mit Geld kaufen kann, und das arme Kind kann alles das haben, was durch Geld verhindert wird. Und da wiegt in der Welt etwa beides gleichviel. Denn dasjenige, das durch Geld verhindert wird, das ist unendlich viel mehr, als das, was man damit kaufen kann. Allerdings wird dasselbe erst dann gänzlich dein Eigentum, wenn du gar kein Geld mehr haben kannst, während dasjenige, das man mit Geld kaufen kann, zwar nur verschwindend wenig ist gegenüber dem, was dadurch verhindert wird, aber man kann es dafür sofort haben".

"Das verstehe ich überhaupt nicht", erklärte auf diese Antwort der Schüler, worauf der Lehrer in seiner Rede folgendermassen fortfuhr:

"Das ist mir klar, dass du das nicht verstehen kannst, weil du das zum ersten Mal hörst. Aber in dir selbst hast du diese Tatsache sehr genau wahrgenommen und empfunden, nur erkanntest du ihre Bedeutung noch nicht. Hast du mir nicht vorhin, als du mir das Wesen der Armut in so recht derben Erscheinungen schildern und ausmalen wolltest, die Begebenheit erzählt, wie sich die Tochter deines Nachbarn so schnell und gänzlich verändert hatte? Sie hatte früher mit dir zusammen manch schöne Stunden verbracht, in welchen ihr euch zusammen ausgemalt habt, wie eine schöne, gesunde und heile Welt aussehen müsste. Sie müsste von Verständnis und Rücksicht geprägt sein, und in ihr müsste alles einzig durch die Liebe bestimmt werden, so habt ihr euch geeinigt und habt auf Grund solcher Gedanken versucht, die euch begegnenden Vorkommnisse in Familie und Schule in euch selber neu zu überdenken und dabei den richtigen Weg zu finden, indem ihr erkennet, wie ihr euch in all diesen Fällen verhalten müsstet, um aus der reinen Liebe handeln zu können, ohne dass ihr dabei das Vernünftige unberücksichtigt lassen müsst. Und dabei hast du selbst mir zwei unendlich bedeutsame Erkenntnisse aus eurer beiden Erfahrung erwähnt. Zuerst erzähltest du mir, wie einmal – nach der Schule – deine dir recht lieb gewordene Nachbarstochter auf der Umfassungsmauer eures Pausenhofes gesessen habe, die Beine auf der Trottoirseite der Mauer baumeln lassend, und im Lesebuch eine Geschichte las, die sie recht fest anzusprechen vermochte. Mitten im schönsten Text sei ihr bewusst geworden, dass irgendetwas geschehen sei, das sie nicht recht zur Kenntnis habe nehmen können –, dass sie also nicht wusste, was geschehen sei. Sie sei nur zwei, drei Augenblicke lang in dieser Ungewissheit gewesen, als sie plötzlich spürte, wie sie ganz sanft und sachte an einem ihrer Beine berührt wurde, worauf sie fast erschrocken vom Buche aufgeschaut habe und leicht unter sich, auf dem Trottoir, ein kleines Kind erblickt habe, das mit einem schüchtern fragenden Gesichtchen zu ihr aufgeschaut habe, und dessen Züge sich schnell etwas erhellten, als sich ihre Blicke kreuzten. Und es fragte das Kind die Tochter dann bloss, ob sie ihm die Zeit sagen könne, denn es müsse um eine bestimmte Zeit wieder zu hause sein, wisse aber die Zeit nicht. Da die Armut deiner dir so lieb gewordenen Nachbarstochter aber das Tragen einer Uhr nicht zuliess, so konnte sie dem kleinen Kinde nicht einmal diese allerkleinste Hilfe gewähren und musste es ohne die gewünschte Auskunft weiterziehen sehen, was ihr stark zu Herzen ging, sodass sie sich später Vorwürfe gemacht hat, dass sie nicht mit dem so lieberücksichtsvollen und etwas schüchternen Kinde zusammen zur nächsten erwachsenen Person gegangen war, um dort für das Kleine die Zeit zu erfragen. Siehe einmal da an! Das war scheinbar die Armut jenes Mädchens, welche ihm diesen Streich gespielt hat, einem hilfebedürftigen Kinde nicht beistehen zu können. So beurteiltest doch du das Vorkommnis. In Wirklichkeit aber war es die innere, aus ihrer Jugend begründete, noch unreife Wesensart, die verhindert hatte, dass sie aus ihrer im Innern zwar starken, aber im Äussern noch ungeübten Liebe heraus sich nicht mehr für das bittende Kind eingesetzt hat. Die Armut war dabei im Gegenteil nur ein Anzeige-Umstand ihrer innern Bedürftigkeit, gewisserart der Nacktheit ihrer wenn auch noch so grossen, aber erst nachträglich so recht erwachten Liebe. Wäre diese äussere Bedürftigkeit nicht zu ihrer innern noch hinzugekommen, nimmer hätte sie in sich zu erkennen vermocht, wie es wirklich um ihre Liebe stand. Denn sie hätte zufolge der starken Gefühle wohl geglaubt, dass ihre Liebe gross sein müsse. Aber sie hätte nicht gemerkt, dass auch einer grossen Liebe, wenn sie nicht zuerst in der Liebetätigkeit geübt wird, fast nichts möglich sei – viel weniger noch als einer kleinen, aber schon tüchtig geübten Liebe. Das heisst allerdings noch lange nicht, dass die kleine Liebe durch das blosse Gelingen einer vorgenommenen Tat – aus einer gewissen Übung heraus – bereits gross geworden sei. Denn:– je grösser die Liebe ist, und je umfassender der Wunsch zur Tat daraus wird, desto grösser ist auch die Ratlosigkeit angesichts der nur beschränkten eigenen Mittel. Bei eher geringerem Liebewunsch wird sich da auch viel eher ein geeignetes Mittel finden. Hätte sie dem fragenden Kinde die Uhrzeit nach dem einfachen ablesen auf ihrer Armbanduhr sagen können, so hätte sie danach nicht gemerkt, wie ungemein gerne sie das getan hat, und hätte noch weniger gemerkt, wie vieles, das sie eigentlich zu tun bereit wäre, sie nicht tue, ganz einfach deshalb, weil sie zu wenig auf dasjenige achte, was sie liebe, und deshalb sich auch zu wenig übe, in solcher Liebe tätig zu werden. Da hätte nun eine reiche Tochter an ihrer Stelle wohl die Gelegenheit gehabt, etwas zu tun, aber hätte anderseits wieder nicht die Gelegenheit gehabt, sich selber dabei besser kennen zu lernen und danach sich zu vervollkommnen. Und so ist es, wie ich dir gesagt habe, dass du mit Geld zwar alles sofort haben kannst, was mit Geld erhältlich ist, aber dass dieses "Alles" eben unendlich viel weniger ist als dasjenige, das es verhindert, haben zu können. In diesem Falle hätte es die Reue verhindert und mit dieser auch den tiefen Blick ins eigene Innere und damit verbunden eine Möglichkeit zur Vervollkommnung des innern Wesens durch Änderung der Lebensgewohnheiten. Und ebenso liegen die Dinge auch bei der zweiten, bittern Erfahrung, die dir unmittelbar selbst geworden ist. Siehe zu: Als ihr beide, dein dir liebwertes Mädchen des Nachbarn und du, arm waret, da hattet ihr begonnen, in euch selbst einen ungemein weitläufigen und grossen, innern Reichtum zu entwickeln, indem ihr an allen äussern Vorkommnissen eine in eurem Innern Anteil nehmende Mitbeteiligung vollzoget, die euch selbst in euren Zielen und Wünschen zu reinigen begann durch die erleuchtende Einsicht in das Wesen des Falschen der Äusserlichkeit – gegenüber dem ursprünglich Wahren und Guten. Ihr bautet euch dabei förmlich eine eigene, innere Welt auf, in die ihr den Dreck der äussern Welt nicht habt dringen lassen, die ihr euch im Gegenteile so rein als möglich erhieltet und auch bestrebt waret, diese so gut als möglich zu festigen. Wie aber könnte der Besitz einer solchen Welt wohl besser und geeigneter gefestigt werden, als dadurch, dass man zwischen vielen einladenden Möglichkeiten in anderen Welten und jener der eigenen sich in seiner Liebe und Treue gerade eben nur für die eine, einem am liebwertesten dünkende Welt entscheidet und sich auf sie alleine beschränkt. Und diese Übungsgelegenheit der Entscheidung und der Beschränkung – diese von allen Übungsaufgaben am schwierigsten zu bestehende – bildet der äussere Reichtum oder das Geld!

Siehe an, wie schnell dieser äussere Reichtum den ganzen innern Reichtum im Herzen deines dir liebgewordenen Mädchens dahin schmelzen liess, nur weil es sich nicht zu entscheiden und zu beschränken vermochte auf das ihm Vertraute, das ureigenste Innere, als sein Vater die von dir vorhin erzählte unerwartete Erbschaft gemacht hatte. Nichts von all dem bereits innegehabten Reichtum des Herzens hatte sich im Wesen dieses Mädchens tief genug verankern und festigen können, weil es vorher solche Entscheidungen noch nie zu treffen die Gelegenheit hatte, sodass es in seinem Innern – noch in seiner schönen Jugendzeit – so arm geworden ist und so blind für das Wahrhaftige, dass es all den Reichtum, den es in deinem und seinem Herzen zuvor gefunden und entdeckt hatte, fortan nicht nur nicht mehr sehen konnte, sondern ihn dazu auch schon so rein vergessen hat, dass es ihm schon nach wenigen Wochen des Reichtums albern vorgekommen wäre, hätte man es auf diesen Verlust aufmerksam gemacht.

Nun, da es deinen Augen infolge Wohnungswechsel entzogen ist, und deinem Herzen infolge Gesinnungswechsel entfremdet, siehst du auch im nachhinein so manchen Fehler an seinem Wesen, den du früher zwar wohl auch bemerkt hast, aber aus Zuneigung zu ihm in dir selbst verharmlost hast. Du fragst dich nun, ob du wohl imstande gewesen wärest, diese Fehler in einer spätern Gemeinschaft so lange tragend zu erdulden, bis das Mädchen selbst sie freiwillig und aus blosser Liebe zu dir abgelegt hätte, und du stellst dir vor, wie etwa, und auch wie lange du mit dieser Arbeit der Geduld, des Vergebens und des dienenden Ausharrens belastet gewesen sein könntest, und ob diese Aufgabe dich nicht doch in deinem eigenen Wesen zu verändern imstande gewesen wäre, so dass du entweder dich anzupassen begonnen hättest, oder dich innerlich einmal endgültig von ihr abgewendet hättest. Nicht nur so viel, sondern noch mehr hat dieser Wandel nach deinen eigenen Worten in dir bewirkt! Auch bei Fehlern anderer Menschen fängst du bereits an, dich zu fragen, ob du sie einmal in voller Geduld zu ertragen bereit wärest, wenn dieselben einmal zu den Gebrechen deiner zukünftigen Lebensgefährtin gehören sollten. Und du lerntest dabei schon ein gutes Stück dich selbst kennen, indem du zu merken begannest, dass du an andern alles leichter ertragen könntest als an deiner zukünftigen Gefährtin. Das macht der Ernst deiner Liebe aus! Bei denen es dir nämlich ernst ist um ihre Glückseligkeit, bei denen muss auch die Geduld um so viel grösser sein, um wie viel grösser der Ernst ist, weil der Ernst gar mächtig drängt, sodass schon viel an Geduld nötig wird, um ihn zu dämpfen und zu lindern auf ein der gedeihlichen Entwicklung erträglich Mass.

Das alles hast du in deinen jungen Jahren schon entdeckt und empfunden und beginnst es auch in deiner innern Vorstellungswelt zu üben, in welcher es leichter zu bewerkstelligen ist als in der äussern, sodass du eine wirkliche Chance hast, dir solche Fähigkeiten und Charakterstärken anzueignen. Denn diese Vorübungen im Innern machen dich gewandter, stärken dein Erkennen und erhalten dein Verständnis der innern Zustände. In der äussern Wirklichkeit dann wirken nämlich alle diese dir widrigen Dinge und Vorkommnisse ungemein stärker, weil unvermittelter, auf dich ein, sodass diese Vorübung mit zum Besten gehört, das du tun kannst – in erster Linie für dich selbst, und nachderhand dann auch für deine ganze Umgebung.

Und siehe, das alles, was in dir nun vorgeht und früher wohl auch in deinem Mädchen vorgegangen ist – was ja durch das Erlebnis mit dem nach der Zeit fragenden Kinde genug verdeutlicht wird – , das alles verhindert nun bei ihm das Geld! Glaubst du, das von dir geliebte Mädchen würde nun das allersanfteste Berühren eines seiner Beine durch ein kleines Kind auch noch wahrnehmen? Glaubst du, es hätte noch ebenso viele Zeit, sich mit einem solchen Vorkommnis zu beschäftigen? Oh nein, sicher nicht! Es beschäftigt sich nun vielmehr mit seinen eigenen Wünschen und kennt all die vielen – mitunter auch sogar guten – Wünsche seiner Nächsten bereits nicht mehr. Und wäre es nicht so, wie könnte es denn auf die deinen nicht mehr eingehen, die du ihm doch – nach deinen Schilderungen zu urteilen – beinahe ebenso sachte kundzutun bemüht warst, wie es sie seinerzeit von dem besagten Kinde vernommen haben mochte.

Siehe, dieses Mädchen kann nun alles haben, was es will – vorausgesetzt, sein Vater verwaltet das ererbte Geld besser, als seine Tochter ihren innern Reichtum! Es wird einmal einen Mann suchen und auch finden, der ihm alles verschaffen kann, für das nun seine Sinne offen sind: Autos, Reisen, Schmuck und auch das Afteransehen, das reiche Frauen durch den Reichtum ihrer Männer geniessen können. Aber kann es mehr als in einem einzigen Auto zugleich fahren, oder mehr als auf einer einzigen Reise zugleich sein? Einzig Schmuck kann es mehr als einen zugleich tragen. Aber der einzigartige Schmuck seines Herzens – die reine und geläuterte innere Welt, in die es einmal nach seinem Tode einzutreten bestimmt wäre – ist dahin! Es wird für es in keines Menschen Herzen mehr eine Bereicherung für jene Welt geben. Denn seine Augen sind blind geworden dafür – geblendet vom Scheine dieser Welt! Das ist das Unendliche, welches durch das Geld vernichtet wurde in seinem weitern Bestehen, und dadurch dann auch verhindert wurde, sich weiter zu entfalten. Aber das Wenige, das es sich mit dem Gelde beschaffen kann, das hat es schnell zur Hand.

Ja, du siehst mich nun schon mit einem sehr fragend leeren Blicke an und scheinst zu überlegen, wie dir selber das Gesagte nun zurecht helfen könne. Denn du scheinst zu denken: Für was ist denn nun all mein innerer Reichtum nütze? Ich habe ihn zwar wohl, aber ich bleibe mit ihm zusammen alleine wie auf einer glücklichen Insel, die wohl keinem so richtig zum Glücke werden kann, solange er ganz alleine sie bewohnen muss und niemanden hat, mit dem er den Überfluss seines eigenen Glückes teilen kann – niemanden findet, den er damit reich machen kann".

"Es ist nicht das allein", entgegnet mit etwas wackeliger Stimme der Schüler seinem Lehrer, der mit seiner etwas gedehnten Antwort erst so recht zu einem wirklichen Lehrer geworden ist, weil ein richtiger Lehrer ein solcher sein muss, der zuerst das Gemüt des Menschen bearbeitet, damit dann alle bloss äussern Kenntnisse, die er zu vermitteln hat, in seinen Schülern nicht lagern müssen wie verstaubte Gegenstände in einem Museum, sondern aufgenommen werden in das noch jugendlich liebevolle Gemüt, um dort sich auszuwachsen zu den vielen Möglichkeiten, die bessere, innere Welt in der äussern auf eine geeignete Weise manifest werden zu lassen zur Aneiferung Vieler, die nicht Gelegenheit gehabt hatten, ihr Inneres zu ordnen in die Harmonie der gereinigten Liebe, und die erst durch äussere Taten anderer einen Anreiz dazu empfangen müssen. Und gerade eben das tat ja nun der Lehrer im Gespräche mit seinem Schüler. Denn dieser wollte just über diesen Punkt eine nähere Auskunft haben und formulierte seine Frage so: "Was nützt es mir, in meinem Herzen so grosse und schöne Gedanken zu nähren und sehnsüchtig auf deren Realisierung im Äussern zu warten in grösster innerer Bedrängnis und ohne reelle Hoffnung, sie je irgendwo und irgendwann zu finden? Was nützt es, die Gefühle für das Gute und Wahre so zu stärken, wenn sie dann in der Welt doch nur stets den Schmerz der Entbehrung empfinden müssen?"

Und in dieser Frage hätte für den Lehrer leicht etwas Bitteres liegen können, denn sie war ja zugleich eine Anklage über die Beschaffenheit der äussern Welt, zu der doch immerhin, aus dem Blickwinkel des Schülers betrachtet, auch er – der Lehrer selbst – gehören müsste. Aber er wusste aus der Erfahrung, wie leicht ein enttäuschter Mensch, der auf etwas ihm Wohlgefallendes verzichten muss, blind wird für alles noch so Schöne und Gute, sofern es nicht dorther kommt, von woher er es erwartet hat. Und darum musste er in seiner Funktion als Lehrer und Berater sehr oft diese undankbare Arbeit übernehmen, jemandem etwas Gutes zu tun, der das Angetane nicht als gut werten und betrachten konnte – wie eben jetzt gerade der Schüler, der vorgibt, ausser sich das Gute nirgends zu finden, sodass er es in der äussern Welt entbehren müsse. Dass bei einer solchen Arbeit natürlich auch der Lehrer dann weder eine Frucht seiner Bemühungen entdecken konnte – wiewohl er wusste, dass sie in späterer Zeit ganz gut noch reifen konnte –, noch eine Wärme des Dankes empfinden, machte seine Arbeit – trotz der Erfahrung – weder leicht noch angenehm. In dieser Lage war er also seinem vor ihm stehenden Schüler genau gleichgestellt, ohne dass es der noch unerfahrene Schüler freilich je merken konnte. Und doch hätte ihm gerade ein solches Merken das Verständnis für die Worte des Lehrers besser wecken können, und er hätte dann dabei seinen innern Reichtum mit jenem des Lehrers zusammen besser und vor allem dankbarer teilen können. Der Lehrer aber tat, was er in einer solchen Situation einzig Vernünftiges tun konnte: Er beleuchtete seinem Schüler die nähern innern Umstände seiner Blindheit mit folgenden Worten: "Dass du so fragst und klagest, siehe das hat seinen Grund nicht so sehr in der Tatsache, die du mich glauben machen möchtest, dass dein Gefühl auf dieser Welt nur Schmerz und Entbehrung empfinden könnte, als vielmehr darin, dass du einer Lüge aufsitzest, der schon beinahe alle aufgesessen sind, und vorab dein Mädchen. Siehe, du nimmst das Äussere für eine bare Münze. Du glaubst, so wie sich dir die Dinge darstellen, so seien sie auch. Du vermeinst wohl, in dem Erlebnis mit dem fragenden Kinde, das dein Mädchen dir erzählt hat, wie noch in so mancher Rede von ihm, zu erkennen, dass dieses ein weiches und einfühlsames Gemüt hat. Aber dem ist in zweifacher Hinsicht nicht unbedingt ganz so, wie es den Anschein erweckt. Denn in einem gewissen Sinne hat ja auch jedes Kleinkind ein eindrucksfähiges, mehr oder minder weiches Gemüt. Aber siehe danach einmal die Erwachsenen an, die doch einst auch alle Kleinkinder waren und dennoch sehr oft gar nicht mehr gross beeindruckbar sind. Die Weichheit und Eindrucksempfänglichkeit des kindlichen Gemütes kommt nur von seiner noch absoluten Unberührtheit her. Je mehr es aber berührt wird in seinem Innern durch die äussern Bilder, die auf es einströmen, desto mehr verflacht es auch in dieser seiner Beeindruckbarkeit und Empfänglichkeit – gleich, wie das Auge ebenfalls blind wird für die sanftesten Lichteindrücke, wenn es sich gewöhnt hat, in den Glanz des Tages zu schauen. Das erfährst du selber, wenn du des Abends das Licht auslöschest und dann glaubst, in einem absolut dunklen Raum zu stehen, während du doch schon nach einer Gewöhnungszeit von nur einigen Minuten bereits hinlänglich Licht genug hast, dich im Zimmer zurechtzufinden und nach einer Stunde solcher Dunkelheit sogar Dinge zu erkennen beginnst, an denen du des Tages achtlos vorbeigehest. Das zeigt dir, dass zur Eruierung der tatsächlichen, also bleibenden Eindrucksempfänglichkeit – eines Gemütes, wie eines Auges – vorhergehend eine Prüfung im Hagel unzählbar vieler und unendlich verschiedener sich aufdrängender Eindrücke stattfinden muss. Wer das Auge, wie auch das Gemüt dabei der grössten Wucht und Macht solcher Eindrücke etwas zu entziehen bestrebt ist, und nur so viel aufzunehmen bereit ist, wie er ertragen kann, der erhält sich damit auch die Eindrucksempfänglichkeit, welche dann geprüft, und damit eine bleibende und wirkliche ist.

Es ist nun aber bei Kindern armer Eltern der Fall, dass auf sie zumeist nur unangenehme Eindrücke von der Welt her einströmen, sodass sich solche Kinder diesen gegenüber eher verschliessen und sich damit ihre Empfänglichkeit bewahren. Das tun sie aber nicht so sehr bewusst, als vielmehr ganz unbewusst. Werden die Eindrücke dann allmählich, oder in selteneren Fällen – wie bei deinem Mädchen – auch plötzlich angenehmer, so zeigt sich dann erst, wie viel Wille zur Beibehaltung der Eindrucksempfänglichkeit vorhanden ist. Und das ergibt dann erst jene erprobte und wirklich bleibende Empfänglichkeit, die du bei deinem Mädchen vergeblich suchest, seit es Gelegenheit hatte, sich angenehme Eindrücke zu verschaffen, während du selbst durch diese Enttäuschung versucht bist, sie bei andern zu übersehen, wie bei mir, deinem Lehrer, obwohl es dir, als einem scharf urteilenden Jünglinge, doch klar werden muss, dass sie auch bei mir vorhanden sein muss, weil ich sonst weder fähig sein könnte, darüber zu reden, noch willens, so umfassend auf dich einzugehen und dir so viel als mir nur möglich Gutes und dich Stärkendes zukommen zu lassen. Würde ich nicht ebenso fühlen wie du, wie könnte ich denn um solche Dinge und ihre Wirkung auf das Gemüt wissen? Und dennoch war dir bis jetzt dieser Umstand noch nicht aufgefallen, und du vermochtest bis jetzt noch nicht dieselbe Freude und Dankbarkeit dabei zu empfinden, wie du sie empfunden hättest, würde dein Mädchen so zu dir gesprochen haben. Der Grund dazu liegt in der zweiten Täuschung, der du bei deinem Mädchen erlegen warst: Der weibliche Körper, der in seiner Form weicher und durch seine vielen, sanft geschwungenen Linien auch eindrucksempfänglicher erscheint, nimmt dich in deinem Gefühl ebenso – oder noch viel mehr – gefangen als die wirkliche innere Empfänglichkeit, weil dieses Bild dir stets vor Augen ist, während die dem Bilde entsprechende, innere Gestaltung doch in vielen Fällen sehr merklich hinter diesem Bilde zurückbleibt und dadurch weniger wirksam dich täuschen kann in der Erscheinung ihrer noch ungeprüften Form. Deshalb also wirkt und wirbt das gesehene Bild der äussern Gestalt in dir mehr für den Wert eines Wesens als seine nicht immer ersichtliche und sich nicht gleich bleibende innere Gestaltung, sodass es dir fast unmöglich wird, den Schein vom wahren Sein zu unterscheiden. Und wird der Unterschied, ja sogar der Gegensatz dann einmal offenbar, so wirst du traurig, anstatt froh darüber, dass du nicht länger einer Täuschung erlegen bist.

Siehe, wäre ich nicht älter und erfahrener als du, so könnte ich nun, am Ende meiner Erklärung, auch traurig sein darüber, dass du, der du doch das Wahre und Gute zu suchen und zu schaffen glaubst, lieber der Täuschung einer äussern Form nachtrauerst, als eine Wahrheit und die Zuwendung eines Andern zu dir dankbar anzunehmen. Aber aus meiner Erfahrung weiss ich bestimmt, dass du dich einmal dankbar an diese meine Worte erinnern wirst, sofern du die Chance, die in der Armut liegt, auch tatkräftig wahrnimmst und die Eindrücke von der Welt und ihren Formen her bewusst weniger stark auf dich einwirken lässt als jene von deinen innern Gemütsregungen her, die von deinem erwachenden Geiste kommen." Diese letzte Aufklärung überraschte den Schüler doch stärker, als er es sich je hätte vorstellen können. Denn es war ursprünglich wirklich die Gemütsbeschaffenheit der Nachbarstochter gewesen – ihre Zugänglichkeit vor allem, die seine Zuneigung erwirkte. Aber plötzlich erkannte er nun, wie sehr ihn die äussere Gestalt mit der Zeit ganz unvermerkt gefangen zu nehmen vermochte. Er verspürte es nun vor allem daran, wie sehr er den Lehrer in seiner ihm gegenüber einsamen Stellung zwar mitleidig zu lieben begann, aber ohne dass er in sich jene Kraft und jenen Willen verspürte, ihm etwas entgegenzukommen, so wie er es jetzt noch gegenüber der Nachbarstochter empfinden konnte, wenn er an sie dachte. Und darin erkannte er dann, dass er – ohne es gewusst zu haben – an ihr auch einen äusseren Reichtum besessen hatte, der ihm den innern, im Gemüte des Lehrers, als beinahe schal erscheinen liess – so gut er ihm in seiner Lage auch zustatten kommen konnte.

Er fühlte sich seinem Lehrer gegenüber schuldig, und das gerade in zweifacher Hinsicht: Erstens darin, dass er ihm gar nichts zu geben vermochte, nicht einmal einen freudig warmen Dank, und zweitens darin, dass er auch nicht einmal hätte verbürgen können, nicht wieder auf den äussern Reichtum – wenn auch nur in der äussern Gestalt und Form eines Menschen – hereinzufallen und dabei die innere Wahrheit und den innern Reichtum, und mit ihm dann auch jene, die ihn haben, wie zum Beispiel sein Lehrer, zu verlassen.

Aber dennoch war damit seine Aufmerksamkeit wenigstens auf diesen Punkt gerichtet worden. Und im Verlaufe seines weitern Lebens hatte er noch genügend Gelegenheit, den Unwert der äussern Form mit dem unendlichen Wert des innern Reichtums zu vergleichen, sodass er mit der Zeit die äusserlich so schmucklos erscheinende, weil so selbst-verständlich sich gebende Innerlichkeit wahrhaft glühend zu lieben begann, und in dieser Liebe seinem ehemaligen Lehrer ein liebewarmes Andenken bewahrte.

8.5.92

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2. KAPITEL


DIE LIEBE ALS GRUND ALLER ERSCHEINUNGEN UND ALLEN LEBENS

Dieser Knabe erlernte später ein Handwerk und war mehrere Jahre als tüchtiger Handwerker tätig, hatte auf seinem Berufe auch viele Verbesserungen entwickelt, jedoch war er inwendig dennoch stets tätiger geblieben als dem Äussern nach. Das war wohl auch der Grund dafür, dass er sich immer mehr in der Psychologie, in der Religion und gar auch in der Medizin betätigte, zumindest was ihn selber, aber auch seine Familie betraf, die er bald nach Beendigung seiner Lehre gründete. Denn er fand bald heraus, dass kein Handwerker tüchtig sein kann – und wäre er auch noch so genau –, wenn er nicht ein vorzüglicher Kenner der innern Kräfte in jener Materie ist, die er zu bearbeiten hat. Und entsprechend ebenbildlich begann er die Situation in den erwähnten drei Sparten zu erahnen: Eine Religion ohne Verbindung zu Gott schien ihm ein Unding. Denn eine treibende Kraft (Gott) war ja Voraussetzung zu einer Verbindung des Menschen zu ihr (Religion = Wiederverbindung). Also musste er zuerst diese Kraft suchen und auffinden und dann ihr Wesen erkennen. Dazu scheute er sich nicht, allen christlichen Glaubensrichtungen nachzuspüren und ihre Auslegungen zu prüfen. Er fand aber bei praktisch keiner Sekte lebendige Früchte, die alleine es ja wert wären, sich einer Religion herzugeben. Alle Arten von Gläubigen hatten zwar die sichere Überzeugung, Recht zu haben und Recht zu tun und dafür auch einmal – spätestens im Jenseits – belohnt zu werden, aber keinen einzigen fand er, der durch solche Religion besser, heller und kräftiger geworden wäre, sodass er bald einmal erkannte, dass es fehl am Platze sei, Gott, die Urkraft, bei den Menschen suchen zu wollen.

Dasselbe empfand er, wenn er sich der Psychologie widmete. Da fand er zwar allerhand Verhaltensmuster von Menschen beschrieben, allerhand Reaktionen auch, aber nirgends fand er das Portrait einer Seele, so sehr die Autoren auch bemüht sein mochten, aus den Reaktionen eines Menschen auf ein verlässliches Bild seiner Seele zu schliessen zu können.

Und in der Medizin war es gar am allerschlimmsten! Denn es gab keine vernünftige Lehre, deren konsequente Anwendung den Menschen gesund bleiben liesse. Unter den Anhängern aller Lehren fand er Kranke: Unter den Vegetariern, den Fastenden, den Religiösen, den Rohköstlern, den Müesliessern, den Sporttreibenden, kurz, unter allen die einen speziellen Weg zur Gesunderhaltung einschlugen; aber am allermeisten natürlich unter jenen, die gar nichts unternahmen, um ihre Gesundheit zu festigen. Und dennoch fand er in allen erwähnten Gruppen auch solche, die wirklich eine starke Gesundheit hatten. Von diesen fand er aber bei den nicht extra auf ihre Gesundheit bedachten eher mehr als bei den andern. Natürlich aber war er selber auch nie bei vollkommen guter Gesundheit, obwohl er nie ernstlich krank war. Er versuchte vieles an sich selbst. Manche Heilung gelang ihm auch bei seinen nächsten Bekannten, so dass er sich entschloss, den Beruf eines Naturarztes zu ergreifen. Das ging anfangs so neben seinem erlernten Beruf einher, selbst dann noch, als er die notwendige Prüfung zur Eröffnung einer Praxis schon bestanden hatte. Denn er wollte keine Reklame machen, damit er seinen Patienten gegenüber stets frei bleiben konnte. Nur so konnte er jedem Besucher dasjenige sagen, was er für richtig befand. Er konnte beispielsweise dann – was manchmal vorkam – dem einen oder andern neuen Patienten raten, bei der Schulmedizin sein Heil zu suchen, weil der Naturheilweg für ihn ein viel zu langer und beschwerlicher wäre. Das tat er aber nicht etwa dann, wenn Leute mit besonders schweren Leiden zu ihm kamen, sondern viel öfter bei unbedeutenden Leiden – obwohl die andern natürlich nicht gänzlich davon ausgeschlossen waren. Kurz, er hatte eine eigene Art zu praktizieren, und dafür mit der Zeit immer sensationellere Erfolge. Das konnte natürlich nicht alles unbekannt bleiben. Sodass er starke Neider, besonders auf der schulmedizinischen Seite, hatte, aber auch enthusiastisch Begeisterte unter seinen Patienten, die sich nicht scheuten, ihren Naturarzt auch vor den Schulmedizinern zu rühmen. Und so geschah es einmal, dass er eines Morgens einen Telefonanruf von einem im gleichen Orte ansässigen, erst neulich installierten Allgemeinpraktiker der Schulmedizin erhielt, der ihn unbedingt einmal unter vier Augen zu sprechen wünschte – wie er sich ausgedrückt hatte. Der Anrufende war dann allerdings überrascht, dass das schon gleich am Abend des nächsten Tages sein konnte. Er willigte jedoch ein, und so kam es zu einem ersten Treffen. Natürlich wusste der Naturarzt nicht so genau, um was es sich wohl handle. Er nahm aber an, es gehe entweder um einen allgemein bekannt gewordenen Fall oder dann – was er eher vermutete – um einen jener vielen seiner Patienten, die neben ihm noch einen Schulmediziner besuchen mussten, weil entweder eine Versicherung das verlangte, oder weil es die allgemeine Ordnung verlangte – z.B. wenn der Erkrankte ein ärztliches Zeugnis brauchte.

Eines allerdings war ihm beim Gespräch aufgefallen: Der anrufende Arzt hatte ihn mit "Herr Kollega" angeredet gehabt. Das war allerdings ein ungewöhnliches Vorkommnis, und so, wie er die Mediziner kannte, musste eher Spott oder zumindest ein Versehen der Grund dafür sein, sicher aber nicht etwa das Gefühl, mit einem Gleichwertigen oder Ebenbürtigen zu sprechen. Immerhin: Spott, oder auch nur ein gewisser Zynismus, hörte er nicht heraus. "Mal sehen", dachte er und liess es an sich herankommen. Als er am Abend des nächsten Tages den Arzt empfing, fiel ihm dessen angenehme Natürlichkeit auf und wieder die Anrede: "Guten Abend Herr Kollega". Es freue ihn, sagte er weiter, dass er ihn einmal besuchen dürfe, und er wünschte sich eine tiefere Aussprache ganz allgemein. Er könne sich zwar auf einen Fall von Doppelbehandlung beziehen, so erklärte er ihm, als sie sich in seinem Arbeitszimmer gesetzt hatten, aber das wäre nur ein äusserer Vorwand; viel lieber wolle er gerade jenes Thema anschneiden, das ihn unter den Nägeln brenne. Aber dazu müsse er ihm zuerst ein paar Angaben machen, damit er verstehen könne, weshalb er die Unterredung gewünscht habe. Ob er sich etwas breiter fassen dürfe, oder ob die Zeit dazu zu kurz bemessen sei? Als er von seinem Gastgeber erfuhr, dass die Zeit bei ihm nicht der entscheidende Faktor sei, sondern das Anliegen, wurde er etwas weniger förmlich und begann ihm von seiner Ausbildung zu erzählen und vor allem, weshalb er diesen Beruf ergriffen habe.

Seine Eltern waren gutgläubige Christen einer grösseren, aber wenig profilierten christlichen Glaubensgemeinschaft, die das Gute zwar stets ehrlich zu suchen und zu finden bemüht waren; aber sie suchten es wie viele andere auch: erstens im Äussern und zweitens immer durch Andere vermittelt. Und das Feld, da sie Gutes tun konnten, lag darum auch nur im Äussern, in den Umständen und im Umgang mit andern. Aus diesem Grunde wohl musste ihr ältester Sohn auch Arzt studieren. Denn "Arzt" ist ja der Beruf des barmherzigen Samariters, welcher als leuchtendes Beispiel richtig verstandener Nächstenliebe im Gleichnisse des Herrn im Evangelium aufgeführt ist. (Dass jener, was er tat, unentgeltlich getan hatte, spielte für so Einfachgläubige keine Rolle). Es war zwar nicht gerade so, dass der vor der Berufsentscheidung stehende Sohn das ganz und gar nicht wollte. Vielmehr verspürte er bloss absolut keine Lust dazu, sah aber in seinem von äussern Begriffen gebildeten Hirnverstand wohl ein, dass es erstens Ärzte geben müsse, und dass es zweitens einem wahrhaften Christen gut anstehen würde, einen solchen Helferberuf zu ergreifen – so, als ob nicht fast jeder Beruf ein Helferberuf wäre, wenn er vor allem um des Helfens willen ausgeführt würde – und nicht in erster Linie um des Lohnes willen. Würde nämlich ein Normalverbraucher bei seiner Verheiratung alle seine Möbel zuerst selber herstellen müssen und auch noch seine Wohnung oder gar ein ganzes Haus selber aufbauen, so wäre ihm wohl ein jeder all der vielen dazu notwendigen und verschiedenen Handwerker ein Helfer in der Not – sofern er ihn bezahlen kann. Ohne eine Bezahlung gibt sich aber weder der Handwerker noch der Arzt dazu her. Dass aber eine bezahlte Hilfe zunächst und zuerst ein blosses Geschäft ist, und keine Hilfe im wahren, ursprünglichen Sinne des Wortes, das erkennen so einfache Menschen wohl kaum. – Ja sogar die Studierten nicht! Denn glaubt nicht ein mancher Arzt, Anwalt, Psychologe etc., seinen Klienten oder Patienten ein Helfer zu sein?

Das wirkliche Helfen ist stets unentgeltlich und über die Bezahlung hinaus. Es beginnt also dort, wo der Arbeitende aus der Einsicht der Notwendigkeit einer Arbeit heraus arbeitet, und darum bereit ist, seine Leistung notfalls auch ohne eine Bezahlung oder Gegenleistung zu erbringen. In diesem Sinne wäre dieser Arzt sogar unter die Helfer zu rechnen, denn das, was er heute Abend tat, war nichts anderes als ein unbezahlter Aufwand zugunsten seiner eigenen Patienten – wie der Verlauf des weitern Gesprächs ohne weiteres erkennen lässt.

Er erzählte seinem Gastgeber, wie er eben dadurch, dass nichts in ihm Arzt werden wollte, sondern höchstens einfach Helfer, mit äusserst kritischem Gemüt dem ganzen Beruf gegenüber stand, und dass er sich auch am Ende seiner Ausbildung – und auch heute noch – ehrlich eingestehen müsse, dass er in den meisten seiner Fälle nichts anderes sei, als das alleräusserste Ende der pharmazeutischen Industrie. Er selber müsse alle Angaben auf den Packungen seiner Medizinen, ob Spritzen, Salben oder Pillen, glauben, obwohl er doch sehe, wie ungemein gravierend in vielen Fällen all die vielfachen Nebenwirkungen seien, die oftmals ein Ausmass annehmen, welches das grundursächliche Übel bei weitem übersteige. Aber was könne er dagegen tun. Wohl gebe es manchmal in die gleiche Richtung wirkende Mittel mit etwas anderem chemischen Aufbau und deshalb auch mit andern Nebenwirkungen. Aber erstens seien solche Unterschiede alle zumeist unbedeutend und zweitens seien sie selten. Zwischen zwei grösseren Übeln das kleinere zu wählen, sei keine Genugtuung für ihn als Mensch. Am vernünftigsten wäre seiner Meinung nach bei vielen Übeln, sie einfach von selbst vergehen zu lassen. Aber dafür brauche er dann nicht Arzt zu sein. Ein Ausbrechen aus dieser "Verordnungsmedizin", unter dem Diktat der so genannten Wissenschaft sei heute unmöglich, denn es werden sogar die Patienten durch eine Art von Vorschulung in den Medien auf dieses starre System vorbereitet und festgelegt. Sie erwarteten von ihm etwas Bestimmtes, eben die Vermittlung zwischen der Chemie und ihnen – zwischen dem System, und dem Versystemisierten. Heute würde ein Idealgewicht angestrebt, ein idealer Blutdruck, eine normale Darmentleerung und Entwässerung. Alles sei ein System von Zahlen und von Daten, nirgends sei der Mensch!

"Ich sage und bekenne das als Arzt", gestand der Besucher etwas niedergeschlagen ein. "Glauben Sie ja nicht, dass ich mich zu fügen gewillt bin. Aber ich sehe doch immer wieder, was meine Kollegen tun, die ich ja vor meinen Patienten nicht tadeln darf. Wenn zum Beispiel ein einfaches etwas fettleibiges Mädchen mit operierten Brüsten zu mir in die Praxis kommt, weil ich ihr ein ärztliches Gesundheitszeugnis ausstellen soll, und ich frage sie, was sie denn da für Schwierigkeiten gehabt habe, und sie sagt mir, es wären ihre Brüste verkleinert worden, weil sie stets Rückenschmerzen gehabt habe, und man dadurch das die Wirbelsäule zu sehr belastende, Gewicht verringern wollte, dann stehen mir die Haare zu Berge, obwohl ich ja um solche Auswüchse der Medizin grundsätzlich wusste und weiss. Jedoch war ich vor der Eröffnung meiner Praxis noch nie so direkt damit konfrontiert worden. Vor ca. 5 Monaten meldete sich ein neu zugezogener Mann in meiner Praxis. Ihm wurde wegen Rückenschmerzen der Oberschenkelknochen des einen Beines verkürzt. Es brauchte dazu 3 Operationen! – 'Aber hoffentlich geht es ihnen nun auch wieder besser', wollte ich ihn aufmuntern, aber der Patient sagte mir: 'Ich komme ja zwar nicht deswegen, aber gut ist das nicht geworden'. –  'Ja aber haben sie denn schon in ihrer Jugend öfter unter Rückenschmerzen gelitten', fragte ich ihn, was er verneinte. Er habe erst mit 32 Jahren den Rücken zu spüren bekommen. Auf meinen sachten Einwand, dass aber zwischen dem 25. und 32. Jahre die Knochen bestimmt nicht mehr gewachsen seien, antwortete mir der Patient trocken, man hätte den Rücken genauestens untersucht und dort nichts gefunden, aber den Unterschied der Beinlängen festgestellt, und das Übel darauf zurückgeführt. – – Genug, sie werden all den Auswüchsen der Medizin in ihrer Praxis ebenso begegnen, wie ich. – Von den vielen Rheuma-Operationen, die man alle schon entwickelt und wieder fallen gelassen hat, will ich ohnehin schweigen", sagte der Besucher in einer eher sehr resignierten Stimmung, sodass er den warmherzigen Naturarzt allzu sehr zu erbarmen anfing, als dass er ihn nicht mit einer kleinen Aufmunterung in seiner Rede unterbrechen wollte. –  "Sie vergessen ein ungemein grosses Glück, das Sie haben: Sie sehen die Dinge zwar schwarz – sehr schwarz sogar –, und dennoch nicht schwärzer als sie sind, wenigstens natürlich gesehen und betrachtet. Aber bei all dem Unangenehmen der schwarzen Farbe, die Sie überall finden, dürfen Sie das Positive nicht übersehen: nämlich die Tatsache, dass Sie zu sehen fähig sind, nebst dem Umstand, dass es bestimmt noch andere Farben als schwarz gibt. Denken Sie an die Blinden –  auch unter ihren Kollegen –, die sehen gar nichts; für Sie ist für immer und überall schwarze Nacht, während Sie ja auch andere Farben sehen können, und dieser Farben wegen, die Sie suchen und finden möchten, wohl auch zu mir gekommen sind, wie ich annehme".  — 

"Ja, da sind Sie selber zu meinem eigentlichen Anliegen gekommen. Ich kann ja nun wirklich nicht verlangen oder wünschen, von Ihnen eine Naturarztausbildung zu erhalten. Aber einige Hinweise über Ihre Ansichten, möchte ich von Ihnen denn doch erhalten. Denn immer wieder erfahre ich von Patienten, über so unterschiedliche Behandlungsmethoden, die Sie ihnen, oder noch öfter ihren Angehörigen, angedeihen liessen, sodass es mich dünkt, Sie müssten förmlich eine eigene Methode entwickelt haben. – Konkret gefragt, sind Sie zum Beispiel eher Homöopath oder Phytotherapeut? Hydropathische Kuren verabreicht jedenfalls Ihre Frau, soviel ist mir bekannt" – 

"Ich glaube, wir können nicht dabei anfangen", sagte der Naturarzt, "denn ich bin keines von alledem, ebenso wenig wie ich Metzger bin, wenn ich bei Tisch ein Poulet zerschneide. Ich spüre vielmehr den Wegen und Wirkungen der Lebenskraft des Menschen nach und sehe, wo und durch was diese geschwächt wird. Ist die Kraft aber gesund und stark, und dennoch will nichts gehen, so versuche ich herauszufinden, wo und in was sie sich verkeilt hat, so dass sie in ihrer stetigen Auswirkung gehemmt bleibt. Deshalb habe ich nie mit Krankheitserscheinungen zu tun, sondern nur mit der Artung und dem Wesen der wirkenden Kraft im Menschen." –

"Und was bezeichnen Sie denn als Kraft?" wollte der Besucher wissen. 

"Einzige Kraft im Menschen ist die Liebe, sei sie stark oder schwach, gut oder schlecht! Nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich Ihnen das gerade an Ihrem eigenen Beispiel erkläre", entschuldigte sich der Naturarzt und fuhr in seiner Rede fort: "Aber es lässt sich in der eigenen Erfahrung alles am besten verstehen. Sehen Sie, ihre Liebe – mag sie gross oder klein sein, was vorderhand nicht wichtig ist – hat nur halbwegs den Arztberuf aufgegriffen oder angepackt, gewissermassen auf dem Umweg über Ihre Glaubenswerte. So kann es aber nie zu einem innigen Verhältnis zwischen Ihnen und der Medizin kommen. Ihre Liebeskraft zu stärken wäre dabei völlig zwecklos, denn es ist ja Ihr Interesse, oder eben das mangelnde Interesse, welches Sie die Medizin nur so halbwegs ergreifen lässt. Was würde es mir und Ihnen nützen, wäre ich auch ein guter, also nicht sturer Schulmediziner, Ihre Liebe dazu stärken zu wollen? Oder Ihr Interesse dafür mehr zu wecken? Das haben Sie ja sicher selber schon oft vergeblich versucht und dennoch konnte es Ihnen nicht gelingen. Dass Sie mich nun besuchen, beweist ja, wie wenig Sie von dem Ihnen sattsam Bekannten angesprochen werden. Aber ein anderes Gebiet habe ich bei Ihnen entdeckt, das Sie mit sehr grossem Interesse verfolgen und dergestalt mit viel mehr Liebe daran festhalten als an der leidigen Medizin. Es ist die Wahrheit!!  Diese scheinen Sie leicht und überall schnell zu finden. Anders könnte ich Ihre Aussagen über die Schulmedizin nicht deuten und anders auch nicht Ihre Anrede an mich mit "Herr Kollega". Ihr natürlicher Sinn ist es, die wahren Verhältnisse im Leben zu finden. Und damit haben Sie nicht nur die Fehler der heutigen Medizin aufgespürt, sondern ebenso einen möglicherweise Gleichgesinnten, den Sie darum als einen Kollegen angesprochen haben. Nun muss ich Sie aber fragen – bevor wir weiterfahren – ob das stimmt?"  – 

"Ja, so ist es; ich kann das nicht anders sehen", bestätigte der Besucher.

"Sehen Sie", fuhr der andere fort, "das eben bestätigt mir, dass Sie sehend sind. Sie betrachten die Erfolge, und lassen sich nicht von Theorien über Heilmethoden so breit und blind schlagen, dass Sie, wie die alten Pfaffen seinerzeit, Augenfälliges ableugnen müssen, nur um der Theorie treu bleiben zu können. Bei diesen durfte sich die Erde nur deshalb nicht drehen, weil sie durch die Heimsuchung des Herrn in der Person Jesu Christi zu einem unverrückbaren Mittelpunkt theoretisiert worden ist, den sie aber angesichts der Erkenntnis, dass sie sich um eine Sonne bewegt, in ihren von der Macht verblendeten Augen verlieren müsste. Der Grund, weshalb Sie als Sehender bis jetzt dennoch nicht viel Erquickliches gefunden haben, liegt einzig daran, dass Sie sich mit Ihrem Suchen auf einem Felde oder einer Ebene getummelt haben, wo es nichts Erquickliches zu sehen gibt: – in der Wüste der Geschäftemacher, der Ehrgeizigen und der Überheblichen. Was denken Sie, was dort wohl zu finden ist? Das ganze ist ja wie ein Kloster: völlig in sich abgeschlossen, weit entfernt von aller Wirklichkeit mit all ihren vielen Möglichkeiten. Was soll, ja was kann da schon erspriessliches herauskommen, wo jede Laienerfindung zum Vorneherein als falsch angesehen wird, dort, wo die allgemeine Marschrichtung schon festgelegt ist, dort, wo der Mensch und die Natur vermaterialisiert wird, und dort, wo man eher glaubt, dass der Zufall und die Auslese der Natur die Wesen geschaffen habe, Wesen von so eminenter Kompliziertheit und Vollendung, die wir heute noch nicht zu fassen imstande sind; und zwar vor allem darum nicht, weil die Wissenschaft den mit allem Verstande nicht fassbare, aber dennoch in allem wirkende Geist ausgeklammert wissen will. Was können wir von solchen Helden der Nacht und der Materie zu ersehen hoffen; von solchen, die sich sorgsam vor allem Neuen, das ihr altes, materielles Bild zerstören könnte, verwahren. Die ausser sich selber nichts gelten lassen. Betrachten Sie nur die jedesmaligen Kämpfe, bis eine neue Idee sich in der Medizin durchsetzen konnte.- Würden wir aber einmal auf das freie Feld des lebendigen und überall wirkenden Geistes hinaustreten, Licht in allen Farben würde uns da entgegenstrahlen und Ihr wahrheitsbeflissenes Auge beleben und Ihr in der Liebe kümmerndes Herz mit einer wärmenden Kraft erfüllen und erquicken. Voller Wonne würden Sie sich strecken können und in vollen Zügen den nährenden Tau des Geistes einschlürfen, der stets nur die Liebe, aber nie den Verstand nähren kann. Der Verstand wird durch ihn zwar wohl beschäftigt, aber nicht genährt. Die Ernährung und Zunahme liegt nur in der Liebe, eben in der Kraft. Das verhält sich im Geiste genau gleich wie in der Materie: Der Verstand muss dort, in der materiellen Welt sich beschäftigend – wie die Zähne im Natürlichen der Materie – das ihm Vorgesetzte lange und gründlich kauen, wird aber daran ebenso wenig satt wie die Zähne beim Kauen, sondern erst dann sättigt die Speise den Menschen, wenn sie hinunterrutscht in den Magen, der die Speisen dann nicht mechanisch zerkleinert, sondern sie, ihrem innern Wesen nach erfassend, aufzuschliessen beginnt. Das innere Wesen aber ist selbst in der Materie nur wieder eine Kraft, nur wieder eine Liebe- oder Anziehungskraft. Die Affinität der Stoffe ist ein beredtes Zeugnis dafür. Leider eben sagt man Affinität, anstatt Sympathie oder Liebe der einzelnen Stoffe zueinander. Denn so begriffe man besser, dass sich dort, wie beim Menschen, nicht alles mit allem so ohne weiteres verbinden lässt, sondern nur das sich nahe Verwandte und Ergänzende, und das Übrige nur auf Umwegen und mit Tricks wie etwa durch das Beiwohnen eines Katalysators usw.

Aber nun verliere ich mich bereits zu sehr ins Detail. Kommen wir noch einmal zum Wesen der Verdauung selbst. Das Verdauen ist auf der einen Seite ein äusserst sorgfältiges Trennen der verschiedenen Stoffe, und auf der andern Seite ein Neuordnen und Verbinden – also Aufbauen – solcher Stoffe, oder viel besser gesagt: ein Verbinden ihrer Kräfte zu einer neuen Ordnung. Das Kauen aber ist nur eine Erleichterung der Verdauung. Denn ganze Klötze würden wesentlich langsamer zersetzt als kleinste Teile, sodass der Verdauungsvorgang verzögert und gestört würde.

Aber dennoch hat sich der Mensch schon seit Kindheit daran eher gewohnt, zu kauen als zu verdauen. Das beginnt schon im Säuglingsalter, wo man dem Säugling einen leeren Schnuller in den Mund steckt, der nie etwas Nährendes abgeben kann. Und siehe da, der Säugling ist auch damit zufrieden und hört auf zu schreien. Da es dem Erwachsenen schlecht anstünde, mit den Fingern im Munde herumzulaufen wie die Kinder, welche damit ihren geliebten Schnuller zu ersetzen suchen, haben die modernen Menschen den Kaugummi, und die Vormodernen die Zigarette erfunden. Das eine lässt sich kauen ohne Ernährungsfolge und ohne Zunahme, am andern lässt sich ziehen wie am Schnuller, nur dass dabei nicht nur nichts Aufbauendes kommt, sondern eine grosse Portion Gift eingezogen wird. Genau dasselbe Prinzip gilt in geistigen Dingen! Das Kreuzworträtsel ist das beste Beispiel dafür. Dort werden Wörter miteinander kreuz und quer verbunden, die miteinander nicht im Entferntesten etwas zu tun haben. Denn nur ihre Buchstaben sind verbunden, nicht jedoch ihr Sinn, um dessentwillen Worte ja überhaupt erst gebildet werden. So ein Kreuzworträtsel ist nichts anderes, als ein Spielen mit der Form, wie es das Kauen ebenfalls ist. Das Wesen der Teile wird dabei ausser Acht gelassen. Demselben Prinzip dienen Kriminalromane. Sie beschäftigen sich nicht mit dem Wesen der Menschen, sondern nur mit ihrer Förmlichkeit. Ihre Leser vergnügen sich, sich durch die vielen Vorkommnisse und Verwirrungen hindurch zu beissen, bis sie endlich zum Ziel – dem Täter – finden. Das Leid, das er angerichtet hat, spielt darin keine, oder nur eine ausschmückende Rolle, und seine Besserung ist überhaupt kein Thema. Alle die Wesen bleiben in solchen Romanen unverändert! Sie gleichen den Buchstaben der Worte in einem Kreuzworträtsel.

Und ebenso ergeht es den Forschern – speziell in der Medizin! Es fordert ihren Verstand, z.B. herauszufinden, wie sie das Immunsystem des Menschen überlisten können, um Transplantationen vornehmen zu können. Sie wollen ohne dieses auskommen, weil sie zufolge ihrer irrsinnigen Ideen ohne es auskommen müssen! Sie wollen nicht die Natur und das Wesen eines Menschen harmonisieren und stärken, sondern sie wollen lieber in dasselbe selbstherrlich eingreifen und einmal sehen, was daraus wird. Es ist für sie nicht interessant, zu helfen und zu unterstützen, sondern auszuprobieren – zu spielen wie mit den Buchstaben der Wörter. Und solche Menschen sind es, die Ihnen, als Arzt, die Mittel an die Hand geben, um den Menschen zu helfen! Nichts machen solche Mittel ganz! Sondern sie greifen stets selbstherrlich in ein gewachsenes Ganzes ein. Ob es Antibiotika sind, welche die Bakterien lieber gleich selber töten und dann als Tote liegen lassen, anstatt dass das Immunsystem gestärkt wird, welches die Bakterien nicht einfach tötet sondern sie einsammelt und abtransportiert; oder ob es das Insulin für Zuckerkranke ist, das einfach das körpereigene ersetzt; oder ob es ein Dialysegerät ist, welches die erkrankte Niere ersetzt; oder gar das stets zur Hand seiende Schmerzmittel, das die Ordnung der Dinge ersetzen muss, denn der Schmerz ist ja eine stete Folge einer Unordnung im Organismus, der unsere sorglose Ruhe stören soll, damit wir auf die Mängel in unserer Art, den Körper zu gebrauchen, aufmerksam werden. Diese Unordnung stört aber den Verstand ebenso wenig, wie das Kreuz- und querstellen so inhaltsschwerer Worte wie: Leben, Liebe, Gott, Licht und Schatten etc. Nur der Schmerz soll weg, dann hat der Mensch auch schon wieder Lust am Unordentlichen, sei es in den Gedanken, im Benehmen oder in seiner übrigen Betätigung. – Ehrfurcht und Eifer, das Grosse und das Ganze zu schützen, hat der Verstand nicht; das hat eben nur die Liebe. Sie ist das Herz, das den seelischen Menschen nährt, wie der Magen den materiellen. Sich einfühlen in das Grosse und Ganze und darin zu dienen und zu helfen, so Grosses und Ganzes zu erhalten, ist der Wunsch der Liebe, wenn sie rein und demütig ist. – Und dieser Wunsch hat Sie doch zu mir geführt.

Sehen Sie, und diesen Wunsch in Ihnen möchte ich auf ein Feld stellen, auf welchem er sich frei entwickeln kann. Auf ein Feld, das nicht eingeengt ist durch Praktiken und Bedingungen eines verkommenen Verstandes, sondern das frei und lebendig ist, gute und schöne Gedanken aufzunehmen und zu vermitteln, durch das Gute und Schöne, das ihm vom Schöpfer schon uranfänglich mitgegeben wurde; das Ihnen dasjenige zeigen kann, was Ihre gesunden, seelischen Augen suchen: Licht und Farbe. Das Licht der Erkenntnis durch die Farben der verschiedenen Wesen! Und dieses Feld befindet sich ausserhalb des Verstandes, obwohl Sie mir ja mit Ihrem Verstande dorthin folgen müssen, weil ja alle Nahrung – auch die Geistige – stets durch den Mund und die Zähne (entsprechend dem Verstande) erst in den Magen gelangt. Aber Ihre entspannte Art, mir zuzuhören, zeigt mir, dass Sie schon zu verdauen beginnen, was Sie vorher nicht einmal allzu fest kauen mussten, weil das meiste darin wenig an die äussere Form Gebunden ist. Das ist im Natürlichen zum Beispiel bei der Milch der Fall. Sie ist ein Produkt des Blutes der Mutter und ist deshalb mehr nur eine Anregung zur Verdauung, in dem sie relativ schnell und ohne Mühe im empfangenden Organismus wieder zu Blut und Kraft verwandelt wird. Bei meinen bisherigen Ausführungen kam die Liebe erstmals als Medizin zur Geltung, so, wie im Natürlichen das Blut in Form der Milch einem zweiten zur Nahrung wird. Durch sie (die in meinen Worten nur schwach eingehüllte Liebe) wurde dann Ihre eigene Liebe angeregt, nahm diese Idee in sich auf und wurde dadurch in sich selber freier und wurde sich dadurch ihrer Fähigkeiten auch bewusster, die ihr eben gerade nur immer der Verstand abzusprechen bemüht ist, wohl verspürend, dass er nämlich dann, wenn diese Fähigkeiten der Liebe ausgenutzt werden, seine Vorherrscherrolle ausgespielt hat. – Wenn Sie meinen Worten nun so leicht, und angenehm berührt folgen, empfinden Sie dann nicht, was für eine Kraft die Liebe ist und wie stark und befreiend sie wirken kann; aber auch, wie kläglich eingesperrt sie in ihrem bisherigen Wirkungsfeld – dem der puren Wissenschaft dienenden Verstande – war. Sie hatte ja nichts zu sagen; nur das Materielle zählte. Sie hatte nichts zu tun und konnte sich mit nichts stärken. Ich habe sie nun in Ihnen als ihr eigentliches Leben beleuchtet und damit freigesetzt und schon spüren Sie, dass und wie sie ist und wirkt. Begreifen Sie jetzt schon ein wenig, wie ich zu heilen – heil zu machen – bemüht bin, und wie wohl das  "Heil-Sein" gegenüber blossem Geflickt-Sein tut?" – –

"Wenn ich Ihnen nur so zuhöre – und das tue ich bis jetzt tatsächlich gerne und ungezwungen –, dann vermeine ich wohl eine gewisse wohltuende Freiheit zu verspüren und könnte versucht sein, zu glauben, dass diese empfundene Freiheit meine Kräfte flott zu machen imstande wäre. Aber wie ist denn mit solcher Kraft meinen Patienten zu helfen? Wenn ich daran denke, so wird es mir wieder ebenso eng, wie mir immer wieder wird angesichts der medizinischen Problematik. Ich müsste ein System haben ...." – 

"Sie brauchen ja eben kein System! Das ist es ja!" unterbrach ihn der Naturarzt in einer gewissen ungeduldigen Begeisterung. "Sehen Sie das Wasser an! Überall ist es, überall wirkt es und hat dennoch kein System. Es ist das Sinnbild der Liebetätigkeit einer reinen Seele: Allen teilt es sich mit, wie die rechte Liebe auch tut. Es hängt gerne zusammen, wie die Liebe auch. Das sehen Sie am Tropfen der sich nicht zerteilt. Es fliesst stets dem tiefsten Punkt, dem eigentlichen Sinnbild wahrer Demut, zu und findet erst dort seine Ruhe – im grossen Meer der Gnadenfülle göttlichen Reichtums. Es lässt sich leicht vom Licht durchstrahlen und von seiner Wärme ergreifen und verdunstet oder löst sich dann von seiner materiellen Gebundenheit – sich dem Lichte und der Wärme hingebend – wie sich die gereinigte Liebe gerne dem Geiste hingibt und sich dadurch von ihrer materiellen Schwere befreit und nicht mehr, der eigenen Schwere folgend, tiefe Bahnen in die Oberfläche der Erde reisst und sie durch ihre Bäche und Ströme zu zerschneiden beginnt, wie es die leidenschaftliche Weltliebe in das Fleisch der Seele, als der Oberfläche des Geistes, tut. Wo und wie hat das Wasser ein System? Es hat keines! Im Gegenteil, es fügt sich jedem System. Es löst das Salz und damit die Härte des Steines. Es belebt die Saat und nährt den Keim mit dem was es vorher gelöst hat. Es hilft der Zelle und füllt sie und bleibt bei ihr und in ihr als ihr eigentliches Blut. Es trägt im tierischen und menschlichen Organismus alle im Blut befindlichen Körperchen und führt alle gelösten Stoffe mit. Es gibt sich dem Lichte und seiner Wärme hin, und sättigt so die Atmosphäre mit Leben, wird unsichtbar zuerst und sammelt sich dennoch wieder in der Unschuld der weissen Wolke, als einem Zeichen für uns Menschen, dass es jenseits des Grabes der Materie auch ein Sein und zwar ein herrliches Sein gibt, das von Licht und Wärme erfüllt ist und sich ebenso wenig mehr am Materiellen stösst, wie die Wolke selbst, die uns eine solche Frohbotschaft sinnbildlich verkündet. Wird die Erde kalt durch die Länge der Nacht, so taut das bereits gelöste Wasser hernieder und belebt die Wesen alle mit der Frische des Taues, wie es auch die Seligen tun, den müde und matt Gewordenen im kalten Handel und Wandel der Welt, die dann manchmal auch nicht wissen, woher und weshalb sie so plötzlich, und scheinbar ohne Grund, erleichtert und ermuntert worden sind. Wo ist da ein System? Dienen heisst das Losungswort und nicht festhalten an materiellen Dingen, wie der Verstand und die Wissenschaft es tun. – – Was soll ich einem faulen Wasser tun, wenn ich ihm helfen will? Einen Zufluss und einen Abfluss geben, damit es in seiner Aufgabe fortfahre, sich dabei reinige und darin wachse; das ist alles! Was soll ich dem Wasser in all den Wesen für Hilfe bringen? Ihm zur Geduld raten, indem ich sage, bleibe vorerst! Spätestens mit dem Ende des Wesens wirst auch du wieder frei. Bis dahin passe auf und lerne. Du siehst und empfindest darin Dinge, die dir ausserhalb eines Wesens nie begegnen und dadurch auch nie offenbar würden.

Sehen Sie, das Wasser ist das Mittel der treibenden Kraft in der belebten Materie. Kaum ein chemischer Vorgang in der Natur, da nicht Wasser dabei ist! Es hält die Stoffe der belebten Materie zusammen, es hilft sie verändern. Dieses Mittel der Liebetätigkeit muss immer wieder frei werden. Und wer anders versorgt dieses Mittel mit der notwendigen Kraft, als eben die Sonne. Sie versorgt es zuerst im Allgemeinen, indem sie es nötigt, mit all dem Übrigen um sich zu kreisen, wie die Ordnung Gottes unsere Seele und unsere Liebe bewegt, innerhalb seiner Ordnung tätig zu sein. Denn jene, die die Natur lieben, kreisen ja mit ihrer Liebe ebenfalls nur innerhalb seiner in die Natur gelegten Ordnung. Dann bewegt sie aber das Wasser – oder unsere äussere Tätigkeit – ein zweites Mal individuell in dem Masse, in welchem es sich ihrem Licht und ihrer Wärme aussetzt; und dabei ändert es sein Wesen, wie die Seele und ihre Liebetätigkeit, die sich anstatt der Natur, dem Geiste zuwendet, sich ebenfalls im Wesen ändert und vergeistigt. – Sie müssen erst einmal abwarten, und zu spüren beginnen, wie diese in Ihnen nun freier und reger gewordene Liebe sich weiterhin auswirkt, wie sie Sie und Ihre äussere Tätigkeit und innere Regsamkeit ganz unvermerkt und sachte von Ihrer Medizin hinweg zieht – hin zu den Menschen, die sie nötig haben, und vor allem noch mehr zu jener Kraft, aus der sie geworden ist und die sie auch stets von neuem wieder anregt und belebt, also zu Ihrem Ursprung – zu Gott. Durch Ihre bisherige Ausbildung wurden Sie durch den Verstand eingeengt und am Ende völlig eingesperrt, so wie die Technik das Wasser in Kanälen, wo dieses auch wie tot in sich verharrt und nichts zu treiben und zu bewegen vermag, bis es einmal freigelassen wird in den nächsten Fluss, dessen bewegliche Regsamkeit es wieder zu reinigen und zu beleben beginnt, sodass es wieder lebenskräftig wird, schäumend sich lösend von allem aufgenommenen Schmutz, bis es sich frei wieder in die Luft erheben kann.

Ich kann Ihnen nicht anders helfen, als dadurch nur, dass ich Ihrer Liebe wieder ihre Freiheit durch das Aufzeigen der Notwendigkeit ihres Wirkens – ja ihrer ausschliesslichen Wirksamkeit – gebe, und versuche, die in ihr erwachte Regung am Leben zu erhalten. Das heisst versuche, dass Sie selbst stets mehr von der Seligkeit und der Wohltat dieses lebendigen Regens Ihrer Liebe angesprochen und danach lüstern werden; dann werden Sie Ihr Ziel ebenso verfolgen und auch erreichen, wie das Wasser, welches auch erst in der vollen Harmonie und Freiheit seinen Frieden und seine Ruhe wieder findet.

Betrachten Sie einen Menschen, der noch an das Gute glaubt, obwohl er es nicht kennt, und zufolge dieses Glaubens dann auch gesund werden kann – weil dieser Glaube seine Liebe beschwingt –, wenn er bloss ein Placebo, also eine Scheinmedizin, zu sich nimmt. Wäre es da nicht dumm von uns Ärzten, ihm anstatt des Placebos ein wirkliches Gift der Schulmedizin zu verabreichen, das immer viele und oft sehr gefährliche Nebenwirkungen hat? Wenn aber 35% aller Placeboempfänger durch dieses Scheinmittel gesund werden oder ihr Zustand verbessert wird, wie ja Statistiken – sogar solche der Schulmedizin – belegen, zeigt doch das mehr als deutlich, dass im Menschen selbst diese Kraft, die alles zu verändern fähig ist, liegt, und dass sie nur durch ein geeignetes Mittel geweckt werden muss."

Hier unterbrach etwas überrascht der Gast die Rede und erkundigte sich: "Aber hören Sie, jetzt haben Sie mich ja – zwar völlig überzeugend klingend – zu einem Pfuscher zu sein überredet. Ist das wirklich Ihre Absicht und sind Sie der Ansicht, dass ein Placebo genüge, dann frage ich mich aber, was ist die Hydropathie (Wasseranwendungen, z.B. nach der Lehre Kneipps), die Ihre Frau betreibt, in Wirklichkeit? Auch nichts anderes als ein Placebo – eine Scheinmedizin? – Das müssen Sie mir unbedingt genauer auseinandersetzen."

Der Befragte lächelte und sagte: "Nein, da haben Sie mich völlig falsch verstanden. Viele Mittel wirken augenscheinlich auf den Körper auch ohne Glauben, den es ja bei dem Placebo immer braucht. Das belegt schon jedes Gift, das den Menschen tötet, ob er glaubt oder nicht! Das belegt auch die Tiermedizin, welche nicht mit dem Glauben rechnen kann, da Tiere keinen Glauben haben können. Und so bin ich auch überzeugt, dass sich meine Medizin, zumindest ein Teil davon, direkt auf den Körper auswirkt. Ein anderer ebenso wesentlicher oder noch wichtigerer Teil aber eher auf die Seele. Der Grund, weshalb ich auf das Placebo kam, war ja nur Ihre eigene Situation. Ihr von der Universität eingesogenes Arztethos würde es Ihnen verbieten, mit einem Schein zu arbeiten. Ich aber frage Ihr Herz, das gerne helfen möchte und sich im Moment etwas freier als sonst zu bewegen imstande ist, ob es ihm nicht angenehmer wäre, anstatt stets mit schweren Giften, wenigstens dort wo es offenbar möglich wäre, lieber einen unschuldigen Schein zu Hilfe zu nehmen, als so schwerwiegende und schädliche Mittel, wie sie die Allopathie in der Schulmedizin gebraucht. Wäre Ihre Liebe, die sich erst so richtig frei zu bewegen beginnt und sich darin wohl zu fühlen anfängt, nicht eher geneigt den Bedürftigen und Kranken nur Anstoss zu sein, sich zu entfalten, anstatt sie einzuengen in den mannigfaltigen, unumgänglichen Nebenwirkungen einer völlig falschen, weil bloss auf den Leib konzipierten Medizin? Das war mein Vorschlag an Ihre Liebe. Und nun muss diese ringen mit Ihrem Verstande, der aber sicher bald selber einige Fälle sieht, wo das leicht möglich und realisierbar wäre. Gibt er der Liebe diese Möglichkeiten zu, so können sich die beiden – Ihr Verstand und Ihre Liebe – zu einer Einheit verbünden. Verharrt aber der Verstand lieber auf seinem vermeintlich richtigen Standpunkt, so streitet er wider Ihre Liebe, und diese – und damit auch Sie selber – müssen darunter leiden, weil die Liebe all Ihr Leben und damit auch all Ihr Gefühl ausmacht – und nicht der Verstand. Und wäre es nicht so, wie möglich könnten Kleinkinder – noch jeden höhern Verstandes bar – glücklich oder unglücklich sein, wenn nicht durch die Bedrängung oder Befriedigung ihrer zwar noch unbeholfenen aber doch sehr empfindsamen Liebe, die den Druck des Verstandes weder zu spüren noch gar schon zu ertragen hatte.

Sehen Sie, zur Medizin gehört meines Erachtens auch die ganze Sicht der Dinge. Wer dem Leibe hilft und damit der Seele schadet, der schadet früher oder später auch indirekt wieder dem Leib. Denn der Leib ist ja in seinem wesenheitlichen Zustand nur eine Folge der Tätigkeit der Seele. Sie können das ganz gut an einer modernen, technischen Errungenschaft bildlich zu fassen bekommen – dem Automobil. Dieses ist heute so kunstvoll eingerichtet und ausgestattet, dass es dem Körper eines Menschen im Verhältnis zu seiner Seele sehr ähnlich kommt. Es hat ein Chassis und Verstrebungen, diese entsprechen den Knochen. Dann hat es Räder, welche den menschlichen Extremitäten entsprechen. Und zwar die Hinterräder den Beinen, die es fortbewegen und die Vorderräder den Armen, welche das dem Menschen Notwendige ebenso ergreifen, wie die Vorderräder die dem Fahrer  zusagende Richtung ergreifen. Es hat eine Hupe als einen Mund, der bei egozentrischen Fahrern allerdings mehr gebraucht wird als bei Einsichtigen, die sich lieber selber den andern unhinderlich verhalten, als dass sie lautstark die andern auf ihre Vorstellungen aufmerksam machen. Dann hat es mit den Scheinwerfern und der Frontscheibe auch ein Augenpaar, wie der Mensch seine natürlichen Augen hat zum Sehen der Dinge ausser ihm. Endlich hat es im Tankstutzen jenen Mund durch welchen ihm Kraftstoff zufliesst und im Luftfilter eine Nase, welche die Luft filtert, welche zur Verbrennung der Speise in den Muskeln – dem Motor entsprechend – ebenso vonnöten ist wie beim Menschen. Hat einen Auspuff wie der Mensch und eine Lichtmaschine die den notwendigen Lebensstrom erzeugt wie beim Menschen die Leber und die Milz und einen Kühler der das Ganze auf erträglicher Wärme hält, wie die Haut des Menschen durch ihr Schwitzen, und hat endlich eine Aussenhaut, die Karosserie, nach welcher die Autos – wie die Menschen auch – am ehesten erkannt, begutachtet, ausgewählt und beurteilt werden – nebst der Leistung versteht sich! Nun kommt ein solches Auto zu seinem Arzt in der Garage, weil es einen Blechschaden hat. Der Garagier, ein Allgemeinpraktiker, erkennt die Krankheit und weist es zum Karosseriespengler. Er ist der Dermatologe, der Hautdoktor also. Nun, was hat dieser mit dem Zustand des Autos zu tun und was gar mit dem Fahrer? Leider sehr wenig! Hätte er als wirklicher Arzt etwas mit dem Menschen, anstatt bloss mit der Haut des Autos, zu tun, so müsste er etwa folgendes sagen: 'Sieh mal einer an! So ein neues Auto so verkratzt und bloss nur an den Seiten. Entweder bewohnt und lenkt dieses sterbliche Blechhaus ein Betrunkener, welcher nicht fähig ist, auf die äussern Gegebenheiten zu achten. (Dieser gliche einer enthusiastischen Schwärmerseele, die sich leicht von Sinnenreizen derart berauschen lässt, dass sie nachher nicht mehr fähig ist, ihren Weg korrekt fortzusetzen); oder dann müsste dieser Fahrzeuglenker Wege fahren, die für seine Verhältnisse zu schmal und darum zu riskiert sind, oder er ist unsorgfältig und fährt auch in kitzligen Situationen voll auf Hindernisse zu. In all diesen Fällen bräuchte das Auto eigentlich keine seinem Äussern (dem Körper) dienende Arznei – jedenfalls nicht, solange sein Einwohner mit derselben Unvernunft weiterfährt. Im Gegenteil, je weniger daran geflickt wird, desto eher beginnt sich der Lenker zu fragen, wie ein solcher Zustand verhindert werden kann. Nun gibt es aber wohl noch eine oder auch mehrere Möglichkeiten, die darin bestehen, dass der tote Autokörper selbst irgendeinen Mangel aufweist. Zum Beispiel könnte die Steuerung (die Nerven) zu viel Spiel haben, sodass in engen Situationen ein richtiges Manövrieren unmöglich wird. Dann müsste dieser Fehler zuerst behoben werden. Und erst nachher wäre eine Karosseriesanierung sinnvoll. Und das alles ist bei einem toten Auto der Fall. Wie wunderbar hat da im Gegensatz zu unserer Supertechnik aber der Schöpfer unsere eigene, menschliche Karosserie – die Haut – gemacht? Nicht nur, dass sie sich schon zu Beginn selber gebildet hat, sondern dass sie ständig selbsttätig erneuert wird und geschmiert und gefettet wird; wenigstens solange der törichte Mensch nicht glaubt, seinen Teint oder seine ganze äussere Erscheinung verbessern zu müssen. Da hätte ein Dermatologe eigentlich noch weniger Arbeit als der Karosseriespengler, der ja immerhin nach Behebung aller übrigen Mängel die Karosserie dennoch flicken müsste. Beim Menschen hat dieser Spengler, der Dermatologe, nur Berechtigung bei Unfällen, bei einmaligen Schäden, welche eine Grösse über das Selbstheilmass hinaus aufweisen. – – Es würde zu weit führen, all die verschiedenen Autozustände auf die entsprechenden menschlichen Gesundheitszustände zu übertragen. Vielmehr wäre noch ein anderer Umstand oder ein anderer Sichtwinkel aus diesem Vergleich sehr wichtig zu erwähnen! Nämlich der, dass der Garagier mit Recht sagen kann, dass er während all seinen Arbeiten immer nur das Auto gesehen habe und nie einen lebendigen Menschen, oder, übertragen auf den Arzt, immer nur die Materie des Leibes und nie eine lebendige Seele. Aber so ein oder zwei Hinweise darauf, wie das eine dem andern auch sogar darin entspricht, will ich Ihnen dennoch geben. Also: Der betrunkene Autofahrer, welcher der enthusiastischen Schwärmerseele gleicht, die sich von Sinnenreizen leicht derart gefangen nehmen lässt, dass sie nicht mehr Herr über sich selbst ist, ist vergleichbar der Pubertät. In ihr wird an der Seele des jungen Menschen, durch das Auftreten der Sexualhormone bedingt, aller Reiz derart verstärkt, dass er innerlich sein Gleichgewicht verliert und zu diesen und jenen Gedanken und Wünschen verleitet wird, welche Gedanken ja notwendigerweise auch Auswirkungen auf das körperliche Geschehen haben können und dieses dann in Unordnung bringen. Diese Unordnung zeichnet sich aber stets in die Haut, wird also an der Karosserie ersichtlich, weshalb man den pubertären Jugendlichen schon an seinen Hautausschlägen von weitem erkennt. Das deshalb, weil die äussere Haut nur aus jenen Bestandteilen des leiblichen Organismus gebildet wird, welche zum inwendigen Leben nicht mehr tauglich sind. Das sind solche, welche die Leber während ihrer Arbeit ausscheidet, weshalb Leberschäden vorzüglich auf der Haut ersichtlich werden. Aber natürlich enthalten auch schlechte Speisen viel zu viele zum Leben untaugliche Spezifika, welche dann eben auch über die Leber ausgeschieden oder gewandelt werden und dabei nur noch für die Aussenseite taugen, aber auch dort nicht recht passen. Ebenso kann die Inkoordination, also die fehlende Harmonie, im Verdauungstrakt zu schlechten Stoffen – auch bei guter Ernährung – führen, die ebenfalls alle von der Leber verarbeitet werden müssen und, soweit nicht durch die Nieren ausgeschieden, an der Aussenseite Verwendung finden, wo sie die Karosserie verunstalten, wie das bei einigen Arten der Schuppenflechte der Fall ist. Oder es kann die Inkoordination der Nerventätigkeit – eben auch durch verborgene Gifte hervorgerufen – schuld sein an so manchen kritischen Situationen, in denen der Mensch mit seiner Umgebung kollidiert, was wiederum zumindest Mattigkeit des Lackes zur Folge hat. usw., usw. Im Übrigen hilft die gute Fahrweise sehr, das Auto lange Zeit in gutem Zustand zu erhalten. Das entspricht der Aussage von früher, dass eine gute Lebensführung dazu beiträgt, den Körper lange Zeit gesund zu erhalten. Wenn nun der gute Garagier erkennt, dass der Schaden am Auto nur von der entsprechend falschen Fahrweise herrührt und er ein Freund des Autoinhabers ist, so wird er versuchen, die Flicke so lange hinauszuzögern und eher nur den Grund der Erscheinung der Mängel aufzuzeigen, bis sich der Fahrer endlich zu seinem eigenen und zum Vorteil des Autos geändert hat. Erst dann wird er voll und ganz Hand anlegen, soweit es notwendig ist. Flickt er aber bloss das Auto, so wird sein Besitzer oft nur übermütig und mutet sich und seinem Auto noch mehr zu, als er und sein Auto vertragen möchten, und praktiziert dabei einmal einen Unfall, der für ihn wie für sein Auto irreparable Folgen haben kann. Was hat er dann dabei gewonnen? Eigentlich müsste also sogar der Garagier mehr dem Autofahrer als dem Auto helfen. Denn dem Auto für sich alleine kann nicht geholfen werden, nur seinem Fahrer, weil das Auto ohne den Fahrer nutzlos wird und ohne gefahren zu werden mit der Zeit auch derart verwittert, dass es auch für einen anfälligen möglichen Fahrer untauglich würde, sofern ein fremder Fahrer es besteigen könnte, was entsprechend beim menschlichen Leib ausgeschlossen ist. Nun hat aber das Entsprechungsbild des Autos noch einen weitern, wesentlichen Vorteil zur Erklärung gewisser Erscheinungen im menschlich körperlichen Bereich. Gibt es doch Psychopharmaka, von deren Wirkung man schliessen könnte, dass die Seele des Menschen dennoch nichts anderes als ein im Innern des Körpers ablaufender chemischer Vorgang sei. Wie anders wäre zu erklären – pflegen die Verfechter dieser Theorie, die Materialisten, zu argumentieren –, dass ich mit chemischen Präparaten eine Seele schweigsam machen kann, ängstlich oder freudig; das sind doch alles nur materielle, chemische Abläufe. Wer seine Seele kennt und die Wirkung des Geistes in ihr, wird allerdings von derart derben Versuchungen nicht angegriffen. Aber viele Patienten gehören leider nicht zu jener Kategorie Menschen. Und diesen pflege ich manchmal über das Beispiel des Autos folgendes klar zu machen: Es sagt ein älterer Automechaniker zu einem jüngeren spasseshalber: 'Die Autos enthalten keine Menschen! Denn noch nie habe ich bei einer Reparatur eines Autos einen Menschen entdeckt, selbst wenn ich in der Führerkabine arbeiten musste!' Da lachte der Jüngere und gab zur Antwort: 'Und wer lenkt denn dann das Auto durch die Strassen?! Worauf der Ältere sich bemüssigt fühlte, seine Theorie um des Gespräches willen weiterzuführen, indem er sagte: 'Das liegt bloss an dessen innerer Einrichtung die automatisch abläuft über das Steuerrad und die Vorderräder. 'Für was ist denn das Steuerrad gut, wenn nicht für einen Menschen?! fragte der Jüngere ebenfalls spasseshalber nach. 'Ja, das ist einfach ein weiteres Rad mehr im Auto. Siehe, ein Auto birgt so viele Räder in sich, die alle notwendig sind und die wir nicht genau kennen, und deshalb nicht wissen weshalb sie bei einem so und bei andern anders sind, wir können sie bei einem Schaden nur wechseln, so dass sich da die Frage nach dem Grund des Steuerrades erübrigt. Ich habe jedenfalls noch nie eines ohne gesehen. Und das zeigt, dass es vonnöten ist. Aber sicher nicht für einen Lenker! – 'Das war aber eine fade Erklärung', meinte da lachend der Jüngere, worauf der Ältere aufstand und sagte: 'Soll ich es dir beweisen, dass das Auto sich selbst steuert?' – 'Ja beweise es'. Dabei nahm es den Jüngern wunder, was er nun wieder für einen Mist hören werde. Aber der Alte sagte zu ihm: 'Nun löse einmal die Steuerradschraube, und sehe zu, wie danach das Auto aus der Garage fährt. Würde es ein Mensch lenken, so müsste es ebenso normal fahren wie sonst, weil es aber durch sich selber gelenkt wird, und nicht durch einen vernunftbegabten Menschen, darum wird es auch nicht mehr vernünftig fahren können sobald die Schraube los ist. Ist das ein Beweis oder nicht?' Natürlich wusste der Jüngere, dass es sich ganz anders verhalte, aber es fiel ihm mächtig schwer dafür Argumente und Beweise zu finden, wenn er einmal davon ausgehen wollte, dass man den Menschen im Auto nicht sieht und ihn deshalb wissenschaftlich gesehen auch nicht anerkennen kann, sondern eben nur das Auto selbst, das man sieht und kennt. Denn auch die Hupe des Autos geht nur mit Strom und reagiert bei Gefahren nicht, sofern die Drähte zu ihr unterbrochen sind. – Aber Sie sind nun etwas in Spannung geraten. Haben Sie .eine Frage auf der Zunge oder haben wir in diesem Punkte eine widersprechende Meinung?" fragte der im Redefluss Begriffene, für den Besucher völlig überraschend, dazwischen.

"Ja – nein –, ich finde den Vergleich mit der Nichtauffindung des Autofahrers im zur Reparatur abgestellten Auto ein äusserst treffendes Bild, und die Idee, dass eine lockere Schraube einen nicht wissenden Beobachter dazu verleiten könnte, anzunehmen, dass nur die Mechanik schuld an der Fahrweise des Autos sei, sehr gut. Denn wie der Körper beim Tod des Menschen, so bleibt am Ende eines Autos ja auch bloss das Auto zurück, in welchem wieder kein Mensch anzutreffen ist, weil es der Mensch schon längst verlassen hat. Und die Wirkungen der Antidepressiva könnten einen materialistisch Gesinnten schon noch auf den Gedanken bringen, dass blosse chemische Abläufe schuld daran seien, ob ein Mensch zufrieden und ausgeglichen sei, oder nicht. Zugegebenermassen ist ja anderseits auch der Zustand des Autos – wie bei der Seele der Leib – zu einem guten Teil schuld an der Stimmung des Menschen. Denn wer mit gelockerter Steuerschraube fahren muss, der braucht nicht nur alle seine Sinne, sondern wird unverhältnismässig ermüdet und verwirrt - ebenso wie eine Seele, die von ihrem Körper via Nerven einerseits falsche Informationen erhält und ihn anderseits über dieselben schlecht funktionierenden Nerven nicht mehr in ihrem Sinne leiten kann. Da ist dann das blosse Anziehen der Steuerradschraube dasselbe wie die Wirkung eines Antidepressivums. Das heisst, es wirkt nicht direkt auf den Menschen, sondern bloss aufs Auto, das aber von einem Menschen gefahren wird, der froh ist, wenn das Steuern des Wagens wieder einfach und in gewohnter Weise vor sich gehen kann. Daneben gibt es ja auch unzählige Fälle, wo Antidepressiva nicht viel ändern. In diesen Fällen ist eben wohl nicht die lockere Steuerschraube Grund der Verzweiflung gewesen. – Nein, das sehe ich ebenso wie Sie, wenn ich auch das sehr treffende Bild nicht selber gefunden habe. – Aber eine andere Ihrer Aussagen machte mich stutzen. Sie sagten, dass der Garagier eigentlich eher dem Autobesitzer, als dem Auto helfen sollte, und dass er bei Erkennung der Schadenursache – durch schlechte Fahrweise – mit der Reparatur zögern sollte. Das sieht dann schon sehr nach richterlichem Verhalten aus. Wie, wenn sich da der Garagier täuscht, tut er dem Autofahrer dabei nicht unrecht?" –

"Ja und nein", antwortete der Naturarzt, "wenn er für die zur Behandlung (das wäre in diesem Falle eine Unterredung) notwendige Zeit etwas verlangt, so tut er ebenso Unrecht, wie der Schulmediziner, der ein falsches Mittel gibt. Verlangt er aber nur für die Diagnose, so verlangt er für eine Arbeit, die unerlässlich ist, auch wenn sie zu falschem Resultat führen kann, und damit tut er dem Autofahrer, oder der Arzt dem Menschen, kein Unrecht im eigentlichen Sinne, ebenso wenig wie ein Künstler Unrecht tut, der für einen Entwurf, der die Wünsche seines Auftraggebers nicht voll erfüllt, ein Honorar verlangt. Er muss ihn einfach ändern! Und das bleibt auch dem Arzt nicht erspart. Nur bei Sturheit und unberechtigtem Festhalten an der einmal erstellten Diagnose, würde ihn eine Schuld treffen. Es ist ja aber die Art und Weise, wie ein Autolenker in die Garage fährt, oft schon ein beredtes Zeugnis für seine übrige Fahrweise, wie auch das Erscheinungsbild und die Art des Ausdruckes eines Patienten ein sehr beredtes Bild seiner Wesensart sein kann, sodass die Diagnose nach dem Antlitz in den meisten Fällen richtig ist, sofern sie auch mit dem Befund am toten Material übereinstimmt. Wir dürfen nicht vergessen: für alle Schäden, für welche der Autolenker nicht verantwortlich ist, ist der Autohersteller, also ein Dritter, verantwortlich. Ein erbgeschädigter Mensch beispielsweise hat eine schlechte Autokonstruktion. Dafür, dass diese einen Käufer gefunden hat, oder dieser Leib eine lebendige Seele aufgenommen hat, trägt doch der Hersteller, also Gott, die Verantwortung. Meiner Ansicht nach auch dann, wenn der Erbschaden durch die Liederlichkeit der Eltern zustande gekommen ist oder gar durch eines der vielen Gifte der Schulmedizin. Und wäre es nicht so, wie möglich könnte dann anderseits vom Menschen verlangt werden, seinen Schöpfer als liebenden Vater anzusehen, wenn dieser nicht fähig oder nicht willens wäre, alle Umstände so zu lenken, dass ihm, dem Menschenkinde, in allem am besten gedient wäre. Und wie liesse sich die Bibelstelle erklären, die sagt: 'Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen' (Röm. 8, 28). Dasselbe gilt auch, wenn im Lebensverlauf ein Fremder für Schäden verantwortlich wird. Zum Beispiel der selbstherrliche Garagier, der Dinge am Auto verändert in der Meinung, es zu verbessern; oder der andere Strassenbenützer, der das Fahrzeug unseres Klienten rammt. Denn kann und will das der Schöpfer nicht verhindern, wie kann er da als "Vater" bezeichnet werden? – Es sei denn, er habe seine Gründe dafür. Nun ist es aber so, dass der Mensch im allgemeinen gar nicht geneigt ist, den vorgezeichneten Weg seines Schöpfers zu fahren oder zu gehen um dadurch so vollkommen zu werden, wie sein Vater im Himmel ist, welche Vollkommenheit alleine ihm die ewige Seligkeit garantiert. Aber jeder Fehler in der Fahrweise muss ja früher oder später notwendigerweise eine widrige Folge haben und damit einen Schmerz beinhalten, sonst wäre er ja eben kein Fehler. Das für den Menschen Schlimme dabei ist nur der Umstand, dass der Schmerz nicht unmittelbar auf den Fehler folgen muss, sodass der Mensch zu zweifeln beginnt, ob das als Fehler bezeichnete Verhalten wirklich und tatsächlich schädliche Folgen haben muss. So werden Erbschäden, ob von Medizinen oder von andern (Genussmittel-) Giften, ohne pränatale Untersuchungen erst nach der Geburt ersichtlich und dem Anscheine nach muss sie ein Unschuldiger, nämlich das frisch zur Welt gekommene Kind, tragen. Und die Einsicht der Eltern kommt zu spät. Aber auch beim Lenker selbst folgt der Schaden in den meisten Fällen nicht unmittelbar dem Fehler, den er begeht, sodass er auch hierin nicht geneigt ist, den Fehler als Folge seines eigenen Fehlverhaltens anzuerkennen und sich dadurch strafen zu lassen, dass er als Grund seines Leidens nur sich selbst ansieht. Brüskes Bremsen und forsches Anfahren beispielsweise schaden dem Auto bei blossen Einzelfällen zwar nicht. Aber die Zeit und die Summe dieses Fehlverhaltens bringen die Schäden ans Licht, soweit nicht schon bereits der erhöhte Treibstoffverbrauch als Schaden betrachtet wird. Aber auch das Überholen in Kurven kann nur dann Schaden bringen, wenn entweder zu schnell gefahren wird oder sich ein Fahrzeug aus der Gegenrichtung nähert. Solange dies nicht der Fall ist, kann ja das Überholen in einer Kurve von einem Uneinsichtigen unmöglich als schädlich erkannt werden. Ist es aber einmal der Fall, so ist für diesen Fall jede Einsicht zu spät. So hat ja auch der verlorene Sohn im Gleichnis der Schrift scheinbar nur Vorteile gehabt, als er sein Erbe vorzeitig von seinem Vater verlangte, damit er in allem frei wurde. Dass er es noch nicht verwalten konnte – wie der Adam damals seine Freiheit nicht erhalten und verwalten konnte in seiner folgenschweren Entscheidung – konnte er ja seiner noch mangelnden Erfahrung wegen nicht wissen. Und dennoch war gerade dieser Umstand in späterer Zeit der Grund zu sehr langem und äusserst tief gefühltem Leid und Schmerz in der Fremde aller Äusserlichkeit. Wohl wurde er von seinem ihn liebenden Vater wieder aufgenommen, als er reumütig zu ihm zurückkehrte; aber was er zuvor erleben musste, würde niemand sich wünschen, und es würde jeder alles vorkehren, um darum herum zu kommen  wenn er es nur zum vorneherein wüsste –, obwohl er es dann nur aus Einsicht, anstatt aus einer positiven Liebe zum Vater täte. Bei dieser, dem verlorenen Sohne ähnlichen Konstellation des Menschen gegenüber seinem Schöpfer, seinem Vater, ist es ja klar, dass Einschränkungen in grosser Zahl stattfinden müssen. Ja sogar Verhinderungen, allzu oft und allzu heftig an eine Grenze zu gelangen, werden manchmal notwendig sein, um das Leben eines solch Uneinsichtigen zu erhalten. Und da kann der so grossartige Schöpfer es leicht so wenden, dass die ohnehin durch das Fehlverhalten der Menschen geschaffenen Bedingungen (wie etwa Erbschäden durch falsches Verhalten der Eltern oder durch Medizin) jene Verhinderungen ausmachen müssen, die der Schöpfer sonst durch die Konstruktion des genial eingerichteten Leibesmechanismus und die Führung zusammen dafür vorgesehen hat. So zeigt sich beispielsweise, dass Menschen in grosser, allgemeiner äusserer Not, wie in Kriegen etc. weniger unter den bis dahin erduldeten gesundheitlichen Leibesübeln zu leiden haben. (Weil in solchen Fällen eben das grössere Übel die Schutzwirkung der vorherigen kleinen Einzelübel übernehmen kann.) Auch können wir immer wieder feststellen, dass die Schmerzen bei grosser Ergebung der Seele oft so merklich nachlassen, dass es für hellhörige oder hellsichtige Menschen äusserst augenfällig ist, zu welchem Zeitpunkt sich ein Mensch zu ergeben begann. Also ist der Organismus selbst so eingerichtet, dass keine Seele durch ihn über das ihr zugedachte Mass zu leiden hat. Freilich, wer anderes will, als für ihn vorgesehen, oder auch, wer es nur auf anderen Wegen zu erreichen sucht, der wird mit dem Vorgegebenen und von ihm Vorgefundenen nicht zufrieden sein und in dieser Unzufriedenheit den Schmerz der Beschränkung empfinden. So kannte ich beispielsweise eine junge, gläubige Frau, die gerne eine grosse Sängerin geworden wäre. Aber da erlitt sie während einer Krankheit einen nervlichen Schaden, der sie unfähig machte, längere Zeit zu singen. Sie unternahm alles, um das Übel – wie sie es empfand – zu beseitigen. Als sie zu mir kam, erklärte ich ihr, wie die Dinge liegen. Es hätte meines Erachtens eine kleine Chance bestanden, dieses Leck in ihrem Nervensystem zu überdecken. Aber ich fragte sie auch danach, weshalb sie denn zu singen wünsche. Ob sie den Erfolg brauche und die rauschenden Ovationen, das zwar bunte, aber unstete Leben, was sie alles verneinte. Sie wollte mit der Reinheit ihrer Stimme und der Harmonie der Töne für eine bessere Welt werben; die Menschen dazu bewegen, das Bessere zu tun. Da sie zugleich bereits Mutter war, so zeigte ich ihr, wie sie nirgendwo einen grösseren, gestaltenden Einfluss haben könne, als im noch allerzartesten und unberührten Gemüte eines Kleinkindes. Und wie sie dort fähig sein könnte, ihr Bild vollständiger zu verwirklichen als in den Herzen erwachsener Zuhörer, die ja alle noch vielen anderen Einflüssen ausgesetzt sind, welche jenes Bild, das sie mit ihrem Gesang in ihren Gemütern erzeugen könnte – und wenn es auch noch so gross und erhaben wäre – wieder verwischen und verwässern, ja sogar die Möglichkeit seiner Verwirklichung in Frage stellen könnten. Sie würde zwar damit vorerst nur einem einzigen Menschen dasjenige vermitteln, was sie selber so glücklich macht in ihrem Herzen, aber sie könne nicht wissen, was dieser Mensch – also ihr Kind – später alles zu bewirken imstande sei und zwar vorerst unbewusst mit seiner Kindlichkeit, auf welche andere in einer ganz bestimmten Weise ansprechen; und später auch bewusst – vielleicht gar die Ideen seiner Mutter aufnehmend und verwirklichend. Die Patientin nahm meine Worte günstig auf und sagte mir zu, sich meine Vorschläge in Ruhe und ernsthaft zu überdenken. Aber sie meinte auch, dass ja eine solche Vornahme ihrerseits eine gänzliche Gesundung nicht auszuschliessen brauche. Ob es denn nicht vernünftig wäre, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Dazu musste ich ihr dann anhand von Beispielen erklären, wie schwach der Mensch ist, und wie er zufolge seiner Schwachheit stets wieder dieselben Fehler mache und sich dabei öfters übernehme, wodurch er zu noch grösserem Schaden komme. Würde sie nun aber zuerst das ihr Mögliche tun, wenn es ihr Glaube zulasse, mit der Hilfe Gottes, ihres sie liebenden Vaters im Himmel, so sei dann eine vollständige Heilung alles andere als ausgeschlossen. Viel eher wäre es ausgeschlossen, dass sie meinen Vorschlag in die Tat umsetze, wenn sie vorher vollständig gesund würde und dadurch die Versuchung habe, nur wenigstens einige Male wieder aufzutreten. Zudem gab ich ihr zu bedenken, dass für den Fall, dass ich oder meine Behandlung sie ohne ihr Zutun heile, sie den wahren, und jeden in seinem Gemüte offenen Menschen am meisten beglückenden Umgang mit ihrem Schöpfer und Vater vorderhand verpasst haben würde. Würde sie aber den von ihrem Schöpfer und Beschirmer, durch die Beschränkung ihrer Stimme, vorgegebenen Weg zuerst beschreiten, durch die Annahme seiner angedeuteten Weisung, so habe sie in jedem Falle ihren innern Reichtum zu erschliessen begonnen, sodass der äussere – der schönen Stimme – sie dann nicht mehr so beirren könnte, falls sie wieder zu ihm käme. Er wäre bloss eine Vergrösserung des innern Glückes, weil sie darin dann ersehen könnte, dass ihr sie liebender Vater auch über ihre seelische Sphäre hinaus bis in ihren Leib hinein stark und wirksam zu sein vermag, indem er ohne Medizin ihren Leib wieder gesund gemacht habe. Das gebe ihr dann die beruhigende Gewissheit, dass er das auch einem jeden andern gerne tun würde, dem es wahrhaft darum zu tun ist, und nicht bloss um die Erfüllung aller seiner eigenen Vorstellungen von einem erfüllten Leben. Denn solche Vorstellungen seien nämlich – wie alles Menschliche – menschlich, und noch wenig vollkommen oder auch nur ausgereift und gediegen. Sie nahm meinen Vorschlag später dann an, und ich konnte sie und ihre weitere Entwicklung, sowie die Entwicklung ihrer Familie mitverfolgen. Es war ein herrliches Erlebnis. Sie sagte mir einmal, dass sich seit jener Zeit, da sie stärker in sich gegangen war, nach und nach alle ihre sonstigen kleinlichen Übel verflüchtigt hatten, und sie wollte, alle Menschen könnten das verstehen, und wären bereit, dasselbe zu tun, denn grösseres Glück als das innere gäbe es nicht. Sie hätte ja auch vor der Krankheit eigentlich nur das innere Glück gesucht, aber sie hätte es veräusserlichen wollen, in dazu ungeeignete Äcker aussäen wollen; das sehe sie jetzt erst so recht ein. – Das ist doch der Sinn des Wortes in der Bibel, dass man nämlich die Perlen nicht vor die Schweine werfen solle (Matth. 7, 6)20). – Was meinen Sie denn dazu?" wollte der Naturarzt, seine Rede geflissentlich unterbrechend, von seinem Besucher wissen. –

"Ja gewiss, Sie sagen vieles und manch Einleuchtendes, aber es ist wohl zuviel auf einmal, als dass ich nur schon klar erkennen könnte, zu welchem Punkt Ihrer Rede Sie meine Meinung hören wollten. In Bezug auf die Beantwortung meiner Frage nach dem richterlichen Amt bin ich einigermassen zufrieden gestellt. Nur muss ich natürlich hinzu bemerken, dass solche Fälle wohl selten sind. Ich wüsste von keinem Patienten, dem ich so tief greifend hätte helfen können, wenn ich dazu ebenso imstande gewesen wäre, wie Sie es offenbar sind." – –

"Die stellen sich ebenso sicher ein, wenn Sie sich auf diesem Gebiete zu betätigen anfangen, wie es sicher ist, dass die Bäume grünen werden, wenn nur erst einmal die Tage wieder länger und wärmer werden", entgegnete der Naturarzt und fuhr fort: "Wenn Sie im Sommer sich fragen, wo auch nur all die Bienen sind, die im Frühling so emsig auf den Blüten Honig gesammelt haben, so gibt es nur eine Antwort darauf: Wo sind denn all die Blüten? Lassen Sie einen Strauch oder ein Feld voll erblühen, und all die Tausende von Bienen finden sich auch wieder ein. Denn der Bedarf ist gross, nur die Gaben und Geber sind im Sommer rarer geworden. Die Gabe in unserem Falle ist das Geistige im Materiellen, und der Geber ist der Herr – der wirkende Geist selbst. Die Bedürftigen sind die Seelen. Es kann aber eine noch so bedürftige Seele oft kaum ihren Bedarf erkennen. Und im Moment, da sie zum Arzt geht, schon gar nicht. Denn da plagt sie der Leib und nicht die Leere ihrer Seele, die sie eben ob der Plage des Leibes nur zu leicht übersieht .Wenn dann aber der Arzt, anstatt sich auf den Leib zu konzentrieren, sie danach fragt, wie ihr sonstiges Befinden sei, oder ihr irgendwelche Gelegenheiten der Aussprache auftischt, wie der Gastgeber Speisen auf den Tisch des Gastes, dann erst fängt sich der Hunger und der Drang nach Sättigung in einer solchen Seele zu regen an, und der Mensch bittet um die eine oder andere Speise, die ihm dann leicht zu verabreichen sein wird, weil er darum gebeten hat. Manchmal wird es ihm erst zu Hause, und erst nach schon so manchem Besuch, klar, was ihn eigentlich wirklich plagt, und er lenkt dann in einer nächsten Sprechstunde von selber das Gespräch darauf. Das ist ja eben mit ein Grund dafür, dass der Arzt dem Patienten zuhören soll, denn wie anders könnte er ihn und seine Situation besser erkennen als an dem, was ihn bewegt. – Die Vögel kennt man zwar an ihrem Gesang – aber auch sie spüren den Hunger, vor allem angesichts der Speisen, die ihnen bereitet sind. Darum sei unsere Mühe als Arzt nur dahin gerichtet, genügend Speise zu haben, so kommen die wirklich Hungrigen schon. Und bereits die Auswahl der angenommenen Speisen lässt auf das Wesen des Hungrigen schliessen, denn ein Raubvogel frisst keine Sämereien und ein Spatz keine Hühner. Dem Verstandesmenschen muss man verständig kommen und dem Liebevollen voll Liebe. Dem Ernsten ernst und dem Fröhlichen fröhlich. Aber bis man ihn erkannt hat, halte man stets alles bereit und lasse von allem in der Rede mitschwingen."

In dieser Art bewegte sich das Gespräch der beiden fort und zog sich bis tief in die Nacht hinein, ohne dass weder der eine, noch der andere eine Müdigkeit dabei verspürt hätte. Denn der eine war zu sehr überrascht über die Fülle des Lebens im andern und zu sehr neugierig auf alles, was er hörte, und der andere war zu übervoll von gutem Willen und guten und einleuchtenden Bildern und Ideen, als dass einer der beiden die Zeit hätte empfinden können. Vieles wurde noch besprochen, wurde erwähnt oder irgendwie berührt, aber der Naturarzt verstand das Gespräch so zu lenken, dass er immer nur über den Aspekt der Kraft der Liebe im Menschen, und der Erstarkung, Gestaltung und Betätigung dieser Kraft zu reden hatte, weil er dies als die vordringlichste Erkenntnis auf dem Gebiete der Medizin, wie der Psychologie, ansah, wollte man wahrhaft Nutzbringendes und Dauerhaftes auf diesen beiden Gebieten erreichen. Er zeigte an vielen Beispielen, was schuld sein konnte, dass diese Kraft erlahme, und er erklärte, wie sie am besten und zweckdienstlichen zu stärken sei, und zeigte anderseits auch auf, wie diese von ihm so gerühmte Kraft dennoch oft bei bestem Willen zu keinem Resultate gelangen könne, nur weil sie zwei sich aufhebende Betätigungsrichtungen verfolge. Dabei konnte er so fasslich über diese Kraft reden, dass man hätte glauben können, er sehe sie förmlich. – So jedenfalls drückte es der staunende Besucher immer wieder in einer Art Bewunderung aus. Er war vor allem deshalb verwundert, weil er ja gut einsah, dass er dieselbe Kraft ebenfalls kennen müsste, wenn er doch aus einem christlichen Standpunkt heraus Arzt geworden war. Aber er erkannte, dass er und seine Glaubensgemeinschaft Gott nicht als eine Kraft ansah und noch weniger die Liebe als tatsächliche Kraft erkannten – geschweige denn überall in ihrem Leben einsetzten. Überhaupt schien ihm, dass der Naturarzt mit Gott, dem allerhöchsten Wesen, umging – und zwar in der Sprache ebenso, wie in der Praxis, soweit er davon durch die erzählten Beispiele Kenntnis erhielt –, als wäre er sein Kamerad oder sein Gefährte. Als er sich dann einmal darüber genauere Rechenschaft geben wollte und deshalb dem Naturarzt seinen Eindruck schilderte und an diese Schilderung die Frage hängte, woher das wohl käme und ob es wohl richtig sei, und nicht etwa gar selbstherrlich, da erst bekam er eine Antwort, der er anmerkte, dass sie aus dem Leben kam und nicht aus der Theorie.

Denn der Gefragte antwortete folgendermassen: "Selbstherrlich sind nur jene, die Gott vorschreiben, wie er auszusehen und sich zu benehmen habe, aber nicht jene, die gar nichts von ihrer eigenen Ansicht halten und jederzeit bereit sind, das ihnen von Gott zugesandte an- und aufzunehmen. Wenn ich selbstherrlich wäre, so hätte ich Sie zuerst gefragt, was Sie wohl von mir wollen, als Sie mir angerufen hatten. So aber nahm ich es als von Gott zugelassen an, dass Sie in irgendeiner Sache sich an mich wandten und sagte Ihnen möglichst bald einen Termin zu, weil Sie ja als Anfragender der Bedürftige – der einer Antwort Bedürftige – sind, dem es immer beizustehen gilt. Ich bin dabei sehr wohl der Ansicht, dass Gott es, entweder durch meine Ausstrahlung oder durch sein Einfliessen in das Gemüt des Fragers, verhindern oder fördern kann, dass mich jemand frage. Zugegebenermassen erwartete ich von einem Schulmediziner nicht gerade eine so angenehme und offene Art des Gespräches, wie wir das bis dahin geführt haben. Aber ich nahm das mir Zugesandte willig an und auf, und freue mich sogar herzlich, dass es diesmal so etwas Erfreuliches und Einfaches war, das er mir sandte.

Der Selbstherrliche hingegen lässt die andern warten und verrät ihnen eben dadurch seine Herrlichkeit; und das Gottesbild, das er hat, muss sich seiner Herrlichkeit fügen, und nicht seine Herrlichkeit dem Willen Gottes. Das lehrten uns ja all die Taten und Anordnungen der Geistlichen der vielen verflossenen Jahrhunderte, die es endlich soweit gebracht haben, dass die Gläubigen sie verliessen, weil sie den Betrug wohl zu sehr zu spüren begannen. – Sie alle brauchten schon zu ihrer eigenen Ausbildung nur Menschenhilfe und lernten dabei selber nur bei den Selbstherrlichen, anstatt bei Gott, dem Liebeherrlichen. Sie wurden dadurch auch wie ihre Lehrer, welche die Aussage Christi schon längst vergessen hatten: 'Einer nur ist euer Meister, ihr alle aber seid nur Brüder' (Matth. 23, 8)20).

Wenn ich nun aber mit Ihnen spreche, so belehre ich Sie nicht, sondern ich erzähle Ihnen nur, wie ich selber die Dinge sehe und was ich aus der Tätigkeit eben nach dieser meiner Einsicht alles erlebt habe. Und das tue ich im Sinne der Einladung, es ebenfalls zu prüfen durch die Tätigkeit im Sinne meiner Worte und mir nachher zu erzählen, auf welche Resultate Sie bei Ihrer Arbeit gekommen sind. Sehen Sie, wir leben heute in einer merkwürdigen Zeit. Sie – und wohl die Meisten – glauben, dass wir heute eine glaubenslose Zeit haben. Ich aber bin der Ansicht, dass zu keiner Zeit der Menschheit soviel Glaube vorhanden war wie heute. Und eben deshalb fordere ich Sie noch einmal extra auf, dass Sie alle meine Ansichten und Aussagen in der Praxis auch wirklich prüfen, und dabei das Falsche in der Aussage oder aber auch das Falsche, das sich aus falscher Aufnahme des Gesagten ergibt, zu erkennen und zu verbessern, um nach der verbesserten Ansicht erneut tätig und dadurch wieder prüfend zu werden, um dann erneut reinigend verbessern zu können. Alles andere ist fauler Glaube.

Das aber, was die Menschen, und allenfalls auch Sie, bis heute als Wissenschaft angesehen haben, ist nichts anderes als doppelt fauler Glaube. Doppelt aus dem Grunde, weil einmal ein fauler und geldgieriger und ruhmsüchtiger Mensch, der möglichst Erfolg haben will, mit allen ehrlichen und unehrlichen Mitteln eine Theorie aufstellt, welche dann die noch fauleren übrigen so annehmen, als wäre sie Wahrheit, nur weil sie zu faul sind, diese zu prüfen. Anders wäre es kaum erklärlich, dass so viele Dummheiten jahrelang geglaubt würden, wie jene beispielsweise, dass die Impfungen eine dauernde oder dann doch zeitweilige Immunität gegenüber der geimpften Krankheit hinterlassen. Dazu wäre nun natürlich noch gar vieles zu sagen, aber wir wollen das auf einen späteren Zeitpunkt aufsparen, es gibt weiter Beispiele genug.

Da wäre die Mode, Menschen, die öfters unter Halsweh leiden, die Mandeln zu schneiden. Keinem einzigen bin ich in meiner ganzen bisherigen Praxis begegnet, der mir hatte bestätigen können, dass sich nach dem Mandelschneiden sein Zustand gebessert hätte. Dauerte eine geringfügige vorübergehende Besserung lange, so war sie ein halbes Jahr lang, meistens kam die nächste Angina, Grippe oder Erkältung aber früher und die allerwenigsten der Operierten sind je gesünder geworden. Und die es dennoch wurden, die waren es erst Jahre danach geworden, zu einem Zeitpunkt also, zu welchem die Operation nicht mehr als Ursache dafür angesehen werden konnte. Oder denken wir an die Dummheit, aus der Geschwindigkeit der Wanderung eines Tief- oder Hochdrucksystems auf das künftige Wetter schliessen zu wollen. Jeder Einsichtige wird bald herausfinden, dass eine solche Voraussage nichts taugt. Ist sie zu allgemein gehalten, so nützt sie im konkreten Problemfall wenig. Ist sie detaillierter so stimmt sie in bloss etwa 10% aller Fälle. Das kann ja jedes Kind nachprüfen und dennoch wird einer solchen Prognose geglaubt als sei sie vom Herrgott. Es muss ja einer gar nicht erst einsehen, dass jede Bewegung, auch die eines Hoch- oder Tiefdrucksystems, entweder die Schnelligkeit oder auch die Richtung oder gar beides zusammen zu jederzeit wechseln kann. Bevor wir nicht wissen, welche Kräfte für die äussere Erscheinung verantwortlich sind, dass die Geschwindigkeit und die Richtung einer Luftmasse gerade so und nicht anders sind, ist doch gar nicht daran zu denken, ihren voraussichtlichen Weg zu bemessen und zu bestimmen. Es wäre das derselbe Blödsinn, wie wenn ein Mathematik-Schüler auf einer geraden Geleisestrecke in der Richtung Nord-Süd die Geschwindigkeit eines Zuges, anhand von seiner Länge und der Durchfahrtszeit bei einem Punkte, ausrechnen würde, um danach zu verkünden, dass der Zug in einer Stunde 80 km weiter nach Süden gefahren sei, ohne zu berücksichtigen, dass bereits 1 km weiter südlich eine Rechtskurve denselben Zug nach Westen führt und überdies ein Signal ihn eine halbe Stunde warten lässt. Der Gebildete erkennt sofort die Unmöglichkeit einer vernünftigen Prognose ohne Kenntnis der auslösenden Momente einer Geschwindigkeits- und Richtungsänderung. Aber selbst der Ungebildete müsste doch mit seiner nassen Nase darauf stossen, dass die Wetterprognose nicht gestimmt haben mochte, wenn er pudelnass von einem Spaziergang heimkehrt, just an jenem Tage, für welchen veränderliches aber trockenes Wetter angesagt war. Kurz, das sind alles Beispiele dafür, dass auch der Ungebildete allen Grund hätte, einzusehen, dass der Glaube an die Aussage eines Menschen sich nicht unbedingt lohnt. Denn es müsste ihm die eigene Erfahrung, oder die Erfahrung an der Seite seines Nächsten, darüber belehren, dass die Theorie der Wissenschaft nicht stimmen kann. Aber ich muss beinahe noch einem jeden neuen Patienten, der mit geschnittenen Mandeln zu mir kommt, erst mühsam klar machen, dass er am Fachurteil der Schulmedizin nicht hängen bleiben solle, wie das Kleinkind an seinem Schnuller, weil er sonst nie fähig würde, Neues und Besseres zur Nahrung seines Geistes zu erhalten. Dabei kommen ja die Leute erst dann zu mir, wenn sie der Schulmedizin nicht mehr ganz vertrauen. Wozu denn noch der blöde, weil gänzlich leere Glaube, dass diese Schulmedizin wenigstens recht haben könnte, wenn sie ihn vor der Scharlatanerie des Aussenseiters warnt, sodass sie dann mir nicht einmal soviel trauen können wie jenen, von denen sie enttäuscht worden waren. Viel schwieriger jedoch liegen die Dinge auf all den vielen Gebieten, auf welchen der Einzelne – selbst Gebildete – gar nicht fähig ist, eine Theorie oder eine wissenschaftlich gegründete Aussage nachzuprüfen, weil ihm schlicht die Mittel zu einer Nachprüfung fehlen. Wie soll beispielsweise sich einer Gewissheit verschaffen, ob die heutige Atomtheorie stimmt. Er wird bei den grossen Forschungszentren nicht zugelassen, um prüfen zu können, ob die Fragen richtig gestellt worden sind, und die Versuchsprüfungen auch gewissenhaft ausgeführt worden sind. Es kann einer auch nicht mit dem Meter in der Hand die Sonnen am Himmel messen und auch nicht nachprüfen, ob die Abstände der Gestirne von der Erde in den richtigen Lichtjahrzahlen angegeben sind. Er kann auch nicht einmal tausend Erkrankte fragen, ob und wie ein gewisses Mittel genutzt hat, weil er als Laie gar nie soviel an ein und demselben Übel Erkrankte kennen kann. In all diesen Fällen bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Angaben oder Aussagen entweder zu glauben oder nicht zu glauben. Interessanterweise aber wächst die Glaubensbereitschaft ständig. Der Grund dafür ist der, dass sich der Mensch mit solch einem toten, weil ungeprüften Glauben in eine Abhängigkeit von jenen Personengruppen begibt, denen er geglaubt und vertraut hat. Je grösser aber die Abhängigkeit wird, desto grundursächlicher die Angst, einmal die dem eigenen Leben fremd gewordene Lebens- und Entscheidungsgrundlage zu verlieren. Glauben bedeutet in diesem Sinne nichts anderes als auf Pump etwas annehmen. Jeder Glaube ist ja die Annahme einer noch nicht erwiesenen Tatsache. Die Erweisung der Tatsache nennt man die Erfüllung des Glaubens. Je mehr aber einer glaubt, ohne je erweisen zu können, dass der Glaube richtig ist, desto mehr verschuldet er sich gegenüber der Wahrheit des Lebens. Und die Faulheit, den Beweisen nachzuspüren, macht deshalb den viel Glaubenden zum grossen Schuldner. All sein Kapital liegt gebunden bei den Autoritäten seines Glaubens. Deshalb ist er mit der Zeit auch bereit, über die Wahrheit hinweg, die er dann und wann auch ohne seinen Willen hervorleuchten sieht, seine Gläubiger zu schützen, da andernfalls mit ihnen auch all sein Kapital oder seine "Lebens- und Entscheidungsgrundlage" (sein ganzer Glaube) Schiffbruch erleiden würde. Nun hat aber eben gerade die Wissenschaft so angenehme und einleuchtende Scheinerfolge, dass es ein leichtes ist, faule Menschen in ihren Bann zu ziehen. Da ist einmal das Schmerzmittel. Es beseitigt schnell und ohne Komplikationen den Schmerz. Das Schlafmittel bringt den ersehnten Schlaf. Das Messer schneidet den drückenden Krebs hinweg. Und auf alle Fälle hat sie immer eine Antwort – wenn auch eine falsche –, das beruhigt, das gibt Hoffnung und erweckt Glaube, den es eigentlich zu erwahren gälte, der aber nie geprüft wird, und an den man all sein Lebenskapital, d.h. alle seine sonstigen Handlungsmöglichkeiten, hergibt. Das aber, was bis anhin "Glaube" genannt wurde, der Glaube an einen fürsorgenden und alles erhaltenden Gott, ist hingegen eigentlich nur erst eine rechte Grundlage zur Nachprüfung und ihr folgenden Wissenschaft des Einzelnen. Aber auch diese Nachprüfung wurde, trotz wohlvorhandener Möglichkeit aus demselben Grunde nicht wahrgenommen, aus welchem Grunde auch die Glaubensprüfungen der Wissenschaft nicht vorgenommen werden: aus blosser Trägheit des Einzelnen! Obwohl hier eine Prüfung viel eher möglich ist, weil die Glaubensaussagen zuerst den Menschen und da vor allem seine Seele angehen und nicht so fern liegende Dinge wie die Gestirne oder die Atome und auch nicht so verborgene wie die Säfte der endokrinen Drüsen oder der Gene in den Chromosomen des menschlichen Körpers. Aber gerade weil auf diesem Gebiete die Erfüllung des Glaubens – also seine Bestätigung als Wahrheit – leichter zu erhalten ist als in der Wissenschaft, so waren allezeit ihre Ausbreiter um so mehr bemüht, den Gläubigen von der Möglichkeit der Prüfung der geglaubten Wahrheit abzuhalten und durch ihre vielen Rituale und selbstherrlichen Vorschriften zu trennen, weil sie dadurch zu Gläubigern des Glaubenden werden konnten, welchen der Glaubende vieles zu geben bereit ist, damit er nur dessen Gunst und, damit verbunden, die Zusicherung der vermeintlichen Echtheit seines Glaubens erhalten kann. Und damit beantwortet sich Ihre Frage wie von selbst, weshalb ich so vertraut mit Gott umgehe – in meiner Rede ebenso, wie in meiner Arbeit – wie mit einem alten Kameraden. Gott forderte allzeit den Menschen auf, gerade also mit ihm umzugehen, wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Was aber ist die Folge des Verhältnisses von Braut und Bräutigam? Doch wohl nichts anderes, als die spätere Ehe, was wir als die Wiedergeburt des Geistes Gottes im Menschen bezeichnen können. Die Aufforderungen dazu in der Bibel aber sind Stellen wie etwa: 'Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm...' (1. Joh. 4, 16)20); 'Kommet her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seid' (Matth. 11, 28); 'Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist es, der mich liebet. ...., und ich werde mich ihm offenbaren!' (Joh. 14, 21); 'Siehe ich bin bei euch alle Tage' (Matth. 28, 20); 'Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.' (Matth. 22, 37-40). 'Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch' (Luk. 17, 21) – und mit seinem Reiche wird auch Gott im Menschen sein, wenn der Mensch inwendig so geordnet ist, dass er dem Reiche Gottes entspricht und sich damit gerade eben in diesem Reiche befindet, was ja exakt die erste Stelle besagte, jene über das Wesen Gottes, das pure Liebe ist. Als Bestätigung der Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen durch die Liebe können Sie die Stelle betrachten: 'Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen' (Röm. 8, 28). Wenn ich selber nun das von ganzem Herzen zu tun versuche und teilweise auch tue, muss ich dann mit der Zeit nicht ein Verhältnis zu Gott, meinem Vater, haben, wie es eben nur ein Kind zu seinem Vater – oder eine Gattin zu ihrem Gatten haben kann, sofern sie aus blosser Liebe und Hingabe die Seine geworden ist? Dieses allernatürlichste Verhältnis – aus dem Leben begründet, weil mein Leben aus dem Seinen hervorging – ist also die Frucht meines Glaubens an seine Worte. Zuerst an seine Worte in der Schrift, dann auch an seine Worte die er mir im Herzen als ganz klare Gefühle oder Gedanken stets wieder zufliessen lässt und zwar in den Momenten, in denen ich entweder nicht mehr weiter weiss, oder oft auch in den Zeiten, da ich mich nicht mit dem sie betreffenden Gebiet beschäftige, sodass ich in beiden Fällen die Gewissheit haben kann, ja haben muss, dass es nicht meine eigenen Gedanken sind. Denn über etwas Bescheid zu wissen über das man dringend oder gar ängstlich nachfragt, ist nicht möglich, ebenso wenig wie aus sich selbst Aufschlüsse zu erhalten auf einem Gebiete, mit welchem man zur Zeit nicht beschäftigt ist.

Für Sie aber, wie für alle Gläubigen einer Glaubensgemeinschaft kann und muss Gott weiter abstehen, muss der grosse Unendliche sein, die letzte Instanz, weil solcherart Gläubige alle unzähligen Vorinstanzen vor der Letzten nicht nur dulden, sondern ihnen sogar eher glauben als dem Worte des Vaters, und ihnen mehr trauen als dem Vater selbst. Ein solches Glaubensverhältnis gleicht einem Kinderverhältnis zu einer Amme: Das Kind wohnt bei ihr, gewöhnt sich an sie und an ihre schwache Art, und wird von ihr getragen, gefüttert, getröstet und grossgezogen. Nur wo ihre Schwachheit oder Dummheit nicht auslangt, den Eigensinn oder Starrsinn des Kindes zu brechen, da muss dann der Vater als die letzte Instanz angerufen werden, die als solche so fürchterlich dargestellt sein muss, dass sie von beiden, von Kind und Amme gemieden wird. Das führt dann zur völligen Entfremdung vom Glaubenden zum Geglaubten, und damit zur Verschuldung an der Wahrheit durch den Glauben an den Stellvertreter. Der himmlische Vater aber drängt sich solchen Kindern nicht auf. Wie könnte er auch! Denn würde ihn das Kind nicht erkennen, so wäre er ihm wertlos, ja sogar ärgerlich in seinem Gegensatze zur geliebten Amme; und würde es ihn erkennen, so würde es zu Tode erschrecken vor der übermächtigen allerletzten Instanz, und würde deshalb erst recht alles vorkehren, dass auf ewig lange Sicht keine Annäherung zwischen Vater und Kind mehr stattfinden könnte. Vielmehr wartet der gütige, geduldige und weise Vater bis das Kind aus irgendwelchen Gründen unzufrieden wird mit seiner Amme und diese mit der Zeit gar zu verdächtigen beginnt, den Vater nicht richtig zu kennen, und sich von ihr mehr und mehr entfernt. Und erst der Hunger, der in ihm dabei entsteht, muss es nach dem wahren Brote des Lebens, der wahrhaftigen Liebe, suchen lassen. Wenn es dann nach langem Suchen und sich dabei stets weiterem Entfernen von der Amme endlich einmal zu einem nährenden Stück Brot – oder, mit andern Worten, zu der den Geist befriedigenden Erkenntnis der Wahrheit in irgend einem Teilbereiche – kommt, so wird ihm dieses wohler tun als all die fade Milch der Amme, die aus ihrem Eigennutze quoll, und es wird sich nach demjenigen zu erkundigen anfangen, der so gutes Brot gibt. Zwar kann es auch dann noch nicht glauben, dass es wirklich von seinem Vater kommt, schon gar nicht, wenn derjenige, der es ihm überreicht, aussagt, dass er den Vater kenne und er es von ihm direkt habe. Denn wie könnte auch – seiner Meinung nach – die letzte Instanz zur Idee gelangen, Brot zu geben, oder eine seinen Geist nährende Erkenntnis oder Wahrheit in Worte zu fassen. Das tun ja seiner Meinung nach schon die untersten Instanzen. Da frage ich aber: Wie haben denn die untersten Instanzen das Brot gegeben?  Fade Ammenmilch – das heisst Erkenntnisse der eigenen, bloss weltlichen Erfahrung – haben sie nur bereit gehabt, den Geist kräftigendes Brot aber nicht, diese Mietlinge, wie sie in der Schrift genannt werden. Also muss es doch eine höhere Instanz sein, die es gegeben hat.

Sie selber verehrter Kollege, kauen nun eben gerade ein solches Brot und studieren und überlegen in einem fort, woher das wohl komme. Ich sage Ihnen dazu bloss: Wäre Gott unser beider liebender Vater in seinem Reiche nicht die allerletzte und die allererste Instanz zugleich, so würde es auch in seinem Reiche bald einmal wie hier in der Welt zugehen, wo einer aus Selbstsucht den andern, den Bedürftigen, betrügt; und wäre es nicht aus Selbstsucht, so doch aus Verlegenheit; anstatt ihn an die richtige Adresse zu verweisen – dadurch freilich zu erkennen gebend, dass nicht er, sondern der Herr alles in allem ist. Aber nicht nur für uns Menschen, sondern auch für die übrige Welt ist er die unterste und oberste Instanz. Würde er sich nicht selber um den Bau des äusserst leichten und uns nichtig erscheinenden Flügels einer Mücke bemühen, wer sonst sollte es tun. Sie oder ich, oder gar der Darwinsche Wurm, der ohne Augen zur Einsicht gekommen sein muss, dass das Licht mit einem speziellen Organ – dem Auge – voll zur Orientierung genutzt werden kann, oder soll am Ende der dumme Mutationszufall des Neodarwinismus der Grund und Erbauer eines Auges bei den Nachfahren des Wurmes oder gar eines so kunstvollen Mückenflügels sein? Wie scheusslich käme das heraus! Oder haben Sie einmal eine dem Wesen dienende Mutation gesehen? Ich nicht – nur verstümmelnde Mutationen sind mir bekannt.

Ich muntere Sie dazu auf, bedächtig das dargereichte Brot zu kauen, nachdem Sie sich doch bereits von der Schulmedizin zu entfernen beginnen und damit wohl auch von jener Amme, die Ihnen zu diesem Beruf geraten hat. Wenn Sie erst einmal einzusehen beginnen, dass die allerunterste Instanz, die für uns alle das Kreuz trägt, ja sich vom Kreuze förmlich bis zum Tode martern liess, dass diese Instanz allein willig und fähig genug ist, Sie, wie auch mich selbst, in all unserer Unzulänglichkeit mit voller Liebe und Geduld zu ertragen, dann werden Sie sich ihr auch viel eher und lieber anzuvertrauen beginnen und dabei merken, dass die oberste und allerletzte Instanz nur deshalb alles weiss, weil sie in allen untersten Instanzen am meisten und segensvollsten selber tätig ist." – –

Nach diesen Worten trat eine längere Stille ein. Zu gewichtig, zu gewagt, ja zu enorm verlockend auch schienen sie, und hallten im Gemüte nach, als dass sie der aufmerksame Zuhörer so schnell hätte ordnen und in ihrer Wirkung erfassen können. Er empfand es in sich, dass er hier entweder am Rande einer Fata Morgana oder aber an der Türe des offenen Himmelreiches stand, in welchem die Menschen wie die Kinder um ihren sie liebenden Vater versammelt sind, um alle ihre Glückseligkeit von ihm zu erhalten und bei ihm zu geniessen. Lange wog und wog er die Worte hin und her, verglich sie mit den holperichten Lehrsätzen seiner Glaubensgemeinschaft und fragte dann endlich sein Gegenüber, ob er denn nicht in einer Kirche sei.

"Dem Ausweise nach bin ich reformiert", antwortete dieser, "aber im Herzen bin ich frei bei meinem Vater und deshalb nie in einer Kirche oder Kirchversammlung. Denn jede Glaubensgemeinschaft ist gleich einer Amme. Ja sogar das Wort Gottes selbst, sobald es ausgelegt wird und sich nicht selber auslegt – und zwar in einem jeden Menschen wieder anders. – Ja, erstaunen Sie nicht! In einem jeden Menschen wieder anders", betonte der Naturarzt ausdrücklich.

"Betrachten Sie doch nur die Natur, die uns Menschen von Gott sowohl als Grundlage unseres äussern Seins, als auch unserer innern Entwicklung gegeben ward. Wie legen denn die Pflanzen alle das Licht der Sonne, als das äussere, mehr materielle Wort Gottes, aus? ('Denn alles was gemacht ist, ist aus dem Worte Gottes gemacht' [Joh.1, 3].) Und wie legen sie das Wasser, die Luft und den Boden, als ebenfalls grundlegende Worte Gottes, aus? Die eine Pflanze macht aus all diesen Grundlagen eine schöne Blume, eine andere eine nahrhafte Frucht, wieder andere treiben damit hohe Stämme und entwickeln Holz zum Bauen von Häusern, weitere legen all diese Ausgangsstoffe als Vorrat an, entweder in ihren oberirdischen Teilen oder dann auch in ihren Wurzeln usw., eine jede nach ihrer Art.

Das geschriebene Wort Gottes enthält in sich so viele Widersprüche, dass alle Ausleger früher oder später darüber stolpern werden. Nur die Anwender stolpern nicht, weil es sich bei ihnen ihrer Anwendungsart konform auszulegen beginnt. Der eine denkt, es sei nach dem Ausspruche Pauli alles Gnade  ('Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben – und das nicht aus euch: Gottesgabe ist es –, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme' [Eph. 2, 8 und 9])  und verhält sich mehr oder weniger passiv, während ein anderer glaubt, sich selber vervollkommnen zu müssen, wie Jakobus sagt (Jak. 1, 22), und dabei eifert, möglichst bald viel erreicht zu haben. Beide vergessen aber das Hauptgebot: Gott über alles zu lieben. Darin würde der eine erkennen, dass er eher – wie eine Maria, die Schwester der Martha, – zu des Herrn Füssen sitzen sollte und seiner Rede und seiner Tat in ihm selber alle Aufmerksamkeit widmen sollte und nicht – wie die Martha – zu sehr um sein äusseres Wesen besorgt sein; und der andere würde im selben Liebesgebot erkennen, dass er nicht bloss müssig, auf die Gnade vertrauend, herumsitzen sollte, sondern sollte seinem Vater im Himmel helfen, seine Rebstöcke zu pflegen und wenigstens das eine Schaf des Hirten, das er selber ist, auf eine gute Weide zu führen, damit es seinem Herrn reichlich Wolle gebe. Ein anderer, der sich auf ein Gebot Moses versteift (2. Moses 20, 1-17), 'Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten', weil er die Wahrheit liebt und sucht, muss erst nach und nach erkennen lernen, dass eine Wahrheit auch schaden kann, wenn sie einen unvorbereitet trifft, und dass also nicht alles was eine Wahrheit ist, unter allen Umständen und zu jeder Zeit eine gute Wirkung hervorbringt. Er wird dann zum Homöopath in geistigen Dingen, also zu einem, der seine Gaben in ganz winzige und unschädliche Portionen verteilt. Damit kann er zwar die Langschläfer des Geistes nicht wachrütteln. Aber er wird manchem Schwachen in der Wahrheit unvermerkt weiterhelfen, also ohne eine Auflehnung des mit der Wahrheit Konfrontierten diesen zurecht bringen können. Und er wird dabei auch herausfinden, dass eine verhüllte Wahrheit noch lange keine Lüge ist. Denn als der auferstandene Herr Jesus mit zwei seiner Jünger nach Emmaus ging, liess er sich von ihnen auch nicht erkennen, da die beiden sonst zu sehr erregt worden wären durch die allzu überraschende Freude nach all ihrem Kummer, sondern er bereitete sie durch weise und der Wahrheit förderliche Erklärungen zuerst nur vor, die ganze Wahrheit zu ertragen und erst beim Brotbrechen liess er sich von ihnen erkennen, verschwand dann aber auch, damit die Herzen der beiden nicht zu sehr erregt würden, sondern nach und nach zu besserem Glauben und gesteigerter Liebe und Hoffnung kämen (Luk.24,13-35).

Derjenige, der Vater und Mutter ehren will, nach seiner Auslegung der Schrift, wird an seinen schlechten Eltern erst begreifen lernen, was alles unter Vater und Mutter gemeint sein kann, wenn er daran verzweifeln sollte, die verkommene Hure, als seine Mutter, nicht ehren zu können und den stehlenden Vater nicht befriedigen kann mit seinem Christentum. Er wird die Stelle finden, da Jesus sagt: 'Wer sind meine Brüder, Schwester, Mutter, Vater etc. (Matth. 12, 48).

Darum muss jeder dort beginnen, das Evangelium zu begreifen, damit es zum kräftigenden Brot seines Geistes wird, wo ihn seine Liebe zuerst hintreibt, denn nur aus Liebe soll er alles tun, was das Evangelium rät, sonst gliche er einem tönenden Erz, wie Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther im Kapitel 13, Vers 1 bis 3 schreibt, und zwar auch dann, wenn er alles nur erdenklich Mögliche zur Ehre Gottes getan hätte. Denn eben diese Liebe ist das Leben, das sich selber anhand der Schrift und mit der Schrift zusammen auslegen und ordnen soll. Und zwar durch die Tat, die jedes falsche Verständnis und jede falsche Vorstellung am Misserfolg der Tat offenbar werden lässt." – –

Nach diesen Worten schwiegen beide eine längere Zeit. Denn die Ideen, Argumente und Vorstellungen des Naturarztes waren so neu, eigen und auf ihre Art zusammengehörig und gediegen, und sie erschlossen in ihrer geordneten Gediegenheit noch so vieles, das mit den geflossenen Worten nicht deutlich oder absichtlich berührt wurde, das aber auf den ersten Blick in dieselbe Betrachtungsweise miteinbezogen werden musste, so dass der Zuhörer gar nicht anders konnte, als durch ein längeres Schweigen sich Zeit und Raum zu verschaffen, all das in der Rede Unberührte in ein gewisses Verhältnis zum tieferen Sinn der Rede zu rücken. Dass die Vorsteher der Glaubensgemeinschaften mit Ammen zu vergleichen wären, begriff er noch am ehesten, denn er kannte ja solche persönlich und wusste um deren Schwächen. Dass aber das ausgelegte Wort Gottes ebenfalls zur Amme wird, das konnte er nicht so schnell begreifen. Denn er erkannte den Unterschied des Vorganges der normalen vernunftmässigen Auslegung zu jener über die Tat noch nicht. Was ihn mit der Zeit zur Frage veranlasste, was denn der Anwendung eines Bibeltextes anderes zugrunde liegen könne, als das sich Gedanken machen darüber.  –

"Eben die Liebe", war die prompte Antwort des Befragten, der mit einem kleinen Lächeln über das Erstaunen des Fragenden an einem Gleichnis zu erläutern versuchte, wie die Liebe als eine Kraft tätig und frei erhalten werden müsse, sodass sie aus dieser freien Tätigkeit erstarken könne, während die Gedanken des Verstandes die Kraft der Liebe eher verbrauchen. Und das erklärte er im nun folgenden Bilde:

"Es sagte einmal ein Vater zu seinen beiden Kindern, die ihm in allem immer helfen wollten und ihm in ihrer Hilfe womöglich noch zuvorkommen wollten, ehe er sie wirklich hätte brauchen können: 'Ich kann eure Hilfe nicht gebrauchen, sie ist mir zuwider'. Das wirkte wie ein Donnerschlag auf das Gemüt der beiden, sodass sich ein jedes der beiden entfernte, ein stilles Plätzchen aufsuchte und in sich ging, um das strenge Wort des Vaters zu verstehen. Das eine, das mit all seiner Liebe am Vater hing, wurde sehr traurig, denn es sah sich durch dieses Wort von seinem geliebten Vater getrennt. Und es überlegte in einem fort, wie es sich dennoch die Nähe seines Vaters verdienen könnte. Lange Zeit kam ihm keine gute Idee und in seinem Herzchen klammerte es sich stets fester an seinen Vater; so stark zwar, dass es sich unwillkürlich bei ihm stehen sah, und in seiner von der Liebe erwärmten Fantasie ihm bei der Arbeit zuzuschauen begann. Und es erfuhr in diesen Bildern eine Beruhigung seines aufgewühlten Gemütes und eine Lösung des schweren, fast wie bannend wirkenden Ausspruches seines Vaters. Und als es so recht ruhig sich sonnte in der sich vorgestellten Gegenwart seines Vaters, da fiel ihm plötzlich auf, dass es ja nun bei seinem Vater verweile, zwar nur in sich, in seinem Gemüte. Aber es erkannte dabei dennoch, dass ihm der Vater das Verweilen in seiner Gegenwart nicht verboten hatte, sondern nur das unzeitige Helfen-Wollen. Zwar sagte der Vater schon, dass ihm dieses zuwider sei, aber das müsse ja nicht unbedingt und sicher heissen, dass auch es selber ihm zuwider sei, so dachte es bei sich, und eine leise Hoffnung begann sich in seinem Herzchen zu regen und vorsichtig näherte es sich nach und nach dem Wirkungsfeld seines Vaters wieder und sah ihm von weitem zu, wie er gleichmässig und unablässig seine Arbeit verrichtete und Ausgeglichenheit sein ganzes Wesen prägte. Es freute sich, seinen Vater wieder sehen zu können – und wohl auch zu dürfen? – Mit der Zeit kam es ihm dann immer näher, bis es einmal so nahe kam, dass der Vater seinetwegen etwas innehalten musste in seiner Arbeit, aber er nahm bald die Dinge anders in die Hand, sodass er trotz der etwas zu grossen Nähe seines Kindes weiterarbeiten konnte; und das seinen Vater betrachtende Kind glaubte, im Gesicht des Vaters ein Lächeln gesehen zu haben. Um sicher zu sein, dass es seinen Vater bei der Arbeit nicht störe, ging es aber dennoch zwei oder drei kleine Schritte zurück und betrachtete dabei seinen Vater. Da sah dieser zu ihm hin und sagte zu ihm: 'So ist es recht, so kannst du bleiben.' Und im Herzen des Kindes wurde alles wieder frei. Es atmete erleichtert auf und seine Augen leuchteten, seine Wangen wurden heiss und färbten sich rot und eine Seligkeit verbreitete sich in seinem Gemüte. Den ganzen Tag schaute es seinem Vater zu und die Zeit verging ihm so schnell, dass es gar nicht gewahrte, wie es Abend wurde, bis der Vater sein Werkzeug beiseite legte, es ansah und ihm seine Hand entgegenstreckte, um es an derselben nach Hause zu führen. Und so stand das Kind fortan viele Tage bei seinem Vater und schaute ihm bei seiner Arbeit zu. Dabei begann es vieles tiefer zu begreifen von dem, was sein Vater tat, ohne dass es jedoch mit ihm sprach. Denn es wollte seinem Vater in gar nichts mehr zuwider sein. Und da es nicht wusste, ob ihm das Fragen auch zuwider sei, wie das Helfen, so wollte es mit einer Frage nichts riskieren. Und es schwieg aus diesem Grunde. Aber je länger es schwieg, desto tiefer drang es ins Wesen und teilweise auch in die Gedanken seines Vaters, sodass es mit der Zeit sogar zu erkennen begann, wo und wie es seinem Vater mit seiner Hilfe zuwider geworden sein musste. Denn bei manchen Stellen der Arbeit seines Vaters erkannte es, dass es an der Stelle früher eben diese oder jene Hilfeleistung erbracht hätte, die dann aber falsch oder zur Unzeit gewesen wäre. Und die Liebe zu seinem Vater wuchs dabei. Stunden- ja tagelang konnte es so seinem Vater zusehen und ihn stets mehr lieben; und in seinem Gemüte war es dabei rege, es sah dieses und jenes und sah auch manches ein, das es früher nie so recht begreifen konnte. Und als es einmal nach vielen Tagen und Wochen seit jenem zurechtweisenden Worte seines Vaters in der Liebe so feurig wurde, dass es seinen Vater des Abends, als er ihm die Hand darbot, damit es an seiner Hand mit ihm nach Hause zöge, ansprechen musste. Es sagte zu ihm, dass es nun immer besser einzusehen anfange, dass und wie seine Hilfe ihn bei seiner Arbeit habe stören müssen. Da zog der Vater sein Kind zu sich, drückte es an sich und erhob es zu sich an seine Brust, herzte es und sagte zu ihm: 'Weisst du, kleiner Kerl, du hast schon recht mit dem, was du mir nun gesagt hast, aber ich habe dich zu sehr lieb, als dass die Behinderung, die meine Arbeit dabei erlitten hatte, der Grund dafür sein könnte, dass mir deine Hilfe zu wider war. Siehe, dich kleinen Kerl weiss ich schon noch in seinen Fehlern zu umgehen. Aber du hast mir bei deiner Hilfe stets deine eigene noch völlig unreife Art aufdrängen wollen und hast dadurch meiner eigenen Art verwehrt, in dein kleines, zartes und noch aufnahmefähiges, aber noch etwas ungeordnetes Herzchen zu fliessen und es dabei zu ordnen und zu stärken. Und das hat dich und mich dann einer gewissen Seligkeit beraubt, die du doch nun in der Fülle bei mir haben kannst. Das alleine war meinem Sinne zuwider. Verstehst du das nun, da du doch erlebst, wie schön wir es zusammen haben können?' Das Kindlein begriff und drückte seines Vaters Haupt an seine Brust. Es nahm bald zu an Kraft und Weisheit, und voller Bescheidenheit und grossem Dank nahm es die ihm bald darauf hin und wieder von seinem Vater aufgetragenen Arbeiten an, und führte sie voll Liebe und voller Hingabe an des Vaters Wunsch aus, sodass ihm diese stets besser gelingen mussten zu seiner eigenen und seines Vaters Freude.

Das andere Kind aber dachte in seiner dunkeln Ecke, in welche es sich zurückgezogen hatte, folgendes: 'Meine Hilfe ist meinem Vater zuwider, dann muss ja auch ich selbst ihm zuwider sein, denn mein Herz ist voller Hilfe. Wer mag da bestehen können bei einem, dem man zuwider ist. Ich will ja meinen Vater nicht belästigen, deshalb will ich ihm künftig aus den Augen gehen und mehr bei meinen Schulkameraden verweilen.' Diese lachten, als sie hörten, dass er seinem Vater geholfen hatte, und sagten zu ihm: 'Wer wird auch so dumm sein, und seinem Vater, der ja stärker ist als wir alle, helfen wollen. Wir haben später einmal genug zu arbeiten; was wollen wir uns die Kindheit versäuern.' Und sie spielten miteinander und eines hielt dabei das andere von dessen Vater ab. Als es dann bei fortwährendem und stets waghalsigerem Spiel einmal einen Unfall gab, da freilich musste der Vater kommen. Er trug drei verletzte Kinder davon und sie kamen ins Spital. Dort erlebten sie unruhige Zeiten. Denn es waren Knochenbrüche komplizierterer Art auszuheilen, und grosse Schürfwunden frassen mit ihrem brennenden Schmerz tief in ihre Seelen, sodass ihnen Essen und Trinken nicht mehr schmeckte und ihnen vorkam, wie fader Schweinefrass. Und die starre, tote Ruhe ihrer eingegipsten Glieder war so grässlich, dass sie sich in ihren Gipsverbänden wie bereits im Grabe vorkamen und verzweifelten ob der Unmöglichkeit, sich rühren zu können, wie es dem Bedürfnisse ihrer Seele und zeitweise auch ihres Leibes entsprochen hätte. Als sie geheilt waren und jedes nach seinem Zuhause gehen konnte, da kam der eine, abgemagert bis zum Skelett, zu seinem Vater heim. Seine Glieder waren zwar nun wieder frei, aber er hatte zufolge der langen Ruhe keine Kraft mehr in ihnen und seine Muskeln waren bis auf ein Minimum geschwunden. Der Vater freute sich dennoch mächtig, aber der Knabe war in sich zerknirscht und sagte zum Vater, wenn ich nur wenigstens wieder hier zu Hause bei dir, lieber Vater, in meinem Bette liegen darf – anstatt in einem mir fremden Spital – und du nur wenigstens am Abend nach deiner Arbeit zu mir kommen und mir ein gütiges Wort geben möchtest, so bin ich glücklicher, als ich je war. Diese Rede erfreute den Vater tief, und er hatte über dieses wiedergefundene Kind eine grosse Freude, weil es ihm zugänglich ward. –

Damit haben Sie", fuhr der Naturarzt in seiner Rede fort, "zwar fast das Gleichnis des verlorenen Sohnes. Aber Sie haben dazu auch noch gerade den Grund dafür ersehen, wie und weshalb es zu diesem Drama in der Menschheitsgeschichte stets von neuem kommen muss. Es ist der Verstand nämlich die Amme, und die Auslegung der Bibeltexte aus dem Verstande ist die fade Ammenmilch, welche den Vater zu einem nicht aushaltbaren Unding verkommen lässt, während doch dieselben Worte in der liebeerfüllten Tat des andern zu einer grossen Erkenntnis und Erleuchtung über die wahre Grösse des Vaters führte, die sich von den Menschen nicht erzürnen lässt, die aber wohl die Menschen erzürnen machen kann, sodass sie dann nach ihrem (Un-) Fall die Korrektionen als Hölle und Zorn empfinden müssen – was sie in Tat und Wahrheit zwar oft auch sind, jedoch nicht Zorn Gottes, sondern Zorn seiner Kinder gegen das noch wirksame Gute in ihnen, das sie korrigieren will. Sehen Sie, es war ja die Schlange schon bei Adam bedacht, ihn über seinen Verstand zu packen und zu verführen.

So ist auch eine jede Krankheit ein "Wort Gottes", wenn es schon heisst, dass alles was gemacht ist, aus dem Worte Gottes gemacht sei (Joh. 1, 5) – also auch die Einrichtung des Leibesorganismus, der bei Fehlverhalten krank werden muss, um die Seele etwas "handgreiflicher" auf die Ordnung Gottes aufmerksam werden zu lassen. Und wir Ärzte täten gut daran, dieses Wort Gottes mit unserer Herzen Liebe und aller Tat daraus auszulegen, anstatt mit unserm Verstande daran herumzukritteln, die Lage des Patienten verbessern wollend, ohne vorher seines Herzens Kräfte, durch die Lenkung in die richtige Richtung hin, zu verbessern." – –

"Wenn ich Ihnen so zuhöre, lieber Herr Kollege", sagte nach einer kurzen Zeit der Fassung der Arzt auf die Rede des Naturarztes, "so weiss ich manchmal wirklich nicht, sind Sie Arzt oder Seelsorger. Ich weiss schon, dass Sie beides sind – und auch beides sein wollen und sein müssen – nach der Art, wie Sie die Dinge sehen. Aber manchmal bin ich während Ihres Sprechens versucht gewesen, zu denken, dass Sie eine förmliche Verhandwerklichung des Glaubens betreiben – alles darin Vorkommende wie ein Werkzeug gebrauchend. Und ich fragte mich, ob das wohl angängig sei, weil ich noch nie so etwas sah, und weil es mir deshalb auch nie hätte in den Sinn kommen können. Ich sehe wohl die Erfolge Ihrer Arbeit an den Patienten, und diesen nach zu schliessen, ist Ihre Praktik gut, ja sehr gut. Aber ich werde mir dabei dennoch nicht so recht bewusst, ob dieses Vorgehen dem Glauben nicht abträglich sei. Wohl entnehme ich aus allen Ihren Reden, dass es im Gegenteil den Glauben bestärke, und dass ja die Tätigkeit nach dem Glauben diesen erst rechtfertige durch die Erkenntnisse – als Frucht – aus eben dieser Tätigkeit. Und dennoch – das Grosse, das Erhabene und das einem durch Mark und Bein Gehende, tief Berührende, das ich in allen Glaubensgemeinschaften, mit denen ich schon in Kontakt war, gefunden hatte, das scheinen Sie nicht zu haben bei Ihrer Verhandwerklichung. Und ich fragte mich deshalb, ob Sie da nicht so etwas tun, wie den Baum schlagen, um daraus Holz zum Baue eines Hauses zu gewinnen aber dabei den Wald zerstören – also den Glauben zu sehr hinabziehen in die menschliche Tätigkeit. Aber mit diesen schönen, und mich selbst äusserst tief berührenden Gleichnissen, haben Sie mir gezeigt, dass Sie auch wohl verstehen die Bäume aufzuforsten, sie nicht nur zu schlagen; und dass Sie vielleicht sogar nie einen grünen Baum gefällt haben, sondern einen reifen nur, der altershalber ohnehin nur mehr Holz statt Baum war. Wie hat mich doch dies Bild berührt, meine innerste und aller innigste Liebe geweckt, mich Gott so nahe gebracht wie beinahe keine Bibellektüre. Und wie haben Sie damit auch meine Begriffe über das Wort Gottes vertieft und bereichert dadurch, dass Sie alles Seiende ganz richtig nach dem Anfang des Johannes Evangeliums als Gottes Wort darstellten, inklusive die Krankheit, welche Sie bereits mehrmals als eine Folge der Unaufmerksamkeit und des Ungehorsams gegenüber der göttlichen Ordnung dargestellt haben, zuletzt gerade wieder bei der Erklärung des Gleichnisses. Nur verdächtigen Sie dabei in einem fort den Verstand oder setzen zumindest die Liebe weit über denselben. Natürlich bin ich als Wissenschafter ein Kind des Verstandes, und dennoch – ich frage mich, ist denn das zulässig, wir haben ihn doch auch vom Schöpfer erhalten?" – 

"Da haben Sie ganz Recht", antwortete der andere, "aber damit, dass wir etwas, das wir vom Schöpfer erhalten haben, gebrauchen, besteht noch lange nicht die Gewähr, dass wir es auch recht und richtig gebrauchen. Sehen Sie, unsere leibliche Speise, die wir täglich von unserem Vater im Himmel erhalten, wäre eigentlich auch nur zur Sättigung und Stärkung unseres Leibesorganismus gedacht. Wie viele aber gibt es heutzutage, welche die Speise immer noch bloss nur als das verstehen? Alle andern dienen mit dem übermässigen Genuss von Speise nur der Befriedigung ihres sinnlichen Gefühles, das uns zwar wohl besser als der Verstand zu zeigen versteht, dass wir Nahrung brauchen, das aber, wenn es selbständig zu fordern beginnt, ebenso überbordet wie der Verstand, wenn es auch der Liebe näher steht als dieser. Der überwiegende Teil der vielen Krankheiten hat ja seinen Grund just im Missbrauch der Speise, die zum Gaumenkitzel viel eher verwendet wird als zur Sättigung. Darüber hinaus werden heute so viele Dinge als Speise betrachtet, die im eigentlichen Sinne nicht als Speise für den Menschen gedacht sind. Aber auch dasjenige, das als Speise gelten kann, wird auf alle Arten verkünstelt und denaturiert, sodass unser Organismus durch sie, anstatt einfache und gesunde Bausteine, komplizierte und nutzlose Gebilde erhält, die ihn nur verwirren und deren endliche Beseitigung ihn stark belasten. All der darauf folgenden Medizinen nicht zu gedenken, die dem Organismus dabei behilflich sein sollten, ihn aber mehr reizen als unterstützen. Ebenso verhält es sich mit der Kleidung, die der Mensch zur Verherrlichung seiner selbst missbraucht, anstatt darauf zu achten, dass diese dem Schutzbedürfnis des Körpers voll entspricht. Auch dabei hat das Selbstgefühl, als ein lebendiges Angehör der sich selbst bewussten Liebe einen grösseren Gewichtsanteil als der Verstand und betreibt dadurch Missbrauch an dem von Gott Erhaltenen. Und beim Geschlechts- oder Fortpflanzungstrieb ist es wieder das sinnliche Gefühl als ein Lebensbestandteil der Liebe, das diese Tätigkeit zu nichts als zu Spielereien und Belustigungen nützt. Und findet schon einmal unbeabsichtigt eine Fortpflanzung dabei statt, so verhindert diese der Verstand durch eine Abtreibung. In diesem Sinne bilden der Verstand und das der Liebe und dem Leben angehörende Gefühl ein Paar. Jedes für sich vermag das andere zu überwinden und in seinen Bann zu ziehen. Beide müssten aber durch ihr gegenseitiges Gleich-gewicht die Liebe des Menschen erleuchtet halten und sie veredeln. Wird aber das eine oder andere nur sich selbst dienend, so wird es dann auch die Liebe des Menschen. Und diese wird dann ihre beiden Mittel – Verstand und Gefühl – einseitig nur zum Dienste an sich selbst benützen, anstatt dadurch zum Dienste an Gott, dass beide sich korrigierend ergänzen und der Seele dabei den richtigen Weg beleuchten, sodass sie sich recht, also im Sinne und der Absicht Gottes entwickeln kann.

Also kann der Mensch alles, was er von Gott erhalten hat, Verstand und Gefühl, wie auch alle äusseren materiellen Mittel missbrauchen zum Dienste seiner momentanen materiellen Wohlfahrt, anstatt sie zum Dienste an der Ordnung Gottes zu verwenden, die eine Vervollkommnung alles Seienden vorsieht. Den Verstand hat der Mensch zu seiner Forterhaltung in seiner leiblichen Sphäre erhalten, weil ihm der Instinkt des Tieres benommen ward, damit er eben zu einem freien und von Gott völlig getrennten Wesen werden kann, das dann Gott wie ausserhalb seiner selbst zu erkennen beginnt und durch seine Liebe sich ihm freiwillig anschliesst, wie das Weib dem Manne, der seiner Liebe entspricht.

Aber stattdessen treibt der Mensch allerlei Spielerei mit seinem Verstande; nicht bloss mit Kreuzworträtseln, die wir früher einmal als faule Nahrung des Geistes betrachtet haben, sondern auch damit, dass er mit seiner Hilfe neue Systeme ausheckt, die dann ihm selber dienen, anstatt dass er Gott dient durch seine Vervollkommnung – etwa so, wie das erste der beiden im Gleichnisse dargestellten Kinder, als es seinem Vater liebeandächtig bei seiner Arbeit zuschaute. Dabei half ihm dann der Verstand, die Werke und das Vorgehen seines Vaters zu begreifen und trieb damit seine Liebe stets mehr dazu, sich ganz dem Vater hinzugeben.

Aber statt der Liebe aufzuhelfen, das Richtige zu finden und festzuhalten, führt der Verstand die Liebe normalerweise in allerlei Vorstellungen, die der Trägheit der Seele behagen müssen und politisiert sich damit ein Weltbild zusammen, das die Liebe der andern und damit auch die Ordnung Gottes oft mit Füssen tritt. – – Sie sehen, ich habe nichts gegen die richtige Verwendung des Verstandes einzuwenden und noch weniger gegen den Verstand selbst, aber umso mehr gegen seinen Missbrauch durch den Menschen. Der Verstand kann Dinge wahrnehmen, wie das Gefühl seinerseits auch, aber ein jedes der beiden auf seine eigene Weise. Deshalb sollen wir sie nicht als Gegensätze betrachten, sondern als Ergänzung des vom Schöpfer geflissentlich unfertig gelassenen Menschen, damit sich dieser als sich frei entscheidendes Wesen zu Gott wenden kann und nicht – wie das Tier – ewig von der Allmacht Gottes getrieben wird. In diesem Sinne also sind sich Verstand und Gefühl gleich. Durch beide kann die Seele Fremdes in sich aufnehmen, und sich dabei vervollkommnen. Gefühl und Verstand bilden zusammen also ein Paar, wie etwa unsere beiden Arme und Hände, linke und rechte. Diese sind als Paar zwar gleichsinnig zu unserem Herzen, indem wir mit ihnen nur dasjenige erfassen, das wir zuvor mit unserem Herzen erfasst haben. Wenn wir jedoch mit der einen Hand ein Werkstück erfassen, um es weiter zu bearbeiten, und mit der andern – mit oder ohne Werkzeug – die Bearbeitung vornehmen, sind sie dann nicht gegensätzlich, indem die eine – das Werkstück Haltende – die Ruhe garantieren muss, und die andere – bearbeitende – die Bewegung, in welcher alleine die verändernde Kraft der Bearbeitung liegt? Oder: wenn wir einen uns allerliebsten Menschen mit unseren Armen erfassen und gegen unser Herz drücken, sind dann die Arme – trotz der Gleichsinnigkeit mit dem Herzen in ihrem Wollen – nicht Gegensätze zu unserer Brust, im äussern, physikalischen Handeln; und wären sie es nicht, wie möglich könnten sie zu dem in unserer Brust dem geliebten Menschen entgegenpochenden Herzen einen entgegen gesetzten Druck bewirken? Würden sie nämlich dem Geliebten ebenso entgegenstreben, wie das Herz in der Brust, so würden sie ihn ja von sich schieben; sie müssen aber – gegensätzlich zu unserem Herzen – den geliebten Gegenstand dem auf ihn zudrängenden Herzen entgegen halten. Das Äussere muss also unserm Innern entgegengesetzt sein, will es unser Innerstes verdeutlichen. Wie gross auch die Liebe eines Menschen sein mag, sie wird ihre Grösse nach aussen sichtbar nur dann so richtig verdeutlichen können, wenn der von ihr geliebte Gegenstand von ihr hinweg – nach aussen, ins äussere materielle – strebt. Die unermessliche Liebe Gottes beispielsweise kann in keinem Verhältnis der Himmel so drastisch dargestellt werden (wohl aber sicher empfunden werden), wie im Verhältnis und Gleichnis des verlorenen Sohnes. Es braucht also alle äussere Erkenntnis den Gegensatz – die innere Wahrnehmung aber braucht ihn nicht. Da wir mit dem Intellekt nur die Grenze der Kräfte zu ermessen vermögen, aber nicht die Kräfte selbst, so braucht er stets den Gegensatz als Grenze oder Begrenzung einer Kraft zu seiner Erkenntnis. Mit dem Gefühl hingegen erfassen wir die Kraft selbst, haben allerdings anderseits keine Möglichkeit zur Darstellung dieser Kraft nach aussen hin. Wie unendlich tief muss doch der schuldbewusst heimkehrende, verlorene Sohn von der Liebe seines ihm entgegeneilenden Vaters berührt worden sein, aber wie unendlich hart musste er auch die äusserste Grenze zuvor erfahren, welche die weiteste Entfernung von seinem Vater noch zuliess, ohne das Leben dabei zu verlieren! Aber wie wenig erkannte der daheim gebliebene Sohn dafür die Stärke der Liebe seines Vaters! Wie wertvoll war also die äussere Erfahrung der Grenze – zwar noch immer nicht der Liebe des Vaters, aber doch der eigenen Widerspenstigkeit. Es ist die teuerste und heiligste Erfahrung, die vor allem mit dem Intellekt ermessen werden kann. Und wie klein dagegen die Erfahrung oder auch Erkenntnis der Liebe seines Vaters beim daheim verbliebenen Sohne! Wohl nicht zuletzt deshalb steht in derselben Schrift, dass im Himmel über einen reuig heimkehrenden Sünder grössere Freude herrsche, als über 99 Gerechte (Lukas 15, 7).

Aber nun eine andere Frage: Wäre es nicht vorstellbar, dass ein äusserst Verliebter in seiner grossen Bewunderung über seinen geliebten Gegenstand in seinem Gefühle alle Möglichkeiten ausschöpfte, die grosse Liebe seines Gegenübers ganz erfassen zu können, und würde er nicht bald und leicht dabei noch weit über die Grenzen der Erfahrung des verlorenen Sohnes hinaus die Kraft der Liebe seines Geliebten entdecken, wenn er nur gerade in den "Rechten" verliebt ist. Wäre er nicht noch weit mehr durchdrungen von dieser über alles Aussprechbare erhabenen Liebe, als der der Grenze gewahr werdende Intellekt? Ist eine Kraft nicht grösser und reicher, als die Summe aller aus ihr möglich resultierenden Erscheinungen? Also können wir mit dem durch Begrenzungen erkennenden Intellekt und seiner Wissenschaft die Wahrheit einer Kraft nur in dem Bereiche der Erscheinlichkeit ermessen, oder die Art und das Wesen einer Kraft nur aus und in ihrer Wirkung, während das Gefühl die ganze Kraft wahrzunehmen vermag, ohne sich der möglichen Wirkungen voll und ganz bewusst werden zu müssen und vielleicht auch nicht zu können. Darum auch ist die grosse und heftige Liebe stumm, und der so Verliebte vermag nichts zu sprechen. Erst in ihrer Milderung ist eine Begrenzung in Worte wieder möglich. Deshalb auch kann ja das Himmelreich (der Liebe) nur in entsprechenden Bildern wiedergegeben werden und es heisst ausdrücklich, dass es nicht mit äusserlicher Gebärde komme (Lukas 17, 20 und 21). Wie kam es doch dem zurückkehrenden Sohne entgegen? Als schlichter Mensch! Menschen kamen ihm doch aber auch in der Fremde entgegen, viele sogar; der Unterschied liegt im Innern, in der Kraft. Gewiss könnte man einwenden, dass das letztere ein biblisches Beispiel sei. Aber eigentlich ist es nur das Menschlichste, das sich bei jedem wahrhaft liebenden Ehepaare wieder finden lassen müsste – wenn auch dort nicht im Unermesslichen, Unerfassbaren der Vollkommenheit und deshalb auch nicht in reiner Form, so doch in der Wärme aller Menschlichkeit. In reiner Form, aber nicht so menschlich warm, wäre die Erklärung am Beispiel eines Stabmagneten, wie ihn die Magnetnadel des Kompasses darstellt. Sie ist so klein und erfasst dennoch die magnetischen Kraftverhältnisse der ganzen Erde. Sie "weiss" um alles – dank ihrer innern Kraft. Sie ist im "Gefühl" ihrer eigenen innern Kraft der grossen Kraft zugänglich, weil wesensverwandt; und nur ihrer äusserst begrenzten Form zufolge macht sie dem menschlichen Intellekt diese gewaltige Kraft und ihre Richtung erscheinlich. Sie zeigt allerdings nur den Kraftverlauf an. Das innere Wesen dieser Kraft aber kann sie unserem Intellekt nicht erfahrbar machen, das nehmen wir nur mit dem Gefühl wahr, wenn wir ein dieser Kraft verwandtes Medium (Eisen) in der Hand halten und uns damit dieser Kraft in der Nadel nähern. Das feine, ja feinste Ziehen und die immense Steigerung dieser Kraftäusserung bei der Annäherung lassen uns dasselbe fühlen, was die Liebe fühlt bei der Begegnung mit Liebe. Und das ist es wohl, das Sie so unmittelbar berührt bei unserem Gespräch, weil normalerweise der Mensch nicht zulässt, dass sich diese Kraft so direkt und rein äussern kann, weil er sich ihrer erstens schämt, da sie ihn als ein von seinem Ursprunge von Gott – Gott ist Liebe – ausgehendes Zweites oder Geschaffenes erscheinen lässt und ihn zugleich der Brutalität eines toten, weil von der Liebe getrennten Verstandes seiner Nächsten aussetzt. Etwa so, wie das zweite Kind im Gleichnisse, das seinen Kameraden von der Liebe zu seinem Vater erzählt hatte, von diesen verlacht wurde." – –

Aber auch mit dieser tiefen Beurteilung über das menschliche Wesen waren die beiden wohl noch nicht zum Ende ihrer Unterredung gekommen. Aber der Fragende zum Ende seiner Fassungskraft, sodass er sogar vorschlug, nun eine kleine Pause einzulegen, was der Naturarzt gut verstehen konnte und ihm sogar beipflichtete, indem er sagte, dass allzu viel Speise auf einmal weder dem Geiste noch dem Leibe gut und nützlich sei, da sie den Organismus überfordere, dass aber vielleicht ein ganz kleiner Imbiss – wenn auch zu so später Stunde; es war bereits einiges über Mitternacht hinaus – die beste Möglichkeit darstelle, das Gehörte und Vernommene ein wenig ruhen und sich festigen zu lassen, ohne dass das angeregte, herzliche und offene Zusammensein allzu abrupt aufhören müsse. Das war dem Gaste recht, denn er war zu Fuss gekommen und hatte noch 10 bis 15 Minuten zu gehen, ehe er sich zu Hause ausruhen konnte.

Der Imbiss bestand aus einem ganz leichten Gebäck, das die Gattin des Naturarztes als leichtbekömmlichen "Zustupf" öfter buk, wenn sie wusste, dass ihr Mann längeren Besuch hatte. Das kam dem Gaste sehr gelegen, da er keiner war, der auf die Nacht hin seinen Magen zu füllen gewohnt oder gar gewillt war, der aber immerhin nach einem so anregenden Gespräch dennoch einen respektablen Appetit in sich verspürte.

Als er dann eine halbe Stunde später – vom Naturarzt am Gartentor herzlich verabschiedet – auf dem Heimweg war, da hatte er das Gefühl, den Abend in einer grossen Gesellschaft verbracht zu haben, deren Mitglieder alle äusserst freundlich und liebevoll sich gegenseitig unterstützten und deren Freude und Heiterkeit ein tiefer innerer Ernst zu Grund lag. Ja er hatte gar das Gefühl, als würden ihn viele auf seinem kurzen Heimweg begleiten und würden dabei weiter mit ihm über dasjenige sprechen, was er alles vernommen hatte. Ja, er hatte sogar ein Gefühl, als wollten diese alle mit ihm nach Hause ziehen, um ihm bei der Anwendung des Vernommenen in seiner Praxis behilflich sein zu können.

"Wie merkwürdig doch die Gedanken auf meine Gefühle sich auswirken", dachte er bei sich, indem er sich klar wurde, dass nicht etwa Alkohol eine solche Vortäuschung in ihm bewirken konnte, da er während des Gespräches nur ein Tafelwasser konsumiert hatte, welches ihm sein Gastgeber schon zu Beginn ihrer Begegnung angeboten hatte. Oder war es das gegenseitige Versprechen beim Abschied, sich bald wieder zu sehen, um die übrig gebliebenen oder neu sich abzeichnenden noch offenen Fragen ebenfalls miteinander zu erörtern, welches in ihm das Gefühl der Umgebung einer äusserst lebendigen und ihm freundlich zugeneigten Gesellschaft aufkommen liess? Er wusste es nicht. Aber eines begann er zu empfinden: Hätte er diesen starken Nachhall nicht in seinem Gefühle, er wäre sich wie verloren und verlassen vorgekommen nach all dem gedanklichen Reichtum den er soeben genossen hatte und dem er nun in sich selbst gegenüberstand. Denn so etwas hatte er noch nie erlebt. Nicht ein einziges Mal hatte sein Gastgeber Mühe gehabt, eine Antwort auf seine Fragen oder Bedenken zu finden. Er redete in einem fort, präzis auf seine Probleme eingehend, so als sähe er sie und die sie umgebende Wirklichkeit geradezu. Nie zitierte er in seiner Antwort andere, ausser die Worte der Bibel, die er allerdings anders verstand als er, der doch in einer christlichen Gemeinschaft gross geworden war. Der sie so verstand, begriff und auch gebrauchte wie ein geschickter Handwerker sein Werkzeug. – Ja; das war es! Ihn dünkte der Naturarzt hätte nicht geredet, sondern konstant gearbeitet, gearbeitet an der äusserst klaren Darstellung der innern Verhältnisse, aber auch gearbeitet an seinem Wesen. Es kam ihm vor, er hätte ihn sanft massiert oder gar gehen und steigen gelernt; er hätte ihn bei seiner Hand genommen und gesagt: komme mit mir, der Weg ist nicht so schrecklich schwierig und gefährlich, wie er dir vorkommen mag. Ja, so etwa war das Erlebnis! Noch nie hatte ein Gespräch einen solch erlebnishaften Eindruck auf ihn gemacht. Noch nie hatte er in eine solche Fülle gesehen. Nicht Gedankenfülle war es aber, sondern eine Fülle des Verständnisses, Fülle der Liebe und des Entgegenkommens. Wie hatte er doch so ungeheuer treffend die innere Situation seiner höchst eigenen Liebe dargestellt und charakterisiert, die nur halb an seinem Beruf hänge. Und wie hat er diese Liebe eingeführt zu Gott an dem er, der Arzt, mehr gehangen zu sein schien, als er bis dahin glaubte, ohne dass er bisher allerdings etwas davon für sich gewinnen konnte, bis zu diesem Gespräche heute Abend. Erst da hatte ihm der andere das bis dahin ungeschickt gehaltene Werkzeug – das Wort Gottes – aus der Hand genommen und es ihm neu so in seine Hände gegeben, dass sich mit ihm auch wirklich arbeiten lässt, dass sich mit ihm etwas entstehen machen und bilden lässt, eben das Reich Gottes. Oh wie arm sind doch alle Theorie – und alle Auslegung des Wortes aus dieser – und wie reich dagegen die Tätigkeit und Praxis aus und mit diesem Worte!

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3. KAPITEL


LEBEN NACH DEM TODE, ODER:
WIE SICH DAS LEBEN OHNE LEIB GESTALTEN KANN

Auch am Morgen, nach dem nur kurzen Schlaf, verliess den Arzt das Gefühl der Gemeinschaft mit vielen andern Gleichgesinnten nicht, das ihn auf dem gestrigen Heimweg so beseligt hatte; und er genoss den herrlichen Morgen, der ihm alles zu erschliessen zu versprechen schien. Erst, als er an seine eigene Praxis zu denken anfing, die heute um neun Uhr begann, da fing ihn der Alltag und seine noch ungelenke Art, sich mit ihm auseinanderzusetzen, zu beengen an. Aber die ersten beiden Patienten mussten wohl dennoch etwas von seinen Gefühlen mitbekommen haben. Der eine jedenfalls, ein etwas nörgelnder Mann Mitte der Vierziger, sagte ihm ein warmes Dankeschön am Ende der Behandlung, was er noch nie getan hatte. Und auch der andere schien in einer gelösteren Stimmung die Praxis zu verlassen, als in welcher er sie zuvor betreten hatte. Danach hatte er bloss einen administrativen Fall, wie er sie nannte. Es ging dabei bloss um ein Zeugnis, das auszustellen war. Aber gegen elf Uhr zeigte sich dann ein Fall, bei dem er erst so richtig gewahr wurde, wie arm seine Sicht der Dinge wohl sein musste gegenüber jener des gestern besuchten Kollegen. Da kam ein Mädchen von 19 Jahren zu ihm, das er kannte, und das sich beim Geschlechtsverkehr angesteckt hatte, wenn auch nicht mit dem Schlimmsten. Dafür war ein Antibiotikum das richtige Mittel, nebst der fernern Überwachung aller sich etwa noch zeigenden Symptome. "Aber eben, das ist ja nur die halbe Sicht der Dinge. Da fängt ja eben das Flicken der Karosserie an", dachte er. "Es müsste ja nicht so weit kommen." – Und dasselbe befand auch das Mädchen selber, das ihm klagte, dass es einfach nicht möglich sei, seinen Freund dazu zu bringen, ein Präservativ zu benutzen; er antworte ihm darauf stets, dass es nicht dasselbe Erlebnis sei, mit einem solchen Verhütungs-mittel, wie ohne dasselbe. Und das Mädchen fragte seinen Arzt darauf, ob denn das wohl wirklich stimme. Wohl bejahte ihm dieser seine Frage, indem er sagte, dass es natürlich schon etwas an sich habe, aber dass doch anderseits der Mann seine Verantwortung gegenüber der Frau auch wahrnehmen müsse, wenn er sie achte und liebe; und dass sie ihm das ruhig auch einmal sagen könne. In dieser Art redete er gut fünf oder auch zehn Minuten lang. Aber er empfand dabei, dass er eigentlich nicht mehr dazu sagen konnte, als was er schon zu Beginn gesagt hatte, und vor allem auch nicht viel mehr, als sich das Mädchen etwa selber auch ausdenken konnte. Und dabei spürte er stark seine ungelenke Art aus der etwas erstarrten Förmlichkeit heraus und die daraus resultierende Leere seines Gemütes von guten Bildern über die Lebensentwicklung – im Gegensatz zu der Überfülle seines Kollegen, die ihm gestern Abend entgegengeströmt war. Als das Mädchen die Praxis verliess, nahm er sich zuerst etwas Zeit, sich über die soeben gehabte Aussprache – im Vergleiche zu dem, was er gestern Abend alles vernommen hatte – Gedanken zu machen und seine dabei aufkommenden, entgegengesetzten Gefühle etwas zu analysieren. Dabei kam er bald einmal zur Einsicht, dass die Gefühle, die seine Antwort an das Mädchen in ihm selber erweckt hatten, sehr jenen Gefühlen ähnelten, die er auch im religiösen Bereich oft empfand: Da war einerseits die Lust, etwas zu tun, und anderseits das Verbot oder Gebot, es zu unterlassen oder wenigstens auf eine weniger lustvolle Art zu tun. Wenn ihn beispielsweise an einem Sonntag das schöne Wetter hinauslockte in die Natur, und er sich jeweils selber sagen musste: 'Du musst dem Worte und dem Anliegen Gottes stets mehr und zuerst Gehör geben, vor der Lust deiner Gefühle', so war doch Gott eben stets gegen die Lust. Denn er musste dann zuerst zur Predigt, und erst danach, wenn das herrliche Erwachen in der Natur bereits vorüber war, und schon die Wärme oder gar Hitze des Tages den Wandernden bedrückte, konnte er seine Lust befriedigen, aber eben: nicht mehr voll und ganz. Und so gesehen war, ist und bleibt Gott stets das Gegenteil von Lust. Man musste sich beschränken, nüchtern sein und bleiben, stets ernst und gerecht sein in allen Handlungen, und an Freude und Lust lieber gar nicht denken, sondern besser an die Pflicht. Bei solchen Gedanken verspürte er den ganzen Druck all seiner bisherigen Jahre und empfand, als Gegenteil davon, die Leichtigkeit und Lust, die er beim gestrigen Gespräch empfand, das so frei und lustvoll sich durch alle Gebiete des Lebens hindurch bewegt hatte, mit einer Selbstverständlichkeit, ja mit einer Natürlichkeit, die einen glauben machen konnte, Theorie sei nur etwas für finstere Grübler. Er begann den Unterschied zwischen ihm – und wohl allen seinesgleichen, soweit sie überhaupt einen Ernst hatten – und dem Naturarzt in seiner ganzen Tragweite zu empfinden und zu spüren. Und dennoch musste er sich eingestehen, dass trotz aller Lust der Befreiung beim gestrigen Gespräch der Ernst auf der Seite seines Kollegen durchaus nicht gefehlt hatte, sondern dass dieser im Gegenteil seine Worte oft so genau bemessen hatte, dass man förmlich zu fühlen glaubte, was für ein ungemeines Gewicht er jedem beimass. Bei diesem Eingehen und Analysieren seiner Gefühle verliess ihn mehr und mehr all die lustvolle Freiheit und das Gefühl einer wohltuenden Gesellschaft um sich herum so sehr, dass er den Druck seines gewöhnlichen Alltages stark zu empfinden begann. Dabei hatte er ja als Arzt nicht versagt! Er hatte die Karosserie geflickt. –  War das etwa einer jener Fälle, wo der Naturarzt sagte, dass vor einer jeden Reparatur zuerst die Fahrweise zu ändern sei?

Er musste unbedingt den nächsten Patienten bitten lassen, denn die Zeit drängte schon ein wenig. Aber das nahm er sich vor, präzis diesen Fall seinem Kollegen vorzulegen. Irgendwie war er sogar froh, ihn gerade heute erlebt zu haben, um sich des Gegensatzes zu dem Vernommenen so recht bewusst zu werden. Die restlichen Fälle des Morgens waren wieder einfacherer Natur, und der Druck des Ungelösten lastete infolgedessen nicht mehr so schwer auf dem Gemüte des Arztes. Auch nachmittags ging alles mehr oder weniger gut vonstatten, bis dann gegen fünf Uhr noch ein junger Mann zu ihm kam, den er nicht kannte, und der ihm mitteilte, dass er von der Blutspende her den Bescheid erhalten habe, dass er HIV-positiv sei. Und dabei brach er in Tränen aus und sagte: "All meine Hoffnungen und Ziele sind damit begraben! Es ist ein Jammer! Ich bin an allem selber schuld! Aids ist eine Strafe Gottes, habe ich einmal gehört. Wie denken Sie darüber?  Ja, – ja, es muss sicher eine Strafe Gottes sein?!" – Der Arzt tat, was er in einem solchen Falle tun konnte: Er beschwichtigte seinen Patienten mit der Feststellung, dass noch lange nicht alle HIV-Positiven am Ende Aids-krank würden, und dass zu überstürztes Sich-Gehen- oder Sich-Fallen-Lassen gerade das Verkehrte von dem sei, was ein HIV-positiver tun könne. Vielmehr sei eine Besinnung und Neuorientierung notwendig. Auch ein fortan ausgeglicheneres Leben würde viel dazu beitragen, den Krankheitsausbruch zu verhindern oder doch wenigstens zu verzögern – – und so weiter und so fort. Aber die Frage, ob es sich dabei um eine Strafe Gottes handle, war damit nicht beantwortet; und dennoch spürte er genau, dass diese seinem Patienten am meisten auf seiner Seele lag. Wenn er sich diesmal auch noch ganz gut beruhigen liess – so war sich der Arzt gewiss – so wird diese Frage ihn stets von neuem beunruhigen und plagen, sodass vor der Lösung dieser Frage aller Zuspruch und Hinweis auf Besinnung und Neuorientierung überflüssig sei, denn zur Neuorientierung gehört ja eben das Erkennen des Gegenwärtigen, und dazu muss diese Frage erst gelöst sein für jenen, der sie für sich aufgeworfen hat und damit deren Beantwortung zur Grundlage seiner Neuorientierung machen will. Die Frage selbst ihm ausreden zu wollen, hat keinen Sinn, denn sie erhebt sich ja nur in solchen Gemütern, die ihre Gewichtigkeit empfinden, und die deshalb nicht um sie herum kommen. Natürlich, den Wissenschafter im Arzte kümmert sie nicht, der beschränkt sich auf die Behandlung des Leibes. Aber insoweit er das Hereinragen des seelischen Erlebens in das Geschehen des Leibes als relevant erkennt, müsste eigentlich auch der Wissenschafter bemüht sein, diese zur Verbesserung des körperlichen Zustandes notwendige Handlung vornehmen zu können. Als gläubiger Christ jedoch musste er gerade eben solche Fragen beantworten können. Aber da in der Bibel, als für die meisten Christen einziges Wort Gottes, weder über die Krankheit als Strafe Gottes und noch weniger über Aids etwas geschrieben steht, so lässt sich für diese Art von Christen eben nicht so leicht eine hieb- und stichfeste Antwort finden. Dass die Prophetie aber weitergehen könnte, wie sie seit Adam ununterbrochen stattgefunden hatte bis zu Christus, und darüber hinaus sogar bis Paulus und Johannes, das kommt den meisten der Buchstabenchristen nicht in den Sinn. Ja, schlimmer noch, sie finden das gar nicht notwendig. Und so blieb eben auch dem Christen im Arzt keine Möglichkeit übrig, diese Frage befriedigend zu lösen und damit dem Patienten zu helfen, der diese Hilfe dringend gebraucht hätte. – Wieder fühlte der Arzt die Leere noch so gehäuften menschlichen Wissens gegenüber der Fülle, die aus der Liebe quillt, so wie er es gestern Abend erlebt hatte. Dieser Tag schien dem Arzt die Länge und das Gewicht einer Woche oder gar bald eines Jahres zu haben – durch die Schwere der Gegensätzlichkeit zu seinem gestrigen Erlebnis bedingt.

Es war der zweitletzte Fall, sodass er wenigstens bald – nach einem weitern, routinemässigen Kontrollfall – seine Praxistätigkeit für diesen Tag beenden konnte. Aber er verspürte nun so etwas wie ein Testmaterial in den beiden Fällen dieses Tages, mit dem sich ermitteln liess, ob und wie der Kollege damit fertig werde. Dann allerdings würde er das Gefühl des Umgebenseins von Guten und Gleichgesinnten, das er gestern Abend auf dem Heimweg und heute Morgen noch während der ersten Fälle der Praxis empfunden hatte, gut verstehen. Es müsste dann die Unzahl der guten Gedanken sein, die ein solches Gefühl im Menschen erwecken können und ihm zugleich die Möglichkeit geben, auf alles nur erdenklich Mögliche sogleich die richtige Antwort zu finden – so dachte er. Am liebsten wäre es ihm gewesen, er hätte heute noch, oder doch wenigstens übermorgen, mit dem Naturarzt sprechen können; aber er wollte nicht den Anschein erwecken, er wisse nicht weiter, und wollte auch wieder nicht durch seine Aufdringlichkeit im Andern das Gefühl erwecken, als sei dieser für ihn so notwendig, dass es ohne ihn nicht gehe. Kurz, er wollte das Mass halten, und so vereinbarte er erst Ende der übernächsten Woche einen zweiten Termin mit seinem Kollegen. Bis dahin gewöhnte er sich auch wieder an seine eigene Art, die Dinge anzupacken. Wenngleich sie ihn manches Mal nicht befriedigen konnte, so war sie dennoch nicht mehr in so unmittelbarer Nähe des Erlebnisses des Gegensatzes zu ihr und verlor dadurch die Heftigkeit des Druckes auf sein Gemüt. Als aber der vereinbarte Zeitpunkt in die Nähe rückte, da begann in ihm dennoch eine Vorfreude zu erkeimen, wie sie sonst eher bei Kindern zuhause ist, die zum ersten Mal zu einer grösseren Veranstaltung gehen dürfen, wie etwa ein Theater oder ein Konzert.

Der Naturarzt hatte ihn auch diesmal warmherzig und freundschaftlich empfangen gehabt, wie einen, mit dem man schon viele schöne Erlebnisse geteilt hat, und hörte ihm nun aufmerksam zu, als er von seinen beiden Erlebnissen am Tage nach seinem ersten Besuche bei ihm berichtete, und sagte darauf etwa folgendes: "Gehen wir der Reihe nach und beginnen bei Ihrem ersten Fall, dem Mädchen mit seinem Problem des Schutzes und seiner Frage, ob ein Mann tatsächlich einen grossen Unterschied verspüre zwischen dem Verkehr mit einem Verhütungsmittel und jenem ohne. Und ich will, der Lebendigkeit wegen, meine Antwort so fassen, als ob gerade Sie selber das Mädchen wären, und so sage ich denn zu Ihnen, statt zu Ihrer Patientin: Das ist eine gute Frage, die Sie mir da stellen, weil sie Ihrer Meinung nach ja nur ein Mann beantworten kann. Aber gestatten Sie, dass ich Ihnen zuerst eine Vorfrage stelle. Sagen Sie mir, empfinden Sie es als einen Unterschied, ob Sie nur einen einzigen Bissen Brot essen, oder genau zwei Bissen? – Ich nehme an, das Fräulein hätte mich genauso verblüfft angeschaut wie Sie nun", sagte der Naturarzt etwas lächelnd zu seinem Kollegen, "aber dennoch müssen nun Sie selbst mir eine Antwort darauf geben, anstatt das Fräulein. Rücken Sie ohne Bedenken und herzhaft mit einer solchen heraus, ich kann alle gebrauchen." –

"Wenn ich hungrig bin, so empfinde ich keinen grossen Unterschied, es ist mir beides viel zu wenig", antwortete der Arzt anstelle der Patientin. –

"Und wenn sie satt sind?" fragte der Naturarzt weiter seine vom Arzt gespielte Patientin. – 

"Dann –, dann auch nicht", sagte dieser, "denn ob ich einen Bissen mehr oder weniger esse, macht das zu den vielen Bissen, die ich vorher schon verschlungen habe, auch nicht mehr viel aus." –

"Aber Sie sind sich doch bewusst, dass 2 das Doppelte von 1 ist?" vergewisserte sich der Naturarzt, was der Arzt anstelle der Patientin bejahte. –

"Gut denn, so kann ich es Ihnen anhand dieses Beispiels erklären, wie die Dinge stehen: Wenn Sie darauf achten, wie und was Ihr Mund tut, wenn Sie essen, so merken Sie, dass er doppelt so viel tut, wenn er zwei Bissen kaut, als wenn er bloss einen kaut. Wenn Sie aber darauf achten, ob Sie die Kost stärkt und Ihren Hunger stillt, so werden Sie weder den einen noch den andern Bissen empfinden, sondern erst deren gar manche, nach welchen Ihr Magen schon voller geworden ist und aus dem Reiz der Fülle heraus bereits sein Verdauungsgeschäft begonnen hat. Ist es aber etwas Gutes, das Sie essen, so kann selbstverständlich jeder Bissen seinen Reiz haben, besonders, wenn Sie schon eher gesättigt sind. Sobald Sie allerdings über Ihre Sättigung hinaus essen, so sündigen Sie erstens gegen das Gleichgewicht in Ihrem Körper und zweitens gegen das 10. Gebot, das da verlangt, dass man sich alles dessen nicht gelüsten lassen solle, was bereits dem Nächsten gehört. Und das ist ein jeder Bissen über Ihre Sättigung hinaus, solange in der übrigen Welt Hunger herrscht. Es ist denn auch der blosse Nervenkitzel der Geilheit, der nach solchen überzähligen guten Bissen verlangt! Ihr Leib hingegen verlangt nur nach Sättigung und Kräftigung. Und alles, was Sie über dessen Bedürfnis tun, das wird Ihren Leib, früher oder später, auf die eine oder andere Weise krank machen – freilich erst mit der Länge der Zeit – und würde dieses Krankwerden auch nur in einer immer grösser werdenden Trägheit bestehen. – Und genau so verhält es sich mit einem jeden Bedürfnis: Wenn Sie oder Ihr Freund das Bedürfnis nach der Nähe des andern empfinden, so gibt es unzählige Gelegenheiten, diese zu erfahren, und zwar in weit ausgeprägterem Masse, als beim Beischlaf möglich. Zum Beispiel dann, wenn der eine eine gute Idee oder Tat verwirklichen will, bei welchem Vorhaben der Mensch in der Welt – die voll Schlechtigkeit und voll Eigennutzes ist – stets Not leidet; da wird der treue Beistand des andern gerade eben dieser misslichen Situation wegen in viel grösserem Masse als Nähe und Wärme empfunden als beim übermütigen Beischlaf. Aber schon die volle Aufmerksamkeit für die Probleme des andern und eine warme Anteilnahme an ihrer Bewältigung lässt einen Menschen die Nähe des andern weit tiefer und besser empfinden als der Beischlaf. Dabei ist diese Nähe schon durch ihre Seltenheit weit köstlicher und auch kostbarer als aller nur allzu häufig gepflegter, leerer Beischlaf.

Ich setze aber den Fall, der eben durch eine solch tiefe Anteilnahme des andern über alle Massen Entzückte sucht in seiner aufwallenden Liebe und deren Gefühl mit dem Verlangen, dem Geliebten ebenfalls etwas Gutes zu tun, krampfhaft nach einer geeigneten Gelegenheit dazu, findet im Moment aber keine, und gerät durch die Miterregung seines Leibes in die Sehnsucht nach wenigstens leiblicher Vereinigung, bis eine bessere und hilfreichere andere Art des Ausgleichen-Könnens sich zeigt, so wird er beim folgenden Beischlaf nur die Nähe seines Partners empfinden und diesem durch die Glut seiner Erregung zu empfinden geben suchen, wie stark er ihn durch seine Wesensart und durch seine Handlung beglückt habe. – Glauben Sie, er fände dabei noch Zeit und Lust, zu kontrollieren, wie viel mehr oder weniger der äusserste Spitz seines Gliedes dabei empfindet? Ich glaube kaum! – Jede andere Art von Beischlaf aber, ohne Zeugung, als der von grosser und heftiger Liebe genötigte, ist ohnehin leer wie das schale Programm von Radio und Fernsehen oder der Inhalt einer Illustrierten und bringt nichts als nachfolgende, noch grössere Leere und höchstens noch die Sucht, dasselbe – mangels besserer Betätigungsmöglichkeiten – bis zum Exzess zu wiederholen, ohne weitern Sinn und ohne jedes Mass. Denken Sie – eigentlich ginge es bei jedem Beischlaf ja nur um die Erweckung einer Frucht im Schosse der Frau; alles andere ist ohnehin unnütz und vergeudet die besten Kräfte und Säfte des Menschen. Es gleicht dem einen – oder auch den vielen – Bissen über die Sättigung hinaus – ob das die Wissenschaft wahrhaben will, oder nicht, und ob die Tiere das öfters tun oder nicht. Sie können das in sich selbst erkennen, was Sie länger und tiefer befriedigt: das Erleben einer Wendung zum Bessern, entweder in Ihrer äussern Lage oder in Ihnen selbst, oder in einem von Ihnen geliebten Menschen – oder der kurze Gefühlsjubel des Beischlafes, dem zumeist die Leere folgt.

Versuchen Sie also, das Bessere zu tun und auch bei Ihrem Freund zu erreichen, so sind Sie erfüllt und beseelt vom Glück der Harmonisierung. Und sollte es Ihnen bei Ihrem Freund nicht glücken, so sagen Sie ihm herzhaft, was Sie hier gehört haben – sofern Sie es zuvor durch Ihre Tat danach selbst zu einem erstrebenswerten Ziel erhoben haben, und lassen ihn entscheiden. Entscheidet er sich für die ein oder zwei Bissen mehr, so sagen Sie ihm, dass Ihnen selber das zu wenig sei, weil Sie das Verlangen nach Sättigung haben, nach seinem Beiwohnen jedoch noch mehr Leere empfinden. Gefällt Ihnen selber aber dieser Bissen zuviel etwa besser als eine richtiggehende Sättigung, dann gönnen Sie ihn auch Ihrem Freund und teilen mit ihm auch die Folgen, was denn doch nichts anderes als normal sein sollte zwischen gleich gesinnten Freunden. – Sind Sie befriedigt über meine Antwort?" beendigte der Naturarzt mit einem aufmunternden Lächeln seine Rede etwa so, wie er sich vorstellte, dass er es dem Fräulein gegenüber getan haben würde. –

"Ich bin überwältigt!" atmete der Darsteller des Fräuleins auf. – "Sie haben niemandem etwas verboten, keine Lust verkürzt, im Gegenteil: eitle und leere Lustwünsche auf ein gutes und reiches Feld zu verpflanzen versucht. Sie selber haben eben jene Liebe, die sich stets das Bessere sucht und damit vom Gesetze frei bleibt, weil sie stets mehr als bloss das Gesetzliche will. – Herrschaft, ist das ein Dabei-Sein! Kurz und bündig: die beste Medizin, und erst noch zum selber wählen." –  Der Arzt empfand wieder die Fülle, als ob eine ganze Gesellschaft zugegen wäre, die sich gegenseitig im Guten unterstützt. Sie nahmen beide einen Schluck, ehe der Naturarzt mit einer gewissen Arbeitsfreude das Problem des nächsten Patienten anging, der HIV-positiv war – und zwar auf dieselbe Weise, wie er das erste Problem löste: Er stellte sich ernst gestimmt vor den Spieler des Patienten – also vor seinen Kollegen – und sagte: "Es ist durchaus nicht falsch, zu fragen, ob Aids eine Strafe Gottes ist oder nicht. Aber viel wichtiger wäre doch für Sie – wie für die meisten Menschen –, zu wissen, was eigentlich eine rechte – weil eine gute Wirkung zeitigende – Strafe ist. Ein warmherziger Vater, der sich schon viele und schwere Sorgen über die Entwicklung seiner Kinder gemacht hat, weil er sich sehnlichst wünschte, diese würden aus Liebe zum Guten und auch ein klein wenig aus Liebe zu ihm selber seinen Ratschlägen und Mahnungen folgen, damit sie sich nicht im Trubel der vergänglichen Freuden verlieren möchten und sich ihrer innern Wesensordnung nach aufzulösen beginnen –, ein solcher Vater könnte Ihnen ganz gut erklären, was eine Strafe ist: Sie ist ein Mittel, das Gute – allen schlechten Konstellationen zum Trotz – zu stärken und es frei und tätig zu machen zur Bereicherung der Seligkeit seiner geliebten Zöglinge. Was anderes aber ist dann die Strafe, als ein Hilfsmittel oder eine Hilfe des gutwilligen Vaters an seine noch schwachen Kinder? Wenn sie aber nur das, und nichts anderes sein kann, was haben Sie – oder auch ich – sie dann zu fürchten? Sehen Sie, erst die Wahrheit beleuchtet die Lüge richtig und straft sie dadurch Lüge. Solange nun die Lüge als Wahrheit gelten möchte, aber in sich selbst dabei Lüge bleiben will, solange auch liegt der Fluch der Strafe der Entdeckung durch die Wahrheit auf ihr. Sobald aber die Lüge ernstlich und wirklich – und nicht bloss zum Scheine – eine Wahrheit werden möchte, muss sie dieselbe Strafe ihrer Entdeckung als Hilfe – und nicht mehr als Strafe – empfinden. Denn wie sonst könnte sich eine Lüge je erkennen und danach sich bessern, wenn nicht im Lichte der Wahrheit sich beschauend?

Sie haben sich bis jetzt wohl etwas wenig um Ihre Entwicklung und um den Sinn Ihres Seins gekümmert. Denn dieser liegt nicht in der Lust Ihres Leibes, sondern in der Vervollkommnung Ihrer Seele, damit sie, wenn sie einmal von der Materie geschieden ist, sich mit der auf dieser Erde gesammelten Kraft und Erfahrung ihrer Liebe eine neue Unterlage ihres dannzumal bloss geistigen Daseins schaffen kann, das heisst: einen Grund, der ihrem innern Wesen entsprechen muss, damit sie auch Seligkeit empfinden kann beim Betrachten ihrer durch sie selbst und durch ihre Gedanken gebildeten Umgebung. Sie aber haben den an und für sich toten Leib, der nur zeitweilig – durch Ihre Seele – belebt ist, zu einem Werkzeug Ihrer Sinnengier und Genusssucht gemacht und ihn dadurch verdorben. Wollen Sie ihn weiterhin ausschliesslich dafür benützen, wofür er nicht bestimmt ist, so muss Sie die Strafe lehren, dass Ihnen dieser Leib auch ganz Entgegengesetztes zu geben bereit ist, als das, was Sie von ihm begehren: Schmerz und Qual und Sorge, anstatt Lust. Wollen Sie hingegen eher das Bestmöglichste aus Ihrem Leibe herausholen, und Ihre Seele möglichst frei, selbständig und auch der wahren Liebe bedürftig gestalten, so ist Ihnen ja diese vermeintliche Strafe nur Mahnung, und damit eine Hilfe, zu erkennen, dass der Leib nicht der Endzweck Ihres Daseins sein und bleiben kann. Natürlich können Sie sich nun fragen, ob allenfalls Gott, als ein möglicher Vater, denn keine andern, geeigneten Mittel gefunden hat, Sie und viele andere mit Ihnen zusammen zu mahnen. Aber dazu muss ich Ihnen sagen, dass es andere Mittel braucht, Blinde oder Taube zu mahnen, als es bei Sehenden und wohl Vernehmenden braucht; und wieder braucht es ganz andere Mittel für Taub-Blinde. Der Sehende erkennt aus der ganzen Ordnung der Dinge, dass nicht die Materie Zweck des Daseins sein kann, weil er in ihr eine dauernde Veränderung erkennt, die nichts Endgültiges zulässt. Er sucht deshalb nach dem Beständigen und findet es im Geiste, in der Beständigkeit seiner Vorstellung und in seinen Wünschen, diese zu realisieren. Dazu hat er die Lehre und die Erfahrung, dass geistige Vorgänge das Leibesgeschehen sehr stark beeinflussen können. Weshalb beginnt er denn dann nicht zu versuchen, mit den Mitteln der Gedanken seine Gesundheit und sein Wohlbefinden zu beeinflussen? Dadurch würde er Gelegenheit erhalten, zu erproben, ob der Geist zu seiner Existenz einer Materie bedarf, oder nicht. Oder, ob nicht gar die Materie des Geistes und seiner Kraft bedarf zu ihrer zeitweiligen Existenz. Alleine, dass das nur Wenige tun, ist doch für einen Sehenden unter vielen Blinden noch kein Grund, das ebenfalls zu unterlassen, was die Blinden nicht zu tun imstande sind. Hypnotiseure, Magnetopathen, Gebetsheiler und Geistheiler zeigen ja, wie wenig sie zu ihrem Wirken die Materie brauchen.

Der Wahrnehmungsfähige aber wird ohnehin in sich verspüren, was ihm gut tut, und was nicht. Ihnen allen genügen die Winke des Schöpfers, die er vor ihren Augen und Ohren (des Gewissens und der Empfindung) offenbar werden lässt. Den Taubblinden aber muss es stets auf den Leib geschrieben werden, was sie am besten tun sollten, weil für sie – solange sie taubblind sind – keine andere Möglichkeit der Verständigung besteht. Wenn es Ihnen selber aber nun auf den Leib geschrieben wurde, dass Sie nicht alleine mit sich selbst sind, sondern dass es einen geben muss, der Sie und Ihren Organismus auf eine vorerst nur ihm verständliche Art geschaffen hat; und dass dieser Eine Ihnen nun ernstlich auf Ihre Schultern klopft, weil Sie sich blind und taub für seine Werke und seine Worte haben werden lassen, zeigt Ihnen, dass er sich dennoch um Sie kümmert. Es ist das also nur eine helfende Aufmunterung, sich erneut und besser zu orientieren, um nach einer neuen und bessern Bestimmung tätig zu werden, und ist somit keine Strafe. Das können Sie schon daran leicht erkennen, dass Sie nur erst gewarnt, und nicht schon getroffen sind. Glauben Sie mir: Wie die Dinge auch verlaufen, sie werden Ihnen nützlich und Sie beseligend sein, wenn Sie ernsthaft dasselbe wollen, das Ihr Schöpfer mit Ihnen will. Nur wenn Sie weiterhin entgegen seiner Ordnung sich verhalten, wird Sie diese Ordnung, die dem Erhalt des Geistes, und nicht des Leibes, gewidmet ist, in dem Masse treffen, in welchem Sie sich dem Erhalt des Ewigen in Ihnen entgegen bemühen. Das liegt an der Ordnung alleine und hat mit Strafe nichts zu tun.

Ohne diese Orientierungshilfe "Aids" aber hätte sich der Mensch noch völlig in die Materie seines Leibes hinein philosophiert, sodass er darin auch seiner Seele und seinem Geiste nach zugrunde gehen würde. Erfassen Sie deshalb die dargebotene Hilfe, denn ich, als Arzt, kann Ihnen bestätigen, dass ich noch fast gar nie wirklich Gutwillige längere Zeit habe leiden sehen. Entweder wurden sie gesund, oder ihre Krankheit konnte sie wenigstens nicht mehr behelligen in ihrer innern, freien und daher seligkeitsvollen Entwicklung. Die wenigen Male aber, in denen es mir nicht so vorgekommen ist, müssen Sie der menschlichen Schwäche meiner Fassungskraft zugute halten, die noch nicht alles voll zu fassen fähig ist, und dürfen Sie nicht der Unachtsamkeit Gottes anlasten. Und nun frage ich Sie, wollen Sie einen Versuch machen? Er würde Sie in jedem Fall von vielem befreien, und ich helfe Ihnen gerne dabei. – Aber Sie müssen mir Ihre Antwort nicht jetzt schon geben, sondern erst ein nächstes Mal, nach einer wirklichen und reiflichen Überlegung und Abwägung aller Umstände."

Nach dieser fragenden Aufmunterung des Naturarztes an seinen durch den Arzt vertretenen Patienten blieb es eine kurze Zeit stille, während welcher der Naturarzt vor seinem studierten Kollegen stehen blieb, so, als wolle er, die innern Vorgänge in seinem Gegenüber prüfend, abwarten, was diese zutage fördern würden. Endlich atmete der Arzt tief ein und auf und sagte danach – während der andere sich setzte: "Wahrhaftig, Sie haben nicht nur eine mitreissende Art zu reden, sondern auch eine so gediegene Logik, der sich kaum jemand zu entziehen imstande ist, der nicht ohnehin generell alles als unbewiesen hinzustellen bestrebt ist, um dadurch vor notwendigen Konsequenzen aus dem Vernommenen geschützt zu sein. So, wie Sie die Strafe darstellen, muss ja ein Gutwilliger beinahe zu einer Sucht nach Strafe kommen." –

"Haben Sie keine Angst, nicht alle müssen das, sondern nur jene, die der Wahrheit wirklich nachlaufen wie Sie", unterbrach der Naturarzt die eben begonnene Rede seines Kollegen und fuhr fort: "Alle andern verspüren ja den Schmerz der Strafe dadurch, dass sie in ihrem Eigendünkel, der für sie höher steht als die Wahrheit, und in ihrer Trägheit von der sie bedrängenden Wahrheit getroffen worden sind. Und diese alle suchen – ihrer Trägheit und ihres Dünkels wegen – sich von dieser Wahrheit zu entfernen. – Aber ich habe Sie unterbrochen, fahren Sie in Ihrer Rede nur fort; sie interessiert mich."

"Ja, ich will Ihnen ein Beispiel nennen, um Ihnen zu zeigen, wie sehr mich Ihre Logik mitreisst, sodass ich nur ungern weitere Fragen stelle, weil solche diese mir wohltuende Natürlichkeit Ihrer Logik vielleicht wieder zerstören würden. Und dennoch bleibt mir, als einem gewissenhaften Menschen – und in dieser Situation vielleicht auch erstmals als Forscher – nichts anderes übrig, als die mir nun mögliche, zukünftige Grundlage meiner weitern Betätigung so gründlich als möglich zu prüfen. Und darum zitiere ich einen Satz Ihrer vorherigen Antwort an den HIV-positiven dem Sinne nach etwa folgendermassen: Sie sagten, dass der Kranke sich bisher wohl wenig um die Entwicklung und den Sinn seines Lebens oder Seins gekümmert habe, und dass dieser nicht im Materiellen liege, sondern in der Vervollkommnung der Seele. Diese müsse mit der im Erdenleben gesammelten Kraft und Erfahrung eine neue Unterlage für ihr Sein nach ihrem Tode schaffen, weil ihr dannzumaliges Sein nur mehr ein Geistiges sei; und dass diese Unterlage mit ihrem Wesen korrespondieren müsse, wenn sie darin Seligkeit empfinden wolle. – Nun stelle ich mir, wenn auch etwas verschwommen, ebenfalls so etwas nach dem Tode vor. Aber niemals würde mir diese vage Vorstellung als Grundlage dienen können, darauf aufbauend einem Patienten Vorschläge zu machen. Denn erstens wären diese ja auf ein nebliges Gebilde gebaut, das niemals der Wirklichkeit standhalten könnte, und zweitens liesse sich darauf auch nichts Gediegenes bauen, weil ja alle dazu notwendigen Elemente oder Anhaltspunkte schon in der Grundlage fehlen. Verzeihen Sie mir, wenn ich als Schluss, den ich aus diesem Problem ziehe, eine offene, und deshalb vielleicht unangenehme Frage an Sie stelle: Sind Sie so genial, dass Sie auf Grund so undetaillierter Vorstellungen imstande sind, eine gediegene Folgerung darauf zu bauen, oder haben Sie allenfalls, entweder aus eigener Erfahrung oder gar aus dem Erfahrungsgut anderer, genauere Vorstellungen oder gar Kenntnisse aus dem Bereiche des vorderhand bloss hypothetischen Lebens nach dem Tode? – Freilich will auch bei mir der Glaube diese Hypothese zu einer Wahrheit erheben. Aber der Wissenschafter in mir, der ich zwar – wie Sie selber mir ja entdeckt haben – oft stark gegen das Wollen meines Herzens, aber immerhin doch ein wenig geworden bin, kann mit einer solchen Wahrheit keine genügende Grundlage zu weiterer Tätigkeit finden. Sucht er auf diesem Gebiete die mögliche Wahrheit aber weiter zu erhärten, so begibt er sich schon auf das Gebiet des Okkulten, zu den Grenzwissenschaften, die ja von fast allen Glaubensgemeinschaften abgelehnt werden. Sie sehen, mich interessiert dieser Punkt nicht nur, sondern er brennt mich ausserordentlich unter den Nägeln. Denn einige Male schon fragte ich mich, ob Sie sich nicht viele Ihrer Kenntnisse eben gerade nur auf diesem grenzwissenschaftlichen Gebiete erworben haben; aber Ihre warme und so natürlich einfache Art, die Dinge anzugehen, lösten solche Bedenken in mir immer sofort wieder auf. Jetzt aber sind wir durch Ihre eigenen Worte darauf gestossen, und nun möchte ich sie auch geklärt wissen. Bitte, tun Sie mir den Gefallen, und reden Sie offen."

"Ja, da gibt es dem unvoreingenommenen Einsichtigen nicht viel zu erklären, dem Befangenen aber umso mehr", begann der andere seine Antwort. "Zuerst zum ominösen Wort "Grenzwissenschaft": Finden Sie denn die Atomtheorie nicht viel eher eine Grenzwissenschaft als jene Gebiete, die man gemeinhin als das bezeichnet? Sie wagt sich schliesslich an die Grundlage aller Materie, also an eine äusserst markante Grenze vor, und entwickelt dabei so okkulte Ausdrücke wie "Geisterzustand der Materie" – jene Zustände, die zwischen effektiven Atomteilchen und reiner Energie liegen und die ständig wechselnd einmal so, und ein andermal anders sich manifestieren. Und vor allen Dingen liegt die Atomwissenschaft schon von der Dimension her unmöglich innerhalb der Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens. Sie dennoch sichtbar und begreifbar zu machen, setzt die Zerstörung gewachsener Einheiten – eben des Atoms – voraus, deren Folgen tödliche, ja alles zerstörende Strahlen sind, vor welchen sich aber viele Glaubende und ihre Gemeinschaften viel weniger zu fürchten scheinen als vor der Kenntnis ihres eigenen Seins im absoluten – also im geistigen – Zustande. Dabei kann doch nur die seelische Vollendung des Menschen Ziel sein, und nicht die Zerstörung der Materie – weder zu Erkenntniszwecken, noch viel weniger zu Diagnose – oder Heilzwecken! Und es bleibt für mich eine Merkwürdigkeit, die sich nur durch die Eigenständigkeit des Verstandes gegenüber der Liebe erklären lässt, dass selbst Gläubige gottgegebene Grundlagen zu Forschungszwecken bedenkenlos zerstören, wie eben das Atom, die Erforschung ihres eigenen Wesens dagegen äusserst bedenklich finden. Wenn eine Mutter in ihrer täglichen Arbeit plötzlich innehält und erschrocken ausruft: 'Jetzt ist meinem Kinde etwas Furchtbares widerfahren!' und später vom Spital oder der Polizei die Bestätigung erhält, dass das Kind schwer verunfallt sei, so liegt doch dieses Vorkommnis noch wesentlich innerhalb der Grenze menschlicher Wahrnehmung, ja sogar beinahe im Zentrum allen menschlichen Seins – in der Liebe nämlich – begründet, und liegt damit doch alles andere, als in einem grenzwissenschaftlichen Bereich. Und dieses Faktum wäre für den unvoreingenommenen Forscher sogar empirischer Beweis genug, dass die Seele, oder zumindest deren Kraft, auch ausserhalb des materiellen Leibes tätig und orientierungsfähig bleibt. Also – so die Folgerung – braucht sie zu ihrem Sein die Materie nicht – höchstens zu ihrer Ausbildung, Heranreifung und zur Festigung ihres Willens. Braucht sie diese aber nicht zu ihrer Existenz, weil sie sich ebenso gut im freien Raum bewegen kann, wo sie alles erfährt, was irgendwo passiert – weil sie andernfalls nicht wahrnehmen könnte, dass ihrem Kinde etwas zugestossen ist – so kann die Materie niemals ihre Grundlage sein. Sie kann höchstens Grundlage ihrer Ausbildung sein, wie der Getreidehalm Grundlage der Ausbildung des Kornes ist, welches dann – ohne Halm – Jahrhunderte überstehen kann, analog dem Leben von Seele und Geist ohne Leib. Wird hingegen der Fruchtstand vor seiner Reife zerstört, so findet man, dass das Korn, oder der Same, erstens nicht fortbestandfähig ist, und zweitens noch stark mit den Organen des Halmes verbunden bleibt, wenngleich ihm diese Verbundenheit zur fernern Ausbildung nichts mehr nützen kann, weil ja der Fruchtstand, als oberster Teil des Halmes, zerstört wurde und dergestalt keiner weitern Funktion mehr fähig ist. Und genau das erfährt eine Seele auch, bei welcher der Leib zerstört wird, ehe sie voll ausgebildet ist, oder welche sich bei ihrer Ausbildung soviel Zeit lässt, dass ihr Leib (entsprechend dem Halm) eher seine Zeit, und damit sein Ende erreicht hat, als sie sich vervollständigt hat. Solche Seelen hängen am Materiellen, weil sie die Materie als ihre Grundlage wähnen; sehen in sich selber noch nichts, weil sie auch nichts gesammelt haben, aber die Materie verspüren sie noch und suchen auch ihre Nähe auf. Das sind dann die so genannten Friedhofseelen; solche, die ängstlich am Orte ihres verwesenden Leibes verharren bis zu seiner gänzlichen Auflösung oder bis zu ihrem, fälschlich geglaubten, jüngsten Tage – oder, wenn es schlimmer ist, am Orte bleiben, den sie zu Lebzeiten über alles, wie eine Gottheit, geliebt hatten, oder auch dort, wo sie sich rächen zu können wähnen, oder dort, wo sie glauben, dass sie Unrecht taten und wo sie nach ihrer Meinung dann auch sühnen müssen. Solche wollen dann, ihrem Glauben zufolge, dass die Materie Grundlage ihres Seins ist, auch alles in der Materie richtig stellen, anstatt in sich selber." –

Hier unterbrach der Arzt den Redefluss und bemerkte: "Aber, wie ich jetzt sehe, gleiten Sie dennoch ins Okkulte mit Ihren Aussagen, denn woher wollen Sie sonst so verlässliche Aussagen hernehmen, wenn nicht von dort?"

"Was nennen Sie denn okkult, oder verborgen?" gab der Naturarzt zur Antwort. "Können Sie damit allen Ernstes jene Kräfte im Menschen meinen, die jedermann mehr oder weniger hat, und die er auch ausbilden kann, genauso wie seinen Verstand, den auch jedermann mehr oder weniger hat? Viel okkulter scheint mir da schon die Motivation zu so manchem wissenschaftlichen Forschungszweig zu sein, zum Beispiel der Tierversuche aus medizinischen und toxikologischen Gründen. Natürlich wird als Grund dazu die wissenschaftliche Erkenntnis angegeben, die daraus zu gewinnen ist. Wie gross jedoch dabei der Anteil an Machtgelüsten, über das Leben und Wirken anderer verfügen zu können, und wie viel an Sadismus dabei im Spiele ist, ist nicht nur mir, sondern nur zu oft auch den dabei Beteiligten sehr okkult. Noch okkulter ist mir der Sinn solcher Experimente, nachdem doch bekannt ist, dass sehr viele Stoffe bei Tieren völlig andere Wirkungen hervorrufen als beim Menschen. So kann die Ziege Tollkirschen verdauen, während sich beim Menschen nach dem Verzehr von nur einzelnen Früchten starke Vergiftungserscheinungen mit möglicher Todesfolge zeigen. Der Igel wiederum verträgt sehr hohe Dosen von Blausäure, die den Menschen auch in minimen Gaben tötet. Amylnitrat erhöht den Innendruck des Hundeauges, erniedrigt hingegen den Innendruck im menschlichen Auge. Das Kaninchen frisst den Knollenblätterpilz, der dem Menschen auch in kleinsten Gaben den Tod bringt. Anderseits töten ein oder zwei Süssmandeln einen Fuchs, während sie für den Menschen gar gesund sind, und so weiter und so fort. Es liesse sich eine ellenlange Liste über solche Widersprüche erstellen. Weshalb also weitere Versuche an Tieren? Prof. Dr. med. Hoff sagte am Internistenkongress 1976 in Wiesbaden: "Sechs Prozent aller Krankheiten mit Todesfolge und 25% aller Erkrankungen überhaupt sind auf Arzneimittelschäden zurückzuführen". Ich selber schätze die Zahl noch höher. Wozu aber dann weitere Versuche, wenn mit solchem Resultat? Da bleibt der Grund zu solcher Forschung doch wirklich okkult, wie der Grund zu noch so manchem andern Forschungszweig okkult bleibt, solange man nicht endlich auf die seelische Beschaffenheit des Menschen näher eingeht als auf die äussern Umstände, was doch vorzüglich geschehen müsste, wollte man solche Auswüchse verhindern. – Wenn aber ein Mensch auf Grund der Erfahrung der vorher erwähnten Mutter beginnt, sich bewusster um irgendeinen ferner wohnenden Menschen zu kümmern und dabei zu Gefühlen gelangt, die ihn erahnen lassen, dass sich der Betreffende nun gerade eben in diesen und jenen Gefühlen und Stimmungen befindet, und sich später feststellen lässt, dass sich der Betreffende tatsächlich aus was für Gründen auch immer in solchen Gefühlen und Stimmungen befunden hat, so hat ein solcher Mensch doch eine Forschung betrieben, die durchaus gutzuheissen ist und die ihn auch zu brauchbaren Resultaten geführt hat, welche ihn überdies erfahren lassen, dass seine Seele noch andere Möglichkeiten hat, als bloss die Sinne des Leibes, um sich ein Bild von der Wirklichkeit zu verschaffen. Da sehe ich wieder gar nichts Okkultes! Dabei ist ja das Sich-Kümmern um seinen Nächsten durchaus etwas Positives, sofern es nicht aus blosser Neugierde geschieht; und wäre es nicht so, so wäre jeder Erkundigungsbrief, -anruf oder -besuch eine negative Verrichtung. Freilich, wer das einfach so versucht, um dabei auf Erlebnisse zu kommen, die etwas ausgefallen sind, der dient damit nur sich selbst und wird auch zumeist auf keine Resultate kommen. Die höchst tätige und besorgte Liebe aber ist viel feinfühliger und in ihrer Frage permanenter als die Neugierde des Verstandes, sodass es vor allem ihr gelingen wird, sich ein Bild über andere, Abwesende, zu verschaffen. Dabei ergibt sich dann mit der Zeit, dass ein solcher Mensch fast überall Zugang und Eingang findet wo ein Verhältnis besteht; und wo er keinen findet, da weiss er, dass speziell ihm gegenüber – oder der Liebe und den Gefühlen im Allgemeinen – die Türe des Herzens verschlossen wurde und dass er infolgedessen dort weder etwas verlieren kann, noch weniger etwas gewinnen. Dabei kann es vorkommen, dass der auf diese innere Anteil nehmende Art Besuchte den Besuch sogar verspürt, den Besucher anderntags vielleicht sogar anruft und ihm erklärt, dass er beispielsweise gestern Abend sehr stark an ihn habe denken müssen. Es sei ihm vorgekommen, als sei er 5, 10 oder gar 20 Minuten bei ihm gewesen und hätte ihn stärken oder sonst wie erfreuen wollen. Ein solches Erlebnis ergibt dann die Quittung dafür, dass der Besuch tatsächlich erfolgt ist, und dass sich der Mensch schon während seines Leibeslebens ohne Leib zu seinen Freunden und Bekannten begeben kann, um zu sehen, wie es ihnen geht, genauso, wie es einmal im Jenseits der Fall sein wird, wo nicht mehr der Leib das Transportmittel ist, sondern alleine die Liebe. – Das Ausbleiben einer solchen Quittung in der grösseren Anzahl der Fälle lässt hingegen noch lange nicht den Schluss zu, dass es etwa nur selten gelänge, mit seiner Seele sich zu jemandem zu begeben, sondern bedeutet nur, dass der Besuchte nicht in seinem Herzen, dem Zentrum seiner Gefühle, beschäftigt war, sondern vielmehr in seinem Verstande, dem Hilfsmittel zum Fortkommen auf dieser Erde. Sich stark Liebende oder eben Eltern und Kinder, die stark zueinander neigen, kennen das alles aus eigener Erfahrung; und das nachherige unaufgeforderte Erzählen dieses oder jenes Erlebnisses zeigt dem Besucher, dass er richtig empfunden hat, auch wenn der andere nichts vom Besuche verspürt hat.

Es gleicht aber der Umstand, dass der Besuchte nichts vom Besuch und dem Besucher verspürt hat, der Situation, da jemand via Television fernsieht und dabei oft die nächste Umgebung nicht wahrnimmt; also auch den Nachbarn nicht, der ihn besuchen kommen wollte, der aber durch das offene Fenster schon von der Strasse aus gesehen hatte, dass der zu Besuchende ein TV-Programm ansieht, und der ihn dabei nicht stören will und lieber wieder umkehrt. Natürlich verhält es sich bei einem bloss seelischen Besuch eher so, dass die Seele nur wieder die Seele desjenigen, den sie besucht – und nicht auch die äussern Verhältnisse direkt –, erkennt. Sie sieht eben nur das Lebendige, und nicht das Tote um das Lebendige herum, obwohl sie in einem gewissen Sinne auch das Tote wahrnehmen kann, aber nur insofern und insoweit und in jener Art und Weise, wie dieses den Lebendigen gerade in seinem Gemüte beschäftigt."

"Kennen Sie diese Art von Besuch aus eigener Erfahrung?" wollte sich der Arzt vergewissern.

"Ja, natürlich", bestätigte der Redende. "Wäre mir das zu tun nicht möglich, wie sollte ich denn wissen können, wie es in meinen Patienten aussieht und mit welchen Mitteln ich ihnen am schnellsten und zweckdienlichsten helfen kann."

"Sie haben also in diesem Sinne Versuche gemacht?"

"Nein, das hat doch ein auf seine Patienten wirklich eingehender Arzt nicht nötig, indem er in seinen vielen Patienten genügend Unmündige vor sich hat, die oft genug nicht fähig sind, ihre innersten Zustände zu beschreiben, die überdies die meiste Zeit von ihm räumlich getrennt sind, sodass er nur in Gedanken bei ihnen verweilen kann, um die eine oder andere Veränderung wahrzunehmen." –  Bei diesen Worten des Naturarztes kam dem Arzt eine Episode aus seiner Ausbildungszeit in den Sinn, als er als Assistenzarzt im Spital tätig gewesen war. Da hatte er einmal eine Frau, deren Krankheit sehr sprunghaft verlief. Bei dieser fiel ihm damals auf, dass er zumeist schon bei seiner Annäherung an die Zimmertüre starke Gefühle über den momentanen Zustand der Patientin hatte, die sich dann am Krankenbett immer wieder als richtig bestätigt fanden. Und als er diese eigene Erfahrung seinem Kollegen erzählt hatte, antwortete ihm dieser:  "Ich bin überzeugt, es war ein starkes und Anteil nehmendes Verhältnis zwischen Ihnen und der Patientin."

"Ja bestimmt. Es war eine Mutter von drei allerliebsten Kindern, die ebenso an ihrer Mutter gehangen waren wie diese an ihnen, und ich hätte viel darum gegeben, sie so schnell als möglich wieder gesund zu sehen."

"Sehen Sie, wie leicht es der Liebe gelingt, weiter zu kommen", entgegnete darauf der Naturarzt. "Ich sagte Ihnen ja, die Liebe ist das Leben, und nur diese bringt Sie darum weiter, obwohl Sie lange Zeit auf dem Wege der Kopf- oder Verstandesforschung weiter zu schreiten bemüht waren, nur darum, weil Sie einmal so eingeschult worden waren. Früher, als Krankenschwester zu sein viel eher eine Berufung war, als bloss ein Beruf, wie es heute leider immer mehr der Fall ist, wo sich immer mehr für den Heilberuf Untaugliche – weil im Innern selber nicht heil – der Pflege von Kranken widmen; in jenen frühern Zeiten also kam es öfters vor, dass die eine oder andere Krankenschwester mehr über den Zustand eines Patienten, ja sogar über den fernern Verlauf der Krankheit wusste als der behandelnde Arzt. Dieses Wissen gab ihnen das innere Leben ihrer Liebe, die fühlend am Leben ihres Nächsten Anteil nahm. Das ist eine immer wieder vorkommende Erscheinung, deren Erwähnung mir die Gelegenheit gibt, die von mir bevorzugte Erfahrungswissenschaft anhand der Erlebnisse einer Krankenschwester in ihrer gesteigerten Form zu schildern, die das für Sie vielleicht noch ein wenig okkult Scheinende dabei so beleuchtet, dass es nicht mehr okkult sein kann; und das erst noch auf eine so natürliche und herzliche Weise, dass selbst Ihre grosse Skepsis gegenüber diesem Gebiet nichts Ungereimtes oder gar eigenmächtig Ungebührendes darin entdecken kann: Sie lebte um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert und hatte seit ihrem 18-ten Jahre die Begabung, die Seelen nicht nur zu spüren, sondern auch zu sehen. Sie hat – Gott sei Dank – in ihrer einfachen Weise viele ihrer äusserst interessanten Erfahrungen in einem sehr zu Herzen gehenden Büchlein1) veröffentlicht, und ich habe daraus viel bestätigt, ja erklärt erhalten, das ich an anderer Stelle schon gelesen hatte. Vieles darin Enthaltene wird auch gerade jüngst wieder von den so genannten 'Sterbeforschern' bestätigt. Diese Krankenschwester sah nicht nur die Seele der neu Verstorbenen, sondern sehr oft sah sie auch jene der sie abholenden Verwandten aus dem Jenseits. Sie machte aber schon sehr früh die Erfahrung, dass andere Menschen nur ungern über solche Dinge redeten, und dass in der damaligen – obwohl doch noch gläubigeren – Zeit nur die allerwenigsten sich mit der Idee eines wirklichen und reellen Fortlebens einer Seele, nach deren Scheidung von ihrem Leibe, anfreunden konnten. Natürlich kann man Menschen mit derlei Eigenschaften als wunderbare Ausnahme ansehen und deshalb ihre Erlebnisse nicht als eine Bestätigung eines Faktums akzeptieren, aber, so frage ich, war denn Mozart in der Musik nicht auch eine wunderbare Ausnahme? Ist seine Musik, die in ihrer Fülle von keinem kopiert werden kann, dieser Ausnahme wegen weniger Musik als andere, oder ist sie wohl nicht eher noch mehr Musik, im Sinne von tieferer Musik als andere? Waren es nicht nur stets die Ausnahmen, welche die Menschheit weiterbrachten? Wenn ein Galilei, als einziger von damals schon Hunderten von Millionen von Menschen, die Ansicht hatte, dass – entgegen der Meinung der gesamten restlichen Welt – nicht die Welt der Mittelpunkt unseres Sonnensystems sei, sondern die Sonne, so war er bestimmt eine Ausnahme – eine sträfliche Ausnahme, wie seine Verurteilung zeigte. Aber war diese Ausnahme nicht richtiger und der Wahrheit entsprechender als alle andern damaligen Ansichten zusammen?  Und sehen Sie, genauso verhält es sich mit den Aussagen dieser zwar einfachen, aber hingebungsvollen Krankenschwester. Und was sie damals erlebte und aussagte, das sagen teilweise heutige Menschen, bis ins Detail genau, wieder aus.

So sagte sie beispielsweise, dass während des Sterbevorganges über dem Patienten ein Dunstgebilde oder Nebel sich ausbilde, und dass beim völligen Tode die Seele des Verstorbenen dann in derselben Grösse wie sein ehemaliger Leib, mit demselben Aussehen, nur mit äusserst schönen, leuchtenden und verklärten Zügen, über dem leblos zurückgelassenen Leibe an der Stelle des vorherigen Dunstes schwebe.

Die Erfahrungen reanimierter, also vom klinischen Tode zurückgeholter Patienten zeigen, dass sich die meisten von ihnen beim Austritt aus dem Leibe in der Höhe, über oder neben ihrem Leib, befanden. Die von verschiedenen Sterbeforschern unabhängig zusammengetragenen Daten aus den Schilderungen solch reanimierter Patienten zeigen das deutlich. Natürlich lässt sich auch bei diesen Berichten fragen: Sind sie echt, entsprechen sie überdies der Wahrheit der den Patienten widerfahrenen Ereignissen, und waren es nicht blosse Halluzinationen – durch Angst und Schwäche der Patienten hervorgerufen? Dieser zuletzt genannten Anzweiflung der Realität der gemachten Erfahrungen lässt sich jedoch am leichtesten begegnen: Es ist bis heute weder eine Krankheit, noch ein Gift bekannt geworden, welche nur eine ganz bestimmte Halluzination hervorgerufen hätte – und das bei Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Religion und verschiedener Bildung. Die Befragung reanimierter Personen durch die Sterbeforscher zeigt aber, dass alle etwa dieselben Stadien beim Austritt aus ihrem Leibe durchgemacht haben. Dr. med. Raymond A. Moody beschreibt sie in seinem ersten Buch 'Leben nach dem Tod'2a) wie folgt." – Bei diesen Worten holte der Naturarzt Moodys Buch aus dem Bücherregal neben ihm, schlug es auf und las nach kurzem Blättern folgenden Text:

'Die Überreinstimmung zwischen den vorliegenden Berichten geht in der Tat sogar soweit, dass mühelos etwa fünfzehn Einzelelemente herausgeschält werden können, die in der Masse des von mir zusammengetragenen Materials beständig wiederkehren. Lassen Sie mich nun von diesen übereinstimmenden Punkten aus versuchen, ein kurzes, theoretisch 'ideales' beziehungsweise 'vollständiges' Erlebnis zu konstruieren, das sämtliche gemeinsamen Elemente in der für ihr Auftreten typischen Reihenfolge umfasst:  Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einemmal nimmt er ein unangenehmes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl, dass er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. Danach befindet er sich plötzlich ausserhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor. Als ob er ein Beobachter wäre, blickt er nun aus einiger Entfernung auf seinen eigenen Körper. In seinen Gefühlen zutiefst aufgewühlt, wohnt er von diesem seltsamen Beobachtungsposten aus den Wiederbelebungsversuchen bei.

Nach einiger Zeit fängt er sich und beginnt, sich immer mehr an seinen merkwürdigen Zustand zu gewöhnen. Wie er entdeckt, besitzt er noch immer einen 'Körper', der sich jedoch sowohl seiner Beschaffenheit als auch seinen Fähigkeiten nach wesentlich von dem physischen Körper, den er zurückgelassen hat, unterscheidet. Bald kommt es zu neuen Ereignissen. Andere Wesen nähern sich dem Sterbenden, um ihn zu begrüssen und ihm zu helfen. Er erblickt die Geistwesen bereits verstorbener Verwandter und Freunde, und ein Liebe und Wärme ausstrahlendes Wesen, wie er es noch nie gesehen hat, ein Lichtwesen, erscheint vor ihm. Dieses Wesen richtet – ohne Worte zu gebrauchen – eine Frage an ihn, die ihn dazu bewegen soll, sein Leben als Ganzes zu bewerten. Es hilft ihm dabei, indem es das Panorama der wichtigsten Stationen seines Lebens in einer blitzschnellen Rückschau an ihm vorüberziehen lässt. Einmal scheint es dem Sterbenden, als ob er sich einer Art Schranke oder Grenze näherte, die offenbar die Scheidelinie zwischen dem irdischen und dem folgenden Leben darstellt. Doch wird ihm klar, dass er zur Erde zurückkehren muss, da der Zeitpunkt seines Todes noch nicht gekommen ist. Er sträubt sich dagegen, denn seine Erfahrungen mit dem jenseitigen Leben haben ihn so sehr gefangen genommen, dass er nun nicht mehr umkehren möchte. Er ist von überwältigenden Gefühlen der Freude, der Liebe und des Friedens erfüllt. Trotz seines innern Widerstandes – und ohne zu wissen, wie – vereinigt er sich dennoch wieder mit seinem physischen Körper und lebt weiter.

Bei seinen späteren Versuchen, anderen Menschen von seinem Erlebnis zu berichten, trifft er auf grosse Schwierigkeiten. Zunächst einmal vermag er keine menschlichen Worte zu finden, mit denen sich überirdische Geschehnisse dieser Art angemessen ausdrücken liessen. Da er zudem entdeckt, dass man ihm mit Spott begegnet, gibt er es ganz auf, anderen davon zu erzählen. Dennoch hinterlässt das Erlebnis tiefe Spuren in seinem Leben; es beeinflusst namentlich die Art, wie der jeweilige Mensch dem Tod gegenübersteht und dessen Beziehung zum Leben auffasst.'

Soviel zur Frage, ob es sich um Halluzinationen oder Delirien handeln könnte", beendete der Naturarzt sein Vorlesung aus Moodys Buch und fuhr dann fort: "Aber noch könnte man sagen, dass es sich um spezielle Todesträume handle oder einfach um einen todesnahen Zustand. Um Träume kann es sich nicht handeln, weil alle Patienten sehr genau wissen, sehen und hören, was um sie herum vorgeht und was dabei gesprochen wird. Sie erzählen das ja nachher, und die Umstände können – besonders wenn sie es dem sie behandelnden Arzt erzählen – leicht als richtig bestätigt werden, wie mehrere auf diesem Gebiet tätige Autoren bestätigen. Der todesnahe Zustand muss also ein reeller, wirklicher und wacher Zustand sein. Und, wie sich zeigt, einer, der bei weitem besser, gediegener und intensiver ist als der normale Zustand der Seele in ihrem Leib! Denn es ist vorgekommen, dass eine Blinde in ihrem ausserleiblichen Sein – nach ihrem klinischen Tode also – alles gesehen hat, was um sie herum und mit ihrem Leibe passiert ist, und nachher auch alles erzählen konnte, was sie gesehen hatte, als sie, als reanimiert, bereits wieder in ihrem blinden Leibe war und infolgedessen nichts mehr von alledem sehen konnte. Dabei beschrieb die alte Frau, die seit ihrem 18. Altersjahr blind war, auch die Instrumente, die es in ihrer Jugend – als sie noch sehen konnte – gar noch nicht gegeben hatte, in Form und Farbe völlig richtig, ja sie erwähnte sogar die Farbe des Anzuges des sie behandelnden Arztes2c).

Ein anderes Erlebnis hatte eine Patientin, die während der Trennung ihrer Seele von ihrem Leib zwei nahe Verwandte in einem andern Raum sich leise über sie selbst unterhalten hörte und ihnen das später, nach dem Wiedereintritt ihrer Seele in ihren Leib, erzählte – sehr zur unangenehmen Überraschung der beiden.

Wieder andere der von Moody interviewten Personen haben erlebt, dass sie nach ihrem klinischen Tode durch geschlossene Türen hindurchgehen konnten.

So liesse sich die Reihe der Erscheinungen im rein seelisch-geistigen Bereiche noch weiter fortsetzen und in Moodys Buch auch nachlesen. Bei all den vielen, über 300 Personen aber, die Moody in Interviews von ihren Erlebnissen nach ihrem klinischen Tode erzählt hatten, gab es praktisch keine, die angaben, sie hätten mehr als dieses eine Mal in ihrem ganzen Leben ein unheimliches oder aussergewöhnliches Erlebnis gehabt. Und lediglich sechs oder sieben der über 300 Befragten liessen eine gewisse Tendenz oder ein Interesse für okkulte Dinge erkennen – sei es vor, oder erst nach ihrer Sterbeerfahrung.

Sie sehen also alle nur, was ihnen ohnehin offenbar wird. Wohl aber dürfen wir darin noch Unerfahrenen uns durch die Vielzahl der Fälle bei jenen darüber vergewissern bei denen es offenbar geworden ist." –

"Aber könnte das nicht dennoch eine Art Wahrträume sein, die sich kurz vor dem Tode einstellen könnten? Dann wären nämlich die Patienten, trotz des klinischen Befundes, doch noch nicht wirklich tot", wollte der Arzt noch abgeklärt wissen.

"Selbst, wenn es solche wären – was äusserst unglaubhaft ist", ergriff von neuem der Naturarzt das Wort, "so wären sie jedenfalls die reellsten Träume des bisherigen Lebens, die allen Grund zur Vermutung hergeben würden, dass der Tod das intensivere Leben sei als das leibliche Leben. Aber im Falle der blinden Frau müssen wir doch richtig stellend erkennen, dass die Frage wieder einmal wissenschaftlich, und damit völlig falsch, gestellt ist – wie übrigens noch so viele Fragen, die durch ihre Verkehrtheit die Menschen Jahrhunderte lang von besseren Erkenntnissen abhielten. Denn aus diesem Fall ergibt sich keine Antwort auf die für Menschen wohl nie mit Gewissheit zu beantwortende Frage, ob der Mensch in einem solchen Fall schon tot, oder noch lebendig war; vielmehr beantwortet er eine Frage, die besser und vernünftiger zu stellen wäre als jene, wo das leibliche Leben aufhöre und wo der Tod beginne. Die durch diesen Fall beantwortete Frage aber lautet: Braucht der Mensch seinen Leib zur Tätigkeit seines Lebens, oder braucht er ihn nicht? Braucht die Seele aber ihren Leib nicht zu ihrem Leben und zur Ausübung ihrer Lebensfunktionen, so kann die Scheidung der Seele von ihrem Leibe niemals "Tod" bedeuten. Dann müsste der Tod von andern Faktoren abhängen als von der Vereinigung oder Scheidung von Leib und Seele. Wenn nun aber ein Mensch, trotz seiner schon lange erloschenen Augen, während seines klinischen Todes sehr präzise alles sieht und genau beobachten kann, sodass er später alles Gesehene erzählen kann, so beweist er doch damit, dass er ohne die materiellen Augen seines Leibes sehen kann, dass er also eine entscheidende Lebensfunktion wahrnimmt ohne Zuhilfenahme der Materie seines Leibes. Wer aber imstande ist, ohne die Augen seines Leibes zu sehen, der wird doch bestimmt sicher auch ohne all die andern Leibesteile alle übrigen Lebensfunktionen ebenfalls wahrnehmen können. Denn braucht der Mensch seinen Leib zum Sehen nicht, so braucht er ihn auch zur Fristung seines Lebens nicht! Ja, mehr noch: wenn die Seele wieder in ihren blinden Leib zurücktritt – die klinisch Tote also wieder lebendig wird –, so sieht sie wieder nichts mehr von alledem, was sie vorher noch so gut und klar gesehen hatte. Also ist doch der Leib nur eine Behinderung wahren, ursprünglichen Lebens, und nichts weniger, als eine Bedingung zu demselben! Dass die klinisch tote Frau sah, bewies sie in der Beschreibung der Vorgänge während ihres klinischen Todes. Also ist erwiesen, dass man ohne Leib sehen kann, und damit auch, dass man ohne Leib leben kann. Moody widmet in seinem Buch "Leben nach dem Tod" auch einen Abschnitt dem Leib der Seele (der Form der Seele oder des Geistes) und zeigt darin, dass diesen nicht alle Verstorbenen gleich sehen, wohl aber ähnlich fühlen, übereinstimmend aber fühlen sich alle viel wohler darin, als in ihrem materiellen Leibe. Das ungleiche Sehen oder Wahrnehmen des Leibes (der Seele) hängt auch mit der ungleichen Beschaffenheit der einen Seele, im Vergleich zu einer andern, zusammen. Zwar wird in Moodys Buch natürlich nur die Tatsache der Verschiedenheit der jenseitigen Körperform erwähnt und es werden keine Gründe dafür angegeben. Im Buche der Krankenschwester hingegen erkennen wir leicht, dass die innere Beschaffenheit der jenseitigen Seelen deren äusseres Erscheinen wesentlich prägt. Sie schreibt da von Geisterformen in dunkler, grauer oder schwarzer Farbe, und dennoch erkannte sie unter ihnen das Geschlecht sowie das ungefähre Alter. Es waren solche, deren Selbstsucht zu Lebzeiten keine Weiterentwicklung in Richtung des Geistes und der Liebe zuliess; und sie beschrieb die Sphäre um sie herum als düster wie es in London an einem düstern, nebligen Winternachmittag aussieht, wenn die Sonne hinter tief herabhängenden, regengeladenen Wolken versteckt ist. Sie konnte später die Sphäre der Geister ebenso sehen wie die Geister selbst, und es zeigte sich dabei, dass die Umgebung der Geister jeweils ihrem Gemütszustand entspricht. Anderseits schreibt sie wieder von hellen Engeln. 'Was immer die Engel unterschied nach Alter oder Rasse', schrieb sie an einer andern Stelle, 'erglühten sie doch alle von etwas, das so fraglos Liebe, Zartheit und Güte verkündete, dass sie alle schön anzusehen waren.' –  Wenn Sie gestatten, lese ich Ihnen zwei kleine Sterbeszenen, die sie in ihrem Buche "Der Dienst der Engel" beschreibt, vor, damit Sie mitfühlen können, wie ganz anders die Liebe fühlt, als der Verstand sieht, und wie ungemein süss es ist, mit den Augen der Liebe zu sehen. Daneben lässt sich auch erkennen, wie das von Sterbenden oft Gesehene von solch begnadeten Menschen mit angesehen werden kann, oft sogar noch ehe der Sterbende davon Erwähnung macht."

"Ja, bitte tun Sie das", erbat sich der Arzt. "Es tut mir bestimmt gut – mir, der ich bis jetzt bloss nur immer die eine Seite des Todes sah, so gerne ich auch die andere, jenseitige Seite sehen würde, die ich doch noch immer glauben muss, ja mit meinem Glauben oft nur schwer festhalten kann – jedenfalls nicht so leicht, wie es Ihnen zu gehen scheint."

Der Naturarzt nahm das Buch aus dem Gestell, blätterte kurz darin, und las bald einmal die folgende Schilderung vor:

'Etwa sechs Monate nach meinem Eintritt in den Spitaldienst offenbarte sich mir, dass Sterbende wirklich die sahen, welche vom Geisterreich gekommen waren, um sie zu begrüssen bei ihrem Übertritt in eine andere Daseinsform. Das erste Mal bekam ich diesen sichtbaren Beweis bei dem Tode von L., einem süssen Mädchen von 17 Jahren und Freundin von mir. Sie war das Opfer von Auszehrung. Schmerzen hatte sie nicht, aber die innere Ermüdung, die von der grossen Schwäche und Hinfälligkeit kam, belastete sie sehr, und sie sehnte sich nach dem Ende. Kurz vor ihrem Ende bemerkte ich zwei Gestalten, die zu beiden Seiten des Bettes standen. Ich hatte sie nicht kommen sehen, sie standen am Bett, als ich sie bemerkte, und ich sah sie so deutlich, wie ich alle Anwesenden in dem Raume sah. In meiner Vorstellung nannte ich diese Wesen aus einer andern Welt immer Engel; und als von solchen will ich weiterhin sprechen. Ich erkannte in den beiden zwei intime Freundinnen des Mädchens, die gleichaltrig mit ihr ein Jahr vorher gestorben waren. Gerade bevor die beiden erschienen, hatte das sterbende Mädchen gesagt: 'Es ist so dunkel geworden, ich kann gar nichts mehr sehen.' Aber diese erkannte sie sofort. Ein liebliches Lächeln glitt über ihr Gesicht. Sie streckte die Hände aus und rief in freudigen Tönen: 'Oh, ihr seid gekommen, mich abzuholen! Ich freue mich, denn ich bin so müde.' Als sie ihre Hände ausstreckte, ergriff jeder der beiden Engel deren eine. Ihre Gesichter waren leuchtend, und wie auch das Gesicht der Sterbenden strahlend lächelte, die ja nun die Ruhe finden sollte, nach der sie so verlangte. Sie sagte nichts mehr, aber für etwa eine Minute hielt sie die Hände ausgestreckt, die von den Händen der Engel gehalten wurden, und sie sah sie weiter an mit strahlenden Augen und dem Lächeln auf ihrem Gesicht. Vater, Mutter und Bruder, die ersucht worden waren, zugegen zu sein, wenn das Ende käme, begannen bitterlich zu weinen, als sie merkten, dass sie sie verlassen werde. Von meinem Herzen aber stieg eine Bitte empor, dass sie sehen könnten, was ich sah, aber sie konnten nicht. Die Engel schienen die Hände der Sterbenden loszulassen, die dann auf das Bett zurückfielen. Ein Seufzer, wie von jemand, der sich glücklich dem Schlaf hingibt, kam von ihren Lippen, und dann war sie, wie die Welt sagt, tot. Aber das milde Lächeln, das auf ihr Gesicht gekommen war bei dem Erkennen der Engel, blieb noch. Die Engel blieben am Bett während des kurzen Augenblickes, bis die Geistform über dem toten Körper sich gebildet hatte. Sie erhoben sich dann und blieben einige Augenblicke neben ihr, die ihnen nun gleich war. Dann verliessen drei Engel den Raum, wo vorher nur zwei gewesen waren. Als die weinenden Angehörigen den Raum verlassen hatten, öffnete ich das Fenster weit und blickte in die Nacht, neugierig, wohin wohl die Engel gegangen seien und sehnsüchtig, auch dahin gehen zu können. Da hörte ich eine Stimme, wohlklingend, aber bestimmt. Und diese Worte, die ich so deutlich vernahm wie nur irgendeine menschliche Stimme, waren: 'Noch nicht, deine Aufgabe auf der Erde ist noch nicht beendigt.' Oft, ja oft in den kommenden Jahren sah ich Engel weggehen mit Neugeborenen, welche sie betreuten, und immer wieder kam bei mir das Verlangen, mitgehen zu dürfen. Und manches Mal noch hörte ich die gleiche Stimme: 'Noch nicht, dein Werk auf Erden ist noch nicht vollendet.' Ich konnte wenig tun, um den Kummer von Vater, Mutter und dem Bruder des Mädels zu mildern, deren Tod mir die Gewissheit gebracht hatte, dass sie zu den Engeln eingegangen und in einen glücklicheren Zustand gekommen war, als man ihn auf Erden findet. Ich wagte nicht, ihnen zu erzählen, was ich gesehen hatte. Sie hätten nie geglaubt, dass ich etwas sehen könnte, was sie nicht auch sähen. Der letzte wäre der Vater gewesen, so etwas zu glauben. Er war ein guter Mann, aber Atheist, und er war fest überzeugt, dass das Lächeln, das in ihr Gesicht kam, als sie die Engel erkannte, die ihren Geist abholten, nur Störungen der Einbildung waren, denn so bezeichnete er es mir gegenüber. Ich versuchte gar nicht, ihm klar zu machen, dass er im Irrtum sei, weil ich wusste, dass es zwecklos gewesen wäre. Aber er tat mir wirklich leid, da er jeden Hoffnungsstrahl abwies, die innig geliebte Tochter in einem andern Leben wiederzusehen, die tiefe Finsternis seines Kummers zu durchbrechen. Mutter und Bruder hatten diese Hoffnung, und deshalb hatte ihr Kummer auch nicht die Bitternis.

Glücklicherweise gibt es noch Menschen, die, obwohl sie selbst die Engel nicht sehen können, welche von den Sterbenden so freudvoll erkannt werden, doch glauben, dass es diese dienenden Engel gibt, die kommen, um die zu empfangen, welche durch das Tor des Todes in das ewige Leben eintreten. Einen Monat nach dem Tod des Mädchens, von dem ich im vorigen Abschnitt erzählte, starb in demselben Spital ein Freund von mir. Es war Pneumonie, welche ihn hinwegraffte. Er war ein guter und gottergebener Mann, für den der Tod keine Schrecken hatte. Er war sicher, dass er nach dem Übergang in ein erhabeneres, glücklicheres Leben eintreten werde, als man es hier auf Erden haben kann. Sein einziger Kummer war, dass er sein innig geliebtes Weib allein zurücklassen müsse, aber dieser Kummer war gemildert durch die Gewissheit, dass er nur vorausgehe und dass sie sich eines Tages in einer besseren Welt wiedervereinigen würden. Sie sass an seinem Bett, im gleichen Glauben mit ihm ergeben das Ende erwartend. Etwa eine Stund vor seinem Tode rief er sie beim Namen und aufwärts zeigend sagte er: 'Schau, L., da ist B. ! Er erwartet mich. Und nun lacht er und hält mir seine Hände entgegen. Kannst du ihn sehen?' – ' Nein mein Lieber, ich kann ihn nicht sehen', antwortete sie, 'aber ich weiss, dass er da ist, da du ihn siehst.' B. war ihr einziges Kind, das ein Jahr zuvor ihnen genommen worden war, damals etwa fünf bis sechs Jahre alt. Ich konnte den kleinen Engel sehr gut sehen mit seinen blonden Locken und den blauen Augen und bekleidet mit dem, was ich Geistkleid nenne. Das Gesicht war das eines herzigen Kindes, aber vergeistigt und von einem Glanz, wie ihn irdische Gesichter nicht haben. Der Vater war sehr ausgepumpt durch die Verheerungen der Krankheit, und die Freude, welche der Anblick seines Kindes bei ihm auslöste, schien den Rest der Lebenskraft zu erschöpfen, die ihm noch geblieben war. Er schloss die Augen und versank in einen tiefen Schlaf. So blieb er noch etwa eine Stunde, während der das Engelskind über dem Bett stand mit erwartungsvollem Blick in seinem strahlenden Gesicht. Ab und zu sah er liebevoll zu seiner Mutter hinüber. Das Atmen des Sterbenden wurde immer schwächer, bis es ganz aufhörte. Dann sah ich wieder einmal, was mir ja ein üblicher Anblick geworden war, nämlich die Entstehung des geistigen Körpers über dem aufgegebenen Körper. Als die Erscheinung vollständig war, ergriff das Engelkind die Hand des Engelvaters, sie sahen sich beide mit grosser Zärtlichkeit an und mit einem Ausdruck von Freude und Glückseligkeit gingen sie hinweg. Es war wirklich ein herrlicher Anblick. So erschien der Tod, den ziemlich alle als etwas Furcht einflössendes, in Dunkel gehülltes Mysterium ansehen, glückvoll und wohltuend, als der Kronbeweis der unendlichen, barmherzigen und unergründlichen Liebe des himmlischen Vaters. Wäre nicht die weinende Witwe da gewesen, hätte ich in die Hände geklatscht und vor Freude gesungen. Aber ihr Kummer war nicht von der dunklen und bitteren Art, wie er mich belastet hatte, als mein eigener Vater starb und ich jeden Trost zurückwies. 'Ich bin sehr glücklich, dass mein lieber Mann B. sah, bevor er starb', sagte sie an jenem Abend zu mir. 'Es war selbstverständlich, dass B. kommen würde, um ihn abzuholen, denn sie liebten einander sehr. Und wenn ich einmal abberufen werde, dann bin ich sicher, dass beide zu mir kommen werden. Ich kann nun an sie denken als immer zusammen und glücklich.'" – – –

Nach diesen schönen und so schlicht gewählten Worten, die der Naturarzt aus dem Buche vorgelesen hatte, blieb es eine Zeitlang stille zwischen den beiden. Es waren wohl beide froh, dass der jeweils andere diese Stille nicht unterbrach. Obwohl ja dem Naturarzt Sprache und Inhalt des Buches sehr bekannt sein musste, da er die Stelle so schnell gefunden hatte, so war er doch immer wieder von der Bildhaftigkeit dieser Sprache so stark berührt, dass er sich nur ungern von ihrem Eindruck löste. Und für den zuhörenden Arzt war die Schilderung zu spontan, als dass er sie betrachtend und analysierend zugleich hätte in sich aufnehmen können. Aber er erkannte die Kraft, die in jenen Dingen liegt, welche dem menschlichen Intellekt eher ferne stehen und die mehr das Gemüt berühren. Und der wohltuenden Wirkung dieser Kraft wollte er sich gar gerne noch einige Augenblicke hingeben. Erst nach einer längeren Zeit sagte er: "Wie wohltuend und einheitlich ist doch der Glaube einfacher Menschen! – Ich gestehe Ihnen, Herr Kollega, dass ich mich nun viel lieber der Lektüre dieses Buches hingeben würde als weiter zu diskutieren, selbst wenn ich dessen Inhalt am Ende auch nicht im wissenschaftlichen Sinne als gesichert ansehen könnte." –

"Das wäre zweifellos verlockend – da muss ich Ihnen beipflichten", bestätigte der Naturarzt. "Denn dieses Buch ist eines der Schönsten, das ich je gelesen habe. Aber sehen Sie, die vielen Zweifel, ob das darin Enthaltene auch Wahrheit sei, würde Ihnen diese Freude am Buche mit der Zeit zerfressen und Sie hätten nicht mehr viel davon in sich übrig. Darum wird es klüger sein, nun dessen Inhalt über weitere Gespräche, Erscheinungen und Erfahrungen zu bestätigen und dadurch dann ein ganzes Leben im Sinne dieser Buches zu führen und ständig und lebendig zu empfinden, anstatt nur diese kurze Zeit der Lektüre geniessen zu können."

"Richtig", pflichtete der andere bei, "in einem gewissen Sinne empfinde ich ja das Zusammensein mit Ihnen, oder Ihre Ausstrahlung, ebenso einheitlich und wohltuend erwärmend. Ich glaube denn doch, dass nur der Glaube allein das bewirken kann."

"Denken Sie darüber nach", gab ihm der Naturarzt zu bedenken, "was wir über Glaube und Wissenschaft schon miteinander besprochen haben. Nicht der Glaube ist es, sonst wären ja die Wissenschafter, als die gläubigsten Menschen, ständig in einer so wohltuend erwärmenden Atmosphäre, da sie, trotzdem sie ihr Weltbild ständig verändern in dem Sinne, dass sie mit neuen Erkenntnissen die alten stets Lügen strafen, an die momentanen Erkenntnisse dennoch wie an ewige Wahrheiten glauben, die nicht angetastet oder bezweifelt werden dürfen. Mit diesem Glauben bleiben sie am längst Überholten oft derart hängen und verlieren den Boden der Realität unter ihren Füssen wie die Ärzte das Leben, das nur in der Seele liegen kann, aus ihrem Sehkreis verlieren, wenn sie sich auf die blossen Funktionen des Leibes konzentrieren, so, als würde nicht die Seele dafür besorgt sein müssen. In diesem Zusammenhang ist es ganz interessant, zu bemerken, wie Sie sich über Moodys Buch gar nicht in demselben Masse positiv geäussert haben – weshalb denn wohl? - im Buche der Krankenschwester, 'Joy Snell' heisst sie übrigens, war die Liebe der Grundton all ihrer Worte. In Moodys Buch war es der kalte Intellekt. Zudem dürfen Sie eigentlich dasjenige, das man sieht, nicht zum Glauben rechnen – und Joy Snell hatte nur niedergeschrieben, was sie selber gesehen hatte. Moody jedoch schrieb über Dinge, die andere gesehen haben, und das erst noch in einem Zustand ihres Lebens, als sie im allerwörtlichsten Sinne nicht 'normal' waren: nämlich tot. Ich weiss schon, ich spüre Ihren Einwand, was die Krankenschwester sah, ist für Ihre Begriffe einmalig. Dazu kann ich nur sagen, dass es viele, ja fast unzählige andere gibt, die das Gleiche gesehen haben wie eben Moodys Patienten, daneben aber auch solche, die, wie Joy Snell, ihre Erfahrungen bei völliger Gesundheit machen konnten. Einer davon war der grosse Swedenborg, auf den ich noch zurückkommen werde. Aber sehen Sie, die Art, wie man das Gesehene betrachtet, ist der entscheidende Punkt darüber, ob der daraus resultierende Glaube oder die Annahme richtig ist, oder in all ihrer Exaktheit eben doch falsch; und sie entscheidet auch über die Einheitlichkeit der Gefühle dabei. Moody hat zum Beispiel nötig gehabt, im letzten Teil seines zweiten Buches zu untersuchen, ob man nicht auch Fälle von Telepathie in gewissen, sogar idealen Fällen seiner aufgenommenen Sterbeerlebnisse hineingespielt haben. Er wog auch ab, ob heautoskopische Effekte oder Halluzinationen der Grund für solche Erlebnisse sein könnten. Das alles sieht zwar minutiös wissenschaftlich aus, gehört aber zum typischen Blödsinn der Wissenschaft, die allen Erscheinungen einen Namen gibt, auch wenn man über deren Grund noch gar nichts weiss. Dabei kann und muss doch der richtige Name den Grund mitberücksichtigen, weil es sonst eben zu dem zertragenen und zerstückelten Bild kommt, das die Entwicklung des einzelnen Menschen, wie auch der ganzen Menschheit, hemmt. Sie spricht beispielsweise von Telepathie, von Visionen, von Träumen und Hellträumen, von Todesnäheerlebnissen, von Schizophrenie, verschiedenen Manien, wie Nymphomanie, Pyromanie, Kleptomanie etc, und anderseits von verschiedenen Ängsten oder Phobien, wie Platzangst usw.; dann wieder von Hypnose und Magnetismus und so weiter und so fort. Das ist ja eine verwirrende Vielfalt von Gebieten, die einer allein kaum zu überblicken vermag, weil alle diese mit einer Unzahl von allerminutiösesten Fallbeschreibungen belegt sind. Dazu käme eigentlich – als Erklärung des Grundes all dieser Erscheinungen – die Lehre über die Seele und ihre Heilung: die Psychologie und die Psychiatrie, wenn beide nicht allzu dumm angegangen würden, um ernst genommen zu werden. Denn eine Psychologie oder Seelenkunde, welche die Seele – der Grund ihrer Forschung und Lehre – nicht kennt, sondern nur die Reaktionsweisen der Menschen, verdient nicht, ernst genommen zu werden. Jeder Mediziner weiss zwar, dass Verhalten und Reaktionsweisen des Menschen bestimmte körperliche Vorgänge auslösen und, umgekehrt, bestimmte körperliche Vorgänge, wie Inkoordination, Über- und Unterfunktion von Drüsen, aber auch Vergiftungen, Reaktionsweisen und Gefühle oder Empfindungen beim Menschen zur Folge haben. "Psychosomatik" ist dafür wieder ein solches Kunstwort. Sie weitet sich allmählich zu einer neuen Disziplin aus, die nichts anderes zu zeigen oder gar zu beweisen scheint, dass Leib und Seele ein untrennbar Ganzes sind, und welche dabei die Seele nicht als selbständig erscheinen lässt. Dabei wird von den Studierten im übrigen doch eben gerade das als "grenzwissenschaftlich" angesehen, Dinge zu untersuchen und von ihnen zu sprechen, die man nicht sieht. Dieser Definition gemäss wäre allerdings die heutige Psychologie – ohne ein Bild der Psyche, also der Seele als solches – wirklich nichts anderes als Grenzwissenschaft, also ein loses Spiel. – Was meinen Sie nun dazu, wenn ich sage, alle diese Disziplinen gehören in das Fach der Seelenkunde, und zwar in dem Sinne, wie wir sie im Buche der Joy Snell kennen gelernt haben, wobei ich aber bis jetzt nur über den allerkleinsten Teil seines Inhaltes berichtet habe. Aber auch Bücher vieler anderer Autoren berichten darüber; ich komme noch darauf zurück, möchte Ihnen aber zuerst ein Bild oder ein Gleichnis darüber geben, wie geartet und unpraktisch in der heutigen Wissenschaft das Verhältnis zwischen diesen einzelnen Disziplinen untereinander gestaltet ist:

Stellen wir uns dazu vor, dass verschiedene Botaniker eines fremden eher kahlen Sternes auf unsere Erde zu verschiedenen Jahreszeiten Reisen machen würden, um die Bäume, die sie sehen, zu beschreiben und sie auch abzubilden. Die Beschreibungen und die später daraus gewonnenen Erkenntnisse würden sich dabei natürlich stets nur auf das momentane Erscheinungsbild beschränken, und nicht auf den ganzen Jahresverlauf eines Baumes, eben darum weil sie eher eine Bestandesaufnahme machen, als Untersuchungen über den Werdegang einzelner Baumarten. Denn zufolge der beschwerlichen Reise und des für sie nur kurz möglichen Aufenthaltes ist der jahreszeitliche Werdegang zu erfassen nicht möglich, sodass Blätter, Blüten und Früchte nicht als eine zum Leben des Baumes und seiner Fortpflanzung unumgänglich notwendige Veränderung ein und desselben Individuums erkannt werden. Darum werden dann die verschiedenen Stadien als verschiedene Individuen oder Wesen aufgefasst. Und bei einer solchen nach Erscheinungen gesonderten Betrachtung kämen etwa folgende Erkenntnisse heraus: Man wüsste von so genannten "Holzbäumen", das wären für solche Forscher wohl die Primitivsten. Sie bestehen nur aus Holz, haben weder Rinde, noch Blätter. Zumeist stehen oder wachsen diese im nassen Boden. Sie kommen zumeist nur vereinzelt vor. Hin und wieder gibt es aber auch ganze Wälder davon. (Ich brauche Ihnen kaum zu erklären, dass es sich dabei um völlig abgestorbene Bäume handelt, wie wir sie in Hochmooren sehen, oder wie sie – erst in heutiger Zeit – durch die industrielle Umweltvergiftung, wie zum Beispiel in den ehemaligen Ostblockländern, entstanden sind, wo ganze Waldstücke davon betroffen sind.) – Dann gäbe es bei einer solchen bloss punktuellen Betrachtungs- oder Forschungsweise so genannte Holz-Rinden- oder einfach "Rindenbäume". Diese würden von solchen Forschern entwicklungsgeschichtlich als eine Fort- oder Weiterentwicklung der Holzbäume betrachtet werden müssen, indem sie ihr Holz bereits mit einem sie schützenden Rindenüberzug besser zu erhalten suchten. Von diesen treffen sie bei einigen Forschungsreisen (wenn sie gerade in irgendeinem winterlichen Gebiet landen)) riesige Wälder an. Aber sie können auch einzeln stehen und kommen auch in Wäldern mit noch höher entwickelten so genannten "Blätterbäumen" vor. Die Blätterbäume sind dann in den Augen solcher Wissenschafter, die sich zufolge ihrer astronomischen Ferne auf den Moment oder die Erscheinung konzentrieren müssen, solche, welche mit Blattwerk ihre Rinde vor Sonnenlicht zu schützen suchen. Dann gibt es für solche Forscher aus einem andern Stern "Blütenbäume" und "Duftbäume" (beides sind blühende Bäume). Aber es gibt da die Blütenbäume mit Blättern und solche ohne Blätter. Man würde sich uneinig darüber sein, welche Art die Höherstehende ist, ob reine Blätterbäume oder reine Blütenbäume, oder sogar die kombinierten Blätter-Blütenbäume, soweit sie nicht etwa nur Kreuzungen darstellen. (Als blosse Blütenbäume würden jene beschrieben, die vor dem Blattaustrieb blühen). Sodann gäbe es auch "Fruchtbäume". Auch dabei gibt es kombinierte Blätter-Fruchtbäume und sogar Blätter-Blüten-Frucht-bäume (die Orangen und Zitronenbäume beispielsweise), welche zwischen den Blättern Blüten und Früchte gleichzeitig haben. – Sie können sich vorstellen, wie man bei einer solch zerstreuten Betrachtungsweise zu spekulieren beginnen kann, ja muss.

Wie aber diese Bäume entstehen und warum, das wüssten diese Forscher nicht – und fänden es auch niemals heraus, solange sie nur solche Momenterhebungen vornehmen könnten und auf ihrem Stern keine Bäume bestünden und auch sonst fast keine Pflanzen bestünden, sondern beispielsweise nur essbare Kristalle gewisser Gesteinsarten. – Aus dieser Schilderung, die sich beliebig fortsetzen und ausmalen liesse, geht hervor, wie unklug es ist, nach der blossen Erscheinungsform die Dinge beurteilen und einteilen zu wollen. Und ebensolche "Erkenntnisblüten" treibt die Psychologie, wenn sie schon die verschiedenen Erscheinungsformen der seelischen Kraft bereits als Para- (oder Neben-) psychologie apostrophiert und verstanden wissen will ohne zu wissen, ja nur zu ahnen, was und wie die Seele ist und zu was sie sich entwickeln kann."

"Es ist fantastisch, Ihnen zuzuhören!" unterbrach der Arzt den Redenden. "Wirklich, dieses Bild zeigt die ganze Problematik der verschiedenen Disziplinen und der bloss symptomatischen Gliederung und Einteilung dieser Disziplinen, wie sie heute gang und gäbe sind. Und ich sehe dabei, dass bereits ein einfachstes Kind, wenn es etwas Treue zu einem einzigen Baume hat, diesen besser und richtiger sieht, beurteilt, und auch kennt, als alles noch so minutiöse intellektuelle Erfassen des momentanen Zustandes es zuliesse."

"Jetzt haben Sie mir aber eine grosse Freude gemacht, Herr Kollege", unterbrach ihn der Naturarzt. "Wirklich, nun reden Sie mir aus dem Herzen. Sie zeigen mir die Verständnisfähigkeit, die aus der Treue und Liebe eines Kindes hervorgeht, und stellen sie als Gegensatz zu intellektuellem Erfassen hin. Ich freue mich, bald einen zweiten Naturarzt in unserer Gemeinde zu haben; einer, der mit dem Verständnis der einfühlenden Liebe arbeitet, anstatt mit totem Wissen; einer, der seine Patienten mit seinem Geiste belebt, anstatt sie in ihrem Verständnis tötet, durch seine materiellen Betrachtungsweisen."

"Ja, aber dazu ist mir dennoch die Erklärung vonnöten, wie denn Schizophrenie mit Träumen, mit Manie, mit Hypnose und Magnetismus zusammenhängt", unterbrach nun seinerseits wieder der Arzt die Rede seines Kollegen.

"Nichts leichter als das", begann dieser seine Antwort. "Denn den Sehenden zu belehren, ist um ein Vielfaches leichter, als Blinde mühsam zu unterrichten von Dingen, die sie zwar vernehmen, aber nicht einsehen können. Wenn Sie nur geneigt sind, die Seele in der Art zu betrachten, wie ich Ihnen bisher gezeigt habe, so wissen Sie, dass die vom Leib freie Seele wirklich frei und ungebunden ist; und Sie können sich leicht vorstellen, dass diese von niemandem gesehene Seele überall hingelangen kann. Nehmen wir nun einmal an, dass sie beim Austritt aus ihrem Leibe keine Eigenschaft verliert, die sie in ihrem leiblichen Zustande hatte, so wäre eine Seele von der Art einer besorgten Mutter, die ihres Kindes Geschicke aus der Ferne wahrzunehmen vermag, dann, wenn sie ihre Fähigkeit erkennen und bewusst zu verstärken suchte, wohl bald einmal auch fähig, ihr noch im Leibe lebendes Kind schon vor einem allfälligen Unglück innerlich zu begleiten und es noch vor dem Eintreffen eines solchen Geschickes dadurch zu schützen, dass sie seine Aufmerksamkeit durch ihre Gedanken an es erhöhen würde, die es dann von dem gefährlichen Vorhaben abhalten könnte. So ergäbe sich beispielsweise eine Schutzgeistwirkung, sofern alles nur in Liebe und im Vertrauen auf eine höhere Macht geschieht, und nicht etwa aus einer durch starke seelische Bindung hervorgerufene Angst oder auch nur Ängstlichkeit. Andersgeartete Seelen jedoch, welche ihre Eigenschaften und Eigenheiten weder erkennen, noch sich bemüht haben, sie während ihres irdischen Lebens zu veredeln und dadurch auch zu verstärken, sondern sie vielmehr durch ihre Handlungen unter den Stand der Tiere hinab gezogen haben, suchen natürlich auch nach dem Verlassen des Leibes, denselben Gelüsten genüge zu tun denen sie schon während ihres leiblichen Seins nachgegangen und nachgehangen sind. Wenn dann eine solche Seele, die beispielsweise während ihrer Leiblichkeit zu stark der Venus gehuldigt hatte, den Körper eines Mädchens oder auch einer Frau sieht, so steigen in ihr die alten Wünsche wieder auf. Nun wissen Sie ja, dass man bei noch im Leibe lebenden Menschen in einer solchen Situation der Lüsternheit sagen würde, dass es förmlich knistere vor Spannung, (welche durch die nur zu gut fühlbaren Wünsche der Anwesenden erzeugt wird). Wenn dabei eine Frau, oder umgekehrt, durch das Begehren einer Frau auch der Mann nicht mehr an sich halten kann, so wird es zur geschlechtlichen Betätigung kommen – entweder mit dem Gegenüber selbst, welches diese Spannung erzeugt hatte, oder dann kurze Zeit nach der Begegnung alleine und als Selbstbefriedigung, wenn die Hemmungen zu gross waren, es sofort zu tun, oder der Anstand zu stark, um dem andern zu nahe zu treten.

Nun denken Sie: Wenn ein Mädchen seinen Leib zu pflegen beginnt, um durch ihn die Männer zu erregen und dadurch bei ihnen zu einer Geltung zu kommen, ist dieser Wille und Wunsch nicht ständig und überall mit dem Mädchen gegenwärtig? Viele, die es sehen – und darauf überhaupt ansprechbar sind – fühlen und hören es knistern, umso mehr, als es ja schon in der Absicht des Mädchens liegt, und es deshalb bei ihm selber schon knistert. Warum nicht auch eine entleibte Seele, wenn sie mit all ihren Sinnen weiterlebt und darum die Erregung fühlt? Jetzt stellen Sie sich aber einmal vor, diese Seele gewänne Freude an dieser Person (ihrer ständigen Aufladung und ihres ständigen Knisterns wegen, das doch dieser Seele wenigstens das Gefühl des Beischlafes gegenwärtig bleiben lässt, wenn sie doch schon ohne ihren Leib auf einen wirklichen Beischlaf verzichten muss); muss sie dann nicht ihrerseits ebenfalls wieder, durch ihre eigene Erregung, diese Person wiedererregen, selbst in Momenten, da der noch lebende Mensch ausnahmsweise einmal gar nicht daran denkt, weil er zum Beispiel schläft oder sich beruflich konzentrieren muss? Da muss sich doch mit der Zeit förmlich eine Sucht ergeben, sich ständig mit Sexuellem zu befassen. Das ist dasselbe, wie wenn zwei geile Menschen miteinander wohnen. Da wird stets der eine den andern, und umgekehrt, der andere den einen reizen; und vor lauter Beischlaf und sexuellen Spielen werden diese beiden nichts mehr anderes zu tun im Sinne haben, besonders wenn sie nicht nötig haben, Geld verdienen zu müssen. Jedermann ist das klar ersichtlich und begreiflich, und es ist auch jedermann einleuchtend, dass der eine davon nicht geheilt werden kann, wenn er vom andern nicht getrennt wird, oder der andere nicht ebenfalls zu heilen versucht wird. Stellen Sie sich vor, es wäre Ihre Aufgabe, den einen zu heilen, ohne auf den andern Einfluss haben zu können. Es wäre zum Verzweifeln. Einzig den Geschlechtstrieb dämpfende Mittel könnten Sie ihm verabreichen. Aber was nützen diese, wenn all seine Gedanken vom Partner stets auf das Sexuelle fixiert werden? Am Ende wird er dennoch wieder nur eben dazu fähig und willens sein!

So, oder noch viel schlimmer stellt sich die Situation der Nymphomanie dar. Weil dort oft nicht nur eine jenseitige Seele, sondern ein ganzer Schwarm solch lüsterner Seelen die Kranke umgibt. Jeder mit seinen eigenen Vorstellungen des Beischlafes, die er dem Opfer in Träumen und Gefühlen offenbart und mit diesen "Neuheiten" den Reiz wieder zu verstärken weiss. Es tun solche Seelen das zwar nicht unbedingt extra und willentlich, sondern bewirken das einfach durch ihre eigenen Lustgedanken, welche sich auf den noch im Leibe lebenden Menschen übertragen und zur Entstehung entsprechender Vorstellungen und Wünsche führen. Das ist eine Art von Besessenheit oder besser: Umsessenheit. Und dergestalt sind praktisch alle Manie-Arten beschaffen. Aber auch viele Phobien und auf ein und dasselbe Thema gerichtete Träume haben zumeist solche Vorkommnisse zum Grunde, besonders solche, die der Träumer so stark erlebt, dass er beim Erwachen nicht mehr recht entscheiden kann, ob er das geträumt, oder erlebt habe. In dieses Gebiet aber gehört auch die Hypnose, welche im ungünstigen Falle nichts anderes ist, als das Besessen-Machen einer Person durch die Seelenkraft eines noch leiblichen Menschen. Wie man aber weiss, können auch hypnotische Befehle nie erfolgreich gegeben werden, wenn sie zu sehr gegen Wesen und Empfindung des Hypnotisierten gerichtet sind. Das ist und bleibt auch der Trost für uns leibliche Menschen! Denn es lässt sich aus dieser Erkenntnis entnehmen, dass zwei allzu verschiedene Wesen sich nur sehr beschränkt beeinflussen können. Und es kann eine solche Manie sich nur bei Menschen entwickeln, die von sich aus in die eine oder andere Richtung eine Neigung haben, welche eben von verstorbenen Seelen empfunden wird, sodass sie sich dort zu sammeln beginnen und durch ihre Masse das Gefühl und den Willen des noch leiblichen Menschen, den sie umgeben, gefangen nehmen. Darum auch sollten Kinder nie zu lange alleine und unbeschäftigt bleiben, weil der Müssiggang am meisten zur Ausbildung einer solchen Neigung verleitet. – Nun haben wir die Erziehung, die Gesellschaftspsychologie, die Psychiatrie, die Manie, Phobie und Träume – also sechs verschiedene Disziplinen – berührt, die aber, wie die zu verschiedenen Jahreszeiten aufgenommenen Bilder der ausserirdischen Botaniker unseres vorherigen Gleichnisses, in der Wahrheit nur eine einzige Pflanzenform, den Baum darstellen. Empfinden Sie die Zusammenhänge und sehen Sie, wie es ein und derselbe Erkenntnisablauf ist, der alleine uns weiter bringt, ob er in einer sichtbaren Gesellschaft oder einer unsichtbaren, jenseitigen vor sich geht? Immer muss er vom Grunde aus geschehen, und nicht von den Erscheinungen aus."

"Ja, Donnerwetter", sagte der Arzt, "ich sehe im Moment so klar, dass ich beinahe zweifle ob der Klarheit, die ich dabei empfinde, ob eine Sache überhaupt so einfach wie klar sein kann. Aber ich sehe in meiner jetzigen Verfassung wirklich nicht das Geringste, das sich dagegen einwenden lässt, solange man davon ausgeht, dass die Seele nach dem Verlassen des Leibes wirklich leben bleibt, und dass sie nicht einfach in einen Himmel oder eine Hölle "versorgt" wird. Aber da eben beginnt nun der Glaubende seine Fragen zu stellen: Wo sind dann Himmel und Hölle, wenn die Seelen Verstorbener so herum vagabundieren können?"

"Himmel und Hölle sind ja nur Zustände und keine Örtlichkeiten, das müssen wir wissen, wenn wir uns darüber unterhalten wollen. 'Das Reich Gottes (das Himmelreich) kommt nicht mit äusserlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch' (Lukas l7, 20 - 21), sagt die Bibel. Und vor allen Dingen herrscht im Himmel kein Müssiggang, sondern vollste Tätigkeit aus dem heissesten Liebeverlangen heraus. Denn von Gott, als dem Zentrum des Himmels, heisst es, dass er Liebe sei (l. Joh. 4, 16), und dass und wie er tätig ist, lässt sich nicht nur aus den Werken der Natur erkennen, sondern noch weit mehr in seiner Sorge um die innere Ausbildung der Menschen, für die er immer wieder Einzelne erweckt, die sie belehren sollen über das Wesen ihrer selbst und den Himmel; und der sie dadurch mahnt, den von ihm zu seiner Erdenzeit (als Jesus) gezeigten Weg dahin endlich unter die Füsse zu nehmen. Natürlich werden solche Menschen als Lehrer und Propheten nie von Vielen gehört, und ihren Worten auch nicht Beachtung geschenkt, der Willensfreiheit und der Trägheit der Menschen zufolge – deshalb auch ihre nur geringe Wirkung bei ihren Mitbrüdern und Mitschwestern. Der Mensch aber kommt nach dem Austritt aus dem Leibe praktisch nie sogleich in den Himmel oder die Hölle, sondern bleibt noch eine gewisse kürzere oder längere Zeit in einem Schwebezustand zwischen beidem, um da noch ganz auszureifen für das eine oder das andere. Das lesen wir in allen Büchern übereinstimmend, die über den Zustand der Seelen im Jenseits berichten. Ob es nun einfache Menschen waren, die sie geschrieben haben, oder Lehrer oder Propheten der neueren Zeit."

"Propheten der neueren Zeit?" unterbrach der Arzt. "Denken Sie da an Religionsstifter, wie etwa den Mormonenbegründer Joseph Smith oder den Methodistengründer John Wesley; mir sind sonst nur die Propheten des alten Testamentes bekannt."

"Mir waren in meiner Jugend auch nur diese bekannt", nahm der in seiner Rede Unterbrochene sein Wort wieder auf, "aber schon damals entwickelte sich in mir ein grosses Misstrauen gegenüber diesem Umstand. Dass nämlich vor Christi Geburt bald alle Jahrhundert ein Prophet erstanden sein sollte, und nun, seit bald 2000 Jahren, keiner mehr; das wollte mir nicht in den Kopf, und ich begann damals schon zu vermuten, dass entweder alle biblischen Geschichten blosse Märchen waren, die – solange sie als Wahrheit an den Mann gebracht werden sollen – freilich in unüberprüfbare Ferne gerückt sein müssen; oder aber, dass seit Christi Geburt sich vieles ereignet hatte, das von den Grossen dieser Welt, – und vor allem auch von der seinerzeit grossen Macht der Kirchen – ebenso unterdrückt worden sein musste, wie damals die Propheten selbst durch ihre Tötung durch die Pharisäer unterdrückt wurden und Jesu Wirken durch die Verfolgung und endliche Kreuzigung zu unterdrücken versucht wurde – durch dieselben Grossen dieser Welt. Nur blieb noch dieser Unterschied zur Zeit nach Christus, dass nämlich die Propheten früher wenigstens im Nachhinein dennoch bekannt wurden, wenn oft auch erst nach ihrem gewaltsamen Tode – was nun seit 2000 Jahren aber nicht mehr der Fall war. Aber alle Suchenden werden dennoch finden, denn: 'Wer da sucht, der findet' (Matth. 7, 8) wird in der Schrift verheissen; und so habe ich sie auch alle gefunden – wenn auch nicht alle ganz gelesen. Es sind zum Beispiel mit Namen: Emanuel Swedenborg, Jakob Böhme, Thomas von Kempen, Gerhard Tersteegen, Jakob. Lorber usw. Der Grösste und Umfassendste darunter ist wohl Jakob Lorber. Alle diese waren aber keine Religionsstifter, sondern nur Reiniger des Glaubens und der Lehre, wie es auch die damaligen Propheten waren. Sie sind auf viele verschiedene Jahrhunderte verteilt, wurden aber alle tot geschwiegen. Religionsstifter hingegen halte ich entweder für Lehrer, oder dann für Fanatiker. Sie sind sehr oft einseitig, und ich möchte mit ihnen nicht allzu viel zu tun haben. –  Gewiss denken Sie nun, weshalb denn in der Bibel nie eine Erwähnung dieses Tatbestandes eines Schwebezustandes oder eines Mittelreiches für jüngst Verstorbene gemacht wird. – Es wird schon; aber es ist nicht leicht, sie recht zu verstehen. Das Paradies, das Jesus dem einen Schächer am Kreuze versprochen hat, ist ein Hinweis darauf. (Lukas 23, 43) Denn im Paradiese war auch Adam. Also ist das ein Zustand, in welchem noch nicht alles Leibliche vollständig abgelegt wurde. Ein weiterer Hinweis ist die Erwähnung der Besessenen, von welchen Jesus die Geister austrieb, die nichts anderes als Seelen Verstorbener waren, welche die Besessenen gepeinigt hatten, aus deren Munde sie Jesus auch Red und Antwort stehen mussten.

Und damit sind wir eigentlich schon bei der Schizophrenie, die wir vorher noch als zum selben Thema gehörig, erwähnt haben. Aber das ist ein ungemein weitläufiges Gebiet mit so unheimlich starkem Einfluss auf unser ganzes Empfinden, sodass ich es als falsch betrachten würde, es zu so vorgerückter Stunde bei schon etwas ermüdeten Kräften zu betreten zu beginnen. Gerne will ich diesem Thema einen eigenen Abend widmen, wenn es Sie interessiert; denn immerhin lässt sich aus der genaueren und vor allem umfassenden Erkenntnis dieses Gebietes so viel Brauchbares für unsere Praxen entnehmen, dass es schade wäre, solch grundlegende Erkenntnisse nicht auch zur Grundlage unseres Verständnisses und unserer Weltanschauung zu machen."

Der Naturarzt, der allerdings alles andere, als ermüdet aussah, schlug im weitern vor, doch lieber noch eine gemütliche halbe Stunde der eher allgemeinen Aussprache zu widmen, was dem Arzte auch willkommen war, nachdem er sich gerne zu dem zuvor vorgeschlagenen weitern Abend einladen liess. Beim nachfolgenden Gespräch erfuhren die beiden dann gegenseitig etwas mehr aus der Jugendzeit und der Ausbildung des jeweils andern. Sie sprachen auch über häusliche Probleme und erzählten sich so manches über ihre gegenwärtigen Beschäftigungen neben ihren Praxen her, sodass ihre Unterhaltung zu einer vollen Stunde der Gemütlichkeit wurde, in welcher sie beide die grosse Wärme des Aufeinander-zu-Kommens empfanden, was sie beide so recht herzlich erfreute.

Als sich dann, einiges nach Mitternacht, der Arzt verabschiedet hatte und den Heimweg unter seine Füsse nahm, da verglich er die heutige Stimmung nach dem Besuch bei seinem Kollegen mit jener nach dem ersten Gesprächsabend. Wieder empfand er deutlich starke Veränderungen in seinem Gefühl in einer Richtung, die er zuvor nicht gekannt hatte, die aber äusserst wohltuend, ja wärmend und belebend auf ihn wirkte. Nur war diesmal neben der Empfindung, dass er von einer äusserst hilfsbereiten Gesellschaft umgeben sei, eine zweite hinzugekommen: Er fühlte eine gewisse Zuversicht, die ihm aus einer Veränderung seiner Wesensordnung zu erwachsen schien. War er das erste Mal in eine ihm fremde Gegend gezogen, aus welcher er wieder heimwärts zog in sein Eigentum, zwar wohlbegleitet von vielen in der Fremde gewonnenen, unsichtbaren Freunden, wie er es damals verspürte, so war es diesmal, als zöge er ausgerüstet mit viel gutem Werkzeug – nicht nach hause – sondern auf die ihn erwartende Arbeit zu. Beinahe hatte er schon das Gefühl, als käme er von zuhause her und schritte nun wohlgestärkt und hoffnungsvoll vergnügt zu seinem Arbeitsplatz. Wohl empfand er wieder so etwas wie eine Gesellschaft um sich herum, aber als das Hauptziel ihrer Glieder empfand er nicht mehr das Helfen-Wollen, sondern das hoffnungsvolle Abwarten, ob und wie er selber die Arbeit, die er vor sich habe, beginnen werde. Er spürte in sich eine gewisse Kraft, aus seinem Gemüte her kommend, die er bislang noch nie empfunden hatte, und die ihn förmlich spannte in der frohen Erwartung, dass sie bald einmal betätigt werden könnte. Das erste Mal empfand er sich nicht bloss als zu einer Arbeit gesandt, sondern eher eine Arbeit annehmend, sie beinahe suchend, und froh, sie zu erhalten.

Am folgenden Morgen war er noch vom selben Gefühle beseelt, nur schien ihm die ihm folgende Gesellschaft wieder etwas näher und ihm wieder eher helfen wollend, als bloss zuschauend. Ein solches Gefühl erhöhte seine Unbefangenheit, und in der Praxis bemerkte er dann mit einem Male, etwa mitten im Morgen drin, dass er umsichtiger und weitsichtiger im Umgange mit seinen Patienten wurde. Er verspürte plötzlich, dass jeder, oder doch die meisten Patienten wie irgendetwas um sich herum haben, das ihm ein tieferes Bild über das Wesen eines solchen Patienten vermitteln konnte. Vielfach empfand er dieses Wesen zwar eher als Rätsel; nur bei wenigen empfand er, was sie im Moment beschäftigte oder bedrückte. Aber bei jenen, deren Wesen ihm eher als Rätsel vorkam, glaubte er, dass es sich bei diesem Rätsel am allerehesten um den wirklich wunden Punkt des Wesens handelte, der weit tiefer und ganz wo anders gelegen sein musste als in der sichtbaren Krankheit. Einige andere wieder begann er als wie nicht existent zu empfinden, und vor diesen schauderte ihn ein wenig.

Zwei oder drei Tage lang ging das so fort. Und er bemerkte, dass er jenen Patienten, bei welchen er empfand, was sie beschäftigt, viel näher kam; ein innigeres, gewissermassen vertrauensvolleres Verhältnis zu ihnen gewann. Er beschäftigte sich auch nach der Praxis mit dieser Erscheinung so sehr, dass es sogar seiner Frau auffiel. Sie sagte zwar nichts, weil sie es an ihrem Manne kannte, dass er tagelang mit irgendwelchen Problemen belastet sein konnte, die er jeweils nicht oder nur ungern mit ihr erörtert haben wollte. Was ihr aber dennoch auffiel, war der Umstand, dass ihr Mann dabei nicht so sehr belastet und gehindert erschien wie sonst, sondern eher gefördert und konzentrierter. Er beschäftigte sich immer intensiver mit der neu gewonnenen Sicht der Dinge und der Erkennung ihrer Realität in der Praxis. Besonders das Beispiel der Manie, hervorgerufen durch den Andrang gleich gesinnter Seelen interessierte ihn, und er begann solche Manien – oder eher müsste man sagen: Fast-Manien – bei einigen wenigen seiner Patienten zu empfinden, die aber nicht derentwegen bei ihm in Behandlung waren, deren Leiden aber, seiner vorerst noch vagen Empfindung nach, mit einer solchen Einseitigkeit ihrer Betrachtungsweise und ihrer Neigungen zusammenhängen musste.

Einmal fragte er aus diesem Grunde eine ältere Patientin, die gewisser Schluckbeschwerden wegen in Behandlung war, bei der aber keine abnormen organischen Befunde vorlagen, ob sie sich nicht stark mit ihren Gedanken an etwas festklammere, oder sich ständig mit etwas beschäftige. Sie gab ihm zur Antwort, dass sie eben alle Probleme als zu gehäuft vorkommend empfinde und sie so nie lösen könne, und dass sie dieses Missverhältnis der Probleme zu ihrer Kraft nicht zur Ruhe lassen komme. Bei dieser Antwort ersah der Arzt in sich, in seinem fühlenden Gemüt, unwillkürlich eine gütige Mutter, die von ihren sich nicht im Geringsten um sie kümmernden Kindern mit allerhand, meist unbegründeten oder gar unangemessenen Begehren und Wünschen überhäuft wird. Obwohl er wusste, dass die Patientin kinderlos war, empfand er das in ihm aufgetauchte Bild dennoch als wirklichkeitsnah, und dabei kamen ihm ganz plötzlich – dieser bildlichen Vorstellung wegen, da viele unreife Kinderwesen eine Mutter bedrängen – die Seelen Verstorbener in den Sinn. Dabei empfand er stark die Bereitschaft der vor ihm sitzenden Patientin, auf alles einzugehen, das an sie herankommt, obwohl er anderseits wusste, dass die Frau eher zurückgezogen lebt. Er erkundigte sich über das, was sie so in letzter Zeit alles auf ihrem Programm hatte und erfuhr, dass es eigentlich recht wenig war, obwohl doch dieselbe Frau erst eben ausgesagt hat, dass sie die Probleme als gehäuft vorkommend empfinde. Da begriff er, dass es sich dabei um einen Fall handeln müsse, der nach den Kriterien seiner Lehrausbildung ergotherapeutisch behandelt werden müsste, sah aber, dass die vor ihm sitzende Patientin jeder nur vage begründeten äusseren Betätigung abhold war und dass also mit einer Beschäftigungstherapie nur ein nutzloses Pflaster auf eine tiefe Lochwunde geklebt würde, was die Krankheit nicht bessere, sofern das Loch nicht von innen her zuheile, das ihr möglicherweise von sie umlagernden Seelen zugefügt wird, welche durch die Anschuldigung ihres Schicksals ihre eigene Schuld an ihrem Zustand zu verbergen suchen, und sie dadurch in einen Gedankenstrudel mitreissen, der eine Orientierung – und damit das Ruhigwerden – verunmöglicht. Und schon lagen die folgenden Worte förmlich auf seiner Zunge – er wusste nicht wie –, als er sich selber sprechen hörte: "Aber gute Frau, Sie haben doch Ihren Glauben an einen fürsorgenden Gott, oder nicht?" Und als sie ihm diese Frage positiv beantwortet hatte, fuhr er fort: "Nun, so lassen Sie doch einmal ihn die Probleme lösen! Man soll zwar seine Probleme nicht einfach vor sich hin schieben, denn das löst sie nicht – das weiss ich schon. Aber daneben gibt es auch Probleme, die ein Mensch gar nicht lösen kann – wie die Quadratur des Kreises oder die Ernährung all der Millionen Hungernden auf dieser Welt. Solche Probleme löst nur Gott, der Herr – aber eben auf seine Weise, die wir nicht so schnell und so gut verstehen können, weil seine Wege höher sind als unsere Wege. Nun schlage ich Ihnen aber vor, sortieren Sie alle Ihre Probleme in solche, die Sie selber lösen müssen oder doch lösen sollten, und in solche, die Sie nicht lösen müssen und auch nicht lösen können. Die Letzteren überlassen Sie dem Herrn. Und von den andern lösen Sie nur all jene, die Sie gut lösen können. Jene, die sich Ihrem Lösungsversuch stärker widersetzen, tragen Sie getrost vor den Herrn und bekennen ihm, dass Sie nicht fähig seien, diese zu lösen. Der Herr möge Ihnen doch für einmal dabei behilflich sein, indem er Ihnen einen Weg zeige. – Dann aber, wenn Sie ein solches Problem dem Herrn übergeben haben, bleibt es solange das Seine, bis er es Ihnen gelöst zurückgeben wird. Sie dürfen also in der Zwischenzeit nicht daran herum beissen und herumknacken. Wenn Sie das können, so wird Ihnen bestimmt eines Tages, ohne daran gedacht zu haben, die richtige Antwort dazu in den Sinn kommen." Die Patientin sah ihren Arzt etwas verwundert, aber auch mit einer gewissen Dankbarkeit an. Hatte er sie doch in ihrer vagen Ansicht bestärkt, dass irgendwer sich dennoch ihrer ständig annehme, ja, sich vielleicht sogar mit ihr beschäftigen wolle. Jedenfalls veränderte sich ihr Gesicht. Zwei Wochen später hörte er von ihr mit Freude, dass sich ihr innerer Zustand, den sie aber bisher nie als schlecht empfunden habe, stark gebessert habe. Sie habe das Gefühl, weniger Probleme zu haben und manchmal sogar das Gefühl, nicht so alleine zu sein, obwohl sie sich eigentlich nie einsam gefühlt habe. – "Und die Schluckbeschwerden?" fragte der Arzt nach. – "Sie sind wohl noch", antwortete sie, "aber sie wiegen nicht mehr so schwer und an einigen Tagen waren sie auch merklich weniger stark". –

Ein anderes Mal musste er einem älteren Manne, der bei ihm schon wegen Angina pectoris (Herzenge) in Behandlung war, eine Schnittwunde an der Hand nähen. Dieser konnte nicht begreifen, wie er so ungeschickt sein konnte, dass so etwas passiert war. Da kam es wieder wie eine tiefe Einsicht über den Arzt, sodass er unwillkürlich zu sprechen begann, und sich dabei folgende Richtigstellung aus seiner Erleuchtung ergab: "Sie dürfen nicht so anspruchsvoll und ungeduldig mit sich selber umgehen, guter Mann. Denn eine solche Verständnislosigkeit verschliesst nur Ihr Herz vor den Schwächen des Alters, wie anderseits auch sicher vor der Ungeschicklichkeit der Kinder; und davon ist dann die Folge, dass sich auch Ihre Herzkranzgefässe mit verschliessen können und sich dabei so verengen, wie es nun Ihr Gemüt beengt hat, dass Sie so ungeschickt waren – was Sie dann starke Schmerzen empfinden lässt. Sind Sie vielmehr froh darüber, dass trotz Ihrer Ungeschicklichkeit nicht mehr und nicht Schlimmeres passiert ist. Wenn Sie die Sache so sehen, so erweitert sich Ihr Herz in der Dankbarkeit – und mit ihm auch alle seine Gefässe. Nehmen Sie meine Worte als weitere Bereicherung Ihres Herzens an, und es würde mich stark wundern, wenn Ihr Herz Sie so bald wieder schmerzen würde, solange Sie es so stark erweitert halten, dass auch die Fehler und Unzulänglichkeiten Ihrer Glieder, sowie jene, die andere begehen, darin Platz finden können." – Der Mann war tief betroffen, das spürte er. Als er einige Tage danach zum Zeigen der Wunde in die Sprechstunde kam, waren seine ersten 'Worte: "Ich danke Ihnen, Herr Doktor, für das, was Sie mir letztes Mal gesagt haben. Es hat mir so gut getan, und ich habe mich mit Dank und Freude daran gehalten. Ich glaube wirklich, dass sich das auf mein Herz auswirkt." – Auch beim Abschluss der Schnittwundenbehandlung kam er wieder mit demselben Dank und berichtete, so lange habe er noch nie Ruhe gehabt mit seinem Herzen. Mehr noch! Er verspüre oft eine eigene, positive Freude – ohne irgendwelchen Anlass.

Auf diese Art änderte sich ganz sachte die Praxis des studierten Arztes ebenso, wie die Stimmung in seinen Räumen. Auch seine Frau fand ihren Gatten trotz der stärkeren innern Beschäftigung, die sie an ihm noch stetig wahrzunehmen glaubte, freier und aufgeräumter.

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4. KAPITEL


ERSCHÜTTERNDE ERLEBNISSE ZERSTÖREN EIN
SORGFÄLTIG GEHÄTSCHELTES WELTBILD

Als er diesmal erst nach einer etwas längeren Zeit wieder mit seinem Kollegen der Naturheilpraxis zusammenkam, fiel auch diesem eine Wesensänderung an seinem Bekannten auf, ohne dass er aber ihm gegenüber zunächst eine Erwähnung machte. Denn es war seine Art, erst zu sehen, sich dann ein Urteil zu bilden und dieses dann durch den Verlauf der Vorkommnisse sich bestätigen zu lassen. Und auf diese Bestätigung musste er im vorliegenden Falle gar nicht lange warten. Denn was ihm sein Kollege aus seiner Praxis erzählte – und vor allem auch, wie er es erzählte – das zeigte ihm, wie viel offener und dadurch erlebnisfähiger sein Kollege schon geworden war. Und er freute sich darüber in herzlicher Weise, nicht zuletzt, weil offene und erlebnisfähige Menschen zur grössten Seltenheit in der heutigen Gesellschaft gehören. – Man müsste zwar meinen, gerade eine Krankheit müsse den Menschen noch am ehesten offener und erlebnisfähiger werden lassen, besonders wenn sie schlimm aussähe oder doch wenigstens starke Schmerzen verursache – und gerade kranke Menschen sind ja die tägliche Gesellschaft eines Arztes, sodass er genügend offene und erlebnisfähige Menschen um sich haben sollte. Aber weit gefehlt! Das noch so schlimme Aussehen einer Krankheit wird durch noch weit schlimmere Bilder im Fernsehen relativiert und der grösste Schmerz mit Schmerzmitteln pariert. Beide Mittel sind aber so richtig geeignet, aus einem lebendigen Menschen einen fühl- und gefühllosen, beinahe toten Betrachter zu machen; so etwa in derselben Art und Weise, wie die TV-Kamera im grössten Sturm und Kriegsgewühl ganz ruhig – oder objektiv, wie man heute sagt – ihre Bilder aufnimmt und sie ohne Überlegung und Verantwortung weiterleitet an die stumme und dumme, anonyme Zuschauergesellschaft, die dadurch verfinstert wird und sich an diese Finsternis gewöhnt.

Kurz, nicht bei seinen Patienten erlebte er diesmal einen wahren Durchbruch des Lebens in einem Menschen, sondern bei einem Arzt, also bei einem, der sonst selber daran mitschuldig ist, dass die menschliche Gesellschaft so geworden ist. Er liess es seinen Kollegen auch spüren, wie sehr er sich erfreute an dem, was dieser ihm zu berichten wusste, und versuchte auch, ihm den Unterschied zu früher möglichst bildhaft zu erklären. Und indem er dabei eben auf die eher tote, aufnahmeunfähige und unberührbare Gemütsstruktur der meisten Menschen zu reden kam, kam er sachte und fast unvermerkt auf das für den heutigen Abend vorgesehene Thema der Schizophrenie, indem er seinem Kollegen erklärte, dass just dieses eben besprochene, kaum belebte, jedoch des Lebens wohl fähige Menschen-material so herumliege und herumhänge wie alte mottige Kleider, die nicht mehr richtig getragen würden. Als ein der äussern Form, wie auch dem Material nach durch und durch organisches Gebilde seien diese geradezu prädestiniert, einerseits den Motten zu verfallen und anderseits eine Beute der Diebe zu werden. Die Motten, erklärte er weiter, seien Sinnbilder der Leibeskrankheiten, speziell, wenn wir eher die Leiber der halbtoten Menschheit betrachteten, und anderseits stellten sie die einseitigen Leidenschaften dar, wenn wir eher die Gemütsbeschaffenheit solcher Menschen betrachten würden.

Die Diebe hingegen, welche durch ein Tragen der vorher entwendeten Kleider, diese gewissermassen wieder zu beleben vermöchten, entsprechen in seinem Vergleich eben nackten Seelen des Jenseits, die sich wieder – aus welchem Grund auch immer – in einen leiblichen Zustand wünschten und sich deshalb um solche Leiber herum sammelten, deren gemüthafte Seele in sich mehr tot als lebendig sei, sodass sie es nicht so bald merken würde, wenn sich ein anderer ihres Leibes, zu irgendeiner Befriedigung, bemächtigte. Er habe ja letztes Mal von der Umsessenheit gesprochen. "Schizophrenie, dieses dumme Kunstwort", so fuhr er fort, "ist aber in jedem Falle immer eine Form von Besessenheit. Und nur die Angst vor der Wahrheit legt es den Menschen nahe, ein so dummes Wort anstelle der Bezeichnung der Wirklichkeit zu setzen. Vorab waren es die sehr materialistisch gesinnten Ärzte, die darauf kamen. Und alle übrigen sind froh, dass es die Ärzte so sehen, weil – so gesehen – das Leben nach dem Tode nicht in die täglichen Erfahrungen der Einzelnen hineinragen kann, was ja nur Beunruhigung brächte. Umso schöner ist es, dass ich Ihnen heute just über die gegenteiligen Erfahrungen eines Arztes, eines Psychiaters und erst noch eines Seelsorgers berichten kann, die zu ganz verschiedenen Zeiten gelebt haben, einer sogar auf einem andern Erdteil; die also voneinander nichts wissen konnten, und darum also völlig unabhängig voneinander dennoch auf ein und dasselbe Resultat – und zwar bis in die Details – anhand ihrer Praxisfälle gekommen sind. Wenn diese drei zusammen nicht für die Wahrheit bürgen, dann müssen wir dann schon selber unsere eigenen Erfahrungen sammeln, was erstens für einen jeden Menschen ohnehin das Beste ist, und was zweitens bei uns beiden kaum ausbleiben kann. Denn Ihrem Wesen nach sind Sie ebenso wenig ein Arzt im heutigen Sinne des Wortes wie ich selbst. Denn der Arzt im heutigen Sinne des Wortes ist kein Forscher, kein Zweifler und kein Frager, sondern einer, der kritiklos die von andern geschaffenen Mittel und Methoden einsetzt und anwendet, sehr oft sogar noch eher zu seinem eigenen, monetären Vorteil, als zum Vorteil des Patienten. Er ist ferner auch einer, der sein Gewissen stets mit der Berufung auf die Forschungen, Meinungen und Aussagen anderer entlastet; so etwa mit dem Gedanken: was diese alle tun, das kann und darf ja nicht falsch sein; und wäre es auch falsch, wie könnte man ausgerechnet von ihm verlangen, dass er als erster diese offenbar schwierig zu erkennende Sache richtig stellen könnte oder sollte und diese dann erst noch gegen eine überwiegende Mehrheit verfechten sollte. Als das leuchtendste Beispiel einer umgekehrten Handlungsweise dünkt mich in dieser Hinsicht die Erlebnisgeschichte des Seelsorgers, und zwar, weil ich diese Menschen im Allgemeinen sonst den Ärzten – ihrem Gemüte nach – gleichstelle: Sie machen es sich so bequem wie möglich und berufen sich ständig auf andere, anstatt auf die eigene Erfahrung. Es handelt sich aber bei diesem leuchtenden Beispiel eines arbeitswilligen und fürsorglichen Menschen dazu noch um keinen völlig Unbekannten, sondern um einen, der im Kirchengesangbuch der Protestanten oder Reformierten noch heute mit seinen Liedern vertreten ist. – Es ist: Pfarrer Blumhardt." –

"Ja, den Namen kenne ich; doch wüsste ich ihn nicht in einen Zusammenhang zu unserem Thema zu bringen", bestätigte der Arzt aus dem Schatze seiner kirchlichen Erfahrung.

"Ja, eben, da haben wir es wieder!" nahm der andere das Wort von neuem auf. "Man kann und darf von ihm alles wissen, nur eben das nicht, was ich Ihnen nun erzählen werde. – So erging es übrigens auch dem vorher mit dem Seelsorger zusammen genannten Arzte, auf den ich nachher noch kommen werde: Viele seiner Freunde waren damals enttäuscht über das Buch, in welchem er über diese Dinge geschrieben hatte, und einige kehrten sich auch von ihm ab. – Ein Mensch darf zwar vieles sagen, nur eines darf er unbedingt nicht, will er salonfähig bleiben: Er darf nichts von einem Leben nach dem Tode – oder ausserhalb der Materie – reden, sonst ist er für die Gesellschaft erledigt. – Das ist der Grund, weshalb so wenig von solchen Erfahrungen veröffentlicht wurden, und das war ja auch der Grund, weshalb eine Krankenschwester, wie Joy Snell, von der wir letztes Mal gesprochen hatten, so wenig über ihre Erfahrungen zu den Hinterbliebenen Verstorbener sagen konnte und wollte – wie Sie ja aus dem vorgelesenen Abschnitt selber hören konnten. Und so beginnt auch Pfarrer Blumhardt sein bemerkenswertes, wenn auch nur kleines Büchlein3) mit einer Anmerkung etwa folgenden Wortlautes: 'Nachfolgender Aufsatz wurde im August 1844 der württembergischen Oberkirche auf deren Verlangen "in der Eigenschaft einer vertraulichen Mitteilung" übergeben, kam aber ohne Wissen des Unterzeichneten durch Abschriften in Umlauf. Um diese zu verdrängen wurde der Aufsatz nach sechs Jahren lithographiert.' – Und in seinem Vorwort an das Konsistorium hob er hervor, dass er sich bis dahin noch niemals unumwunden über seine Erfahrungen geäussert habe, und dass es ihm ein Leichtes gewesen wäre, seinen Bericht so zu verfassen, dass er ohne allen Anstoss von jedermann hätte gelesen werden können. Das hätte er aber um der Wahrheit willen nicht über sich gebracht, obwohl er bei einem jeden neuen Abschnitt wieder darüber zittern wollte, ob es nicht übereilt und unvorsichtig wäre, alles so bar herauszusagen. Aber er fühlte in sich mit grosser Kraft dennoch immer wieder die Worte: 'Heraus damit'.

Auf diese Art müssen die Suchenden, Forschenden und die Wahrheit Liebenden sich auch noch heutzutage fortwährend fragen, wenn sie über die augenscheinlichsten Wahrheiten sprechen wollen. Denn erstens gilt es, all die vielen Tausend materiellen Interessen anderer, die durch die Wahrheit tangiert werden und die stets erstrangig sind und also vor der Wahrheit kommen, zu berücksichtigen, und dann noch, zweitens, zu überlegen, wie viel das eigene Wort dann bei der trägen Masse der Menschheit noch gilt, wenn sie einmal erfahren hat, dass einer gegen ihr Interesse der innern Ruhe – also des eigentlichen geistigen Todes – das Wort ergriffen hat, um der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Denn wehe, wenn sie sich dadurch von ihm abwendet! Denn dann spricht er jedes weitere Wort ohnehin vergeblich." –

"Da muss ich Sie unterbrechen, entschuldigen Sie mich", sagte der Arzt, "aber ich glaube, ich würde meine Frage vergessen angesichts des sicher Grossen und Vielschichtigen, das jetzt dann auf mich loskommt. Ich verstehe oder begreife noch immer nicht ganz, weshalb denn die Menschheit so allergisch auf ein Leben nach dem Tode reagieren sollte. In allen Glaubensgemeinschaften zum Beispiel wird ja darüber geredet." –

"Das ist ganz einfach zu erklären", begann der Befragte seine Antwort, "und Sie sind nur dadurch etwas verwirrt, weil Sie die Form für den Inhalt nehmen. Eigentlich würde jedermann gerne ewig leben, besonders die Reichen; obwohl selbst Arme, die kaum das Nötigste haben, um sich zu sättigen, lieber noch weiter leben, als sterben möchten – aber immer auf der Erde, versteht sich. Im Jenseits möchte man schon weit weniger gerne leben. Das Fatale jenes Lebens besteht nämlich in der Ungewissheit, wie es gestaltet sein könnte! Die Materialisten können sich ein Leben ohne Leib ohnehin gar nicht vorstellen. Dabei belehrt sie doch jeder einigermassen lebhaft geträumte Traum, dass sie darin, wo nichts Materielles sich vorfindet, als bloss die Bilder von Materiellem; dass sie also dort, im Traume, weit erlebnistiefer leben und erleben können als im wachen und eher materiellen Zustand. Wer im Traume schwelgt, der hat mehr von der Fülle als er je im natürlichen Leben haben kann. Wer aber im Traume leidet, der leidet oft mehr, als er je in der Wirklichkeit leiden könnte; besonders, wenn sich die Träume wiederholen, sodass auch eine leibliche Angegriffenheit daraus resultieren kann. Das alles wird eben durch die Unmittelbarkeit der Wirkung solcher Träume auf das Gemüt der Seele bewirkt, während alles, was zuerst durch die Sinne des Leibes aufgenommen werden muss, ob Schmerzliches oder Freudiges, durch eben diese leibliche Materie vernebelter im Sensorium der Seele ankommt. Alle jene aber, die sich ein Leben ohne Materie – also nach dem Tode des Leibes – vorstellen können, muss doch eine gewisse Bangigkeit gefangen nehmen, wenn sie keine verlässlichen Angaben darüber erhalten können, wie es sich gestalten wird und was man allenfalls im jetzigen Leben vorkehren könnte, dass das jenseitige – wohlbegreiflichermassen ewige – Leben so angenehm als möglich sein könnte. Um diesem Druck der Ungewissheit zu entgehen, glauben die einen an einen gerechten Gott und die andern, dass kein Leben ohne Materie walten könne, also an den völligen Tod nach dem Sterben des Leibes. Die Letzteren fahren insofern besser dabei  – materiell gesehen –, als sie völlige Freiheit haben, über sich und andere zu verfügen in der Weise, wie es ihrer Laune und ihrem Vermögen entspricht, während die Ersteren doch wenigstens sonntags ihrem Gott einen gewissen Frondienst leisten müssen – sich im übrigen aber auch sehr frei fühlen. Gerade deshalb ist es den Gläubigen nicht recht, viel über das Jenseits zu hören oder zu wissen, weil sie leicht scheinbar Gegensätzliches vernehmen könnten, das nachher allerhand Fragen und Zweifel zulässt, die offen bleiben müssen. Und gerade dagegen haben sie sich ja eben über den Glauben versichern wollen. Denn durch denselben haben sie ihrer Meinung nach Garantie auf ein angenehmes Fortleben. Und weil sie ihren Glauben nicht ausleben, dadurch aber auch nicht prüfen und notfalls von Missverstandenem reinigen, so können sie auch nicht wissen, dass die göttlich gute Absicht ihrer eigenen Auffassung von "gut" stark entgegenstehen könnte. Ist zum Beispiel eine böse Krankheit über einen solchen Gläubigen gekommen, etwa wie über Hiob, der am Ende seines Unglückes, als er alles verloren hatte, noch selber krank wurde, so vertrösten sich solche Glaubenshelden einfach damit, dass sie dann im Jenseits dafür entschädigt werden. Dabei müssten sie doch bei reiflicher Überlegung herausfinden, dass wenn Gott gut ist, er ihnen schon diesseits nichts Schlechtes zustossen lassen dürfte. Und könnten sie die Krankheit auch als ein ihren trägen Geist wachrüttelndes Gutes ansehen, so müssten sie sich dabei doch wenigstens denken können, dass ihnen wohl auch im Jenseits das Gute, das sie von Gott her zu erwarten haben, möglicherweise ebenso wenig munden könnte, wie das Gute, das er ihnen auf der Erde – als Krankheit – zusandte. Aber eben, gegen solch allzu unangenehme Fragen und Aussichten schützt der stumme und dumme, weil nicht konsequent ausgelebte Glaube so, wie der noch dümmere Glaube der Materialisten diese dagegen schützt. Also muss dann notwendigerweise jede Erscheinungsform ausserleiblichen Lebens die Gemüter in ihrer faulen Ruhe aufs entschiedenste stören, indem sie ihnen gewissermassen zuruft: Ihr faulen Schläfer, hier habt ihr ein Stück zum Anfassen vor euch, damit ihr euer Bild über diese Dinge kritisch betrachten und hernach verbessern könnt, um noch rechtzeitig – nämlich im leiblichen Leben – euch vorzusehen und dasjenige hier zu sammeln, was euch dort nicht mehr zu sammeln möglich sein wird. Wie viel einfacher ist es doch für solche Glaubensversicherte – ob materialistischer oder christlicher Prägung –, einen besessenen Patienten einfach für verrückt, oder dann eben lateinisch für schizophren zu erklären, weil man auf diese Art seine Krankheitserscheinung als mit seinem Wesen identisch ansehen kann und damit weniger zu fürchten braucht, selber einmal das Opfer solcher Zustände werden zu können, und weil es leichter erscheint, die heftigen Erscheinungen, die sich im Leibe des Patienten dabei manifestieren, medikamentös zu mildern, als gegen deren wirkliche Ursache anzukämpfen – oder wenigstens die eigene Ohnmacht gegenüber solchen Vorkommnissen zuzugeben. Denn man hat damit auch den unsichtbaren zweiten Belästiger der eigenen, trägen Ruhe, den Besitz ergreifenden Geist, negiert und sich damit das angestrebte Ziel eines irdisch offenen und unbekümmerten Lebenswandels vorsorglich und haltbar gesichert.

Das nenne aber ich Schizophrenie, und zwar äusserst bösartige – weil andere ansteckend und dadurch bedrohend, dass Menschen, die es aus der Erfahrung wissen, dass all ihr Wissen allernutzlosestes Stückwerk ist, welches schon einige Jahre später durch neuerliche Erkenntnisse als falsch erwiesen wird, so tun, als wäre es dennoch der Weisheit letzter Schluss und glaubend daran festhalten und ihre Ansicht Andersdenkenden sogar mit allen Mitteln aufzudrängen versuchen, sodass weder für sie selbst, noch für die fortschrittswilligen andern die Möglichkeit einer Gesundung von der Lüge, bestehen kann und damit einer Vervollkommnung der Seele Tür und Tor versperrt bleibt. Und darin gleichen die Mediziner so stark den Glaubensverkündern wie ein Ei dem andern. Gibt es doch gar viele Sekten, die haben schon ein oder mehrere Weltuntergänge auf einen bestimmten Zeitpunkt vorausgesagt, die dann nicht eingetreten sind, und bestehen dennoch darauf, dass nur sie alleine die Bibel richtig auslegen, die doch zudem deutlich aussagt, dass Zeit und Stunde des Weltendes niemandem bekannt sind. Viele erwarten die Wiederkunft Jesu täglich, ja stündlich, und das schon seit Beginn des vorletzten Jahrhunderts, und es bringt ihren Glauben an ihr eigenes Verständnis der Schrift nicht ins Wanken, wenn sie nie eintrifft. Wie einfach haben es doch diese in ihrem Schlafe – zumindest bis zum Erwachen, wo dann allerdings der Schreck über das Nichtvorhandensein des Geglaubten und die sich zeigende, völlig unverstandene Wirklichkeit einen Menschen schon ordentlich durcheinander bringen können – ob es ein Gottesgläubiger oder Wissenschaftsgläubiger sei, spielt dabei keine Rolle.

Wie vielen Patienten hat zum Beispiel ein Dr. Kocher die Schilddrüse bei Kropfoperationen völlig entfernt, ohne sich längerfristig Gedanken zu machen, ob dieses Organ zum Leben notwendig sei. Obwohl er bereits vom Hausarzt einer seiner ersten Patientinnen schriftlich auf eine Wesensänderung, nach der erfolgten Kropfoperation mit Totalentfernung der Schilddrüse aufmerksam gemacht worden war, fand er es nicht notwendig, selber dieser Sache nachzugehen. Auch viele andere kritische Stimmen überhörte er in seinem Glaubenswahn, dass die Schilddrüse absolut nicht lebensnotwendig sei. Und so entfernte er noch vielen weitern Menschen die Schilddrüse, die dadurch alle mehr oder weniger in einen typischen Kretinismus (Blödsinnigkeit) verfielen. Dabei befand sich der Mann wohl noch in einem zweiten Wahn: dass er nämlich ein Wissenschafter sei; wo doch der Wissenschafter anhand vieler und wiederholter minutiöser Abklärungen und Versuche erst zu seinem Wissen kommen sollte, und nicht einfach an eine selber aufgestellte Behauptung glauben sollte, deren Richtigkeit er nie – trotz an ihn ergangene Warnungen aus den Erfahrungen anderer – wirklich nachgeprüft hat. Ist nicht das aber das Wesen der Schizophrenie: etwas für wahr zu halten, oder sich selber für etwas zu halten, das man gar nicht wirklich ist?!  Das Erwachen aus diesem Glauben war auch für ihn verheerend gewesen." –

"Es ist ein wahrer Genuss, Ihnen zuzuhören, lieber Kollege", unterbrach der Arzt den Redner. "Wahrhaft, schöner, gediegener und folge-richtiger lässt sich die falsche Einschätzung der Verhältnisse, als Grund meiner Frage, nicht dartun. – Aber eines ist mir dabei dennoch gerade eben jetzt durch die Sinne gefahren. Nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich es Ihnen gegenüber geradeheraus ausspreche, aber ....." –

"Niemals nehme ich einem Menschen die aufrichtige Rede und die Wahrheit, die sich darin ausspricht, übel; gerade sie suche ich ja, und sollte sie mich auch einmal selber treffen! Ich brauche sie unbedingt, denn ich komme ohne sie nicht vorwärts. Also: herzhaft heraus damit", unterbrach seinerseits der Naturarzt die Entschuldigung seines Kollegen, der danach bloss noch sagen musste: "Ja also: Sie selber erscheinen mir beinahe noch sicherer, wenn auch überzeugender, als alle meine bisherigen Lehrer; ja fast möchte es mich dünken, auch als alle Fanatiker in Glaube und Wissenschaft, so wie Sie diese vorher geschildert haben. Ich habe wirklich gar nichts dagegen, aber dem Wortlaute nach trifft doch Ihre vorherige Rede auch Sie selbst." –

"Sie haben recht, wenn Sie es so sehen und aussprechen", begann der Naturarzt seine Antwort. "Der Unterschied liegt nur darin, dass ich bloss so scheine, und es nicht in Wirklichkeit bin. Ich bin nicht so sicher, ob ich wirklich überall Recht habe; ich bin nur sicher, dass ich mich so gewissenhaft als möglich mit einem Problem befasst habe – meine Ruhe und Bequemlichkeit völlig missachtend – und dass ich zufolge dessen auch frisch drauflos tätig sein muss, allerdings nur in der Art wie einer, der anhand der Karte einen Weg für den richtigen erkannt hat, der aber dennoch alles auf dem Wege Vorkommende ständig mit der Karte vergleicht, als ob er an der Richtigkeit seiner ursprünglichen Entscheidung zweifle, und zwar so lange und so weit, als das alles noch auf der Karte eingezeichnet ist – und zwar auch bei Wegen, die für andere ganz eindeutig erkennbar die richtigen sind. – Ja, was soll ein des Weges Unkundiger anderes tun, um den Weg besser kennen zu lernen? Nichts wie los, aber mit der grössten Umsicht und Vorsicht; jede Bemerkung eines anderen sehr ernst nehmend. Dass ich sehr leicht bei solchen Bemerkungen so schnell zu einer Antwort komme, rührt nicht daher, dass ich sie nicht ernst nehme, sondern daher, dass sehr oft dort, wo einer eine Bemerkung macht, ich selber vorher schon mehrere Anstände zu überwinden hatte. Meine scheinbare Sicherheit ist in Wirklichkeit nur die Folge meiner grossen Unsicherheit oder Zweifel, die alles laufend neu zu überprüfen bereit sind und überall selber wieder fragen. Einem solchen Wesen ist es eigen, vor allem auch alle Einwände von andern sehr ernst zu nehmen. So können Sie mir kaum etwas sagen, über das ich, wenn Sie wieder fort sind, nicht genaue Kontrolle führe, ob es nicht Dinge enthalte, die ich bei der schnellen Beantwortung vielleicht übersehen hätte. –

Aber nun wollen wir doch zu Pfarrer Blumhardts Erlebnis schreiten, gerade, weil auch er als ein Mann erscheint, der alles vorkehrt, um nur ja nicht die falschen Wege zu gehen. Deshalb ging er von allem Anfang an vorsichtig zu Werke, als er im April 1842 von zwei Verwandten einer gewissen Gottliebin Dittus, 28-jährig und ledig, erfuhr, dass es im Hause dieser Person spuken würde und zwar so sehr, dass es nicht mehr verschwiegen werden könne, weil das Gepolter so stark sei, dass auch die ganze Nachbarschaft dadurch gestört würde Die beiden wollten den eher überraschten Pfarrer insbesondere darüber fragen, ob einer gewissen Gestalt, die der Gottliebin des Nachts oft mit einem toten Kind im Arme erschiene, und die oft sage: 'Gib mir ein gewisses Papier, und ich komme nicht wieder'; ob bei dieser Gestalt Näheres erfragt werden dürfe.  Seine Antwort war umfassend und vorsichtig zugleich, indem er den Rat erteilte, dass es besser sei, sich in kein Gespräch einzulassen, umso mehr, als man nicht wissen könne, wie viel möglicher Selbstbetrug unterlaufen könne, und dass man jedenfalls gewiss sein könne, in entsetzliche Verirrungen verstrickt werden zu können, wenn man sich mit der Geisterwelt einlasse. Ernstliches und gläubiges Beten sollte am ehesten Besserung bringen. Nachdem aber in den nächsten zwei bis vier Wochen nichts sich geändert hatte, im Gegenteil das Gepolter so stark zunahm, dass es auch tagsüber, sogar auf der Strasse, gehört wurde, auch wenn niemand in der Wohnung zugegen war, und nachdem der sie behandelnde Arzt selber zwei Nächte bei der Patientin verbrachte – Gottliebin hatte kurz zuvor eine gefährliche Gesichtsrose gehabt – und Zeuge von allem wurde; und nachdem auch eine Schwester der Gottliebin, die extra zu ihr gezogen war, um beruhigend auf das Gemüt der Geplagten einwirken zu können, die Erscheinungen sah, und überdies eine immer grössere Zahl neugieriger Personen eine Nacht in diesen Räumen verbringen wollte, da erst beschloss der Pfarrer, selber etwas zu unternehmen. Zusammen mit dem Schultheissen, der Teppichfabrikant war, und mit etlichen Gemeinderäten, insgesamt etwa sechs bis acht Personen, wollte er nach einer geheimen Verabredung eine überraschende, nächtliche Untersuchung in besagtem Hause vornehmen, um dem Gerede über den Ort hinaus möglichst ein Ende zu machen. Um 10 Uhr abends des verabredeten Tages kamen sie. Sie teilten sich sofort in mehrere Gruppen. Die einen blieben draussen, andere gingen ins ebenerdige Gemach der Gottliebin und die restlichen in den obern Stock. Alle zusammen hörten die mächtigen Schläge in der Kammer geschehen. Aber am deutlichsten verspürte man sie in der Kammer selbst, wo die Gottliebin angekleidet auf dem Bette lag. Und sie nahmen sogar noch zu, als sich mit der Zeit alle in diesem Gemache eingefunden hatten. Und der Tumult nahm nochmals zu, als der Pfarrer einen geistlichen Liedervers singen liess und einige Worte betete. Diese, sowie weitere Untersuchungen förderten aber nichts Greifbares zutage, wenn man davon absieht, dass – durch kleine erscheinende Lichtlein in der Kammer der Gottliebin angezeigt, wo – an einigen Stellen gesucht und an einer andern aufgegraben wurde, indem das Gemach ebenerdig lag und der Bretterboden unbefestigt auf der Erde lag. Dabei fand man allerlei russige Münzen, russiges Papier und auch – vergraben gewesen in einem Topfe – Knochen mit wenig Fleischresten daran. Der Pfarrer nahm alles das mit und liess es untersuchen, was aber kein weiteres Ergebnis brachte. Insbesondere handelte es sich nicht um menschliche Knochen, wie der damalige Amtsarzt bestätigte, der diese zu untersuchen hatte. Der Pfarrer ordnete auch die Verlegung der Gottliebin zu einem Verwandten, einem Gemeinderat, an, um allen Wirbel in der Öffentlichkeit sobald als möglich abflauen zu lassen. In der Abwesenheit der Gottliebin wurde dann das Logis wieder durch mehrere angesehene Männer untersucht, indem der Pfarrer streng darauf achtete, nie alleine in dieser Sache tätig zu sein. Der Pfarrer gibt in seiner Schrift eigens an, in jener Zeit oft, und manchmal mit andern zusammen, Gott darum gebeten zu haben, ihn zu führen und ihm einen nüchternen Sinn zu bewahren, da er sich vor einem Hineingerissenwerden fürchtete, welches übereilte und unbedachte Handlungen ermöglicht hätte. Indessen stellte sich das Gepolter auch am neuen Wohnort ein. Dabei verfiel Gottliebin, sobald man Töne oder Schläge hörte, in heftige Konvulsionen, die immer stärker und andauernder wurden, sodass sie öfters kaum fünf Minuten dazwischen frei geworden wäre. Der Pfarrer besuchte sie auch am neuen Ort als Seelsorger. Wenn er jeweils mit ihr betete, wurde sie sofort bewusstlos und sank aufs Bett zurück. Er sah sie auch, mit dem Arzt zusammen, einmal in Krämpfen, wobei ihr ganzer Leib zitterte und jeder Muskel an Kopf und Armen in glühender Bewegung war, wiewohl sie sonst starr und steif war. Auch der Arzt, der noch nie Ähnliches gesehen hatte, war ratlos. Einmal, an einem Sonntag, besuchte er sie, als mehrere Freundinnen zugegen waren. Er konnte aber nur schweigend den schrecklichen Konvulsionen zuschauen, so sehr verdrehte die Geplagte ihre Arme. Sie beugte den Kopf seitwärts und krümmte den Leib hoch empor, und Schaum floss ihr aus dem Munde. Dabei wurde sich der Pfarrer klar, dass hier etwas Dämonisches vorging, und er empfand es äusserst schmerzlich, dass er in einer so schauderhaften Sache so gar kein Mittel und keinen Rat finden sollte. Aber bei diesen Gedanken erfasste ihn eine Art Ingrimm – wie er selber schreibt –; und in diesem sprang er plötzlich vor, ergriff die starren Hände der Leidenden, zog ihre Finger gewaltsam wie zum Beten zusammen, rief ihr in ihrem bewusstlosen Zustande ihren Namen laut ins Ohr und sagte: 'Lege die Hände zusammen und bete: 'Herr Jesu hilf mir! Wir haben lange genug gesehen, was der Teufel tut; nun wollen wir auch sehen, was Jesus vermag'. Da erwachte Gottliebin nach wenigen Augenblicken, sprach die betenden Worte nach, und alle Krämpfe hörten auf – sehr zum Erstaunen aller Anwesenden. Das war der entscheidende Zeitpunkt, der den Pfarrer mit unwiderstehlicher Gewalt in die Tätigkeit für die Sache hineinwarf – wie er selber darüber schreibt. Er sagt auch, dass er vor diesem auch nicht den geringsten Gedanken zu so etwas gehabt habe, sondern dass ein unmittelbarer Drang ihn dazu bewogen hatte, der ihm einen so starken Eindruck hinterliess, dass er auch später oft seine einzige Beruhigung war, bei allem, was noch vorfiel, weil er dadurch die Überzeugung in sich fühlte, dass er nicht aus eigener Wahl und Vermessenheit eine Sache unternommen hätte, deren schauerliche Entwicklung er damals unmöglich hätte vermuten können.

Zwar blieb darauf alles ruhig, sodass er sich verabschieden konnte, und doch liess man gleichen Tags, nachts um 10 Uhr, nach ihm rufen, weil sich wieder Krämpfe, und noch stärkere als je, eingestellt hatten. Als er kam, war es so schlimm, dass sogar die Wärterin ob dem Anblick der Leidenden einer Ohnmacht äusserst nahe war. Darauf versuchte der Pfarrer sofort dasselbe wie am Nachmittage, und der Erfolg war in wenigen Augenblicken derselbe. Sobald er sich aber von ihr wenden wollte, fiel sie plötzlich wieder rückwärts aufs Bett. Sogleich liess er sie die Worte rufen: 'Herr Jesus hilf mir!', obwohl sie dieselben kaum herausbringen konnte. Aber sie kam wieder zu sich, ohne dass Krämpfe ausgebrochen wären. Aber mit jedem neuen Augenblick wollte sich dasselbe wiederholen, und so dauerten des Pfarrers und der Leidenden gemeinsamer Kampf noch volle drei (!) Stunden fort, bis dann die Patientin ausrief: 'Jetzt ist es mir wieder ganz wohl!' Und richtig, sie hatte die ganze Nacht und auch den folgenden Tag Ruhe. Aber schon am nächsten Abend wurde er wieder zu ihr gerufen. Er ging dannzumal – wie später fast immer – mit einem der Patientin verwandten, äusserst umsichtigen und verständigen Mann, sowie mit dem Schultheissen zu ihr und erlebte, dass diese sich gegen ihn drohend stellte und mit geballten Fäusten gegen ihn kam, oder ihm ihre Hände so vor seine Augen hielt, dass er glauben konnte, sie würde sie ihm ausreissen. Dabei wich er aber nicht zurück, sondern betete jedes Mal kurz und erlebte, dass sie ihn – bei noch so grosser Drohgebärde – nie berührte. Nach dieser länger anhaltenden Szene schlug die Kranke – oder Besessene – mehrere Male mit grosser Gewalt mit ihren Armen aufs Bett, wobei man das Gefühl hatte, als würde etwas aus ihren Fingern ausströmen. So ging das mit Unterbrechungen von ein bis drei Tagen noch etliche Male fort, bis diese Art von Konvulsion endlich, unter den Gebeten des Pfarrers, ganz nachliess. – 

Sie sehen aus dem Bisherigen", fuhr der Naturarzt in seiner Rede fort, "wie die Kraft Gottes sich etwa auswirken kann, aber auch, wie sie sich dem Ausführenden kund gibt, damit er inne wird, dass und wie er mit ihr zusammen wirken solle. Daneben erkennt man auch die grosse Aufgabe, die einem Menschen gestellt ist, wenn er sich dem Göttlichen in so hohem Masse hingeben soll, dass der allmächtige Wille für bleibend wirksam werde bis zur endlichen Erreichung des Zieles. Der Mensch muss sich in solchen Fällen ganz in dem Masse Gott hingeben, in welchem Masse Gottes Kraft erfordert wird. Eine Aufgabe, die nur begreifen kann, wer sie schon tat. Denn mit natürlichen Kräften ist das – über das normale Tagespensum hinaus – unmöglich zu tun, nämlich drei Stunden lang allezeit nur den einen Wunsch zu haben und in sich wirksam auszusprechen, dass Jesus helfe. Aber dadurch wird der Ernst, die Hingabe und das Vertrauen des Helfenden auch ausser-ordentlich gestärkt, sodass erst aus dieser Einsicht heraus verstanden werden kann, was für den helfen wollenden Menschen, in diesem Falle den Pfarrer, in sich selbst weiterhin noch alles zu tun übrig blieb. Denn die Grösse jenes Falles entpuppte sich sehr bald als eine, der im Grunde genommen ohnehin nur eine höhere Macht gewachsen war. Denn bald einmal fing es wieder leicht zu klöpfeln an, und die Patientin erhielt dabei jedes Mal einen Schlag auf ihre Brust. Auch sah sie wieder vermehrt das Weib mit dem toten Kinde auf ihren Armen. Es war das eine Witwe, die – wie sich herausstellte – wenige Jahre zuvor gestorben war, und die bis dahin in der Wohnung gelebt hatte, in welcher die Gottliebin diese Kalamitäten sich zuzog. Sie hatte keine weiteren Verwandten mehr, hatte auf dem Totenbett noch schwere Gewissensbisse, und dem Pfarrer dann auch schwere Sünden bekannt gehabt, und dennoch nur wenig Ruhe dabei gefunden. Als der Pfarrer nun wieder mit zwei Zeugen die Kranke besuchte, da fuhr es alsbald wieder in sie, sodass der Pfarrer wieder sein Gebet mit der Anrufung des Namens Jesu sprach. Aber diesmal begann die Patientin die Augen zu rollen, und es liess sich eine Stimme hören, die man augenblicklich für eine fremde halten musste, nicht so sehr ihres Klanges wegen, als des Ausdruckes und der Haltung wegen. Es rief: 'Den Namen kann ich nicht hören!', sodass alle Anwesenden zurückschauderten und der Pfarrer in aller Stille, aber mit Inbrunst, Gott darum bat, ihm Weisheit und Vorsicht zu schenken und ihn namentlich vor unzeitiger Neugier zu bewahren. Nun wagte derselbe Mann, der vorher vorsichtshalber vor jedem Gespräch mit Geistern abgeraten hatte, etliche Fragen an den Dämon zu stellen, wenn auch mit festem Vorsatz, sich auf das Notwendigste zu beschränken und auf seine Empfindungen zu merken, wenn es etwa zuviel wäre. – Sie sehen daraus, Herr Kollege, dass sich auf den noch so sicher begründeten Rat der Unterlassung nachher auch ein noch viel sichereres Moment dafür ergeben konnte. Der Mann war nicht stur, setzte vor allem Gottes Entscheide über die seinen und erfasste eben durch sein in dieser Angelegenheit noch viel lebendiger gewordnes Gefühl den Willen, ja die Wirkungsabsicht Gottes. Beim nachfolgenden Gespräch erfuhr er dann auch, dass es sich bei dem im Momente aus der Besessenen sprechenden Dämon um jene Frau handelte, die ihm auf dem Totenbette schwere Sünden bekannt hatte, und dass sie ihm damals nicht alle ihre Sünden bekannt hatte. Sie hatte nämlich zwei ihrer Kinder umgebracht und in einem Acker begraben. Er fragte sie, ob sie allein sei, worauf er die gepresste Antwort erhielt, dass der Allerärgste bei ihr sei. Sie habe sich mit Blut verschrieben. Weiter fragte er, ob er für sie beten solle, was sie nach etwelchem Zögern bejahte. Danach sagte er ihr, dass sie im Leibe der Gottliebin nicht bleiben könne und dürfe, wonach sie mit wehmütiger Klage bis zum Zorn verschiedene Mittel zur Erlangung der Bleibe-Erlaubnis anzuwenden versuchte. Alleine, da gebot ihr der Pfarrer mit ernster Stimme, auszufahren, jedoch nicht im Namen Jesu, was er nach seiner eigenen Darstellung sich lange nicht getraute. Ich erzähle Ihnen das so ausführlich, um Ihnen zu zeigen, wie vorsichtig, bei aller Bestimmtheit, dieser Mann vorging und wie er sich nicht – den Glaubenszeloten gleich – anmasste, im Namen Jesu zu reden, oder gar zu gebieten, wiewohl er doch fortwährend unter dem Eindruck stand, mit Kraft von oben unterstützt zu sein. Das nenne ich eben einen neuen, lebendigen Weg unter seine Füsse nehmen, im vollen Vertrauen auf die Richtigkeit der Erkenntnis, jedoch mit der Bescheidenheit der Einsicht seiner völligen Unzulänglichkeit auf Gottes Wegen. Der Mann. wirkte bestimmt nicht unsicher, aber nur darum, weil er konstant in seinem Gemüte nachfragte und sich so mit Gott verbunden wusste, dass er nicht so schnell in Versuchung kam, sich auf die Äste hinauszulassen. Etliche Tage später wiederholte sich eine ähnliche Szene, bei welcher aber der Pfarrer nicht mit der Besitz ergreifenden Seele redete, sondern ihr bloss gebot, auszufahren. Da war es, als führen gleich drei Dämonen aus der Leidenden, danach sieben, und endlich vierzehn. Dabei gebärdeten sie sich im Leibe der Kranken derart, dass sie den Pfarrer vor jedem Ausfahren bedrohten und den Anwesenden – den Schultheissen nicht ausgenommen – heftige Schläge erteilten; nur den Pfarrer getrauten sie sich nicht anzurühren. Aber die Szene ging weiter und verschlimmerte sich sosehr, dass es den Anschein erweckte, dass des Pfarrers Einwirken die Sache nur schrecklicher mache. Das ergab wieder starke Zweifel und Gewissens fragen für ihn. Aber er vergegenwärtigte sich die Lage der Patientin, wenn er seine Hilfe zurückzöge, und da war es wieder die Liebe und das Erbarmen, das ihn zuerst belebte, obwohl er nachderhand auch die Wirkung, die es auf die andern gemacht hätte, wenn er sich einfach so zurückgezogen hätte, in Rechnung zog. Zudem – so schreibt er wörtlich – schämte er sich vor sich selbst und vor dem Heilande, zu dem er so viel betete und zu dem er so viel und unbedingtes Vertrauen hatte und der ihm so viele Beweise seiner Hilfe gab, wenn er nun dem Teufel nachgeben würde. 'Wer ist denn der Herr?' musste er sich immer wieder fragen – immer angesichts des Fortganges all der Schauerszenen. Doch da fühlte er wieder das 'Vorwärts' und spürte deutlich: es muss zu einem guten Ziele führen, wenn es auch in die tiefste Tiefe hinuntergeht; es sei denn, dass es nicht wahr wäre, dass Jesus der Schlange den Kopf zertreten habe – wie er seine damaligen Erwägungen in seinem Bericht wörtlich niederschrieb. Nach solchen Überlegungen steigerte sich bald die Zahl der ausgefahrenen Dämonen auf 175, dann sogar auf 425.  Es würde zu weit führen, all die ins Detail geschilderten Vorkommnisse dieses Tages, sowie vieler anderer, wiederzugeben, aber an Grässlichkeit war das bis dahin Erzählte wohl nur ein Vorgeschmack. Die Leidensfähigkeit eines von den Dämonen gepeinigten Menschen scheint sich ins Unermessliche ziehen zu können. So musste die Kranke später weitere Dämonen aus dem Munde herausfahren lassen, wobei sie ernstlich zu ersticken drohte, oder sie verlor soviel Blut dabei, dass es unmöglich erscheinen musste, dass sie überhaupt noch welches in sich habe. Dabei waren Kleider, Boden und Gegenstände vollständig mit Blut verschmiert, die Tücher und Kleider teilweise sogar getränkt usw. Das ist aber nicht jene Seite, die ich beleuchten möchte, sondern die Tatsache, dass Menschen mit solch verändertem Verhalten tatsächlich besessen sind, und nicht Irrsinnige. Dass ferner die Besitzergreifenden sehr oft ermittelt werden können und dass vor allem mit Hilfe Gottes der Glaube zur Gewissheit der Erfahrung von Geborgenheit in Gott führt, sofern der Mensch bereit ist, ihn auszuleben, was in diesem Beispiel eben mit der Liebe zum Nächsten begann. Dort nämlich, wo andere – Pfarrer wie Ärzte – mit den Achseln zucken würden und sagen: 'Da ist nichts mehr zu machen'.

Der Pfarrer erwog auch schon den Gedanken – als es nach etlichen Wochen völliger Ruhe wieder von neuem begann –, es mit sympathetischen Mitteln zu versuchen oder den Namen 'Jesus' auf die Kammertüre schreiben zu lassen. Ich erwähne auch dieses extra zur Illustration, wie ungemein verwirrend die Situation bei der Ausübung des Glaubens sein kann, ehe man endlich – und nicht schon bei den ersten Schwierigkeiten – zu einem Vollvertrauen kommt, das erst wirkliche Ruhe gewährt, weil es erprobt ist. Diese Erprobung sollte jeder zu erreichen beflissen sein, denn erst sie entspräche wirklicher Nachprüfung einer vorläufigen Annahme, so wie es ja eben die Wissenschaft mit Recht fordert, obwohl es gerade auf wissenschaftlichem Gebiet für den Einzelnen nicht so leicht möglich ist und es ihre Anhänger auch höchst selten tun, sondern viel lieber – autoritäts-gläubig und träge – im Irrtum verharren.

Zur Geschichte selber möchte ich nur noch kurz einen Höhepunkt der Entwicklung nachtragen, weil er zu dramatisch ist, als dass er zur Illustration wirklicher Glaubensbewährung fehlen dürfte. Er ereignete sich am Tage, an welchem nach mehrmonatiger Dürre gegen Abend das erste Gewitter am Himmel erschien. Die Patientin wurde abends um 6 Uhr unter der Haustüre von Gestalten überfallen, wie sie später erzählte, die ihr starke Blutungen beibrachten, sodass sie sich beeilen wollte, sich umzukleiden, und während sie dazu auf einem Stuhle sass, war es ihr, als müsste sie unaufhörlich etwas einschlucken, das sie nach einigen Augenblicken ganz ausser sich brachte. Sie fuhr rasend durch beide Stuben ihres Verwandten, bei dem sie wohnte, und begehrte hitzig ein Messer, das ihr aber wohlweisermassen niemand gab. Darauf eilte sie auf die Bühne, sprang auf das Gesimse des Fensterladens hinauf und stand bereits ausser dem Laden in freier Luft, nur noch mit einer Hand nach innen sich haltend, als der erste Blitzstrahl des nahenden Gewitters ihr ins Auge fiel, sie aufschreckte und weckte. Sie kam zur Besinnung und rief: 'Um Gottes willen, das will ich nicht!' Der lichte Augenblick verschwand und in wiederkehrendem Delirium erfasste sie einen Strick (woher, das war niemandem erklärlich) und band ihn kunstvoll um das Gebälk der Bühne mit einer Schlaufe, die sich leicht zusammenzog; hatte den Kopf schon beinahe ganz hindurchgezwängt, als das Licht eines zweiten Blitzstrahles durch das Fenster ihr Auge traf, und sie – wie vorhin – wieder zur Besinnung brachte. Sie konnte beim Bewusstsein auch mit bestem Willen keinen solchen Knoten anlegen. Sie blieb ein wenig wach, kroch, von den unausgesetzten Blutungen völlig erschöpft, die Treppe zu ihrem damaligen Schlafgemach hoch und sank dort bewusstlos aufs Bett. Dort traf sie der herbeigerufene Pfarrer an. Er betete mit vollem Ernste, während draussen der Donner rollte. Was er sagte, vermochte er sich später nicht mehr zu entsinnen, aber es wirkte, und zwar nach einer Viertelstunde so entscheidend, dass die Kranke ausrief, jetzt seien ihre Quälgeister weg. Später, als sie alle Lobgesänge sangen, sank die Kranke rückwärts, wie immer, wenn sie Dämonisches überfiel. Darauf kamen Drohworte von ihrem Mund, denen der Pfarrer Einhalt gebot, worauf sich die Patientin zu erholen schien und zu ihm sagte: 'Sie können jetzt gehen'. Er nahm das für bare Münze, prüfte aber mit einer Frage dennoch die Kranke, deren weitere Antwort ihn dann so misstrauisch machte, dass er dennoch blieb. Als er den Hut und Mantel, den er bereits in Händen hielt, wieder abgelegt hatte, vernahm er von den Dämonen aus dem Munde der Geplagten in jammervollem Tone, dass damit, dass er nun geblieben sei, alles verspielt sei. Es zeigte sich in der Folge, dass die Kranke von einer Unmenge Dämonen – wie Pfarrer Blumhardt sie nennt – umgeben war, die immer wieder von ihr Besitz ergriffen und durch ihren Mund redeten, die zwar jedes Mal durch Gebet wieder ausgetrieben wurden und danach der Kranken noch längere Zeit sichtbar waren. Dabei war zu erkennen, dass einige von ihnen zorniger und halsstarriger waren und stets in Beratschlagung, wie sie ihren Feind – eben den Blumhardt – überwinden könnten. Sie mussten jedoch immer wieder bekennen: 'Wenn nur Gott nicht wäre'. Wieder andere waren eher bestrebt, von ihrer Gebundenheit frei zu werden. Viele, die nicht mehr zu der Kranken kamen und von dieser in ihrer Kammer auch nicht mehr gesehen wurden, umschwärmten den Pfarrer Sonntags bei den Predigten – was alles natürlich nur die Patientin sehen konnte, wohingegen die Worte der vielerartig gestalteten, verstorbenen Seelen aus dem Munde der Kranken von jedermann gehört und in ihrer Mimik auf dem Gesicht der Kranken auch gesehen und erkannt wurden. Es waren diesmal äusserst viele, auch solche, die nicht deutsch, ja nicht einmal eine europäische Sprache hatten, und die versuchten, deutsch zu sprechen, was oft komisch anzuhören war, zum Beispiel, wenn sie Begriffe, deren deutschen Ausdruck sie nicht zu wissen schienen, umschrieben. Das zeigt uns, dass jenseits die Sammlungen der Geister eben nach ihrer Artung erfolgt, also nach innerlichen Merkmalen, und nicht nach äussern, wie Nationalität, Sprache oder Konfession; und was uns noch weiter zeigt, dass Distanzen jenseits keine Rolle spielen. Alles Feststellungen, die andere zu anderen Zeiten und in anderen Ländern ebenfalls gemacht haben und auch niederschrieben, so vor allem der grosse Seher Swedenborg.

Was ebenfalls noch erwähnenswert erscheint, ist der Umstand, dass mit der Zeit der immer reger werdenden Aussprache der Dämonen auch immer wieder Worte dazwischen kamen, die Blumhardt keinem Dämonen zuschreiben konnte, denn diese klangen wie aus einer höhern Region her stammend und betrafen vielfach Bibeltexte, die der Pfarrer zum Teil nur mühsam in der Bibel finden konnte. Bei solchen Kundgaben, die zumeist erst am Schlusse eines Kampfes zwischen den Dämonen und Blumhardt – immer im Beisein von mehreren Zeugen – erklangen, war Blumhardt jedes Mal zumute, als ob ihm damit Stärkung und Trost von oben geboten würde. Das ist eine Feststellung, die auch der von mir zu Beginn genannte Psychiater bei seinen Heilungen der so genannten Schizophrenie – also der Besessenheit – immer wieder gemacht hatte, über welchen ich nachher noch ausführlicher zu sprechen komme; dass eben auch gute Schutzgeister den Mund des Mediums gebrauchten, um ihr Wirken darzutun und Stärkung den Beteiligten zu bringen. Ein Umstand, der mir selber längere Zeit als etwas abwegig vorkam. – Sie sehen, auch ich nehme nicht alles sofort für bare Münze an. Indessen musste ich aus dem ferneren, segensreichen Wirken beider Männer erkennen, dass weder ihr Sinn noch ihr Verstand unter der Annahme solcher Worte zu leiden bekam, sondern beides sogar gestärkt wurde. Und ich musste weiter erkennen, dass ohne weiteres auch das Gute dieselben Mittel wählen kann wie das Schlechte, wenn es zum Nutzen der Beteiligten ist, welche ja noch nicht fähig genug waren, die Stimme des Geistes direkt zu vernehmen, wiewohl sie sie andererseits – besonders der Pfarrer – ordentlich spürten, hingegen eben noch nicht so gewisslich und sonderheitlich verstehen konnten. Und nun wieder etwas aus dem Charakterzug Blumhardts, der ja eben seinen Glauben zum Erlebnis machte dadurch, dass er ihn auslebte: Es war seine Liebe, der es schwer fiel, mit anzusehen und anhören zu müssen, wie teilweise die Seelen der Verstorbenen – 'Dämonen', wie er sie in seiner Schrift nannte – herzerweichend bitten und mit aufgehobenen Händen flehen konnten, ganze Tränenströme vergiessend, und dabei Angst und Verzweiflung aus all ihren Worten zu spüren waren. So sehr er sich prinzipiell sträubte, sich mit ihnen in Gespräche einzulassen, auch deshalb, weil er nicht wissen konnte, ob das alles nur eine Finte der Hölle sei, und weil er um die Nüchternheit seines evangelischen Glaubens fürchtete, so konnte er es in seinem Mitleide zuletzt doch nicht unterlassen, eine Probe zu machen, besonders, da gerade diese Dämonen, die einige Hoffnung für sich zu haben schienen, weder durch Drohungen noch durch Anmahnungen sich zum Weichen bringen liessen.

Die erste solche Seele, mit welcher er sich in ein Gespräch einliess, war das Weib, durch welches die ganze Sache angeregt schien. Als sie sich wieder einmal durch die Kranke manifestierte und entschieden ausrief, dass sie des Heilandes, und nicht des Teufels sein wolle, erzählte sie auch, wie viel in der Geisterwelt durch diese Kämpfe verändert worden sei. Und sie sagte mit bedeutungsvoll aufgehobenem Finger, dass nur der Umstand, dass Blumhardt alleine beim Worte Gottes und beim Gebet geblieben sei, ihm zum Sieg verholfen habe; denn alle Geister hätten es darauf angelegt, dass auch er, wie sie alle zu Lebzeiten, zu geheimnisvollen Mitteln Zuflucht genommen hätte. Und sie bat den Pfarrer, auch für sie zu beten, dass sie vollends aus des Teufels Gewalt frei werde, in die sie fast unwissend durch getriebene Abgötterei gefallen sei. Sie suche einen Ruheort.

Da wollte dem guten Manne – nach seinen eigenen Worten – denn doch das Herz um sie brechen, zumal sie noch zu Lebzeiten ihn öfters besucht hatte und damals schon sich eine gewisse Begierde nach dem Worte Gottes gezeigt hatte – wie er schreibt. Mit innerlichem Aufblick zum Herrn fragte er sie deshalb, wo sie denn hingehen wolle, worauf sie ihm antwortete, dass sie in seinem Hause bleiben wolle, worüber der Pfarrer natürlich ein wenig erschrak und sagte, dass das nicht sein könne. – 'Darf ich nicht wenigstens in die Kirche gehen?' fragte das Weib weiter, und er antwortete etwa: 'Wenn du mir's versprichst, dass du niemanden störst und dich auch nicht sichtbar machen willst, und unter der Voraussetzung, dass Jesus es dir erlaubt, habe ich nichts dagegen.' – Blumhardt empfand diese Einwilligung als ein Wagnis, wie er schreibt –, vertraute aber auf den Herrn, dass er alles zurecht bringen wird, indem er sich vor ihm keiner Vermessenheit schuldig fühlte. – Und nun sehen Sie, gerade deshalb führe ich diese Stelle so ausführlich an: da erkennen wir wieder den Unterschied eines liebevollen Menschen, der um das Wohl seiner Nächsten – und seien es auch Abgeschiedene – bekümmert ist und eingedenk dieser Liebe zu handeln bestrebt ist, gegenüber einem Glaubenszeloten, der, sich selber vor allem schützen wollend, kurzerhand gesagt hätte: 'Bitte du selber beim Herrn; er wird dir geben, was recht ist'. – Wo kommt ein solcher auch hin? Er bleibt bei seiner gerechten Ruhe, und der Herr belässt ihn auch dabei, bis er starr wird vor lauter Ruhe, während er mit dem andern, dem Liebenden, gemäss dem Bibelwort, dass er in jenen wirksam bleibe, die ihn lieben (l. Joh. 4, 16), die Wege seiner Gnade und Erbarmung geht und diesem all den Reichtum seiner grossen Erbarmungen mit den Menschen zeigt und ihn die Vielfalt der verschiedenen Artungen des Lebens dabei erleben lässt. Denn Blumhardt war nicht etwa eigenmächtig in seinem Vorgehen, indem er die Bedingung der ihm nicht gewiss sein könnenden Erlaubnis des Herrn seinem jeweiligen Entgegenkommen voranstellte. – Das Weib gab sich zufrieden und nannte ihm auch den äussersten Winkel in der Kirche, dahin es sich begeben wolle und fuhr dann freiwillig und leicht aus der Kranken. Obwohl der Gottliebin, nachdem sie wieder zu sich gekommen war, nichts von dieser Unterredung mit dem Weibe gesagt wurde, entdeckte sie – und nur sie – am darauf folgenden Sonntag das besagte Weib im angegebenen Winkel zu ihrem grossen Schrecken und teilte das dem Pfarrer nach der Predigt mit, der sie über die dannzumalige Abmachung aufklärte. Auf dieselbe Art gestalteten sich dann die weitern Gespräche mit all jenen Dämonen, die eher in eine Abhängigkeit gefallen waren, als dass sie bewusst das Böse gesucht hätten, und die nach ihrer Angabe sonst eine Liebe zum Heilande hatten. Aber jedem setzte der Pfarrer die Bedingung der Erlaubnis durch Jesus voraus; und es zeigte sich auch bald, dass eine göttliche Leitung darüber waltete. Denn nicht alle erlangten, was sie erbaten und manche mussten, auf die freie Barmherzigkeit Gottes sich verlassend, fortgehen, wobei dann aber jedes Mal die Kranke ohne Unruhe wieder um einen Dämon erleichtert wurde.

Nun – ich muss mich beschränken, so gerne ich noch viele weitere sehr bedeutsame und schöne Einzelheiten wiedergeben würde. Denn bei derart glaubenstätigen und geistvollen Menschen hat fast jedes Wort eine grössere Bedeutung, die es wert wäre, erwogen zu werden. Aber eine Begebenheit will ich doch noch erwähnen, weil sie eine äusserst denkwürdige Aussage im Buche der Krankenschwester Joy Snell bestätigt, welche ich letztes Mal allerdings nicht erwähnt hatte. Es betrifft die Fähigkeit der noch im Leibe lebenden Seele gewisser Menschen, ihren Leib zeitweilig verlassen zu können, ohne dass dieser dabei stirbt oder sonst wie Schaden leidet. Zwar sagt Blumhardt das in seiner Schrift nicht gerade mit diesen Worten, aber was und wie er es beschreibt, deckt sich bis ins Detail mit den Angaben der Krankenschwester in ihrem Buche "Der Dienst der Engel". Der Pfarrer schreibt in seinem Rechenschaftsbericht, dass die Kranke am 8. Februar 1843 den ganzen Tag bewusstlos auf ihrem Bette lag, jedoch ohne dass ihr Zustand Besorgnis erregen konnte. Es schien ihr eine Ruhe gegönnt zu sein. Nach diesem Tage berichtete sie dem Pfarrer etwa folgendes: Es war ihr, als würde sie von jemandem mit ausserordentlicher Schnelligkeit über Land und Meer, über der Oberfläche dahinschwebend irgendwo hin geführt. Sie durchflog auf diese Art viele Länder, über und auch neben Städten vorbei, kam über dem Meer auch an Schiffen vorbei, deren Mannschaft sie deutlich sah und vernehmlich reden hörte, bis sie endlich zu einer Inselwelt kam und da von Insel zu Insel hinschwebte, endlich zu einem hohen Berge gelangend, auf dessen Gipfel sie abgestellt wurde. Manche Einzelheiten der Schilderung des Erlebten liessen den Pfarrer schliessen, dass sie Westindien sah. Auf dem Gipfel war eine grosse Öffnung, aus welcher Rauch empor quoll und Feuer aufschlug. Rings um sie zuckten Blitze, rollten Donner, bebte die Erde und an den Ufergegenden zu den Füssen des Berges sah sie mit einem Schlage Städte und Dörfer einstürzen und den Staub hoch empor qualmen. Auf dem Meere gerieten die Schiffe durcheinander und versanken. Mitten während dieser Schreckensszene wurden die Dämonen, welche sie bisher vornehmlich gequält hatten, sichtbar, und sie sah, wie der erste, der Anführer, mit fürchterlichem Gebrüll und Heulen in die Tiefe gestürzt wurde. Ihm folgten gegen tausend andere nach, die alle versuchten, sie mitzureissen, ihr aber nichts antun konnten, bis sie dann in der Tiefe des Abgrundes verschwanden. Als diese Szene vorüber war, wurde sie auf dieselbe Weise wieder zurückgebracht und erwachte auch etwas erschreckt aus ihrer Bewusstlosigkeit, war aber sonst gesund und wohl. Der Pfarrer schreibt dann in seiner minutiösen Gewissenhaftigkeit, dass er natürlich nicht für die Wahrheit des Erzählten verbürgen könne; er sei aber dennoch sehr überrascht gewesen, als er kurze Zeit darauf in der Zeitung vom fürchterlichen Erdbeben, das just an diesem 8. Februar in Westindien vorfiel, las. Eine Vorlesung des Pfarrers über die Ereignisse versetzte die Gottliebin ganz wieder in das zurück, was sie selbst im Geiste gesehen hatte.

Solche Entrückungen der Kranken kamen in der Folge noch zweimal vor, doch so, dass sie über Asien hinzuschweben schien. Allerdings war das Ende dieser Besessenheit damit noch nicht gekommen, sondern wurde erst am Ende des Jahres 1843 zwischen dem 24. und 28. Dezember erreicht, während welchen Tagen selbst zwei Geschwister der Gottliebin darunter zu leiden hatten. Danach aber war alles in bester Ordnung; und was im Februar 1840 stufenweise begann, das war nach beinahe vier Jahren – wovon zwei unter beständigem Kampf – endlich überwunden. Der Pfarrer schreibt speziell noch über den Charakter der so schwer geprüften Gottliebin, die allmählich immer gesunder und kräftiger wurde und all ihre früheren Gebrechen verlor, dass er keine weibliche Person kannte, die mit so viel Einsicht, Liebe, Geduld und Schonung Kinder zu behandeln wusste. Einige Jahre später wollte sie aus Dankbarkeit im Hause des Pfarrers dienen und zwar unentgeltlich, sodass er sie an Kindesstatt angenommen hat, wie ihre beiden Geschwister später auch. Beim Umgang mit oder der Behandlung von Geisteskranken wurde sie dem Pfarrer sogar zur unentbehrlichen Stütze.

Sie sehen, wie das Gold des Geistes oft durch gar grausige Feuer geläutert werden muss; und das sollten wir alle unsere Patienten, die noch ein wenig Sinn und auch eine Frage nach dem höhern Sinn in sich tragen, auch mehr oder weniger spüren lassen. Damit halten wir dem Leben – dem ewigen Leben – die Türe offen und unseren Patienten die Möglichkeit, wirklich, das heisst ganzheitlich, zu gesunden. Uns selber ermöglichen wir damit die Erlangung des lebendigen, aus der Tat sich erweisenden Segens unseres Vaters im Himmel. –  Nun aber lassen Sie uns auch ein wenig unseres leiblichen Wohles gedenken. Besonders ich selber brauche nun eine kleine "Medizin" für meine während des Redens trocken gewordene Kehle."

Während die beiden am Trank sich labten und dabei auch ein leichtes Gebäck zu sich nahmen, herrschte eine Ruhe, in welcher sich die Bilder des Geschilderten im Gemüte des Arztes noch zu weiten begannen und ihren Eindruck in sein Gemüt noch vertieften, sodass sogar eine nachdenkliche Stille entstehen musste, die den Druck der Ereignisse des Geschilderten wohl noch verstärkt spürbar werden liess, sodass der Arzt nicht zuletzt aus diesem Grunde dann die Stille unterbrach, indem er bemerkte, dass er manchmal das Gefühl habe, dass sein Kollege von dem Erzählten jedes Mal noch tiefer berührt würde als er selbst, der es doch zum ersten Mal höre; und dass sich ihm deshalb die Frage stelle, ob bei ihm wohl diese starke Berührung der Grund für so tiefe Blicke und Schlüsse sei, oder ob, umgekehrt, noch weit tiefere Blicke, als jene, die er ihm mit seiner Rede ermögliche zu tun, der Grund dafür seien, dass er noch tiefer berührt werde als er selbst.

"Das eine schliesst das andere nicht aus", erwiderte der Naturarzt und fuhr dann fort, "grundsätzlich ist schon die tiefe Erlebnisfähigkeit der empfindungsstarken Liebe der Grund zur hellstmöglichen Erkenntnis. Aber es liegt in diesem Falle natürlich auch noch die ganze weitere Entwicklung des Menschen Blumhardt – mich innerlich berührend – vor mir, die sich später aus dem damals einfachen Zur-Tat-Schreiten, in der stillen Voraussetzung des göttlichen Einverständnisses, ergab. Und das kann den Menschen schon berühren, wenn er ein solches Wachsen und Zunehmen nicht nur sieht, sondern aus der eigenen Erfahrung mitempfindet, und dabei erkennt, dass eben jenes notwendige Zur-Tat-schreiten bei so vielen – ja, den meisten – Menschen ausbleibt, sodass sie nie wirklich zu leben beginnen, also auf den Weg kommen, um vom bloss aufnahmebereiten Gefäss zu einem vollen Krug zu werden, dessen Fülle nicht nur alle ihre Brüder und Schwestern erquickt bei deren Mitteilung an sie, sondern selbst Denjenigen erfreuen muss, der den Krug zuvor erschaffen hatte und ihn dann durch das unvermerkte und sachte Einfliessen nach und nach auch füllte (den Schöpfer also). Besonders die Kirchengläubigen aller Richtungen verharren viel lieber auf dem einmal Vernommenen (das ihnen zu nichts nütze ist, es sei denn, sie begännen damit zu arbeiten), als dass sie sich bemühten, durch die Tat danach von der Gabe (dem Vernommenen) zum Geber sich durchzuschlagen, um dadurch erst die ganze Fülle des Lebens zu erfahren und erhalten. Sie gleichen in ihrem Verhalten einer umworbenen Braut, welche von ihrem Liebhaber immer wieder neue Briefe und Beteuerungen seiner Liebe (den Prophetenworten entsprechend) erhält, diese auch in hohen Ehren hält und sich am Ende sogar viel auf diese inzwischen gehäuften Liebesbezeugungen einzubilden anfängt; die aber mit keinem Gedanken – geschweige denn mit dem lebendigen Gefühle eines liebeerfüllten Herzens – dem Liebhaber selbst sich zuwenden will. Die Liebesbriefe sind ihr ja Garantie genug, dass sie nicht alleine sei oder gar für eine Verehelichung untauglich. Wohl wird der liebevolle Bräutigam diese Braut nicht strafen, wenn er sie dann endlich vor sich stehen hat. Aber in ihr eine lebendige Frucht erwecken wird und kann er denn bei solchem Verhalten seiner Braut doch nicht. Denn: wenn er einmal vor ihr stehen wird und erkennen muss, dass diese viel lieber seine Briefe liest, als sich ihm so ganz von Herzen hinzugeben, wird er mit ihr wohl wenig zu tun bekommen. Und diese Situation zeigt sich nach dem Tode dann sehr eindrücklich. Denn die lebendige Frucht wäre ja eben jene liebe-innige Verbindung der Seele zu ihrem Schöpfer, aus welcher ein Verhältnis entsteht, das – wie in einer schönen Landschaft – viele Wege erkennen liesse, die alle geeignet sind, dem heiss ersehnten Ziele, dem Herrn, immer näher zu kommen. Jede bis dahin gemachte Erfahrung aus der Tat nach der Erkenntnis einer innig zuneigenden Liebe stellete in dieser Landschaft einen Aussichtspunkt dar, von welchem die Seele den Weg zu ihrem Geliebten wieder neu und noch besser erkennete und ihre Liebe von neuem und in noch viel grösserem Masse entfachen würde. Und die Sonne, oder das Licht in dieser Landschaft, entspricht eben dem Angesichte Gottes, welches dem Menschen so mannigfach aus jeder gehabten Begegnung mit ihm entgegenstrahlt, um ihm dadurch all die verschiedenartigen Umstände und Zustände in seinem Innern zu erhellen. – Ja, wer nicht nach dem Herzen oder Antlitze Gottes sich sehnt und umsieht, der verliert das Licht seiner Erkenntnis und steht im jenseitigen, puren Zustande in grosser Dunkelheit oder gar Zweifelsnacht, weil keine Erfahrungen seine Liebe erweckt und gestärkt haben und seine Zuversicht nun nähren könnten; denn der leere Glaube erfüllt nicht – es sei denn als blosser Wahn. – Der Mensch Blumhardt jedoch gelangte in späterer Zeit eben darum zu der Gabe der Jünger des Herrn, das heisst: er konnte durch Auflegung der Hände, sowie auch bloss durch eine rechte Zusprache die Kranken sofort heilen. – Das steht freilich nicht in seinem Bericht, aus welchem ich Ihnen vorher erzählt hatte, aber es war dessen ungeachtet dennoch so. Denn er hatte später (seit dem Jahre 1852) in Bad Boll, das er käuflich erwarb, eine Stätte errichtet, nach welcher die Leidenden jeden Alters und jeden Standes aus allen Landesgegenden hinzogen, um dort durch Jesu Wort und Kraft gesund zu werden, was vielen auch widerfuhr. Er hatte – als eine vom Herrn  durch sein Wort umworbene Seele – den Liebhaber und Bräutigam im Herrn erfasst durch seine Liebe und sein Vertrauen zu ihm, und wurde durch ihn gesegnet, das heisst fruchtbar für alle seine Geschwister und für sich selbst – während die vorher dargestellte Seele eines bloss Kirchengläubigen durch ihren leeren und dadurch unbelebten und infolgedessen ungereinigten Wahnglauben nur Nacht und völlige Isoliertheit empfindet und als solche dann sich selbst und auch anderen nur zur Last fällt – wie der Psychiater Carl Wickland schreibt.

Mit diesem Hinweis bin ich zu einem Psychiater gekommen, der als einer der wenigen seines Berufes diesen Titel auch wirklich verdient. Denn dieser Mann hat nicht nur zahllosen Schizophrenen zur völligen Genesung verholfen, und damit gleichzeitig vielen verwirrten und verirrten jenseitigen Seelen zu einem glücklichen Entwicklungsanfang verholfen, sondern hat auch für die Nachwelt und eigentlich vor allem für seine Herren Kollegen ein umfassendes Werk hinterlassen, in welchem er in minutiöser Wiedergabe all die vielen Möglichkeiten aufzeigt, die zur Schizophrenie führen können, und die Wege erklärt, die zu einer endgültigen Heilung führen, aber auch deutlich macht, wessen Charakters jene sind, welche sie bei den Menschen, durch ihren Einfluss oder ihre Besitzergreifung, hervorrufen. Gerade auch er spricht davon, dass solche Wahngläubige auch nach ihrem Tode am schwersten zu bekehren seien. Die "Logik" ihres Wahnes kann in einzelnen Fällen soweit gehen, dass solch verstorbene Seelen sogar ihren erfolgten leiblichen Tod, von dem sie im Jenseits oftmals nichts mehr wissen, dadurch als real gar nicht möglich verneinen, dass sie sagen (und auch glauben), dass sie sich nach ihrem Tode ja im Himmel befinden müssten; sie seien ja aber augenscheinlich nicht im Himmel, und deshalb können sie eben auch noch nicht gestorben sein."

Eben wollte der Arzt eine Einwendung machen, welcher aber der Naturarzt mit folgenden Worten zuvorkam: "Vorerst bin ich Ihnen ja noch eine Erklärung schuldig; nämlich wie denn dieser Mann zu so verlässlicher Kunde über Zustand und Anschauung einer verstorbenen Seele hat kommen können. – Er suchte noch während seiner Ausbildungszeit als Mediziner nach den Gründen so mancher seelischen Erscheinungen. Dazu stellte sich auch noch heraus, dass seine Frau medial veranlagt war und dass sie irgendwie über die Vorgänge der Besessenheit von höheren Geistern belehrt wurde. – Aber nun lassen Sie mich Ihnen zuerst etwas über meine Gefühle bei der erstmaligen Lektüre dieses Buches erzählen; denn ich habe dieselben Bedenken in mir gehabt, wie jene, die sich auf ihrer Stirne abzuzeichnen beginnen.

Mir war nämlich ganz und gar nicht wohl dabei – ganz im Gegensatz zu der Lektüre des Pfarrer Blumhardt, die mich beim Lesen zwar auch sehr hingenommen hatte, aber nur durch die Dramatik der Ereignisse bedingt, und niemals in Bezug auf das Vorgehen des Mannes, das in mir jederzeit auf Zustimmung gestossen war, wenngleich diese Zustimmung nicht bedeutet, dass ich dasselbe wie er getan hätte, denn richtiges Erkennen, und der Mut, nach richtiger Erkenntnis tätig zu werden, sind auch bei mir nicht immer ein und dasselbe – so sehr ich mir auch Mühe gebe! Kurz, Dr. Wickland liess sich mit Geistern ein, und das schien mir gefährlich, und niemals wäre ich je bei einer seiner Sitzungen zugegen gewesen! Das macht meine Furcht aus, mich selber in Situationen zu begeben deren Tragweite der Auswirkungen ich nicht zum vorneherein – wenigstens einigermassen – abzuschätzen fähig bin. Aber – so überlegte ich mir, bevor ich das Buch weiter las –: Ein Zuhören oder Lesen mit möglichst keiner innern, also gemütsmässigen Anteilnahme kann mir keinen Schaden bringen, weil Worte im Gehirne keine Erscheinungen und Folgen zuwege bringen, sondern erst dann, wenn sie unser Gemüt zu bewegen beginnen – ob positiv oder negativ, spielt keine Rolle. Und so hatte ich nur die Aufgabe, mich beim Weiterlesen gewissenhaft auf meine Gemütsregungen zu konzentrieren, um ja nichts in mir aufzunehmen, das nicht zuvor in meinem Verstande so gewissenhaft als möglich abgewogen wurde. Ja, selbst dann noch nichts für mich selbst anzunehmen, wenn eine Erklärung oder Erscheinung noch so einleuchtend und überzeugend auf mich wirken sollte, und meinem Verstande das eine oder andere sich auch noch so klar darstellte. Jedoch ein solch allseitig geprüftes Faktum dann auch gelten zu lassen – auf sich selbst ruhend dahingestellt lassen – war und ist ja Pflicht des gesunden Verstandes. Denn wozu hätten wir ihn sonst, wenn nicht zum Urteil über äussere Vorkommnisse? Würde der Mensch zu dieser Haltung weder willens noch fähig sein, so gliche er eben einem abergläubischen Religionsfanatiker, etwa so, wie jene, die Galilei seinerzeit gerne verbrannt hätten und mit ihm am liebsten gerade auch die noch heutzutage mehr als überklar sich zeigende Wahrheit seiner Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Es ist also sowohl der Fortschritt, als auch die Ausbildung der Gefühle nur unter der Kontrolle des Verstandes möglich, weil er das noch Unfassbare festzuhalten vermag bis zu jener Zeit, da unsere Gefühlskräfte die notwendige Stärkung erlangt haben, auch das ihren vorherigen Kräften Unfassbare fassen zu können, ohne dabei einen Schaden zu erleiden, der ihren geordneten Weiterbestand ernstlich in Frage stellen könnte. Wir dürfen – wollen wir wirklich zunehmen an Kraft und Weisheit – unsere Augen vor nichts verschliessen. Aber berühren – also mit unserm Gemüte bejahend aufnehmen – sollen wir nur das, was uns nicht Angst macht, es zu tun. Weil die Angst ein berechtigter Zweifel unserer Liebe ist, ob wir das Gefürchtete schadlos ertragen werden, oder nicht. Ich glaube, dieser Einstellung können Sie mir beipflichten und dabei dann mit weniger innerer Spannung meiner weitern Ausführung folgen – so, wie ich Sie bis jetzt kennen gelernt habe?" vergewisserte sich der Naturarzt bei seinem Kollegen, worauf dieser ihm aufatmend gestand:

"Ja sicher, diese Worte waren sehr nützlich und geben mir das, was ich brauche, um mich mit ungeteilter Aufmerksamkeit der Aussage und dem Inhalt Ihrer nun folgenden Worte hingeben zu können. Die Klarheit und Überzeugungskraft, sowie die beruhigende, weil ordnende, Wirkung Ihrer Argumentation hat mich nicht nur erfreut, sondern hat mich geradezu an das Vorgehen des Pfarrer Blumhardt erinnert, der mir ehrlich gesagt schon ein wenig ans Herz zu wachsen beginnt. Denn dass ich auch als Arzt mehr über das "Nachher" wissen sollte, um meine Patienten möglichst gut und umfassend beraten zu können, das ist mir angesichts des weiten und offenbar gut ausführlich und vielseitig bearbeiteten Feldes, das sich nun vor mir geöffnet hat, klar geworden; und Pfarrer Blumhardt scheint mir so ganz der richtige Mann für den Einstieg zu sein. Es ist mir aber daneben auch fast nicht erklärlich, wie solche Schriften einfach in einer dunklen Ecke verstaubend liegen bleiben können. Es liegt ja darin eine ganz eigene Welt – eben die jenseitige –, die uns so lange verborgen bleiben muss, bis wir uns bequemen, sie anzuerkennen. Nun kommen Sie aber nur zu Ihrer Aussage über Dr. Wickland, denn nun erst bin ich auf die Fakten gespannt, da auch ich mich – vorderhand – innerlich nicht daran beteiligen muss."

"Ja, dieser erhielt von den höheren Geistern durch seine mediale Frau die Kenntnis, dass es für einen Neuling nicht ungefährlich sei, das Gebiet der seelischen Erscheinungen von dieser Seite, von den Geistern her, anzugehen; dass es aber anderseits noch weit gefährlicher werden könne, in der Unwissenheit über solche Tatsachen zu verharren. Sie versicherten das Ehepaar Wickland auch, dass es in Wirklichkeit gar keinen Tod gäbe, sondern nur einen ganz natürlichen Übergang von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt, und dass die höher entwickelten Geister ständig nach Gelegenheiten trachteten, sich mit den Menschen zu verständigen, um sie darüber zu belehren, welche ungeahnten Möglichkeiten zur Aufwärtsentwicklung als Geister sie drüben erwarten. – Aber das Sterben – die Loslösung des Geistes vom Körper – vollziehe sich so einfach und natürlich, dass die allermeisten den Wechsel kürzere oder längere Zeit gar nicht gewahr werden. Und da sie über die geistige Seite ihres Wesens nie belehrt worden seien, hielten sie sich in ihrer Unwissenheit auch als Verstorbene noch weiter an den Stätten ihrer irdischen Wirksamkeit auf. Ferner behaupteten diese belehrenden, höhern Geister, dass viele dieser Abgeschiedenen von der "magnetischen Aura" der Menschen angezogen würden, in diese dann eindringen, und so ihre Opfer umlagern oder besessen machen; dabei brauche weder dem Geist noch dem davon betroffenen Menschen von solcher Aufdringlichkeit etwas bewusst zu werden. Und dennoch würden auf diese Weise Geister, ohne es zu wissen, – aber freilich oft auch aus feindlicher Absicht –, die Urheber von unsagbarem Unheil und Elend und verursachten körperliches Siechtum, moralische Minderwertigkeit, Verbrechen und scheinbares Irresein! Und sie schlugen dem Ehepaar Wickland am Ende gar vor, durch planmässige Überführung der Besessenheitsgeister von ihren Opfern – den Besessenen – durch Ablenkung vom Opfer und Hineinlocken in das Medium (Frau Wickland) die Richtigkeit des dargelegten Sachverhaltes zu beweisen. Denn dadurch würde das Opfer von seinem Quälgeist befreit und der letztere würde aber durch diese Manipulation der Einwirkung fortgeschrittener Geister zugänglich gemacht. Sofern Dr. Wickland mit diesen höhern Geistern, die sich über seine mediale Frau kundgegeben haben, zusammenarbeiten wolle, würden sie dann solchen jenseitigen Verirrten ermöglichen, für einige Zeit den Körper seiner Frau völlig in Besitz zu nehmen, ohne dass derselben daraus eine Schädigung erwachsen würde. Er selber solle während dieser Zeit dann, in welcher diese Geister über Frau Wicklands Körper sich äussern könnten, sich dieser Geister annehmen und sie belehren.

Sie sehen: mit Ausnahme der absichtlichen Herbeiführung der zeitweiligen Besessenheit der Frau Wickland, war der Heilungsverlauf derselbe wie bei Blumhardt, nämlich eine fortgesetzte Belehrung der Jenseitigen sollte diesen ermöglichen, sich Gott, und damit auch allen besseren und höheren Wesen, zu öffnen  –  anstatt sich fortwährend zu verschliessen –, damit in ihnen dann auch einmal die göttliche, reinigende Kraft zu wirken beginne und sie freier mache.

Nur eben die dazu notwendige absichtliche Manipulation schien mir lange Zeit sehr gewagt, und ich selber würde auch heute noch nicht dazu beistimmen können, würde ein solcher Antrag an mich gestellt. Was aber die Wicklands in der Folge ihrer 30-jährigen Tätigkeit zugunsten der Besessenen und deren Besitz ergreifenden Geister alles erlebt haben, das ist ebenso überzeugend wie Blumhardts Erfahrungen, die sich im übrigen mit diesen völlig decken, und sind für uns als weitere Bestätigung der Richtigkeit der Sicht der Dinge brauchbar. Einzig der Unterschied bleibt bestehen, dass Blumhardt – auch wenn er manchmal über den Mund der Gottliebin kurze Botschaften höherer Wesen erhielt – sich völlig an Jesus halten musste und damit näher beim Vater stand, also eher seinem Herzen folgen konnte, als Wickland, der über den Verstand dazu kam, wiewohl seine weitere Arbeit dann ebenso sehr aus dem Herzen die nötige Kraft der Geduld erforderlich machte.

Alles, was er in den 30 Jahren solcher Tätigkeit erlebt hat, schildert er in seinem Buch "Dreissig Jahre unter den Toten"4) bis ins letzte Detail, weil er über alle Geistermanifestationen und -belehrungen Protokoll führen liess. – Um einen Besitz ergreifenden Geist – also eine verstorbene Seele – von ihrem Opfer zu lösen, sodass er sich im Körper von Wicklands Frau manifestieren konnte und dadurch in Gesprächsverkehr mit den noch im Leibe Lebenden treten konnte, bediente sich Wickland der Anwendung einer Influenz-Maschine, mittelst welcher er den Besessenen elektrisierte. Obgleich diese Elektrizität für den Patienten völlig harmlos war, war sie doch von ausserordentlich starker Wirkung, denn der Besitz ergreifende Geist kann dieser elektrischen Behandlung nicht lange standhalten und wird so zeitweilig aus dem Patienten vertrieben." –

"Also Elektroschock?" erkundigte sich der Arzt. –

"Ich nehme an. Denn obwohl der heute bekannte Elektroschock zwar oft eine zeitweilige, merkliche Besserung bringt, so heilt er den Patienten dennoch nicht, – und das "warum" wird eben durch die vielen protokollierten Sitzungen Wicklands erklärt! Der auf diese Art vertriebene Geist, oder die so vertriebene jenseitige Seele wird sich durch eine solche elektrische Behandlung natürlich nicht im Geringsten darüber im Klaren sein, dass sie gestorben ist. Sie empfindet diese Elektrizität – nach eigener Aussage durch den Mund Frau Wicklands – nur wie starke Schläge oder auch wie Blitze auf den Kopf und in den Rücken. Wird sie dann – beim zeitweiligen Zurückweichen aus dem Leibe des Opfers, zufolge des empfundenen Schmerzes – von jenseitigen, höheren Geistern in das Medium – eben in den Körper von Wicklands Frau – geführt, so benimmt sie sich darin ebenso wie zuvor im Besessenen. Das heisst, alle Eigenschaften des Besessenen übertragen sich auf den Leib des Mediums und verschwinden beim Besessenen. Diese Erscheinung kann an und für sich schon als Beweis dafür gelten, dass eben jene Seele die Urheberin der krankhaften Störungen und des merkwürdigen Benehmens beim Patienten gewesen war.

Nun aber beginnt erst die mühsame Arbeit des Psychiaters, die verstorbene Seele – die durch den Leib des Mediums mit allen Lebenden reden kann, während die Seele des Mediums schläft und von nichts weiss – über deren wirklichen Zustand aufzuklären. Gelingt es ihm, die verstorbene Seele von deren völligem Abscheiden von ihrem einmal innegehabten Leib – also von ihrem "Tod", wie wir normal sagen würden – zu überzeugen, so lässt sie sich von den um sie her sich befindenden, höhern Geistern gerne noch eines weiteren und besseren belehren, und der Patient oder der Besessene ist für bleibend gesund. Gelingt ihm das nicht, so ist es schwieriger für den Patienten. Allerdings kommt es oft vor, dass ein und derselbe Patient von ganz vielen Seelen Verstorbener besessen ist. Dabei muss dann eine jede Seele nach und nach durch die Anwendung der Elektrizität aus ihm vertrieben, und anschliessend im Leibe des Mediums über ihre wirkliche Lage aufgeklärt werden, damit sie sich dann den Belehrungen jenseitiger, höherer Geister öffnet und den Patienten für immer verlässt – ganz analog, wie das bei den gutwilligeren Geistern, welche den Leib der Gottliebin zeitweise in Besitz genommen hatten, bei den Bemühungen Pfarrer Blumhardts auch der Fall gewesen war.

Um von der Mühseligkeit der Aufgabe Wicklands, die Verstorbenen über ihren Zustand aufzuklären, einen Begriff zu bekommen, muss man schon seine Sitzungsprotokolle lesen. Dabei fällt einem dann auch auf, dass zumeist primitive und unentwickelt gebliebene Seelen zu solchen Besessenheitsgeistern wurden. Seelen von Menschen, die zu ihrer Erdenlebenszeit entweder sehr schläfrig und gleichgültig geblieben waren, nicht gerne gearbeitet haben, oder dann Seelen, die nur ihrem eigenen Wohl-Tun ergeben waren; solche, denen Bildung und inneres Fortschreiten gleichgültig waren, oder auch solche, die wahnhaften Ideen verfallen waren, wie zum Beispiel religiöse Fanatiker, aber auf der Stufe der Nachbeter, sind dafür besonders prädestiniert.

Dass der Sterbevorgang vielen nicht so genau in Erinnerung blieb, können wir diesen nicht zur Last legen, denn das ist offenbar eine Einrichtung Gottes für bestimmte – nicht für alle – Seelen; aber dass sie sich in allem als fast unbelehrbar erwiesen, ist schon ihr Grundwesenszug und damit ihre eigene Schuld und gehört zum Charakter solcher Seelen, die durch ihre Faulheit oder Sinnlichkeit so geworden sind.

So kam es vor, dass Seelen verstorbener Männer, denen Wickland – als sie im Leibe seiner Frau waren und dabei dann auch wie noch im Leibe lebende Wesen alles Irdische sehen und alles Gesprochene hören konnten – zum Beweise dafür, dass sie gestorben sind und nun aus dem Leibe seiner Frau sprächen, einen Spiegel vorhielt, in welchem sich eine solche Männerseele natürlich als Frau Wickland erblicken musste, aussagten, sie würden hypnotisiert, oder sogar einfach sagten, sie seien keine Frau. Dabei hatte doch Dr. Wickland ihnen zuvor begreiflich zu machen versucht, dass sie, als Verstorbene, nur eine kurze Zeit im Leibe seiner eigenen Frau sich mit ihm besprechen können, damit sie von ihm erführen, dass sie in Wirklichkeit schon lange gestorben sind und bisher im Leibe eines durch sie arg bedrängten Menschen sich aufgehalten hätten. Und erst deren hartnäckige Ungläubigkeit veranlasste ihn dann jeweils, ihnen einen Spiegel vorzuhalten, oder sie aufzufordern, einmal die Hände anzusehen, die natürlich auch Frauenhände – eben Frau Wicklands Hände – waren. Viele waren zum Zeitpunkt einer solchen Manipulation und anschliessenden Besprechung, schon mehrere Jahre tot, teilweise schon über 10, 20, ja sogar 30 Jahre, ohne es gemerkt zu haben. Manche von ihnen wähnten, noch in jenem Jahre zu leben, in welchem sie gestorben waren. Viele gaben auch gutwillig Name und die zu Lebzeiten zuletzt innegehabte Adresse an und erzählten ihre Geschichte bis zu diesem oder jenem Ereignis (Krankheit oder Unfall), das dann ihren Tod herbeiführte, sodass es für Dr. Wickland ein leichtes wurde, in der betreffenden Gemeinde nachforschen zu lassen, ob dort in der angegebenen Zeit jemand solchen Namens gelebt habe, dem das oder jenes begegnet sei. Solche Nachforschungen bestätigten stets die Wahrheit des vom Besitz ergreifenden Geiste Ausgesagten – und überdies natürlich auch die Wahrheit darüber, dass dieser als "Verstorbener" im Leibe seiner Frau zugegen war, und dass er ferner vorher den besessenen Patienten durch seine Anwesenheit geplagt hatte, indem derselbe nachher stets ohne weitere Erscheinungen blieb!!

Selbst unerklärlich motivierte Morde konnten auf solche Weise aufgeklärt werden. Ebenso ist ein Fall beschrieben, da die verstorbene Seele – eine Frau von sittlichem Charakter – durch Geistereinfluss getrieben, Selbstmord beging. Es erinnert dieser Fall stark an die Bemühungen der Geister in Blumhardts Fall, wo sie ebenfalls, während dem ersten Gewitter nach einer langen Dürrezeit, alles daran setzten, der Gottliebin das irdische Leben durch einen Selbstmordakt abzuschneiden. Nur war in dem von Dr. Wickland berichteten Fall kein Gewitter, dessen Blitze, die Besessene hätten aufschrecken und damit aufwecken können, sodass die Arme erst nach der Tat, also bereits verstorben und ausserhalb des Leibes, erkannte, was sie tat und dabei auch jene ersah, die sich mit teuflischer Genugtuung über ihr gelungenes Werk freuten. Unter anderem sind auch viele Fälle protokolliert, wo verstorbene Seelen, die zu ihren eigenen Lebzeiten einen schweren Unfall hatten, sich in die Aura eines noch im Leibe lebenden Menschen verstrickten und dadurch in diesem ein Gefühl erzeugten, als hätte er selber die vom Unfall herrührenden Gebrechen. Solcherart "Besessene" ergeben dann Patienten, die zum Beispiel den Arm nicht mehr gebrauchen können, oder den Kopf nicht mehr aufrecht halten können, weil sie durch ihr Gefühl der Meinung sind, der Arm sei zertrümmert oder das Genick sei gebrochen. Da nützt dann alles doktern nichts, und die Kranken sind auch nicht einfach eingebildet krank, sondern verspüren den Schmerz einer andern Seele, die ihrerseits aber diesen Schmerz vor allem deshalb fühlt, weil sie sich wieder in einer leiblichen Umgebung – der Aura des Patienten – befindet. Wird eine solche jenseitige Seele dann in den Leib eines Mediums überführt, so wird sie auch in diesem dieselben Symptome hervorrufen, kann aber durch diesen Leib dann mit den noch leiblichen Menschen reden und darüber aufgeklärt werden, dass sie bereits gestorben sei. Durch diese Erkenntnis wird sie dann auch den höheren Geistern zu ihrer ferneren Ausbildung und Belehrung zugänglicher und beginnt, sich aus der Erdnähe zu entfernen. Und damit wird dann auch der Patient gesund. Es wären also alle Patienten, die Schmerzen oder Gebrechen haben, ohne dass im medizinischen Befund irgend eine Abnormität festgestellt werden kann, darauf zu prüfen, ob sie nicht etwa einer Art stummen Besessenheit verfallen sind.

Das traurigste Fazit aus all den vielen Erfahrungen des Dr. Wickland aber ist die Feststellung, wie verbreitet doch Gleichgültigkeit, Materialismus und starre Glaubenshaltungen sind und was für schreckliche Folgen sie haben.

So las ich in manchen der Protokolle, dass sich ein nahe Verwandter oder gar die Mutter oder der Vater, der selbst schon gestorben war, der verstorbenen Seele – während sie zur Belehrung im Leibe des Mediums verweilte – näherten, um sie bei einer möglichen Innewerdung ihrer tatsächlichen Lage nachher weiterzuführen und ihr auch zu einer vorläufigen Bleibestätte zu verhelfen. Aber diese fürchteten sich – obwohl selber schon im Jenseits seiend – vor ihnen, weil sie des starren, materiellen Glaubens waren, dass diese ja schon längst tot, seien, und sie deshalb nur als Erscheinung oder Gespenst betrachteten, oder sie überhaupt nicht ernst nahmen. – Wie ganz anders verhielt es sich doch bei den von der Krankenschwester geschilderten Sterbefälle, wo die gläubigen Sterbenden die Hilfe der vor ihnen Dahingegangenen freudig erkannten und annahmen!! Diese irren wohl kaum im Jenseits herum, auch wenn sie noch so neu dort sind, und belästigen noch weniger einen noch im Leibe Lebenden, weil ihnen das Leibliche als widerlich erscheinen muss, angesichts der Freiheit, die sich vor ihnen auftut. – Wie aber soll oder wie kann – so frage ich – einem Menschen geholfen werden, der alles so sicher und nagelfest besser oder anders weiss, als es ihm ein Helfender zeigen will? Nur die bitterste und oft sehr lange Erfahrung wird seine Sturheit mildern, oder seine Gleichgültigkeit den Tatsachen gegenüber durch zunehmende Verzweiflung etwas beleben, sodass er zugänglicher und dadurch erst zur Aufnahme weiterer Wahrheiten fähig wird, wodurch ein kleiner Fortschritt möglich werden kann. Die Notwendigkeit lange andauernder, bitterster Erfahrungen zur Lockerung des Eigensinnes und damit zur Erlangung der Einsichtsfähigkeit, hat sich ja doch auch bei Pfarrer Blumhardts Fall gezeigt, und dort sogar noch drastischer, indem all jene, die vor den Augen der Patientin in den Vulkankrater stürzten, wohl kaum vor etlichen hunderten von Jahren wieder zu ihrer einstigen Bewegungsfreiheit gelangen werden. – Schrecklich, aber wahr! Das erfahre ich täglich an vielen meiner Patienten, die nur für sich selber denken können und wollen und deshalb nichts begreifen können, was ausserhalb ihrer direkten Interessenssphäre liegt. Sie leiden die schwersten Leiden und beklagen sich auch darüber. Aber mir zuhören, woher solche Leiden kommen und wie sie zu mildern sind, das wollen sie nicht, obwohl sie ja eben darum zu mir kommen und meine Mühe mit ihnen sogar bezahlen müssen. Wenn diese alle wüssten, was ihrer noch harrt, sie würden sich vielleicht dennoch schon heute zu ändern versuchen!! Aber ihnen das glaubhaft zu machen, ist wohl noch unmöglicher, als es bei jenen ist, die doch wenigstens schon drüben sind." –

"Ja, das sind Dinge, die Sie da erzählen und berühren, die mich selbst äusserst stark beengen", bestätigte der Arzt. "Ich denke da auch an meine Ausbildungszeit, wo Leichtsinn der Studenten einerseits, und Sturheit der Dozenten anderseits oft so nebeneinander vorbeigingen, als gäbe es die jeweils anderen nicht, so dass für beide Parteien absolut nichts zu gewinnen war und alle blieben, was sie waren: beide Parteien auf ihre Art unempfänglich; die einen für sie weckende und darum weiterbringende Fragen und die andern für sie weiterbringende, möglichst lebensnahe Belehrung. – Mit Ihren Ausführungen haben Sie mir aber nicht bloss meine eigenen Erfahrungen bestätigt und sie mir wieder so unangenehm nahe gebracht, sondern ihnen auch gerade noch eine beinahe ewige Dimension gegeben, jedenfalls eine, die weit über das Zeitliche hinausgeht."

"Ja bestimmt, sie muss ja über das Zeitliche hinausreichen! – Denn die Nacht ist so ewig lange wie der Tag. Und wer das Licht meidet, der kann getrost Ewigkeiten lange in der Nacht wandeln, weil diese ohne ein Licht, das gescheut wird, auch immerdar Nacht verbleiben wird. So hatte ich einmal eine Patientin, die hatte die Sucht, Kopfwehpulver zu nehmen und hatte dadurch eine der beiden Nieren schon so ruiniert, dass sie entfernt werden musste. Sie kam zu mir, als ich noch keine eigentliche Praxis hatte. Ich erklärte ihr das Wesen der Sucht und versprach ihr, ihr bei der Überwindung derselben tatkräftig behilflich zu sein. Ich forderte sie zu diesem Zweck auch auf, mir – bevor sie je wieder eine Tablette zu sich nehme – zu telefonieren. Und zwar könne sie das bis 1 Uhr in der Frühe und ab 6 Uhr morgens den ganzen Tag über tun. Es sei wichtig, dass sie jemand habe, an dem sie sich halten könne, sodass nicht die tote Tablette, sondern der lebendige Mensch zu ihrem Halt werde. Sie begriff das – fragte mich sogar noch eigens, ob ich denn einmal süchtig gewesen sei, dass ich das so genau wüsste. Und ich erklärte ihr, dass die allermeisten Menschen schon irgendwo und irgendwie ihre Sucht haben, der eine im Rauchen, der andere im Bier trinken oder im Naschen, wieder andere in der Sexualität, oder die Sucht, im Mittelpunkt stehen zu wollen etc.  Man müsste nur etwas auf sich selber aufpassen, so würde man leicht seine Schwächen erkennen – und damit dann natürlich auch jene seines Nächsten. – Soweit hätte sie es mittlerweile zwar leicht auch selber bringen können, aber damit hätte sie nun doch noch niemanden, der ihr unter die Arme griffe in ihrer jetzigen Not. Und eben das sei ich nun gewillt, zu tun, damit sie freier werde. Sie war froh und dankbar, als sie ging. Und zwei oder drei Wochen ging auch alles gut. Meine Worte hatten sie belebt und wirkten wohl in ihr nach. Sie nahm keine Tabletten mehr und jede Woche kam sie zu mir, und meine Frau verabreichte ihr einen Schenkelguss, nach der Weise Kneipps zur Anregung ihres Stoffwechsels, worauf ich sie auf dem anschliessenden, halbstündigen Spaziergang, welchen diese Güsse erfordern, jeweils begleitete und intensiv mit ihr über ihre Probleme und die schönen Aussichten bei dieser Lösungsmöglichkeit sprach. Und es ging ihr auch sichtlich zunehmend besser.

Beim etwa vierten oder fünften Male, als sie kam, fiel mir schon bei ihrem Eintritt ins Zimmer auf, dass sie Pillen genommen haben musste. Und ich fragte sie, bevor sie ganz in das Zimmer getreten war, weshalb sie denn nun wieder Pillen genommen habe ohne mir vorher telefoniert zu haben. Sie hatte dabei eine ausflüchtige Erklärung, aber ich machte ihr deutlich, dass sie damit nicht zum Ziele komme und es nur einen Sinn habe, weiterhin an ihrer Genesung zu arbeiten, wenn sie sich an die Abmachungen halte. Sie sprach diesmal nicht viel. Meine Frau verabreichte ihr den Wasserguss nach Kneipp; sie ging auch eine halbe Stunde mit mir im Freien spazieren, bei welcher Gelegenheit ich sie nochmals auf den Ernst der Situation und die Notwendigkeit einer starken Willensanstrengung aufmerksam machte, weil jedes erneute Zurückfallen ihr Gefühl der Nutzlosigkeit aller Bemühungen verstärken würde und damit ihren Willen und Glauben an den Erfolg schwäche, aber sie reagierte nicht mehr mit Mut und Wille darauf. Fünf Tage nach ihrem Besuch erhielt ich einen Brief von ihr, in welchem sie sich für meine bisherige Mühe bedankte und auch die Fortschritte erwähnte, die sie dabei schon erzielt hatte. Aber sie schrieb dann weiter, sie könne es nicht ertragen, dass ich so mit ihr rede und ihr so begegne, denn ich hätte sie ja zum Beispiel nicht einmal mehr für wert befunden, eine Augendiagnose zu machen (ich tat das sonst bei jedem Besuch). Sie wolle die Behandlung abbrechen – sich wohl bewusst seiend, dass es letztendlich einmal ihr Tod bedeute.

Nun, da sehen Sie die Starrheit, mit der solche Personen an ihrem Gesicht, das sie unter allen Umständen wahren wollen, oder an ihrem (eingebildeten) Wert hängen bleiben und nicht merken, dass sie ja beides durch ihr lächerliches Bemühen vor einem jeden Einsichtigen schon lange verloren haben. Denn das war doch der einzige Grund, weshalb sie nicht mehr kommen mochte. Sie fühlte in ihrer Empfindlichkeit für ihr Ego, dass ich sie wohl einer weitern Augendiagnose nicht für wert gehalten hätte. Aber das fällt so Ich-bezogenen Menschen nicht auf, dass ich ihr bereits beim Eintritt ins Zimmer an ihrer Stirn abgelesen habe – und zwar mit Bestimmtheit – wie es um sie steht und dass sie Tabletten genommen habe. Noch weniger können solche berechnen, dass ich darum ja gar nicht mehr nötig habe, extra noch eine Augendiagnose darüber zu machen. Wäre sie eher um ihre Weiterbildung und um die Wahrheit bemüht gewesen, als um ihr leeres Gesicht und um ihren hohlen Wert, so hätte sie sich fragen müssen, wozu denn eigentlich eine Augendiagnose gut sei, wenn ich es bereits auf mehrere Meter von ihrer Stirn ablesen kann, wie sie in der Zwischenzeit gelebt hat. Sie wäre dann zu mir statt von mir gekommen und wäre damit zu weiterer Einsicht und Gesundheit gelangt. So aber blieb sie bei der Wahrung ihres für die Wahrheit längst toten Gesichtes und sie rückte damit ihrem leiblichen Tode auch ein Stück weit näher. Dass ein solcher Mensch auch nach seinem Tode an seinem Gesicht und seinem Wert hängen bleiben wird – respektive in seiner Gleichgültigkeit jeder höhern Erkenntnis gegenüber –, ist doch mehr als sicher. Sicher ist für viele leider nur nicht, dass es nach dem Tode wirklich weitergeht!

So betrachtet ist ja Ihre nunmalige Beengung nur eine Erweiterung der Sicht der Dinge, die Sie bloss in ihrer Unabsehbarkeit zu beengen beginnt. In diesem Sinne kommt jede Erweiterung der Sicht der Dinge einer momentanen Unordnung im Gemüte gleich und zwar mit einer Verschlechterung des Gemütszustandes einhergehend um des vielen noch Unverarbeiteten willen. Aber es ist mit dieser Erweiterung der Sicht dennoch auch eine vergrösserte Vielfalt der Eingriffsmöglichkeiten in das Vorhandene verbunden, und damit die Aussicht auf Verbesserung und Vollendung. Und manch einer, der eine begrenzte Schweinerei noch ertragen kann, würde sich dennoch dafür anstrengen, sie zu mildern, sähe er in einer erweiterten Sicht, wie leicht sie zu einer unbegrenzten werden könnte. Weil aber dem Uneinsichtigen oder Gleichgültigen die Begrenzung eines Zustandes nur zeitlich zu denken möglich ist, empfindet er jeden Zustand ohnehin als begrenzt. In Wirklichkeit aber lassen sich innere Zustände nur ihrem Wesen nach begrenzen. Bleibt das Wesen eines Menschen, so bleiben auch seine Zustände! Ändert der Mensch hingegen sein Wesen, so ändert sich auch sein Zustand in dem Masse, in welchem er sein Wesen geändert hat. Die bloss scheinbare zeitliche Begrenzung ist trügerisch, weil die Zeit im rein seelischen Bereich nie eine Grenze sein kann. Deshalb auch das lange Verweilen jenseitiger Seelen in ihrem äusserst unangenehmen Zustand der Verfangung im Irdischen, wie es Dr. Wicklands Erfahrung zeigt.

So ist auch der Verlust eines nahe stehenden Menschen durch Tod zwar scheinbar wohl nur ein zeitlich empfundener Verlust, weil viele andere Dinge ihn mit der Zeit überlagern. In Wirklichkeit aber ist er stets bleibend, solange die beiden getrennt sind und kein Ersatz dafür sich vorfindet. Würde ein allfälliger Ersatz ebenfalls wieder entfernt, oder würden die Gedanken an das Verlorene wieder intensiviert, so wäre der Verlustschmerz sofort wieder ebenso gut da, wie er einstmals war. Das zeigt, dass ein seelischer Zustand nie zeitlich, sondern bloss zuständlich begrenzt werden kann. Freilich lassen sich auch Zustände stets wieder so verändern, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass derselbe Zustand wieder einmal kommt; und in diesem Sinne ist ja jeder Zustand eben wieder unbegrenzt, es sei denn wir würden eben unser Wesen ändern. Würden wir beispielsweise all unseren Halt, all unsere Freude, Genugtuung und Erfüllung nur in unserm himmlischen Vater suchen – und in seiner wesenheitlichen Nähe mit der Zeit auch finden, so würden wir auch all das, was wir durch einen noch so geliebten Menschen erhielten, als von ihm, dem liebenden Vater her kommend betrachten. Und das ist keineswegs falsch, weil ja alles Seiende nur durch ihn besteht, und alles Schöne und Gute nur durch seine Gnade gut ist. Und in diesem Sinne betrachtet ist dann der Verlust eines geliebten Menschen eher ein Gewinn, weil er uns wieder auf den Urgrund aller unserer Gewinne – den Vater – aufmerksam macht, der uns dadurch wieder näher kommt, weil kein Mensch mehr zwischen ihm und uns steht. Das ist denn auch die einzige Wesensänderung, die alle schlechten Zustände – nicht nur jene infolge Verlustes eines uns Nahestehenden – auf einmal beseitigt oder begrenzt auf jene Momente, in welchen wir diese Tatsache aus den Augen verlieren.– Dass alles Gute nur durch den Vater im Himmel gut ist, erfahre ich an mir selbst auch immer wieder, zum Beispiel, wenn ich andern Dinge erzähle, die sie aufrichten, stärken und trösten, und mir dabei oftmals selber die Worte unpassend, unrichtig oder fehl am Platze vorkommen, – nicht falsch, sondern nur falsch platziert, und dennoch wirken sie manchmal Wunder in jener Person, für die ich sie sprach. Da liegt ja dann der Grund davon im Herrn, der aus allem stets das Beste machen kann, und nicht an den Worten selbst. Auch kommt es öfters vor, dass ich einem Zuhörer etwas erkläre, das ich selber in der Art nicht gewusst oder erfasst hatte, in der ich es meinem Nächsten wiedergebe. Dabei muss ich dann am Ende des Gespräches mehr erstaunen als der Zuhörer, weil ich weiss, dass mir mit der Antwort eine Einsicht geworden ist, die ich zuvor nicht hatte. Folglich sind doch meine Worte nicht wirklich aus meiner Einsicht heraus gut gewesen, sondern aus der viel höheren Einsicht des Vaters. Und mein Gesprächspartner hatte nicht eigentlich mich selbst zum Partner, sondern seinen himmlischen Vater – wenn er das auch noch nicht erkennen kann und nicht erkennen muss. Wenn er nur das Licht der Wahrheit im Gesagten erkennt, so hat er damit ja alles, was er braucht. Aber später wird er es einmal an sich selber merken, dass dem Gut- und Liebewilligen alles von oben her – und zwar im richtigen Moment – zufällt, und dass er deshalb immer mit seinem Vater spricht, ob er selber spricht, oder ein anderer mit ihm. Denn das Verständnis gibt stets nur die Liebe, und damit der Vater, ob über dem Verstand ungeeignet erscheinende Worte, oder über geeignete, das bleibt sich gleich. Hätten all die verirrten Seelen, diesseits wie jenseits, darum nur Liebe, so hätten sie auch Verständnis für alles, was ihnen begegnet; und durch ein solches Verständnis dann auch die Gelegenheit, es nutzbringend anzuwenden. Dasselbe besagt ja auch der Ausspruch Pauli: 'Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen...' (Römer 8, 28). Diese Erklärung soll nur verdeutlichen, dass alle Beengung, die ein Mensch durch die Erweiterung seiner Sicht erfährt, nur von noch Unverarbeitetem herrührt. Also können wir nur durch das demütige Eingeständnis dieser Tatsache und durch die Liebe und die dadurch erfolgende Nähe zu unserem himmlischen Vater all unsere schlechten Zustände überwinden. Und nur, weil uns das oft auf längere Sicht unmöglich scheint, fängt uns eine solche Sicht der Dinge - eine solche Einsicht – zu beengen an. Wir sind noch zu sehr gewohnt, dass zeitliche Vorkommnisse die innern Verhältnisse ändern. Und das eben stimmt nicht! Sie verschleiern sie erstens nur, und fallen zweitens in der Ewigkeit, wo der Mensch nur auf sich selber gestellt ist, ohnehin ganz weg, sodass das erschreckende Bild, das von Pfarrer Blumhardt und Dr. Wickland geschildert wird, sich wieder abzuzeichnen beginnt für jene, die sich nicht geändert haben." –

"Ja, Sie haben Recht, und diese Erklärung hat mir auch wieder zuinnerst wohl getan", unterbrach der Arzt den Redenden. "Aber ich glaube, ich werde dennoch eine Zeit brauchen, um all das heute Vernommene richtig zu verarbeiten." –

Der Naturarzt pflichtete ihm bei und ermunterte ihn dazu mit den Worten: "Natürlich braucht das Zeit, wie der Hausbau oder das Wachstum eines Baumes Zeit braucht. Aber der endliche Nutzen davon wiegt die Zeit ja bei weitem wieder auf; und wir haben ja diese Zeit von unserem Vater im Himmel eben darum zugemessen erhalten, um sie dafür zu gebrauchen." Er erzählte seinem Kollegen dann noch von den Erfahrungen, die der Arzt Dr. Justinus Kerner an einer Patientin machte, die längere Zeit bei ihm wohnte, und die er in seinem Buche "Die Seherin von Prevorst"5) beschrieb. Diese hatte ihrem Arzt sehr detaillierte Angaben über die Verhältnisse der jenseitigen Seelen gemacht und wusste durch solche auch oft um die geheimsten Dinge in anderen Wohnungen, ja sogar in Amtsstuben. Sie erklärte ihrem Arzte auch die Wirkungsweise der Spukphänomene der unlauteren Seelen, welche diese aus ihrem Nervengeist – einem halb materiellen, halb seelischen Teil des leiblichen Menschen, welcher der Seele nach deren Scheidung vom Leibe verbleibt – und dessen Kraft hervorbringen. Sie sagte auch, dass sich solch unlautere Seelen stets dunkel ausnehmen vor den Augen ihres Geistes, und dass sie mit zunehmender Öffnung gegen die lichte Wahrheit auch lichter in ihrem Aussehen würden. – Und am Ende beschloss der Naturarzt diesen so erlebnisreichen Abend mit der Feststellung, dass er diesmal in seiner Rede absichtlich – in der Weise der Wissenschafter – aus den Erscheinungen auf dieser Welt auf deren Grund geschlossen habe, um dadurch aufzuzeigen, wie leicht der Mensch anhand von Erscheinungen und Erscheinungsberichten die Möglichkeit erhalte, seinen Horizont zu erweitern – wenn er nur ernstlich wollte. Dass aber die einen ohne jedes Interesse dafür seien und die andern von einer Starrheit und Sturheit, wie sie sonst nur noch in Glaubensfanatikern zu finden sei, ob nun wissenschaftsgläubig oder kirchengläubig. Unter solchen Betrachtungen, denen der Arzt nur beipflichten konnte – aus der Erfahrung seiner Glaubensgemeinschaft wie seiner akademischen Ausbildung – beschlossen die beiden ihren gemeinsamen Abend.

Auf dem Heimweg fiel dem Arzt auf, wie stark ihn das diesmal Vernommene beschäftigte. Denn es wollte keine Ruhe, und noch weniger eine Beschaulichkeit, in ihm aufkommen. Zu sehr verlangten all die vielen Neuigkeiten gebieterisch nach dem ihnen gebührenden Platz in seinem Gemüte, den er ihnen aber unmöglich so schnell und so endgültig zuweisen konnte, da er erstens noch selber von der Fülle der Information zu sehr überrascht war und zweitens noch zu wenig erfahren war auf diesem Gebiet, als dass er mit sicherem Blick wenigstens das allgemeine Feld hätte bezeichnen können, in welches all die verschiedenartigen Erscheinungen jeweils hätten eingeordnet werden müssen. Zudem war die Rede des Naturarztes stets eine sehr lebendige, sodass er die dem Bisherigen scheinbar widerstreitenden Fakten ebenso stark beeindruckt aufnahm wie vorher die zuversichtliche und auf Gott ausgerichtete Ordnung. Aber just das, was er heute vernommen hatte, schien alles gegen jede Art von Ruhe und Ordnung zu streiten. Da war allenthalben Krieg! Krieg zwischen Licht und Finsternis, Krieg zwischen leiblichen und bereits entleibten Seelen, Krieg in den Leibern der Menschen – um die Herrschaft über den Leib, Krieg zwischen den offenen Wahrheitssuchern und den verschlossenen und hinter ihren Glaubensdogmen verschanzten Starrsinnigen, die sich Ihrerseits wieder bekriegen, indem die Wissenschaft den Glauben verhöhnt und verfolgt, und der Glaube die Wissenschaft; Krieg auch zwischen den Erkenntnisinhalten seiner bisherigen Weltanschauung, die durch die ersten beiden Besuche sich eher rundeten und vervollkommneten und dadurch auch erweiterten, und der neuen Sicht der Dinge, wie sie sich aus dem heute Vernommenen zu ergeben schien. Er wollte keinesfalls auf die heutige Information verzichtet haben, denn die ungeteilte, ganze Grundlage seines Naturarztkollegen wollte er ja kennen lernen, um dessen Erfolge einmal richtig verstehen und begreifen zu können; aber er trauerte denn doch auch ein wenig, der so warmen und heimeligen Ruhe nach, welche sich so sanft und wohltuend während den ersten beiden Besuchen in sein Gemüt ergossen hatte.

Am nächsten Morgen kam er sich sehr einsam vor. Das Alte hatte einen zu argen Stoss erlitten, als dass es noch ungeprüft hätte bei ihm wirksam bleiben können und des Neuen konnte er nicht so einfach und schnell habhaft werden. In dieser Situation bedeutete die Praxis für ihn eher eine Belastung. Gut, dass in den ersten Tagen nach diesem Gespräch sich keine schwierigen Fälle meldeten. Als aber am vierten Tage ein Mann in seine Praxis kam, der unter starken Kopfschmerzen gelitten hatte und danach äusserst scheussliche Träume bekam, sodass er stets schweissgebadet erwachte und sich morgens jeweils so matt fühlte, wie er abends nie war, da wurde all das Vernommene wieder so stark in ihm wach, dass er erstmals nicht einfach an Neurasthenie oder Neurose dachte, sondern an all das Viele von seinem Kollegen Gehörte, das er nicht sehen, sondern höchstens einsehen und glauben konnte, das sich ihm nun aber förmlich aufzudrängen schien. Er verschrieb seinem Patienten zwar ein Sedativum zur Beruhigung, empfand aber in sich selber, dass das der Wirklichkeit in keiner Art und Weise Rechnung trug. Denn er kannte den Mann und empfand bisher weder etwas neurotisches noch neurasthenisches an ihm. Dass er gewissenhaft war und bis jetzt stets beherrscht und freundlich wirkte, konnte ihn im Gegenteil eher exogene Gründe für die plötzliche Stimmungsveränderung vermuten lassen, die sich aber aus dem Gespräch in keiner Art und Weise ergaben.

Während der Mittagspause dachte er so angestrengt über all diese Phänomene und Zusammenhänge nach, dass es sogar seiner Gattin auffiel, dass ihr Mann eher studierte als ass. Sie sagte zwar nichts zu ihm, aber sie beobachtete ihren Mann sehr genau. Dieser aber sah in dem Patienten, den er gut kannte und auch mochte, ein mögliches, unschuldiges Opfer schlechter Geistereinflüsse, und ihm wurde die Gewissheit der gerechten göttlichen Führung, dadurch ganz plötzlich in Zweifel gezogen. Was sollte denn der Grund dafür sein können, dass die Unsichtbaren den Sichtbaren so stark zusetzen können und dürfen. Müsste Gott die Benachteiligten nicht schützen und dafür sorgen, dass wenigstens innerhalb eines Leibesorganismus nur eine einzige Seele sich befinden kann? Durch solche Gedanken kam er dann wieder in Zweifel, ob die vernommenen Fakten auch tatsächlich der Wirklichkeit entsprechen können. Alles in ihm sträubte sich gegen diesen ewigen und aussichtslosen Kampf der Geister, gegen die Unruhe, die damit verbunden ist, und gegen die Unübersichtlichkeit all der ineinander greifenden Fakten. Aber da besann er sich wieder der vielen Bibelstellen des neuen Testamentes, in welchen von Besessenen die Rede war, und er erkannte, dass sich zumindest nach biblischer Sicht nichts gegen diese Tatsache, dass es Besessene gibt, einwenden lässt. Und auch die damaligen Menschen wurden nach Aussage der Bibel durch die Dämonen arg gequält.

Nach dem Essen begann er mit seiner Frau über all das, sowie über den heutigen Fall in der Sprechstunde zu sprechen. Zu sehr nagte dieser Zweifelswurm an ihm. Seine Frau, die alles eher von der praktischen Seite nahm, meinte, dass er ja mit der Abgabe eines Sedativums das ihm vorderhand Mögliche getan habe. Sie hatte zwar gegen Geister nichts einzuwenden, aber sie konnte damit auch nichts anfangen, und so fragte sie ihn, was anderes denn einem Menschen übrig bleibe im Kampfe gegen einen Feind, den er gar nicht sehe. Da könne er doch unmöglich mehr tun, als eben auf jener Ebene arbeiten, welche die seine sei, solange er im Leibe lebe; und das sei die materielle, die ja auch nicht ohne Wirkung bleibe, wie sich überall wieder zeige. Ihr Mann gab ihr zwar zu bedenken, dass die vielen Irrenanstalten nicht dafür zeugen würden, dass mit materiellen Mitteln viel Wirkung erzielt werde – und eine völlige Gesundung schon am allerwenigsten. "Nein, nein", sagte er, "das muss ich schon gründlicher studieren. Aber eine ungeheure Arbeit ist das schon!" –

"Da werde ich wohl sehr lange auf meinen Mann verzichten müssen", konstatierte seine Frau; und wenigstens für den Abend des heutigen Tages sollte sie Recht behalten. Denn nach dem Nachtessen rief der Arzt seinen Kollegen an und beschrieb ihm zuerst einmal den am Morgen gehabten Fall, der ihm wieder so recht das ohnehin noch lange nicht verdaute Vernommene hochkommen liess, und erzählte ihm daraufhin von den Gedanken, die er sich über all das Gehörte zu machen beginne und was für eine grosse Verlegenheit und Verwirrung seine Worte in ihm angerichtet hätten. – Dieser aber gab ihm in seiner positiven Art folgende Antwort: "Verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich Ihnen sage, dass mich das freut. Denn wohl ist es nichts Angenehmes, alles und jedes auf den Kopf zu stellen, um es von allen Seiten neu zu beleuchten und den Staub falscher Gewohnheiten und Ansichten von ihm zu blasen – und ich selber bin deshalb recht froh, dass meine Frau die alljährliche "Frühlingsputzete" an die Hand nimmt, und sie nicht mir überlässt. Aber Ordnung muss sein, wenn es uns gemütlich ergehen soll, das zeigt sich nach einer solchen "Putzete" am allerdeutlichsten, während welcher alles gekehrt und gewendet und dann zu Haufen gestellt wird, nur um den Boden einmal so frei zu bekommen, dass man ihn ganz und auf einmal putzen kann. Und je mehr einer in seiner Wohnung hat, desto elender muss es ihm während eines Grossreinemachens vorkommen. Aber bietet nicht dennoch all das Vorhandene und uns während der Putzarbeit Störende Gelegenheit, es das ganze übrige Jahr hindurch zu benutzen zum Vorteil so mancher, mit denen wir verkehren und zur Verwirklichung so mancher schönen Idee? Also dürfen wir der Arbeit wegen, die es beim Reinemachen verursacht, nicht alles und jedes fortwerfen wollen, sondern wir müssen uns dessen erst recht wieder bewusst werden, damit wir uns das Jahr hindurch dann auch wieder daran erinnern und es finden und brauchen können, wenn gerade eben sein Gebrauch vieles vereinfachen kann. Wir sind dann manches Mal noch recht froh darüber. Der Gerechtigkeit Gottes wegen brauchen Sie sich in dieser Sache aber kein graues Haar wachsen zu lassen. Denn was anderes ist es denn für einen Betroffenen, ob er von noch im Leibe seienden Seelen entführt und als Geisel genommen wird und fortan – total gefesselt und in ständiger Angst lebend – nur noch den Interessen seiner Entführer und Peiniger zu dienen hat, oder ob sein Leib von Unsichtbaren besessen wird. Da ist ja das leibliche Besessensein gerade auch nicht mehr schlechter, indem dabei mancher wenigstens zeitweise auch wieder frei über sich verfügen kann. – Oder, wenn Krieg herrscht und die Menschen einander gegenseitig aus böser Rachelust auf die grauenvollste Art töten, und oft martern zuvor; ist das wohl eher mit der göttlichen Ordnung vereinbar als das Besessensein von einem oder auch mehreren Geistern? Verstehen Sie mich nicht falsch – ich finde das alles selber über alle Massen grausam. Aber ich unterscheide nicht zwischen dem einen und dem andern, sondern frage bei dem, weshalb und wozu, und wie man sich davor schützen kann. Und gerade in Bezug auf das Sich-Schützen-Können liegen die Dinge wirklich in beiden Fällen sehr ähnlich. Denn genau gleich, wie Diebe offene Häuser für ihr schmutziges Geschäft bevorzugen und eine bestehende Unordnung gut zu ihrer Deckung ausnützen können; und Räuber Einzelne und Ahnungslose lieber, einfacher und erfolgreicher überfallen als Gewappnete, so auch ist es in seelischer Beziehung:  Wenn eine Seele jeder neuen Mode offen gegenübersteht und auch noch mit Lust diese annimmt, so wird sie nicht so leicht merken – und oft auch gar nicht merken wollen –, woher so neue Modeideen kommen und wer sie zu was für einem Zwecke einführen will, und man wird ihr ihre Freiheit leichter stehlen können als einer, die bei ihrer einmal gefundenen Ordnung bleibt und damit ihre Türen vor Fremdem verschlossen hält, zumindest auf so lange, als sie sich nicht bis ins Kleinste über dessen Folgen im Klaren befinden wird. Und eine Seele, die täglich um den väterlichen Segen und Beistand bittet, wird – in Begleitung ihres Herrn – wohl nicht so leicht überfallen werden, wie eine ahnungslose, die voll Neugierde sich überall hin begibt, ohne zu bedenken, was dort auf sie lauern könnte. Auch werden Arme nur selten überfallen und schon gar nicht bestohlen; das ist nicht nur im Natürlichen so, sondern ebenso im geistig-seelischen Bereich, wo es bei Armen an sinnlichen Reizen und Reizbefriedigungen für entleibte, jenseitige Seelen verzweifelt wenig zu holen gibt, das ihrem sinnlichen Wesen gefallen könnte. Und verirrt sich eine jenseitige Seele schon einmal in der Aura eines solch leiblichen Menschen, so trachtet sie danach, ehestmöglich von solch einem für sie öden Hause wieder frei zu werden. Deshalb, die Aussage Jesu in der Bibel, dass nur Beten und Fasten diese Art austreibt (Matth. 17, 21), weil unter "Fasten" jedwede Beschränkung der bloss sinnlichen Betätigungen gemeint ist, und nicht nur die Beschränkung der Nahrungsaufnahme. Wer freiwillig im Weinberge Gottes arbeitet, wie Sie und ich, der muss sich überdies nicht erst durch bittere Erfahrungen zu einer wohlbegründeten Tätigkeit in der Ausbildung seiner Seele – als einem Teil des Weinberges Gottes – antreiben lassen, sofern er dabei nicht sich selbst überschätzend wird. Verstehen Sie mich auch darin recht: Ich bin nicht sicher, ob mir selber so etwas nicht auch widerfahren könnte, aber ich bin voll Zuversicht, dass der liebende Vater im Himmel seinen Kindern, die zu ihm aufschauen, so etwas nicht so schnell widerfahren lässt, und all meine Erfahrungen in meinem bisherigen Leben haben mir praktisch noch nie zu einer gegenteiligen Ansicht Anlass gegeben. Denn Gott muss ja die in ihrem Willen freien Menschen irgendwie zur Tätigkeit und auf den Weg der Vervollkommnung bringen. Diejenigen, die aus Verlangen nach ihrem Vater sich in mannigfache Tätigkeiten begeben, muss er ja nicht extra dazu ermuntern; aber jene, die behaglich stehen oder gar liegen bleiben auf ihrem noch sehr unvollendeten Standpunkt, die brauchen zu ihrem Fortkommen schon noch so manchen Anstoss. Kommt er ohnehin von aussen, durch Armut, Krankheit oder Unfall bedingt, so braucht es weiter keinen mehr. Kommt aber in einer eher ruhigen Zeit nicht viel Äusseres vor, so kann ja auch einmal ein inneres Erlebnis, wie eine Besessenheit, Anlass zu grösserer Tätigkeit werden, umso mehr, als es einen davon Betroffenen zusätzlich einmal die Erfahrung machen lässt, zu wie wenig Verständnis die andern ihm selbst und seinen ihm allerdings selber nicht erklärbaren Umständen willens und fähig sind. Diese Erfahrung hat erst noch den unberechenbaren Vorteil, dass solche Menschen dann noch am ehesten alle Hilfe von Gott, anstatt von den Menschen, zu erwarten beginnen, wenn sie erleben, wie wenig die andern davon verstehen und verstehen wollen. Und so gesehen sind solche bloss seelischen Verstrickungen viel fruchtbarer für die Weiterentwicklung der Seele als die äussern durch Kriege, Streit und Verbrechen bedingten. Aber auch für die Umgebung derartig Betroffenen stellen solche Vorkommnisse eher eine bleibende Beunruhigung der Gemüter, und dadurch eine Überprüfungsforderung ihres bisherigen materialistischen oder religiösen Glaubens dar.

Überfälle, Kriege und Besessenheiten sind aber von Gott, der Willensfreiheit der Seelen wegen, zugelassen. Denn würde eine Seele daran gehindert, das ihr gut scheinende auszuführen, so wäre sie nicht wirklich frei, und sie könnte sich auch Gott selbst niemals frei nahen, weil sie nicht von ihrem eigentlichen, freien Grunde der Erkenntnis aus zu ihm sich wenden könnte. Den Erfolg einer geplanten Handlung vereiteln kann und wird Gott auch überall dort, wo die vorgenommene Handlung einen Gott Ergebenen treffen würde. Das widerspricht der freiheitlichen Entwicklung einer Seele ebenso wenig, wie es ihr schadet, wenn sie mit einem untauglichen Mittel ihr Ziel zu erreichen sucht und es dabei natürlich nicht erreicht."

In Bezug auf den Patienten gab er dem Arzte noch den Rat, er solle diesen bei der nächsten Konsultation doch eingehend darüber befragen, ob er neuerdings irgend ein Medikament zu sich nehme oder eine neue Speise esse – und wenn es auch nur eine Nascherei wäre. Vielleicht auch könnte er ein Getränk, wie Bitter-Lemon neu zu trinken angefangen haben, oder irgend so etwas Ähnliches. Viele derartige Erscheinungen seien seiner Erfahrung nach auf leichtere Vergiftungen zurückzuführen, die auf bestimmte Stoffe Empfindliche eher empfänden als Normale.

"Und zuguterletzt muss ich noch betonen", fuhr er in seiner Rede fort, "dass diese Zwietracht zwischen Ihren neueren und Ihren älteren Erkenntnissen nur daher rührt, weil wir sie – dem wissenschaftlichen Vorgehen gemäss – von der Erscheinungsseite her betrachtet und beurteilt haben, und nicht von ihrem Grunde her. Hätte ich Ihnen dieselben von ihrem Grund her beleuchtet, so hätten Sie vielleicht viele Zweifel an der Wahrheit der Erscheinungen überhaupt gehabt. Denn vom Grunde aus kann solches nur der Vater beleuchten und hernach diejenigen, denen es der Vater offenbart hat. Das sind die Propheten; und zu diesen braucht es mehr Glaube als zu seinesgleichen. Daher liess ich all diese Erscheinungen für Sie von der Wissenschaft, wenn auch einer gereinigten Wissenschaft weniger Vernünftiger (vernünftig im Sinne von: 'vernehmen' gemeint) beleuchten, damit Sie wenigstens keine Mühe im Glauben an die Erscheinung und damit der Existenz derselben haben, weil die Erklärungen des Grundes an und für sich ohnehin so überzeugend sind, dass sie eher begriffen, als geglaubt, werden müssen – wenn nur wenigstens einmal die Erscheinung als gesichert dasteht. Ich lade Sie aber herzlich ein, bald das noch Fehlende bei mir, gelegentlich Ihres nächsten Besuches, einzuholen."

"Ja, das tue ich recht gerne", liess sich der Arzt wieder vernehmen, "umso mehr, als ich nun schon wieder jenen Frieden zu fühlen beginne, den ich die ersten beiden Male bei meinem Besuch so stark verspürt habe. Da haben Sie ja auch eher vom Grunde her alles beleuchtet, nehme ich an. Denn Sie haben alles von der Liebe, als der alleinigen Triebkraft des Menschen, her erklärt. Und nun habe ich ja die Gesetzmässigkeiten und dadurch die Gerechtigkeit in den mir neuen Erscheinungen leichtestfasslich erklärt erhalten und eingesehen, sodass es schon viel braucht, mich wieder so stark in Zweifel zu bringen. Wie herrlich ist doch genügend Licht in allen Dingen und wie einfach jede Erklärung aus der Sicht des Grundes her, gegenüber all den Versuchen, von der Erscheinung her etwas zu fassen zu bekommen. Damit habe ich alles, ich brauche im Moment gar nicht mehr! Darf ich, so beschliesse ich gerne an dieser Stelle das Gespräch und freue mich jetzt schon auf die nächste Zusammenkunft, so, wie ich mich bis jetzt stets auf sie gefreut habe – die letzten vier Tage ausgenommen."

Seine Gattin verspürte die Veränderung in ihrem Manne, sodass sie sich vorzustellen begann, wie umfassend der Angerufene reden könne. Denn ihren Mann von Zweifeln oder Unschlüssigkeiten zu befreien, schien ihr eine Kunst, die noch keiner fertig brachte. Nicht zuletzt dieser Aufrichtigkeit und gewissenhaften Gründlichkeit ihres Mannes wegen war ihre Neigung zu ihm gross und ihr Verständnis für die oftmalige innere Abwesenheit ihres Mannes durch eine Art von Achtung geprägt. Denn ihre eigene, praktische Art liess nur allzu gerne Fragen offen – wenn nur die Hauptsache gemacht war. Irgendwie wuchs in ihr der Wunsch, selber einmal mit jenem Manne bekannt zu werden, der so leicht Zugang zum Wesen ihres Gemahls finden konnte. Aber sie bedrängte ihren Gatten nie, sie fand immer irgendwo und irgendwann einmal eine günstige Gelegenheit, zu demjenigen zu kommen, zu dem sie kommen wollte. So fragte sie auch nach diesem Telefongespräch nicht extra nach dem Inhalt, aber sie freute sich dennoch an der auffallend guten Wirkung; denn ihr Mann hatte diesen Abend mehr Zeit für sie und ihre Probleme als sonst.

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5. KAPITEL


NEUE PROPHETEN?

In den nächsten Tagen lief alles wieder in normalen Bahnen. Zwar war der Arzt in seiner Glaubenszuversicht, die er anfänglich in ausgeprägtem Masse empfunden gehabt, nicht mehr so stark, aber er war auch durch seine Zweifel nicht mehr so gestört, da diese durch den Hinweis seines Kollegen auf die schon eher alltäglichen Missstände des Verbrechens auf ein allzu grosses Gebiet verteilt worden waren.

Als eine Woche darauf der Patient mit den Alpträumen wieder kam, da nahm er sich ordentlich Zeit für ihn, und sie gingen zusammen alle seine Essgewohnheiten durch, die eigentlich keine wesentlichen Veränderungen an den Tag brachten, von Kleinigkeiten abgesehen, wie jene, dass er zufolge einer leichten Verstopfung jetzt ein Vollkornbrot ass, oder statt gesalzene Erdnüsse eine andere Nussart. Dennoch nahmen die nächtlichen Erscheinungen und Beunruhigungen zu. Und, was dem Arzt gar nicht gefallen wollte, war der Umstand, dass nach der Aussage seines Patienten dessen Gattin zunehmend unter Depressionen zu leiden hatte. Sie seien zwar nicht so schlimm, aber dafür stetig, sodass sie über nichts mehr eine freudige Erregung zeigen könne. Natürlich fragte der Arzt auch wiederholt nach dem familiären Umfeld. Aber die beiden Leute, die kinderlos waren, lebten eher zurückgezogen, und auch in der Verwandtschaft war nichts Ausser-gewöhnliches vorgefallen. Über eheliche Belange erfährt der Arzt zwar oftmals nicht die volle Wahrheit, aber bei einer Aussage des Patienten, dass gerade jetzt ein auffallendes Gefühl stillen Einvernehmens zwischen ihnen herrsche, kann er doch nicht annehmen, dass es sich bei der Antwort nur um eine schöne Fassade handle, zumal ihm dieser Patient bis jetzt noch nie als irgendwie formbeflissen vorgekommen war. Ihn beschäftigte der Fall immer mehr. Denn die Ausdehnung auf die Gattin des Patienten gefiel ihm gar nicht. Aber er beruhigte sich damit, dass ja in vielen Familien gerade zwei oder gar mehrere unangenehme Erscheinungen aufträten, und dass die Leiden der beiden Eheleute nicht unbedingt ein und denselben Grund haben müssen. Dieses ungute Gefühl war wohl doch eher eine Folge von dem, was er alles über Geistereinflüsse vernommen hatte, dachte er, und es wäre ihm noch bedeutend leichter gefallen, sich mit dem vorigen Gedanken zu beruhigen, wenn ihm der Patient, der ihm sonst so sachlich und nüchtern vorgekommen war, nicht einen etwas unsicheren, eher fragenden Eindruck gemacht hätte.

Kurz vor dem mit seinem Naturarztkollegen abgemachten Termin kam derselbe Patient noch einmal in seine Praxis. Diesmal berichtete er, dass er nun manchmal plötzlich tagsüber scheinbar grundlos einen Angstausbruch habe und das Gefühl von Druck in sich verspüre, so dass er glaube schwitzen zu müssen, dass aber kein Schweiss sich einstelle, von dem er glaube, dass er ihm Erleichterung in dieser Situation brächte. Er habe jedes Mal dabei das Gefühl, dass es um etwas Lebensbedrohliches ginge; und jeweils morgens, aber auch manchmal nach einer solchen Angstphase, habe er das Gefühl eines schlechten Gewissens, ohne sich im geringsten vorstellen zu können, woher und weshalb. Der Arzt gab ihm ein anderes Medikament und sprach ihm zu. Aber nach der Konsultation war ihm unangenehm. Er freute sich auf das baldige Zusammentreffen mit seinem Kollegen, denn er sah einer jener Fälle darin, die medikamentös praktisch nie zu lösen waren, sondern höchstens zu verbessern, und die nur allzu leicht in eine chronische Phase übergehen konnten.

Als er dann endlich wieder, am Samstagabend, bei seinem Kollegen einsprach und dieser ihn in der gewohnten entgegenkommenden und warmen Art begrüsst hatte, berührte er zuerst diesen Fall. Der Naturarzt erklärte ihm, dass das Gefühl eines schlechten Gewissens besonders dann, wenn sich der Betreffende nicht ausdenken könne, woher das auch nur kommen könne, weil er sich keiner Fehler bewusst ist, sehr oft eine Überlagerung der seelischen Empfindung einer verstorbenen Seele auf einen lebenden Menschen sein könne und dass in diesem Sinne wohl auch Geistereinfluss mitbeteiligt sei. Was ihm hingegen nicht gefiele, sei die Depression der Gattin des Patienten. Er denke da eher an irgendeine Vergiftung, die sehr wohl bei unterschiedlichen Personen eine unterschiedliche Reaktion hervorzubringen vermöge. Aber es sei natürlich schwierig, herauszufinden, durch was diese stattgefunden habe. So könne beispielsweise chininhaltiges Bitterwasser psychische Reaktionen hervorrufen und auch für eine leichte Dauerdepression verantwortlich gemacht werden – bei fortgesetztem Genuss desselben –, obwohl doch abertausende dieses Getränk ohne weitere Folgen zu sich nähmen, sodass doch kein Mensch, und auch kein Arzt, in diesen Getränken einen reellen Grund zur Erkrankung eines Menschen suche – von einer gewissen leiblichen Allergie, die dadurch ebenfalls entstehen kann, einmal abgesehen.

"Und dennoch", so fuhr er fort, "ist den amerikanischen Kampfpiloten verboten, dieses Wasser innerhalb von 72 Stunden vor einem Einsatz zu sich zu nehmen. Ich erzähle das nur, um zu zeigen, für wie lange wirksam dort dieses Mittel erachtet wird, während es im Allgemeinen als so harmlos betrachtet, wird, dass es als Getränk gelten darf. Im Speisezettel Moses ist es jedenfalls nicht aufgeführt. Aber geben Sie dem Patienten doch einmal Aconit in der vierten Dezimalpotenz (ein homöopathisches Mittel gegen grosse Aufregung sowie gegen Entzündungen und beginnendes oder steigendes Fieber ). Das sollte er bei einem solchen Erregungszustand einnehmen. Es ist ein Homöopathikum und bei nervlichen Erregungszuständen oft unerhört effizient."

Das wollte der Arzt denn doch nicht: Eine Medizin, die er nicht kannte, einem seiner Patienten verordnen. Aber er nahm sich vor, dem Patienten wenigstens den Vorschlag zu machen, es doch einmal mit einem homöopathischen Mittel zu versuchen und er rate ihm zu Aconit D4 (wie ihm sein Kollege zuvor notiert hatte). "Wer weiss, vielleicht hilft ihm das", so etwa stellte er sich das Gespräch vor. Denn er war nicht nur darauf erpicht, einmal die Wirkungsweise der Homöopathie kennen zu lernen, sondern auch darauf, diesem Manne auf eine Art helfen zu können, die nicht in eine chronische Medikamentenabhängigkeit mündete, wie das seiner Erfahrung nach bei derartigen Fällen schnell einmal der Fall ist. Danach aber wollte er schnell einmal auf den Grund der Zulassung all dieser Geistereinflüsse kommen, und sein Kollege war wie üblich um eine Antwort nicht verlegen. Er begann mit dem Hinweis, den er ihm schon einmal gegeben habe, dass er es auffällig fand, wie doch Gott in frühester Zeit beinahe alle 100 Jahre einen Propheten erweckte und durch ihn zu dem entarteten Volke sprach, und wie nun, seit bald 2000 Jahren, eine solche Pflegearbeit an der Psyche der Menschen von Gottes Seite her überflüssig scheine, da sie nicht mehr vorkomme. Da habe er, als er einmal von einem Bekannten überraschend auf das Schreibgut eines neueren Propheten aufmerksam gemacht worden sei, die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich ein Buch eines solchen Propheten beschafft, um sich ein Bild von einem solchen offiziell nicht existierenden Propheten machen zu können. Damals habe er aber noch nicht gewusst, wie viele es davon seit Jesu Zeit gegeben habe und dass sie alle sich in ihren Aussagen sehr gleichen und in nichts widersprächen. Darum sei ihm damals die Wahl ja leicht gefallen, weil er die Auswahl nicht kannte.

Er beschrieb dann, wie er mit sehr gemischten, eigenartigen Gefühlen sich an die Lektüre gemacht hätte, denn immerhin sei er damit doch augenscheinlich ausserhalb der Kirche auf der Suche nach Gottes Spuren gewesen. Denn innerhalb der Kirche gab es ja keine Propheten seit Christi Tod. Er erzählte seinem Kollegen, dass 10 Bände mit dem Titel "Das grosse Evangelium Johannes"6) jenes Propheten für sich in Anspruch nähmen, eine vollständige Wiedergabe all der wichtigsten Vorkommnisse während des Lehramtes Jesu zu seiner Erdenlebenszeit zu sein, und dass der Text so verfasst sei, als würde Jesus selber reden – also in der Ich-Form gehalten. Im Vorwort habe er gelesen, dass der Schreiber des Buches alle diese Worte in sich selber vernahm und danach niederschrieb, ja dass er alles sogar in sich selber auch lebendig sah, und dass er eine, ihm gerade zu jener Zeit, als er in sich eine Stimme zu hören begann, angebotene Lebensstelle ausschlug, nur um dem innern Auftrage, das Gehörte niederzuschreiben, nachkommen zu können. – "Kurz, der Mann schien mir harmlos zu sein, so, wie er geschildert ward", fuhr er in seiner Rede fort, "aber beim Lesen des Inhaltes musste ich mir dennoch stets vorstellen, dass bloss ein einfacher Mensch hier so schreibt, als wäre es Gott, der da spricht; der wohl deutlich sagt: Das sind Gottes Worte, und nicht ich selber bin es, der das "Ich" verwendet, der aber schlussendlich doch das "Ich" schreibt.

Ich konnte mir aus der anfänglichen Befangenheit nur dadurch heraushelfen, dass ich mir sagte, dass ich in einer solchen Zweifelssituation nichts reell aufnehmen könne. Ich müsse es versuchen, das Buch so zu lesen, als sei es tatsächlich von Gott, denn nur dann kann ich auch auf Gott eingehen – falls er es wirklich ist, oder aber dann auch unbefangen fragen, wie sich dies und jenes zu Gott, oder auch zu Gottes Wort in der Bibel reime, wenn ich Anstösse fände. Mit dem generellen Anstoss jedoch, dass das nicht Gott sein könne, kann ich doch nicht auf den Inhalt eingehen, sowenig, wie ein Arzt auf seinen Patienten eingehen kann, wenn er ihn für einen Simulanten hält! Vielmehr muss der geschickte und erfahrene Arzt auch einem auf den ersten Blick als Simulanten erkennbaren Patienten so eingehen, als sei dieser wirklich krank. Die sich zeigenden Widersprüche werden dann dem Erfahrenen noch präzise Winke genug geben, wo dieser simuliert, und was allenfalls wirklich vorhanden sein kann. Denn ich habe es schon erlebt, dass Patienten, die zu mir gestossen sind, zuvor von einem Arzt so behandelt wurden, dass sie fühlen mussten, dass er sie nicht ernst genommen hatte, die aber dessen ungeachtet sehr ernsthaft krank waren. Der tragischste Fall war jener einer Frau, die vier Jahre (!) wegen Nierenschmerzen zu ihrem Hausarzt ging, welcher einmal sogar vor ihren Augen den Urin, den sie unaufgefordert mitgebracht hatte mit der Bitte, diesen doch einmal zu untersuchen, mit der Bemerkung in den Lavabo goss, dass das gar nicht nötig sei. Als die Frau zu mir kam, stellte ich in der Augendiagnose fest, dass die rechte Niere nahezu völlig aufgelöst sein musste, worauf ich sie unverzüglich zu einem Spezialisten schickte, der konstatierte, dass das Organ völlig unbrauchbar geworden ist und sofort entfernt werden müsse, da der Verbleib grosse Gefahren in sich berge."

Bei dieser Schilderung erregte sich der ihm zuhörende Arzt, denn er kannte solche autoritäre Typen von seiner Ausbildungszeit her. Sein Kollege versuchte ihn zu beruhigen, indem er sagte: "Es hat keinen Sinn, wenn wir uns darüber erregen, was alles schlecht ist, solange wir uns darüber erfreuen können, aneinander gegenseitig einen einsichtsvollen Mitbetrachter zu haben, der jeweils den andern nicht nur in seiner Ansicht und Erkenntnis bestätigt, sondern auch tatkräftig mithilft, es besser zu machen. Erinnern Sie mich daran, dann lese ich Ihnen am Schluss unserer Besprechung aus dem Buche eines andern Naturarztes eine ungemein schöne Episode vor, in welcher er die ihn damals behandelnden Ärzte ihrer charakterlichen Schwäche der Überheblichkeit überführte und sie so zu einsichtigeren Helfern der leidenden Menschheit umgestaltete, als sie bis dahin waren." –

"Ja, das tue ich recht gerne", versprach der Arzt, und sein Kollege fuhr fort: "Sehen Sie, auch damals, als Christus predigte, war derselbe Fehler schuld am Unverstande und am Unglauben der damaligen Menschen: nämlich die Überheblichkeit und der Hochmut, welche alleine einen Menschen – Arzt oder Priester – derart zurichten können, dass er unfähig wird, sich selber und sein Verhalten zu beurteilen, und damit noch viel weniger seinen Standpunkt gegenüber der Wahrheit.

Damals ward den Juden nämlich durch alle Propheten hindurch ein Messias, ein Erlöser, ein Held, der ein ewiges Reich gründen wird, verheissen. Held, Friedensfürst, Wunderbar etc. (Jesaja 9, 5) waren seine vorangekündigten Namen oder Eigenschaften. Und da meldete sich dann ein in einem Stalle zur Welt gekommener Zimmermannsgeselle und gab vor, Gottes Sohn zu sein. Er war zudem einer, der fliehen musste vor dem König Herodes, kaum, dass er recht zur Welt gekommen war –  Ja, die Versuchung musste damals wirklich gross gewesen sein, ihn nicht ernst zu nehmen, wären da nicht seine Taten und Reden gewesen. Aber nur jene haben ihn gefunden und angenommen, die einmal gerade so auf all seine Reden eingegangen waren, wie wenn es dennoch der Erlöser wäre, und die dabei dann auch in sich empfinden konnten, dass er es tatsächlich und wirklich ist.

Kurz, in dieser Art und mit dieser Geisteshaltung habe ich mit der Zeit das Buch zu lesen begonnen. Und ich muss Ihnen bekennen: was da an Erklärungen stand, das hatte meinem Gemüt so wohl getan wie noch nichts, das ich bis dato gehört oder gelesen hatte. Da war eine Wohlgeordnetheit der Gedankengänge und eine Bündigkeit der Schlüsse, die weit über die Logik der alten Griechen ging, weil sie nebst dem Materiellen stets auch das Seelisch-Geistige mitberücksichtigte, und zwar auf eine Art, wie ich sie nie zuvor kennen gelernt hatte, indem stets eines aus dem andern hervorgehend und dieses bedingend und ihm dienend dargestellt wurde. Dass die Liebe überall das Zentrum war, und alles aus ihr erklärt wurde – nebst der Beschreibung des Wesens und der Artung solcher Liebe –, das entsprach natürlich meinem Wesen so sehr, dass ich ein ums andere Mal dachte: Dieser Mann – wer er auch sei – spricht mir aus dem tiefsten Grunde meines Herzens! Noch nie habe ich so etwas mit meinen innersten Gefühlen so Übereinstimmendes vernommen, und auch nie etwas in solcher Klarheit dargestellt bekommen, dass ich selbst es lange nicht so klar hätte zu sagen vermögen. Mitte des 450-seitigen ersten Bandes wurde es mir stets klarer, dass diese Lektüre das Angenehmste war, das ich je erfahren habe, sodass ich sie sogar weiter lesen würde, wenn ich mir auch nie endgültig Klarheit darüber verschaffen sollte, ob es tatsächlich von Gott inspiriert sei.

Es gab nur einen Umstand, der mir zunehmend zu schaffen machte. Das war die Grossartigkeit und das Ausmass der darin vorkommenden Wunder. Mit diesen war das Werk so grosszügig ausgestattet, dass ich stets glaubte, dass es die Absicht des Verfassers war, den Leser wundergläubig zu machen. Das alleine störte mich anfangs schon ein wenig. Ich überlegte deshalb gerade bei diesen Wunderbeschreibungen am meisten, was wohl damit alles gesagt oder angedeutet sein sollte, indem sie weit über das hinausgingen, was in der Bibel davon erwähnt ist. Das alles hatte dann aber den Vorteil, dass ich auch eher die etwas kurz angegebenen Bedingungen zum Geschehen solcher Wunder vermehrt oder bewusster zur Kenntnis nahm. Und als ich dann den Ernst, mit dem diese behandelt wurden, zu empfinden begann, konnte ich nicht mehr denken oder empfinden, dass mir solche Wunder gewissermassen angeboten werden, sondern sah es ein, dass sie in sich selber keine Wunder waren, sondern nur Folgen der Erfüllung gewisser innerer, seelischer Bedingungen dazu, und dass sie als solche dann jedermann – wenn vielleicht auch nicht in dem augenfälligen Ausmass wie damals – erfahrbar sind. Und mit der Zeit stellte ich tatsächlich bei meiner damaligen Arbeit solche Dinge fest, die ich nicht mehr für materialistisch erklärbar halten konnte, wie zum Beispiel die Erledigung von üblichen Arbeiten in einem Drittel der normalen Zeit und ohne jede Ermüdung, oder das vollständige Gelingen jener Arbeiten, bei denen ein 100%ger Erfolg allgemein als ausgeschlossen gilt. Dann auch wieder der Umstand, dass ich bei den absurdesten Problemstellungen Lösungen gerade so fand, als lägen sie fertig daneben. Gewiss, ich war ein tüchtiger Arbeiter, der nicht schnell von einem andern überflügelt wurde, aber dergestalt war es bisher nie, dass ich Lösungen fand – und zwar fix und fertig bis ins Detail –, für die ich sonst auch ein bis zwei Tage gebraucht hätte, bis sie ausführungsreif wurden, und das, ohne dass ich diese zuerst nur einmal ernstlich zu suchen begann. Und noch viele andere solche Dinge fielen damals vor, worunter die Heilung einer grossen Wunde, die nach ärztlichem Gutachten gut und gerne zwei oder auch drei Klammern benötigt hätte – ohne dass ich sie dann aber heften liess – und zwar in bloss eineinhalb Tagen und ohne Zurücklassung einer Narbe, sodass ich zu begreifen und sogar zu glauben begann, dass Gott denen nahe ist, und zwar mit all seiner Wunderbarkeit, die sich an ihm erfreuen, ihn ernst nehmen und ihn wahrhaft zu lieben beginnen. Natürlich erhöhten solche Gedanken, wie zuvor auch die Vorfälle selbst, meine Seligkeit beim Weiterlesen in dem Buche. Und dennoch – ich sage es Ihnen unumwunden – las ich drei Bände aus der Lehrzeit Jesu auf Erden mit fortwährend stetem leichten Zweifel, ob sie göttlicher Abstammung seien, aber natürlich dennoch mit grosser Lust. Denn ausser den Wundern hatte ich nie etwas zu bezweifeln, und die Aussagen waren von so überwältigender Grösse, dass ich mich daher noch lange gut geborgen darin vorkommen konnte, obwohl ich doch sonst die Fähigkeit, ja sogar fast die Gewohnheit hatte, jedem menschlichen Lehrer, sei es in was für einem Fache auch immer, Mängel aufzuzeigen.

Aber nach etwa drei der insgesamt 11 Bände über das Lehramt Jesu zu seiner Erdenzeit hatte ich so viele Beweise der göttlichen Führung eines ihm vertrauenden Menschen an mir selbst erkannt, dass ich nicht umhin konnte, sie als Folge – und damit als Bestätigung – meiner Beschäftigung mit jenen Büchern zu empfinden. Erst von da an las ich die weitern als volles Wort Gottes. Auch was Jesus darin über die Religion – besonders über die damalige – sagte, gefiel mir ungemein. Er zeigte den Menschen stets die Unzulänglichkeit der Priester und der Satzungen, und riet dennoch jedem, sich nicht von seiner Kirche zu trennen, sondern das Wort Gottes darin zu vernehmen, jedoch nicht auf all die Menschensatzungen zu halten, und im Übrigen vor allem nur Gott über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Er war gegen jede Zeremonie und damit auch gegen die starre und fanatische Einhaltung des Sabbats und lehrte die Menschen eine innere Sabbatruhe zu halten, die ständig gegenwärtig bleiben sollte als Ergebenheit in Gottes Wille und als Betrachtung seiner Wege mit uns Menschen."

"Ja hat denn dieser Prophet noch mehreres geschrieben?" wollte der Arzt wissen.

"Oh ja, im Ganzen über 25 Bände! Und in diesen fehlt praktisch nichts, das nicht gehörig behandelt worden wäre und das andererseits die Wissenschaft und Erfahrung der Menschen nicht ebenfalls aufgefunden hätte. Aber es stehen darüber hinaus noch so viele Dinge, von denen sich die Wissenschaft – besonders damals noch – noch nicht einmal zu träumen wagte. So beschrieb er die Planeten dieser Sonne bis ins Detail genau. Und darunter war auch Neptun, der erst mehrere Jahre nach seiner Niederschrift von der Wissenschaft entdeckt wurde. Oder er zergliederte – nein, besser noch –: er fügte Atome aus dem freien Äther vor dem geistigen Auge des Lesers über alle ihre Vorstufen zusammen und vergass dabei nicht, der Lebensdauer ihrer einzelnen Teile zu gedenken. Er gab anno 1840 die Lebenszeit eines der heute bekannten Teile, das Meson, mit dem trillionsten Teil einer Sekunde auf das genaueste und völlig richtig an. Ich gebe auch da unumwunden zu, dass ich es damals, als ich es erstmals las, wie so vieles – trotz meines sonstigen Glaubens an diese Offenbarung – nicht glauben konnte; zu ungeheuerlich kurz und unmöglich erschien mir diese Zeitdauer. Ich dachte mir dabei, dass der Prophet, angesichts so grosser Enthüllungen, wohl leicht ins Schwärmen habe kommen können und dabei etwas übertrieben habe, was ich ihm keineswegs übel nehmen konnte und was mich weiter auch nicht zu stören brauchte und auch nicht gestört hatte. Seither ist aber dieses Teilchen entdeckt worden. Und der Entdecker erhielt dafür sogar den Nobelpreis. – Sie sehen an diesem Vorkommnis: Der Schöpfer, unser aller Vater – der Liebende – geht dabei immer leer aus und bleibt ohne Preis und Auszeichnung vor den Augen und dem Urteil der Welt. Dabei hat er ja doch schon im vorletzten Jahrhundert darüber berichtet, was die heutige Wissenschaft nur noch bestätigen kann. Aber so ergeht es ihm in allem, was er uns Menschen offenbart hat: Die Quasare, die Riesensterne, die man erst in letzter Zeit fand, sind bei ihm beschrieben und einige sogar genau vermasst. Die Erkenntnisse der Menschheit über den Mond, anlässlich ihrer Mondflüge sind alle darin vorweggenommen. Der Saturnring wurde dort bis ins Detail zerlegt und als Gestein geschildert, so wie es jüngst eine Sonde zur Erde fotografiert hat. All dieses jedoch noch verbunden mit tief greifenden Erklärungen über Wesen und Grund und damit die Notwendigkeit all dieser Erscheinungen. Er beschrieb auch die Gestalt der Erde schon damals als leicht birnförmig, mit dem dicklicheren Teil im Süden, so, wie man sie seit den Satellitenflügen aus ihren Umlaufbahnen erkannt hat. Er erklärte auch die Ursache der täglichen Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse und die Entstehung von Ebbe und Flut, die ja von der Wissenschaft heute noch irrig als vom Mond herrührend angenommen wird, ohne dass es sie stört, dass gleichzeitig jener Erdteil, der dem Mond abgekehrt ist, ebenfalls eine Flut erlebt wie die dem Monde zugekehrte Seite. Eine Lehre, die ich schon vor der Lektüre dieser Bücher als typischen wissenschaftlichen Blödsinn empfand, so etwa in der Art wie jene Erklärung der damaligen Wissenschafter und Ärzte in der ersten Gebärklinik in Wien, welche den oft massenweisen Tod der Gebärenden in der von der Universität verwalteten Abteilung auf 'kosmisch-tellurische' Kräfte zurückführte, ohne daran Anstoss zu nehmen, dass in der Hebammen-Abteilung derselben Klinik dieselben 'kosmisch-tellurischen' Kräfte dem Leben und der Gesundheit der Gebärenden nicht schädlich wurden. Oh diese Menschen, diese Besserwisser! Was wollen sie und was suchen sie anderes als ihren Ruhm und den Reichtum dieser Welt, den sie ohnehin in bloss 30 bis 40 Jahren – beim Verlassen ihres Leibes – zurücklassen müssen?! Diesem Ruhm und dieser Ehre opfern sie dann nicht nur ungezählte Menschenleben und die ganze Erkenntnis der Wahrheit, sondern auch all jene, die aus grosser Liebe zu dieser Wahrheit, diese zum Wohle der Menschen suchen und dann auch verbreiten wollen. So haben sie damals auch zur Rettung ihres Gesichtes – dieser Larve – Dr. med. Ignaz Semmelweis, den Entdecker des wahren Grundes von Tod und Elend in dieser Abteilung der Gebärklinik, entlassen müssen, weil er ihnen ins Gesicht gesagt hatte, dass der Grund der Todesfälle in ihrer Abteilung in ihren ungewaschenen Händen und Fingern bestehe, mit welchen sie die Gebärenden jeweils untersuchen würden, nachdem sie mit denselben zuvor Leichen seziert haben. Als Schikaneur verschrien ihn die Studenten – die angehenden Ärzte also –, als er sie in seiner Eigenschaft als Leiter der der Universität unterstellten Abteilung der Wiener Gebärklinik aufforderte, ihre Hände zu waschen, ehe sie den Leib der Gebärenden zu untersuchen beginnen. – Aber lassen wir das – mich bringt es nur jedes Mal in Rage, wenn ich mir vorstelle, dass solche sich fähig dünkende, studierte Ärzte einen Naturarzt zu prüfen haben, auf welchen sie insgeheim tief herabsehen, weil er die Zusammenhänge noch besser erkennt als sie, und deshalb ihr hohles Lehrgebäude gemieden hat. – Sie wissen ja, dass ich nicht Sie meine, sondern vielmehr jene, die Sie zu verlassen im Begriffe sind."

"Ich weiss, ich weiss; und diesmal möchte ich Ihnen zurufen, wie Sie mir vorher: Erregen Sie sich nicht zu sehr über das, was sich nicht ändern lässt, und freuen Sie sich lieber, dass Sie an mir einen zwar stillen, aber überzeugten Bestätiger Ihrer Feststellungen haben, der Sie achtet – in Ihrer Leistung und in Ihrem Eifer sogar liebt. Liebt als Einen, der dem Guten verbunden ist und es sucht und fördert, wo er es trifft. – Wollen wir dieses Zusammensein nicht ein wenig feiern? Und würden Sie es unter Ihrer Würde halten, mit mir per "Du" zu reden? Mich würde es freuen!" –

"Gerne, ja", gestand der andere, zwar etwas überrascht, aber von Herzen; und sie wechselten ihre Vornamen aus und tranken darauf zusammen mit Freude ein Glas. Während der etwas gelockerten Stimmung beim Trinken war es dem Arzt, als empfände er eine gewisse innere Gerührtheit im Wesen seines neu gewonnenen Freundes. Er spürte gleichsam, wie sich in ihm etwas zu formen begann, dem er, der sonst so Sprachgewandte, keinen Ausdruck zu geben vermochte, das ihm aber irgendwie zu schaffen machte. Es kam ihm auch so vor, als ob ihn all das Viele, das er ihm wohl noch voraus hatte, im Wege stünde, neben ihm als Freund sich wohlgeschehen zu lassen; als könnte er erst dann ruhen, wenn sie gemeinsam alles zusammen betrachten könnten, sodass dann jeder, den andern befruchtend, zu sprechen vermöge. Es schmerzte ihn dieses Gefühl der Ohnmacht, nichts geben zu können, ein wenig. Aber mit der Zeit empfand er auch, dass seine Zuneigung ihn gewiss auch bereichert haben müsse, und dass ja von der Empfindung eben dieser Zuneigung gerade seine Rührung komme. Und als er sich so eine Zeitlang in ihr Verhältnis zueinander vertieft hatte, begann er sogar empfindend zu vermuten, dass eben nur das gemeinsame Zusammengehen erst jenem entsprechen könne, das sein neuer Freund nicht alleine aus sich selbst bewerkstelligen könne, nach welchem aber bei ihm das innere Bedürfnis wohl noch zugenommen haben müsse, seit seinem Antrag des "Du". Gerne unterbrach daher der Arzt als erster die entspannte Ruhe mit der Frage, wie denn dieser Prophet geheissen habe und wo gewohnt, und ob in dieser Offenbarung eben jene Erscheinungen der Geisterwelt begründet lägen, so wie sein Freund es mehrmals angetönt hatte. Darauf ergriff der Naturarzt wieder das Wort und sagte: "Sein Name war Jakob Lorber und er kam im Jahre 1800 in der Steiermark in Österreich, nahe der jugoslawischen Grenze, zur Welt. Später wohnte er in Graz. Seine Berufung erhielt er in seinem 40. Lebensjahre eines Morgens des Jahres 1840, als er eben sein Morgengebet verrichtet hatte und im Begriffe war, nach Triest zu reisen, wo er erstmals in seinem bisherigen Leben, das er als Lehrer und Musiker verbracht hatte, eine Lebensstelle als Kapellmeister hätte antreten können. Die Worte aber, die er damals, nach Verrichtung seines Morgengebetes, in seiner Brust, in der Gegend seines Herzens, vernahm, noch ehe er so recht aufgestanden war, lauteten: 'Steh auf, nimm deinen Griffel und schreibe'. Und was er an diesem Morgen zu schreiben bekam, war der Anfang der dreibändigen Geschichte der Menschheit, seit Erschaffung Adams bis zur Zeit der Sintflut, die etwa so begann (Bei diesen Worten nahm der Naturarzt ein Buch zur Hand, schlug es auf und las vor):

'Wer mit mir reden will – so sprach der Herr zu und in mir (Jakob Lorber) für jedermann; und das ist wahr, getreu und gewiss –, der komme zu mir, und ich werde ihm die Antwort in sein Herz legen; jedoch die Reinen nur, deren Herz voll Demut ist, sollen den Ton meiner Stimme vernehmen. Und wer mich aller Welt vorzieht, mich liebt wie eine zarte Braut ihren Bräutigam, mit dem will ich Arm in Arm wandeln. Er wird mich allezeit schauen wie ein Bruder den andern Bruder, und wie ich ihn schaute von Ewigkeit her, ehe er noch war. Den Kranken aber sage: sie sollen sich in ihrer Krankheit nicht betrüben, sondern sollen sich ernstlich an mich wenden und sollen mir ja ganz trauen. Ich werde sie trösten, und ein Strom des köstlichsten Balsams wird sich in ihr Herz ergiessen, und des ewigen Lebens Quelle wird unversiegbar in ihnen offenbar werden; sie werden genesen und werden erquickt werden wie das Gras nach einem Gewitterregen.

Die mich suchen, denen sage: ich bin der wahre Überall und Nirgends. Überall bin ich, wo man mich liebt und meine Gebote hält, – nirgends aber, wo man mich nur anbetet und verehrt. Ist denn die Liebe nicht mehr denn das Gebet, und die Haltung der Gebote nicht mehr denn die Verehrung?! Wahrlich, wahrlich sage ich dir: Wer mich liebt, der betet mich im Geiste an, und wer meine Gebote hält, der ist's, der mich in der Wahrheit verehrt! Meine Gebote aber kann niemand halten als nur derjenige, der mich liebt; der mich aber liebt, hat kein Gebot mehr als dieses, dass er mich liebt und mein lebendiges Wort, welches das wahre, ewige Leben ist.' – – Das sind Worte, die jeden treffen, der sich gerne treffen lässt, weil er das Bessere sucht und seine Unfähigkeit einsieht", beschloss der Naturarzt seine kleine Kostprobe; und während er das Buch wieder versorgte, erzählte er weiter, "Lorber sagte auf dieses Erlebnis hin die ihm angebotene Stellung ab und schrieb fortan, was er von seinem Vater im Himmel erhalten hatte, täglich nieder. – 24 Jahre lang, bis zu seinem Tode, dauerte diese Offenbarung!

Seine Freunde hatten anfangs echte Sorge um ihn, dass er daran sei, den Verstand zu verlieren, als er ihnen mitgeteilt hatte, dass er eine Offenbarung erhalte. Sie beobachteten ihn mit kritischen Blicken während seiner Schreibtätigkeit, aber sie hörten die Stimme nicht, die er in sich selber vernahm. Sie lasen danach aber alles eifrig und kritisch, fanden aber – wie ich selbst und wohl jedermann verständigen Gemütes – nichts Anstossendes. Natürlich hatten seine Freunde lange Zeit immer wieder Zweifel darüber, ob er nicht doch aus eigener Intelligenz schreibe. Aber da konnte es manchmal geschehen, dass er selber, im Gespräch mit seinen Freunden über eine geschriebene Stelle, diese auslegte, und anderntags dann eine ganz andere Auslegung von seinem Vater im Himmel empfing. So schrieb er auch einmal etwas über den Inhalt eines Buches so, wie es ihm gegeben wurde, das aber weder er selber, noch seine Freunde kannten, das aber seine Freunde daraufhin suchen liessen, weil er Autor und Titel des Buches angegeben hatte. Als sie es endlich ausfindig machen konnten, bestellten sie es. Im zugesandten Buche fanden sie dann den Inhalt mit dem vorher Niedergeschriebenen als übereinstimmend. Der Mann lebte übrigens in äusserst bescheidenen Verhältnissen und machte nie ein Wesen aus sich, noch aus dem, was er niederschrieb. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, irgendetwas mit seinen Schriften zu unternehmen. Seine Freunde gaben die ersten Bücher auf ihre eigenen Kosten zum Druck. – So ein natürliches und anspruchsloses Beginnen mit so viel Bescheidenheit gepaart erinnert mich geradezu an Jesu Geburt, wo doch das Höchste zur Erde kam, und zeigt mir, wo und wie ich Gott suchen und finden kann: im Einfachen, demütig Bescheidenen, aber von grosser Liebe Durchdrungenen, abseits aller grossen Welt. Aber nun zu deiner Frage, ob in diesen Schriften die Geisterwelt begründet liegt. Natürlich muss sie darin begründet liegen! Wo denn sonst, wenn nicht beim Urgrunde aller Geister? Aber damit du wenigstens eine kleine Übersicht hast, wie und wo, so teile ich die einzelnen Schriften folgendermassen auf: Als erstes schrieb er die drei Bände über den Beginn und die Entwicklung der Menschheit bis und mit der Sintflut, aus welchem Werke ich dir vorhin die ersten Sätze aus der Einführung vorlas. Dann, etwa zur selben Zeit, auch einen Band über Wesen und innere Gestaltung der Erde und des Mondes. Dort beschrieb er im mehr geistigen, zweiten Teile die Sphären über der Erde und das Wesen der darin lebenden, und von ihren Leibern bereits geschiedenen Seelen, soweit sie noch nicht im Himmel sind. Ferner schrieb er einen eigenen Band über unsere Sonne mitsamt ihren Planeten, und nebenher zwei Bände über viele Dinge, die damalige Zeit und auch das häusliche Wesen seiner Freunde betreffend (Lorber selbst blieb ledig und wohnte öfters bei einem seiner Freunde). Dann schrieb er ein kleines Heft über den Übertritt der Seelen vom Leiblichen ins Geistige, gezeigt an einzelnen Fällen. Dann schrieb er über die seelisch-geistige Fortentwicklung eines Bischofs im Jenseits einen ganzen Band und zwei Bände über die jenseitige Fortentwicklung eines bekannten Politikers, der zu seiner Zeit in Wien exekutiert wurde; und in diesen beiden Werken natürlich von all den vielen Seelen jener Zeit, die bei ihrer Weiterentwicklung im Jenseits in irgend einer Weise mit diesen beiden in Berührung gekommen waren – mit der jeweils genauen Begründung, weshalb jenseits etwas so in Erscheinung tritt, und wozu es gut ist. Zwei weitere Bände schrieb er speziell über die Gestaltung der höheren und niedereren Sphären der jenseitigen Geister, mit dem Titel "Die geistige Sonne". Und zuguterletzt dann noch 10 Bände über das Erdenleben Jesu seit dem Antritte seines Lehramtes – welches ich zuerst gelesen habe –, sowie ein Band über die Jugendgeschichte des Jesuskindes, seit Maria in Josephs Obhut gegeben wurde bis ins zwölfte Lebensjahr Jesu. In diesem Band stehen viele allgemeine Aussagen äusserst konzentriert, die in allen andern Bänden dann ausführlicher beschrieben sind – einer der Schönsten für mein Empfinden! Übrigens wird im Vorwort dazu ausgeführt, dass es einstmals ein Jakobusevangelium gegeben habe, das aber mit der Zeit zu sehr verunstaltet worden sei, als dass man es hätte fortbestehen lassen können; und dass dieses in seiner ursprünglichen Form nun neu wieder gegeben werde, eben Jesu Jugendzeit enthaltend. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts fand man nun in einer uralten Berleburger Bibel Teile dieses Textes in praktisch wortgleicher Form. Was nun die Begründung all der vielen Geistererscheinungen angeht, so liegt diese ja im Wesen all der verschiedenartigen Seelen, sowie in der absoluten Willensfreiheit des Menschen begründet, welche Jesus nie genug als absolute Bedingung zur Erziehung völlig freier und von Gottes Allmacht selbständigen Menschen herausstreichen konnte. Er sagte oftmals – immer in diesen Büchern – diese Freiheit müsse soweit gehen, dass die freien Menschen auch ihn, den Sohn Gottes (seiner Seele nach) in seinem Leibe ergreifen könnten, nur natürlich nicht töten dem Geiste nach. Ja, sogar soweit müsse eine solche Freiheit gehen, dass Gott eher von den Menschen eine Welt zerstören lasse, als sie auch nur im kleinsten Teile ihres freien Willens zu beschränken, sodass seiner Aussage nach auch schon einmal so etwas geschehen ist; und zwar nicht bei der Sintflut, wo ja nur grosse Teile der Erde in Unordnung geraten waren, sondern bei einem Planeten mit einer Bahn zwischen Mars und Jupiter, dort, wo heute die Asteroiden als deren letzte Trümmer kreisen. Er beschreibt mehrfach und äusserst eindrücklich, wie es für Gott eine allerkleinste Kleinigkeit sei, Welten zu erschaffen, aber dass es auch für Gott nichts Geringes sei, Menschen zu erschaffen, die, ihm gleich, völlig frei sind und sich in völliger Unabhängigkeit von seiner Allmacht selber gestalten müssen, und zwar derart, dass sie auch selig werden dabei! Wäre das nicht so schwierig und liesse sich das mit seiner Allmacht bewerkstelligen, so hätte er, Gott, der Vater, nicht nötig gehabt, in der Seele des Sohnes Jesu Fleisch anzunehmen, um den schwachen Menschen in seiner angenommenen, eigenen Schwachheit begegnen zu können, um durch sein Beispiel und seine über alles aufopfernde, demütige Liebe die Menschen am Ende dennoch für sich gewinnen zu können, das heisst für seine in der Liebe wohlbegründete Ordnung, die alleine dem Menschen die Seligkeit garantiert.

Ich bin zwar weit davon entfernt, die Gründe der Zulassung der Kreuzigung Jesu zu erkennen. Aber dennoch sehe ich in dem orthodoxen Glauben, dass Jesu Blut unsere Sünden vor der Gerechtigkeit Gottes sühnen soll, so, als sei dieses Blut magisch oder als sei Gott ein grässlich opferhungriges Ungeheuer, das nur mit unschuldigem Blut befriedigt werden könne, um Blut und Leben der Ungerechten zu schonen, einen Aberglauben. Denn wie anders könnte Christi Blut für die Erlösung des Bösen im Menschen etwas tun, als durch die Wirkung im freien menschlichen Herzen selbst, welche durch die für Menschen unerreichbare Sanftmut, Milde und Liebe zustande gebracht wird, die sich lieber selber der Ungerechtigkeit im Menschen zum Opfer gibt, als Gerechtigkeit zu fordern von jenen, die verstockten Herzens sind? Nichts könnte, bei der Belassung des freien Willens, den Menschen nachhaltiger und tiefer umgestalten als dieses Opfer der Liebe. Wer dieses Opfer aus der Liebe seines Herzens an und in sich aufnimmt, der findet dadurch seine Erlösung vom eigenen Bösen und wird mit der Zeit umgestaltet. Wer dadurch aber ungerührt bleibt in seinem Selbstischen, der muss sich ja am Ende verlieren in seiner Selbstsucht und allen Sünden aus ihr, und geht damit der ewigen Liebe verloren. Denn das ersehe ich aus allen den Schriften Lorbers, wie daraus auch aus der Bibel, dass Gott des Menschen Inneres nie mit seiner Allmacht berührt, sondern nur seine Liebe zu erwecken und zu reinigen sucht, Deshalb seine Ankunft auf der Erde in aller Niedrigkeit, sodass sich jeder, auch der Ärmste und Schwächste, zu ihm zu kommen getraut, und keiner aus seiner eigenen Schwäche, die er mit seiner Eingeburt in diese Welt mitbringt, eine Schranke findet, die ihn hindern könnte, Gott, sein Heil, zu finden. Und deshalb auch seine Kreuzigung, die dem von Gott entfremdeten Menschen erst so richtig zum Bewusstsein bringt, wie gross die Liebe Gottes sein muss, dass er lieber sein Äusseres von den Menschen ergreifen lässt und dadurch opfert, als dass er sie eben durch dieses Äussere verdammen würde ihrer Widerspenstigkeit wegen, welche ja erst durch ihre Freiheit überhaupt möglich ward.

In Wirklichkeit sind es nur die eigenliebigen Grossen dieser Welt, die sich aber selber zu dem gemacht haben, was sie scheinen, die sich selber eine Schranke gesetzt haben, unter welcher sie Gott nicht anzunehmen bereit sind, weil sie sich Gott nur als mächtig, prachtvoll und glänzend vorzustellen vermögen zufolge ihrer Verblendung von der Materie. Und mit solchen Ansichten von Gott verwehren sie dann, als Priester und Gelehrte, auch den kleinen und unmündigen Sündern den direkten Kontakt zu Gott. Wer aber Gott zwingt, ihm so zu begegnen, indem er ihm und seinem Wesen widerstrebt, der wird ja gegenüber dem Allmächtigen zu Staub werden müssen und zermalmt werden. Deshalb die Kreuzigung des Unschuldigen, damit doch auf diesem Wege, der am ehesten die harten Herzen der Mächtigen brechen könnte und glühende Kohlen der Reue über ihre Häupter brächte, auch das letzte Mittel nicht unversucht bleibt, den starrsinnigen und selbstüberheblichen Menschen durch die Liebe zu gewinnen.

Anderseits habe ich dir ja am Telefon schon gesagt, dass die meisten Menschen äussere Anstösse der Ungerechtigkeit brauchen, um sich endlich aufzuraffen und die Gerechtigkeit zu suchen und nach und nach zu finden und sie auch auszuleben versuchen, weil eben diese Gerechtigkeit in ihnen sonst nicht lebendig wird, sondern nur Theorie bleibt. Der Gerechtgewordene muss ja dann in der Welt aber viel Ungerechtigkeit ertragen, will er einer Ungerechtigkeit nicht ebenfalls wieder mit einer Ungerechtigkeit begegnen. Und mit diesem Gefühl, dass ihm dabei etwas abgegangen sei (nämlich die Gerechtigkeit der andern ihm gegenüber), kommt er einmal zurück zu seinem Vater. Wie wohl muss es ihm da werden, wenn ihm der Vater in Jesus zeigt – auf sein damaliges Erdenleben verweisend – dass er selber überhaupt nie Ungerechtes tat und dennoch bereit war, die allergrösste Ungerechtigkeit zu erdulden, nur um dadurch, wenn möglich, die Verirrten Grossen dieser Welt auch noch zu gewinnen für die alles überwindende Kraft der Liebe. Dabei wird der sich gerecht vorkommende Mensch dann glücklich einzusehen beginnen, wie gut es ist, einen so grossen Liebenden als Vater zu haben, der nicht die Gerechtigkeit überprüft, die karg ausmisst, sondern die Liebe fördert, die reichlich gibt und schenkt, und sich selber opfert für die andern und dabei aber nicht getötet werden kann, sondern am Ende sogar Sieger bleibt über allen Tod hinaus. Der Geist solcher Erkenntnis ist wohl das wahre Blut Christi, das vergossen werden musste, um den Geist in der Tat sichtbar und wirkend zu machen; und diese Liebe ist das Brot des Lebens. Das stärkt und sättigt, und zwar auch den armen Gerechten, der nichts, als bloss seine vermeintliche Gerechtigkeit zu seinem Vater im Himmel zurückbringen will. Diese äussere Gerechtigkeit entspricht dann auch dem bloss einen Pfunde im Gleichnis der Abrechnung eines mächtigen Herrn mit seinen Dienern, denen er vor seiner Abreise je ein Pfund zur Verwaltung gab. Dieses eine Pfund muss jenem faulen Knechte dann aber auch noch abgenommen werden, wie es im Gleichnis aufgeführt ist, damit er in völliger Armut die grosse Herrlichkeit der Liebe seines Vaters erblicken kann, die sich für alle opfert und dennoch zunimmt, sodass am Ende alles ihr anheim fallen muss, sodass sie dann zu den erwirtschafteten 10 Pfunden des guten, weil liebenden Dieners im Gleichnisse noch hinzu gegeben wird – oder ihn mit andern Worten zu einem vollendeten neuen Menschen gestaltet, in welchem die 10 Gebote voll erfüllt sind, während der nach aussen Gerechte in sich selber nichts mehr hat in einem Reiche, wo nur die Liebe einen Wert haben kann.

Wie gross die Macht dieser Liebe ist, wenn sie einmal nicht mehr zu weichen beginnt angesichts des grossen Hasses aus dem Unverstande ihrer Feinde, das kannst du vielfach erleben, wenn du dich nur ernstlich um eine solche Liebe bemühst, auch wenn du sie noch nicht vollständig hast. So hatte ich es selbst schon erlebt, dass ich Menschen, die voll Eigennutzes waren, und denen ich begegnet war, kurz nachdem ich vom Vater im Himmel so Grosses erhalten hatte, dass ich vor Freude darüber – alles andere nicht achtend – in irgendetwas viel zu viel entgegenkam, und dass mir diese dann ebenfalls wesentlich zuviel zu geben bereit wurden. Denn sie wollten mir noch mehr geben, als das von mir schon zuviel Gegebene ausmachte. Dasselbe erlebte ich aber damals auch bei einem Menschen, an welchem ich in all den Jahren, in welchen ich ihn schon kannte, noch nie auch nur einen einzigen Zug einer Zuneigung empfinden konnte, weder zu mir, noch zu einem andern, dass er dann auf einmal auf mein viel zu grosses, inneres Entgegenkommen – aus der Überwältigung durch die momentan selber erfahrenen Liebe Gottes heraus –, mir selber dann derart entgegenkam, dass ich ordentlich verwirrt wurde. Erst später, als überall alles wieder beim Alten war, erkannte ich, dass dieses nur aus der Macht, der Liebe begründet war, welche mich, durch das starke Dankgefühl gegenüber meinem Vater im Himmel bedingt, übermässig stark entzündet hatte und dadurch auch auf ihn abgefärbt hatte. Dabei begriff ich dann auch die Worte Jesu in den Büchern des Jakob Lorber, da er zu seinen Jüngern sagte, dass sie, solange er sichtbar unter ihnen weile, nichts Verdienstliches zu ihrer Vollendung tun könnten. Denn die konzentrierte Liebeskraft Jesu strahlte zu sehr von seinen Jüngern zurück, als dass sie Werke ihrer bloss eigenen Liebe hätten zu tun vermocht. Aber eben, nur was Menschen aus eigen begründeter und eigen betätigter Liebe wirken, wird ihre Liebekraft wirklich und für bleibend stärken können.

Nun denke dir, dass jeder Mensch freiwillig und aus seiner Liebe heraus das Licht des Glaubens sammeln muss. Dazu bedenke, wie viele an die Materie, als etwas Reelles, glauben, anstatt an die Liebekraft, die sie von göttlicher Seite stetig festhält und dadurch erst erschuf, und wie viele andere gar nichts oder fast gar nichts glauben, weil sie zu faul sind, sich in etwas zu begründen; dann wirst du doch leicht daraus ersehen können, wie sehr die abgeschiedenen Seelen alleine aus ihrer Trägheit begründet im Dunkeln sein müssen, und wie sehr sie sich dann, wenn sie diese Dunkelheit zu spüren bekommen, nach Licht sehnen.

Diese Dunkelheit in sich selbst empfindet der solcherart glaubenslos im Leibe lebende Mensch nur darum nicht in demselben Masse, weil ihm das materielle Licht und die Materie immer noch etwas vorzugaukeln imstande sind, und er darin noch eine Zerstreuung vom Druck der eigenen Leere finden kann. Fehlt ihm dieses – nach seinem Tode –, so fängt ihn die Dunkelheit des Unglaubens zu drücken an. Dann versucht er, aus der Zuversicht anderer leben zu wollen, und merkt auch den Vorteil der Materie zum Sammeln der Erkenntnisse. Und wenn er die hell strahlende Aura eines noch im Leibe lebenden Menschen zu spüren beginnt, so geht er darauf zu und verfängt sich darin. Oder aber, er hat sich zu sehr in die Abwechslungen und Erlebnisse der Materie hineinverliebt und sucht auch jenseits nur diese.

Dabei empfinden solche Seelen ähnliche Gedanken und Wünsche anderer und gesellen sich zusammen – ob abgeschiedene oder diesseitige, spielt keine Rolle. Und schon fangen sie an, sich in ihrer sinnlichen Begierde gegenseitig, ohne es eigentlich zu wollen, zu unterstützen, was der noch leibliche Mensch wohl zu spüren bekommt durch einen erhöhten Drang nach Erfüllung seiner Vorstellungen und Wünsche. Daher heisst es auch einerseits: 'Diese Art fährt nicht aus, ausser durch Beten und Fasten' (Matth.17, 21 und Markus 9, 29), und es heisst auch Lass dich nicht gelüsten nach allem, was dein Nächster hat (2. Moses 2o, l7). Das Beten und Fasten erklärt der Herr durch Jakob Lorber so, dass Beten eine stete Vereinigungsbemühung der Seele mit ihrem Geiste aus Gott, und dadurch dann auch mit Gott bezeichne; deshalb auch die Aufforderung in der Bibel, ohne Unterlass zu beten (1.Thess.5, 17), was bei Lippengebeten ja ein Unsinn wäre. Und unter "Fasten" versteht der Herr jedwede Enthaltsamkeit von Überflüssigem. Betet nun der Mensch ohne Unterlass, so verstärkt er das göttliche Bild in sich und damit die göttliche Ordnung und dadurch die Wirksamkeit der göttlichen Kraft, sodass erstens seine eigenen Gedanken stärker werden als jene des von ihm Besitz ergriffen habenden Geistes; und fastet er noch zusätzlich, indem er alles ihn verlocken Könnende nicht einmal in seinen Gedanken ansieht, so verhungert ja der in seine Seele sich eingenistet habende Geist oder, wenn es mehrere sind, eben alle jene Geister oder Seelen, die sich mit ihm an sinnlichen Genüssen gütlich tun wollten. Aber dazu wird Ausdauer gefordert. Zumal natürlich die derart enttäuschten Geister alles versuchen, um den Strebsamen von seinem Kurse abzubringen. Gelingt das nicht mit Vorstellungen des Gewünschten, so versuchen sie es mit der Gewalt des Schmerzes oder des Spüren-Lassens der eigenen Leere und Hoffnungslosigkeit, sodass der noch lebende Mensch – trotz der vielen Ablenkungen, die das äussere Leben ihm noch bieten könnte – immer mehr seiner eigenen inneren Leere gewahr wird, die er zu fürchten beginnt, weil er spürt, dass und wie sie ihn zu umschliessen beginnt. Und aus dieser Furcht heraus kann sich mit der Zeit der Wunsch und später der Wille bilden, einmal nicht in solchen Zuständen der Dunkelheit verbleiben zu müssen. Und der Wunsch nach einer aufbauenden Ordnung lässt ihn das Gute, die Liebe, suchen; und der Vater lässt sie ihn auch nach und nach finden. Allerdings wohl nicht so schnell, wie mitleidige Menschen ihm das wünschen würden, weil damit der Wunsch und der eben erst entstehende, ernstere Wille wieder ersticken würden in einer Fülle, die keine weitere Anstrengung mehr erfordert. Und darin liegt eben der Grund der Zulassung solcher Zustände, nach denen du gefragt hast. Sie bessern und motivieren nicht nur den noch leiblichen Menschen, sondern gleichzeitig auch die ihn bedrängenden Seelen, indem sie an einen gebunden sind, der ihnen widerstrebt und mit der andauernden Zeit dieses Widerstrebens stärker – weil geordneter und zielstrebiger – wird und dadurch seine Erlösung findet, was alles die ihn bedrängenden Seelen wider ihre eigenen Wünsche zu verspüren bekommen, wie sie nebenbei auch das Beispiel erhalten, wie sie aus ihrer eigenen Leerheit und Dunkelheit herauskommen könnten. Manches Mal werden sie dadurch eine bessere Neigung bekommen, ihre Wünsche und Begierden fahren zu lassen und dem guten Beispiele des noch leiblichen Menschen folgen, womit die Plage für ihn vollständig aufgehört hat. Manches Mal aber werden solche Seelen in ihrer bösen Begierde durch das Widerstreben des leiblichen Menschen – durch sein Fasten und Beten – nur noch mehr entzündet, sodass sie völlig in ihr eigenes Böses übergehen, mit andern Worten in die Hölle ihrer eigenen Selbstsucht, Herrsch- und Rachegier und dann – weil ihr Mass voll geworden ist – mit Gewalt von dem noch leiblichen Menschen entfernt werden. Das eine wie das andere geschieht aber aus der völlig freien Einsicht und dem Willen solcher Seelen, wird aber durch höhere Schutzgeister im Namen Jesu stets so geleitet, dass – dem jeweiligen Willen solcher Seelen entsprechend – das möglichst Beste daraus hervorgeht. Beide Möglichkeiten haben wir im Falle Blumhardts erlebt.

Kommt nun aber ein im Geiste Erstarkter, weil mit dem göttlichen Geist stärker Vereinter, so kann er wohl einem solchen Geiste gebieten, auszufahren. Reinigt sich aber der dadurch frei gewordene, ehemals Besessene nicht gleichzeitig gänzlich, so wird die neu erwachte Sündengier bald wieder viele neue Geister oder Seelen angelockt haben, und sein zweiter Zustand wird noch ärger sein als der erste. Während einer Besessenheit wird die Seele des Besessenen also gereinigt von ihren noch irdischen Begierden, weil sie die Nachteile alles Materiellen ja an und in ihrem eigenen Leibe erfährt, dessen Materie alleine den Geistern die Möglichkeit gibt, direkten Einfluss auf ihn zu nehmen. Sie zieht sich dann oft in sich selber zurück und erleidet für sich dann keinen Schaden mehr. Erst in diesem Zeitpunkt wäre eine Austreibung eigentlich sinnvoll. Und Petrus fragte einmal Jesus – immer in der Beschreibung durch Jakob Lorber –, ob es bei solcher Bewandtnis nicht besser wäre, die Dämonen nicht auszutreiben, worauf ihm Jesus antwortete, er solle nur tun, was er seinem Nächsten tun könne. Dass vor der rechten Zeit kein Besessener zu ihm komme, dafür sorge Gott schon.

An einem andern Orte sagt der Herr (durch Jakob Lorber), dass auf diese Weise (der Zulassung der Besessenheit, eben auch aus Gründen der Willensfreiheit der Verstorbenen) die noch diesseits Lebenden in einer eher glaubenslosen Zeit dadurch denn doch recht derbe Denkanstösse erhielten und Mahnungen, sich aufzuraffen und nach besseren Möglichkeiten sich umzusehen und den alten Glauben von neuem zu ergreifen, zu prüfen und reinigen zu können, worauf sie dann wieder aus der Ordnung der Dinge heraus Ruhe haben vor solchen Geistern, indem sie ihnen keinen Anreiz mehr bieten und der wieder ausgelebte Wille und die dadurch wirksame Ordnung Gottes ihre Auswirkungen zeitigen. Und dass dort, wo dann Gottes Wille wirkt, es auch nicht mehr notwendig sei, den Menschen durch die Teufel in ihrem Fleische ein Evangelium predigen zu lassen, weil sie ja wieder die sanften Mahnungen ihres Vaters durch ihr Liebegewissen wahrnehmen und verstehen gelernt haben." –

"Ja, so wie ich es empfinde", warf der Arzt nun ein, "hast du wirklich diese Schriften zur Grundlage all deiner innern Ordnung und äussern Tätigkeit gemacht. – Ich müsste dich eigentlich fragen, ob meine Vermutung auch zutrifft. Aber ich fühle es, wie du darin förmlich auflebst – obwohl du mir auch alle andern Schriften wahrlich nicht ohne Überzeugungskraft und lebendiger Begeisterung vorgestellt hast. Und wirklich, ich muss es dir eingestehen, wenn du dich von diesem Grunde – wie du dich ausdrückst – zu erklären beginnst, so erfasst mich ein mir bis dahin nicht bekannt gewesenes, heimeliges, ja urheimatliches Gefühl, das mich so befreit und kräftigt wie keine deiner übrigen Erklärungen über die Erscheinungen, so wie sie andere gesehen haben. Ich glaube fast, dass dieser Grund es dir erst ermöglicht hat, alle andern Autoren in Eines zusammenzufassen." –

"Ja, das stimmt", pflichtete ihm sein Kollege bei, "und es freut mich, dass du dich darin ebenso beheimatet fühlst wie ich. Wahrhaft, dein "Du" kam zur rechten Zeit!" –

"Nun aber noch zu der Frage nach den anderen Propheten", forschte der Arzt weiter, "hast du auch diese alle gelesen, und was sagst du zu diesen?" –

"Ich habe natürlich nicht alle so ganz lesen können wie den einen", antwortete der Befragte, "denn um das richtig und möglichst vollständig zu verstehen, musst du sie mehrere Male lesen und dazwischen danach tätig sein, damit du bei einem weitern Lesen – durch die Erfahrungen der Zwischenzeit aufmerksam geworden – die Bedingungen besser studierst und erkennst als beim ersten Mal, wo du eher den Erfolg vor Augen hattest – nebst der übergrossen Überraschung über die unermessliche Vielfalt und Tiefe des Dargebotenen. Aber von Emanuel Swedenborg, einem Akademiker und Pfarrersohn, der im 18. Jahrhundert in Schweden lebte, habe ich dennoch auch einige Bücher gelesen. Der wesentliche Unterschied – bei der Form, nicht beim Inhalt – besteht in der äussersten Ausgebildetheit, des intellektuellen Erfassens. Swedenborg war Wissenschafter von grossem Format und in mehreren Disziplinen. Er verkehrte deshalb auch viel am Königshof und erhielt seine Offenbarungen erst in seinem 56. Jahre. Seine Sprache ist denn auch gemessen und präzise, und seine Aussage schematisch streng gegliedert. Die Logik darin neigt eher zur Beweisführung als zum Miterleben. Sie ist bestechend und in seinen Auslegungen und Gleichnissen in "Himmlische Geheimnisse"7) tief bewegend schön, gleichsam wie ein Gesang.

Bestimmt hätte ich ihn ganz gelesen, hätte ich nicht zuvor den andern gekannt. Aber dieses Heimatgefühl empfinde ich in seinen mir zu präzisen Aussagen nicht so wie bei Jakob Lorber. Die Gleichnisse oder Erklärungen über Schriftaussagen hingegen sind das ganze Gemüt erfassend, aber dennoch nicht so aufmunternd einfach und fast kindlich wie bei Lorber, obwohl diesen voll entsprechend. Darin kannst du wieder so recht schön erkennen, wie unerwartet nahe der Vater den Menschen ist: Dem Denker begegnet er als Fragender; dem Fragenden als Berater; dem Kinde als Vater und dem Vater oft als Kind. Und so hat er für alle Charakterarten der Menschen eine andere Sprache, weil er ja in einem jeden Menschen das ihm Eigene nicht nur ausmacht, sondern eben auch ergänzt. Deshalb die vielen verschiedenartigen Offenbarungen, die dennoch immer nur dasselbe zeigen und erklären. Und darum ist es auch so herrlich, ihn überall zu finden und ihm begegnen zu können, damit wir nicht in eine eintönige Sektengläubigkeit verfallen, sondern – unsere Liebe übend – ihn überall suchen und jedes Mal uns freuen können, ihn von einer neuen Seite kennen gelernt zu haben, ohne dass er in seinem ureigensten Wesen anders ist. So hatte Swedenborg beispielsweise auch viele seiner Erkenntnisse dem Verkehr mit Engeln zu verdanken. Das Betraf vor allem die Belehrungen über die Geisterwelt und auch über die Natur der Dinge. Die Auslegung der Schrift hingegen erhielt er nur vom Herrn. Er war und bleibt wohl ein Apostel der Wissenschaft, deren Glieder ja auch zu Kindern ein und desselben Vaters im Himmel berufen sind, und die durch diese Sprache leichter zu ihm finden könnten – wenn es ihr Dünkel nur zulassen würde. Das Buch "Die eheliche Liebe"8) enthält zum Beispiel alles, was sich einer nicht vorstellen kann, wenn seine Liebe noch nicht völlig erwacht ist, so minutiös beschrieben, dass er alles darin findet, was er braucht, um zur Seligkeit zu gelangen.

Auch bei Swedenborg – wie bei Lorber – würden ein, zwei oder drei Bücher genügen, wenn der Mensch so konsequent wäre, und sofort alles Gelesene in die Tat umsetzen würde. Aber der göttliche Reichtum gedenkt der menschlichen Armut in so überschwänglicher Weise, dass wir die Grösse seiner Liebe nie fassen und begreifen können, sosehr überhäuft Gott die Menschen mit seinem lebendig machenden Wort. Das wären bis jetzt erst zwei der neueren Propheten. Aber es hat diese in fast allen Jahrhunderten gegebene Kleinere und Grössere und in fast allen Ländern, zum Beispiel:


Bernhard von Clairvaux12. Jahrhundert
Johannes Tauler(1300-1361)12. Jahrhundert
Suso (Heinrich Seuse)(1295-1360)14. Jahrhundert
Thomas von Kempen(1379-1471)15. Jahrhundert
Jakob Böhme(1575-1624)17. Jahrhundert Beginn
Johann Wilh. Petersen(1649-1727)17. & 18. Jahrhundert
Emanuel Swedenborg(1688-1772)18. Jahrhundert
Jakob Lorber(1800-1864)19. Jahrhundert

Von vielen habe ich nur zitierte Bruchstücke gelesen, alle aber sagen dasselbe aus: Dass nämlich die Liebe die zentrale Kraft ist, die alles erschuf und die im Menschen gereinigt und gestärkt werden muss, vor allem, indem sie sich vom sinnlichen Äussern zum lebendigen Innern wendet, aus welchem sie fliesst – denn Gott ist Liebe und die innerste Kraft in allen Dingen. Er ist auch das Licht, das allem in einer gewissen Weise eigen ist. Von Petersen las ich einmal ein Zitat in einem Buche von einem andern Schriftsteller, ohne vorher zu wissen, wessen Zitat es sei, weil ich nicht von vorne her gelesen hatte, sondern mitten daraus, dort, wo ich es gerade aufgeschlagen hatte. Sofort, schon nach drei oder vier Sätzen gewahrte ich in mir das Gefühl, das ich habe, wenn ich aus den Schriften Lorbers lese oder mich sonst ganz nahe beim Vater befinde; und ich las und las, voll Freude über die heimatliche Wärme darin, bis endlich nach mehreren Seiten die Zitatangabe erfolgte. Dabei hatte ich dann eine grosse Freude gehabt, dass ich den Vater auch in einem mir Unbekannten sofort erkannte, wenn er durch diesen spricht.

Das nenne ich jene Orientierung, die der Mensch brauchte, damit er sich überall, auch im Jenseits, auskenne: Erstens, dass er stets weiss, wo die Hilfe zu suchen ist, und zweitens, dass er sie auch kennt, wenn sie zu ihm kommt – für einmal vielleicht auch nicht in jenem Gewande, das er schon lange kennt. Ein solcher Mensch wird nicht alles fanatisch verwerfen, was nicht aus seiner Kirche kommt, sondern seinen Vater eifrig suchen in allen Begegnungen und Vorfällen des Lebens, und ihn freudig erkennen, wo er ihm unverhofft entgegentritt.

Zum ersten Teil, der Orientierung – stets zu wissen, wo die Hilfe zu suchen ist – ein kleines Beispiel aus meiner Praxis:

Ich hatte einmal einen Knaben zu behandeln, der nervlich stark belastet war und infolgedessen auch leichte Anzeichen von Umsessenheit hatte. Diesem gab ich – weil er noch kindlich war, und seine Eltern sich wenig um ihn kümmerten – einigen Unterricht in den Dingen des Glaubens, so, wie du ihn ja von mir nun kennst, also ganz der Fassungskraft, aber auch der Liebeskraft des Kindes angepasst. In diesem Falle waren beide gross, sodass ich schon etwas weiter gehen konnte, zumal er schon ab dem zweiten Mal alleine, also ohne Begleitung seiner Mutter, zu mir kam. Seine Gebrechen fingen sich bald zu bessern an und sein Gemüt wurde ausgeglichener und sonniger, sodass mir sein Gedeihen eine äusserst tiefe Freude machte, die er wohl schon manches Mal zu spüren vermochte. In solchen Momenten erzählte er mir mehr von seinen Erlebnissen. Und einmal erzählte er mir, wie er nun sogar in seinen Träumen nach dem himmlischen Vater zu rufen beginne – er litt hin und wieder unter schlechten Träumen. Er träumte einmal, alleine in der Stadt gewesen zu sein, und wie er heim kam, merkte er, dass ihm der Wohnungsschlüssel fehlte, sodass er nicht in die Wohnung gelangen konnte, da Vater und Mutter erst spät abends nach Hause kamen. Er suchte alle seine Kleider und Taschen durch, fand aber den Schlüssel nicht. Da gedachte er seines Vaters im Himmel, ward in sich ganz stille und sagte: 'Vater, du weisst es schon, wo der Schlüssel sich befindet. Würdest du mich ihn bitte doch finden lassen, wenn es dein Wille ist. Oh Vater! Ich wäre dir so dankbar dafür! Er habe während des Gebetes seine Augen geschlossen gehabt und bei seiner Bitte ein so schönes Gefühl bekommen, dass er noch ganz darin befangen war, als er mit dem Fuss an etwas stiess. Da öffnete er die Augen und sah, dass er an den Schlüssel gestossen war, der vor ihm am Boden lag; worauf er erwachte. Ein andermal biss ihn im Traume eine Katze und er fürchtete sich, dass sie etwa tollwütig gewesen sein könnte. Da wurde es ihm bange und er sah sich so alleine, sodass er unwillkürlich an seinen Vater im Himmel dachte und ihn darum bat, doch das Gift nicht in ihm wirksam werden zu lassen. Da vernahm er deutlich die Worte: 'Aber du träumst es ja nur!'; und er erwachte dabei. – Aber eben, nicht schweissgebadet, sondern voll grosser und inniger Dankbarkeit.

Ja, wer es fertig bringt, im so genannten unterbewussten Traumzustand die rechte Hilfe zu finden, der wird sie wohl überall finden – auch jenseits." –

"Ist der Junge auch ganz gesund geworden?" fragte der Arzt, und sein Freund bestätigte es mit dem Hinweis, dass solche immer gesund würden, entweder im Leibe oder jenseits, dass also für solche das Leiden mehr oder weniger ein Ende nehme. Dieser sei aber noch im Leibe gesund geworden.

Danach erzählte er zur weitern Illustration, wie die richtige Orientierung und das Wissen, wo die wahre Hilfe zu finden ist, sich überall segensvoll auswirkt, noch einiges aus dem Leben eines Negerkindes, einem aufgeweckten Knaben, der später eben der konsequenten Nutzung dieses Wissens wegen zu einem sehr bekannten und vor allem beliebten Manne wurde.

"Schon in seiner Jugend", begann er seine Erzählung, "kannte er die Macht der Liebe und wusste auch um Gottes Liebe zu den Menschen aus eigener Erfahrung. Er wurde als Mann und grosser Wissenschaftler einmal gefragt, wann er zum ersten Mal eine Gebetserhörung erlebt hätte. Daraufhin antwortete er, dass das in seiner frühen Kindheit geschah, als er erst fünf oder sechs Jahre alt war. Es war damals sein sehnlichster Wunsch, ein Taschenmesser zu besitzen. Eines Nachts betete er dann zu Gott, seinem Vater, er möchte ihm doch ein Taschenmesser schenken. In der Nacht sah er dann im Traume dort, wo die Mais- und Tabakreihen auf dem Felde zusammentrafen, eine in zwei Hälften geteilte Melone liegen. Eine Hälfte war ausgehöhlt, in der andern sah er ein Sackmesser stecken. Am nächsten Morgen konnte er nach dem Erwachen kaum erwarten, bis das Morgenessen vorüber war, sodass er endlich zum Maisfeld schleichen konnte, wo er alles so vorfand, wie er es im Traume gesehen hatte. So kam er zu seinem Taschenmesser. –  Aber auch später, als ausgebildeter Wissenschafter, liess er sich alles von seinem Vater geben. In einem seiner Vorträge, die er als weit herum geachteter Wissenschafter und Gläubiger hielt, erzählte er einmal folgendes: 'Vor Jahren ging ich in mein Laboratorium und sagte: 'Lieber Herr Schöpfer, bitte sage mir, wozu das Universum geschaffen wurde!' Der grosse Schöpfer antwortete: 'Du willst zuviel wissen für deinen kleinen Verstand. Frage etwas, das mehr zu deiner Grösse passt!' Dann fragte ich: 'Lieber Herr Schöpfer, sage mir, wozu der Mensch geschaffen wurde!' Wieder antwortete der Schöpfer: 'Kleiner Mann, du fragst noch immer zuviel. Fasse dich kürzer und drücke dich klarer aus!' Daraufhin fragte ich wieder: 'Bitte, Herr Schöpfer, warum hast du die Erdnuss gemacht?' – 'Das ist schon besser', antwortete der Schöpfer, 'aber immer noch nicht bestimmt genug. Was willst du eigentlich über die Erdnuss wissen?' – 'Mein Schöpfer, kann ich Milch bereiten aus der Erdnuss?' – 'Was für Milch willst du haben, gute Jersey-Milch oder gewöhnliche Haushaltmilch?' – 'Gute Jersey-Milch!' Daraufhin lehrte mich der Schöpfer, die Erdnuss zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Durch diesen Prozess entstanden alle Erzeugnisse aus der Erdnuss.' (Zitat aus der kleinen Schrift "Der Mann, der mit den Blumen spricht"9))  Es war der grosse Dr. George Washington Carver, der das einmal in einem seiner Vorträge erzählte und der damals die grosse, landwirtschaftliche Misere in den Südstaaten der USA dadurch löste, dass er als erster den Grund der Bodenermüdung erkannte, der die alljährliche Baumwollernte stetig magerer werden liess. Er empfahl den Farmern die Erdnuss als Folgefrucht der Baumwolle, und danach die Süsskartoffel, und brachte so den Süden der Staaten von neuem zum Blühen. Um die grosse Menge Erdnüsse der alljährlichen Ernten auch wirklich verwenden zu können, entwickelte er in seinem Laboratorium nicht weniger als 300 (!) Produkte, zu welchen die Erdnuss die Grundlage bildete, und noch einmal 150 Produkte aus dem Rohstoff Süsskartoffel – alles in Zwiesprache mit seinem Schöpfer.

Als er einmal nach Washington geladen wurde, um vor dem Senatsausschuss für ein neues Steuergesetz, mit elf andern zusammen, zu sprechen, wurde die Redezeit aller Eingeladenen auf zehn Minuten beschränkt. G.W. Carver, der schwarze Wissenschafter, war der letzte Redner. Als die Reihe an ihn kam und er hervortrat, lachten alle Kommissionsmitglieder – so einfach war der Mann gekleidet –, und sie fragten ihn sogar, ob er denn zu diesem Thema etwas wisse. Nach Beendigung seiner zehnminütigen Rede aber drangen alle in den bescheidenen Mann und baten ihn, weiterzureden. Sie hörten ihm äusserst gespannt und aufmerksam eine Stunde und 45 Minuten lang zu. Die Erdnuss wurde dann zum grossen Nutzen der Südstaaten in das Steuergesetz mit eingeschlossen.  Diese Einfachheit, Bescheidenheit und grosse Demut machten ihn, nebst seiner immensen Leistung als Wissenschafter, landesweit beliebt – nicht bloss berühmt!

Er hatte auch die Gabe, den Menschen sofort anzukennen, ob sie zu ihrem himmlischen Vater ein persönliches Verhältnis hatten, ohne sie je zuvor gesehen oder gesprochen zu haben. So wirkt also der Vater im Himmel in jenen, die ihn schon im Kindesalter suchten. Edison bot ihm einmal eine ungeheure Summe an, wenn er bei ihm arbeiten würde; er lehnte ab, um seinen Leuten helfen zu können. Unter 'seinen Leuten' waren nebst den Negern auch alle dort lebenden Weissen gemeint, also jene Südstaatler, welche die Neger nur mit dem Schimpfwort 'Nigger' zu bezeichnen pflegten. Im kleinen Büchlein "Der Mann, der mit den Blumen spricht"9) habe ich seine Geschichte gelesen.

Oh weisst du, mein neu gewonnener Freund", unterbrach der Naturarzt plötzlich seinen Redefluss, "wie schön es für mich ist, dass ich dich gewonnen habe, damit wir uns gemeinsam an allem erfreuen können?'. Dieser Neger aber ist wahrhaft schon gar lange mein intimster Freund, obwohl er schon gestorben ist und ich ihn persönlich nie gekannt habe. Aber seine Geschichte ist so schön und meinen eigenen Erlebniseindrücken und -erfahrungen so nahe, dass er mir so nahe steht, wie nur ein Freund mir nahe stehen kann." – Es freute den Arzt diesen etwas unvermuteten und ungewohnten Gefühlsausbruch seines neuen Freundes, und er erkannte darin, dass er ihn wirklich an- und aufgenommen hatte in sein Gemüt – und das als wirklich ebenbürtig, was er wohl seiner eigenen Liebe zur Wahrheit zuschrieb, weil ja bei ihm diese Liebe als einziger Massstab, zu gelten schien – und nicht das Wissen. Dieser Zwischenfall, und vor allem sein Verständnis dafür, belebte den Arzt so sehr, dass er sich wie zu Kindeszeiten vorkam, als er zu seinem Freunde sagte: "So eine Praxis wünschte ich mir auch! Du musst mir helfen dabei."  Das versprach ihm der andere auch gerne.

Auf diese Art kamen sie dann auch einmal ein wenig auf ihre Praxen und die Art, wie sie diese gestalteten, zu reden. Und es ergab sich dabei so manches, das die beiden freute, oder das den einen oder andern anregte. Auch der Naturarzt war beflissen, von seinem neuen Freunde soviel als möglich zu lernen. So verging der Rest des Abends noch recht schnell, bis dem Arzt plötzlich wieder in den Sinn kam, dass er noch eine ungemein schöne Episode zu hören zugute hatte: Die Kurierung des Unglaubens der Ärzte das tatsächliche Leiden eines Patienten betreffend; worauf sein Freund das Buch von Rudolf Breuss10) hervorholte, den Arzt fragend, ob er den Mann kenne. Er kannte ihn zwar dem Namen nach und wusste auch, dass dieser darin eine Krebsheilmethode ohne Operation beschrieb, die einem manchen Erfolg gebracht haben soll. Er selber aber hatte nie mit solchen Patienten zu tun bekommen, die eine so genannte Breuss-Kur gemacht hatten. Sein Freund hingegen kannte welche, die dadurch gesund geworden waren und bei denen die Diagnose vor und nach der Kur von einem Arzt der Schulmedizin gestellt wurde, und zwar auf Grund von Röntgenaufnahmen, sowie des Blutbildes, und bei einem sogar auf Grund der visuellen Kontrolle, da dort die Krebsgeschwulst im Rachen gut ersichtlich gewesen war. –  "Das Grundelement einer solchen Kur ist ein 42-tägiges Fasten", sagte er, "das aber mit wohldurchdachten weitern Massnahmen zur Stützung der Ausscheidung und der ihr dienenden Organe begleitet ist. Das Fasten alleine aber erreicht schon den Abbau alles Überflüssigen, nicht etwa nur der eigentlichen Krebsgeschwulst, sondern auch all jener Stoffe im Körperhaushalt, die mangels Gelegenheit nicht völlig ausgeschieden worden sind, und darum zur Grundlage so manchen Leidens werden können (z.B. Rheuma, Arthritis und Arthrose). Nur ergibt sich aus einem solch abrupten Reinemachen schnell einmal eine Überlastung des Organismus, sodass die daran beteiligten Organe unbedingt Unterstützung brauchen.

Würde der Mensch durch Bescheidenheit und Rücksichtnahme – nicht nur auf den eigenen Leib, sondern auch auf alle seine darbenden Nächsten – sich selber beschränken, nie könnte er zu solchen Krankheiten kommen! Das wird nicht nur in Kriegszeiten oft deutlich ersichtlich, in welchen die Menschen oft gesünder werden – soweit sie nicht kriegsversehrt sind, versteht sich –, sondern eben auch bei solchen Fastenkuren. Du müsstest einmal sehen, wie viel nüchterner, bescheidener, genügsamer, aber auch bestimmter und trotzdem geduldiger Menschen werden, die längere Zeit gefastet haben. Du müsstest ihre Ausstrahlung in ihrer Nähe zu spüren bekommen, den klaren und oft dankbaren Blick auf dir ruhen sehen, damit du eine Ahnung bekommst, wie sehr das Fasten – das Sich Zurücknehmen in irdischen Dingen – die Seele reinigt und den Geist stärkt. Es würde dir sofort klar, dass eben darin das Heil der Seele liegt, dass sie sich im Materiellen möglichst auf ein Minimum beschränkt und dafür die Zeit nutzt, durch Anteil nehmendes Verständnis ihren innern Geist zu stärken, sodass er bald und leicht selber erkennen kann, welche Wege zum endlichen Ziele führen und in welchen Büchern sie beschrieben sind! – Kurz: wenn ich als Patient nicht wüsste, ob ich zu einem studierten Arzte Zutrauen fassen sollte oder zu diesem Breuss – wenn ich Krebs hätte –, so wüsste ich es aber sicher nach der folgenden Lektüre, die dich bestimmt ebenso ansprechen wird, wie sie mich zutiefst angesprochen hat." Darauf begann er vorzulesen: "'Gibt es Einbildungskranke? Meiner Ansicht nach ja, aber von 100 vermeintlichen Einbildungskranken bestimmt nur ein einziger und nicht, wie viele meinen, dass 50 Prozent aller Patienten nur einbildungskrank seien. Sogar manche Ärzte glauben das. Was aber ein Patient, der wirklich krank ist und daraufhin angesprochen wird, mitmachen muss, wird Ihnen folgender Bericht klar erläutern: Ich musste acht Jahre lang alles erbrechen, was ich gegessen oder getrunken hatte. Hatte ich gegessen, bekam ich Schmerzen zum wahnsinnig werden, hatte ich nichts gegessen, glaubte ich, ich müsste verhungern. Gebrochen hatte ich meistens um Mitternacht. Ich lag dann im Spital, da meinte der Chefarzt, der mich durchleuchtet hatte, dass ich viele Gallensteine hätte, was ich absolut nicht glaubte, und ihn bat, mir den Magen zu operieren anstatt die Galle. Der Chefarzt meinte, er habe Recht und hat mich an der Galle operiert, aber Steine hatte ich keine, sondern die Gallenblase wäre geknickt gewesen, hat er mir nach der Operation erklärt, und deshalb habe er sie entfernt. Nach der Operation war der Zustand noch schlechter, denn der Magen war durch eine frühere Bauchwandbruchoperation zugewachsen. Nach zwei Jahren bin ich dann gegen Magenkrebs operiert worden, weil der Röntgenarzt dieses festgestellt hatte. Nun, ich hatte aber keinen Krebs, denn der Magen war, wie schon erwähnt, durch eine frühere Operation zugewachsen. Der Operateur untersuchte mir dann die Gedärme und fand auch hier nichts und ich war dann eben der Einbildungskranke. Durch die Darmuntersuchung gab es eine Darmverlagerung, sodass mir nach wieder zwei Jahren ein Stück gesunder, absteigender Dickdarm entfernt werden musste. Nach weiteren zwei Jahren hielt ich es einfach nicht mehr aus und musste wieder ins Spital. Also sind inzwischen acht Jahr vergangen und ich war nie schmerzlos und hatte noch immer alles erbrochen. Und nun passen Sie gut auf, was mir hier passiert ist. Ich lag schon bereits 14 Tage mit den grössten Schmerzen im Bett, hatte um Mitternacht wie immer alles erbrochen und in der Früh Mund und Zunge meistens voll Blut, weil das Erbrochene so scharf war wie Sprit, und dadurch konnte ich nichts sprechen. Jeden Morgen kamen dann zwei Assistenzärzte mit dem Spott: 'Guten Morgen, Heilpraktiker? Andern hilft er, aber selber kann er sich nicht helfen'. Ich konnte keine Antwort geben, weil ich einfach zu grosse Schmerzen im Munde hatte. Da ich aber doch einmal sprechen wollte, habe ich einmal einen ganzen Tag nichts gegessen. Am andern Tag kamen diese zwei Ärzte wieder mit dem gleichen Gespött, aber da gab ich ihnen die richtige Antwort. Ich sagte zu ihnen: 'Sie reden wie kleine Kinder, ohne Verstand', darauf der eine Arzt: 'Was sagen Sie?' Ich: 'Ja, wie kleine Kinder.' Der Arzt wieder: 'Was, noch wiederholen?' Ich: 'Ja, noch hundertmal, denn schauen Sie aufs Kruzifix hinauf, zu Christus am Kreuz hat man schon vor mehr als 1900 Jahren dasselbe gesagt [Die Schriftgelehrten, Ältesten und Hohepriester spotteten bei der Kreuzigung Jesu: 'Andern hat er geholfen, und kann sich selber nicht helfen'. (Matth. 27, 42)] und ihr plappert das nach wie kleine Kinder. Das, was ich habe, ist so einfach, dass man weder Arzt noch Heilpraktiker sein muss, um festzustellen, was mir fehlt. Wenn nichts mehr durchgeht, dann ist eben der Magen zugewachsen und da kann man nur operieren.' Die Ärzte dazu: 'Sie haben ja keinen Magen mehr, denn Sie sind ja schon magenoperiert worden.' Ich darauf: 'Aber nur auf dem Papier.' Nun, die Ärzte meinten dann: 'Der Patient wird ja oft angelogen, aber wir haben den Bericht von der Krankenkasse.' Ich versicherte ihnen dann nochmals, dass ich den Magen noch genauso habe wie sie. 'Aber ich weiss genau, was Ihr von mir denkt, nämlich, dass ich mir die Krankheit nur einbilde, denn ein Vertrauensarzt hat schon einmal zu mir gesagt, ich solle mir einbilden, ich sei gesund, und dann wäre ich es auch. Ich gab diesem dann zur Antwort: Die Suggestion hat aber auch ihre Grenzen, denn wenn man einem eine Hand amputiert, kann er sich tausendmal einbilden, er habe sie noch, wenn er aber auf den Arm schaut, stimmt es nicht; und genau so ist es, wenn jemand wirklich krank ist. Ich fragte dann diese zwei Ärzte, ob sie wissen, wie viel Blutsenkung ein Einbildungskranker hat, worauf ich keine Antwort erhielt. Ich sagte dann zu ihnen: 'Null bis drei, da er sonst ja gesund ist, aber ich habe 84; und jetzt möchte ich Sie fragen, warum man denn eine Blutsenkung mache, wenn man doch nichts daraus entnehmen könne.' Ich erklärte ihnen dann, wie man Einbildungskranke behandelt, worauf sie ganz erstaunt waren. Auf alle Fälle nie mit Verspotten. Am Schluss dieses Gespräches waren sie dann sehr freundlich, gestanden ihre Fehler ein und meinten noch dazu, dass sie durch dieses Gespräch eigentlich viel gelernt hätten und berichteten alles dem Chefarzt, der mir gut gesinnt war. Dieser liess mich durchleuchten. Ergebnis: Ich hatte den Magen noch und wurde daraufhin operiert. Der Magen wurde entfernt, denn er war eben zugewachsen, wie ich ihnen zuvor schon versichert hatte. Nach der Operation kamen neun Arzte zu mir und da erklärte mir der Chefarzt: Herr Breuss, was haben Sie in diesen Jahren alles mitgemacht? Sie allein haben recht gehabt.' Dieses Eingeständnis hat mich sehr gefreut. Das war im Jahre 1956. Dieses habe ich nur für die Ärzte geschrieben, damit sie an diesem Beispiel ersehen können, was ein Mensch alles mitmachen muss, wenn die Diagnose nicht stimmt und man dann noch meint, man bilde sich die Krankheit nur ein.'"

Als der Naturarzt das Büchlein wieder aus der Hand gelegt hatte, atmete sein Freund, der Arzt, tief ein und auf und bemerkte dazu, dass ihm dieser Text in zweifacher Hinsicht sehr tief gegangen sei. Erstens sehe er die Freundlichkeit jenes Naturarztes gegenüber seinen ihn jahrelang verachtenden Peinigern, den so genannten Ärzten, und verspüre darin dieselbe positive Art wie bei ihm, seinem nunmaligen Freund, die vor allem darin Befriedigung findet, wenn sie den andern in einer werktätig aufbauenden Situation ersehen könnten. Dann sehe er zweitens die Präzision seiner Diagnose, deren Befund ja wieder nichts anderes zutage brachte, als die Folgen einer früheren, so genannten ärztlichen Behandlung. Ferner ersehe er darin auch die Arroganz der vermeintlich Wissenden, wie er selber sie in den Spitälern seiner Ausbildung gesehen habe, sogar bei Krankenschwestern!  "Zwei Welten treffen da aufeinander", sagte er. "Die eine nüchtern und beflissen, Gutes zu verbreiten, und die andere aufgebläht in Technik und Ich-Bezogenheit (der Patient ist – in solchen Augen – für den Arzt da, und nicht umgekehrt).

Sieh, das alles zählte zu meinem Kummer während meiner ganzen Ausbildungszeit. Denn ich sah ja die nur allzu oft verlorene Position des Arztes gegenüber so mancher Krankheit ein, sodass mich auch meine eigene Arbeit nie so recht befriedigen konnte, und dennoch liess mich die Gläubigkeit meines Gemütes auch auf diesem Gebiete der Wissenschaft nie über die enge Grenze des Dogmas einer Schulmedizin hinausblicken in die freie Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeit echt menschlicher und brüderlicher Betätigung und Führung. Oftmals ging ich in dieser innerlichen Isolation vor dem Arbeitsantritt ins Freie spazieren, was mir damals viel geholfen hatte. Ich sah gegenüber aller Technik und Künstlichkeit das ewig sich neu Gestaltende und dennoch sich Gleichbleibende, gewisserart Ruhende in der Natur. Nur bedrückte mich dabei dann öfters wieder die Isoliertheit des Einzelwesens gegenüber dem Ganzen. Mir fehlte der Vater, den ich bei dir nun langsam, aber immer sicherer zu erkennen glaube. Ein Vater, der bei seinen Kindern bleibt und sie zu keiner Zeit und in keinem Jahrhundert sich selbst überlassen hatte, sondern allezeit sie zu sammeln suchte durch Lehrer und Propheten.

In neuerer Zeit gehe ich manchmal sonntags in der Frühe wieder alleine in die Natur. Und dabei fand ich einen unerhört schönen Weg, der sich im letzten Teil dem Grat eines einseitig abfallenden Bergrückens entlang zieht. Mich würde es nun herzlich freuen, wenn du mich dabei einmal begleiten wolltest, das heisst: wenn ich dich dazu einladen dürfte. Ich gehe ja nun schon stets mehr auf deinen Wegen – medizinisch und menschlich gesehen –, und da wir heute zum "Du" gefunden haben, würde es mich herzlich freuen, wenn auch du einmal mich auf einem besonders schönen Teil meines irdischen Sonntagsweges begleiten möchtest. Was meinst du dazu?" – Sein Freund sagte ihm gerne und spontan zu, und sie vereinbarten, das am Sonntag in acht Tagen zu tun.

Auf dem Heimweg behorchte und belauschte der Arzt wieder seine Gefühle. Nun – diesmal sah es etwas stürmisch aus. Immerhin hatte er diesmal eine Freundschaft geschlossen und war darin und dadurch in seinen Gefühlen schon etwas mehr gebunden als vorher. Einerseits sonnte er sich ein wenig in dem Gefühl, nun endlich einmal einen gefunden zu haben, der gewillt war, eine grosse Strecke mit ihm zu gehen, und anderseits empfand er dadurch natürlich auch eine gewisse Bindung, die ihm das Zweifeln nicht mehr so einfach werden liess wie bei allen bisherigen Bindungen, die er hatte. Denn bisher war er ja nie gefragt worden, ob er glauben wolle und das zu Glaubende auch ganz begreife und ihm deshalb voll zustimmen könne. Man nahm es einfach von ihm an, ja man setzte es geradezu voraus, dass er glaube. Das war bei seinen Eltern so in Bezug auf ihre Kinder, und das war bei seinen Lehrern so, in seiner Ausbildung, in Bezug auf ihre Schüler und Studenten. Denn ein Student entscheidet sich doch nur zu einem Studium, wenn er glaubt, dass das zu Erlernende das Richtige sei. Nun war ja aber bei ihm selbst der Grundsatz, den Leidenden zu helfen – Arzt zu werden – schon ein Glaubensinhalt seiner Eltern, den er zwar immerhin mit einem guten Gewissen, und deshalb ohne grosse Zweifel übernehmen konnte, der aber dennoch nicht unbedingt aus seinem eigenen Wesen kam. Aber schon das "Wie-zu-helfen-sei" konnte er doch nicht ohne jede Erfahrung zum vorneherein in jener Form bejahen, in der er es dann gelehrt worden war. So war er also stets gezwungen, Glaubensinhalte anderer zu übernehmen, indem man das von ihm voraussetzte. Dabei konnte er aber in sich selber – wenn auch noch so unsicher dabei – stets auch seine Zweifel aus seiner eigenen Einsicht der Dinge und Verhältnisse anbringen und sich selber mit diesen Zweifeln in einer freien Schwebe halten zwischen Annahme und Verwerfung.

Nun aber begann er auf einmal – und erstmals in seinem Leben – bloss aus seiner freien Liebe und Einsicht, und ohne jeden Zwang äusserer Verhältnisse etwas ganz und völlig anzunehmen, sich etwas hinzugeben auch, und damit für das Seine zu nehmen, das ihm zwar in seinem Innersten zu entsprechen schien, das aber immerhin – wie das Vorherige auch – von aussen, und nicht von innen, von ihm selbst aus, sich zu gestalten begann. Das war es, was seine momentane Situation, seit seinem Antrag zum "Du", kennzeichnete. Es war wie das Ja-Wort in der Ehe, was sein Gewicht betraf, aber es war in dem Sinne anders, als es bei einer Ehe um die Ergänzung des Fehlenden geht, während es hier um die Ausbildung des Eigenen geht, das aber damit an ein anderes gebunden ward.

Es war ihm zwar äusserst wohl, wenn er dieses Andere für sich alleine betrachtete, aber auch äusserst enge, wenn er sich daran gebunden fühlte. Der vorgeschlagene Sonntagsspaziergang war ihm dabei eine gewisse Hilfe, weil dabei der andere auf seinen ganz persönlichen Weg eingehen mochte und wohl auch musste, sofern er an ihm einen ähnlich grossen Anteil nehmen wollte, wie er jeweils an den Spaziergängen seines Freundes durch die weiten Landschaften des Geistes.

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6. KAPITEL


DEN EIGENEN WEG - IM ÄUSSERN BILD ERAHNT - GILT ES ZU ERKENNEN

Als er sich dann, acht Tage später, an einem wunderbaren Vorsommertag in aller Frühe mit seinem Freunde und der eben aufgehenden Sonne zusammen auf den Weg machte, da war er ganz sich selber, und das warme Entgegenkommen seines Freundes bestätigte ihn ebenso wie das Licht der Sonne, das sich über den Himmel zu ergiessen begann, noch ehe es so richtig die Erde mit seinen Strahlen zu berühren vermochte.

Sie waren zuvor etwa eine Viertelstunde weit mit dem Auto bis zum Ausgangspunkt ihrer Wanderung gefahren; und nun stiegen sie, schon im Walde, den Berg hinan. Der Wald war an dieser Stelle eher locker. In relativ weiten Abständen standen die verschiedengestaltigen, schönen und zumeist gesunden Stämme auf dem eher weichen und mitunter mit grünem Unterwuchs bestandenen Waldboden. Hin und wieder leuchtete der weissgelblich strahlende, östliche Himmel durch die Stämme und die spärlich vorhandenen Stammaustriebe vom Waldrand her zu ihnen hinein. Gleichsam wie die Herrlichkeit einer überirdisch lichtdurchtränkten Landschaft der Seligen empfanden beide die Überfülle des flutenden Lichtes, welches in das ärmliche Dunkel des Waldes hineinleuchtete. Aber sie freuten sich auch über jeden einzelnen, der erst spärlich vorhandenen Lichtflecken, welche die ersten direkten Sonnenstrahlen auf ihren Weg malten oder in das weiche Moos und niedere Gebüsch des Waldes zeichneten. Aber solch herrlich aufleuchtende Partien sahen sie natürlich nur, wenn sie ihre Blicke vom Lichtsaum des Waldrandes hinweg, gegen die Mitte des Waldes zu, oder auf ihren Weg richteten. Denn gegen das Lichtmeer des Himmels zu war alles andere dunkel, und die herrlichen Stämme nahmen sich im Gegenlicht wie Säulen aus, die das ganze schützende Dach des Waldes zu tragen hatten, und die durch das hereinfallende Licht an ihrer äussersten Kontur, der Rinde, teilweise eine leuchtend-goldene Verbrämung erhielten. Die beiden Wanderer verspürten gegenseitig, wie sehr dieses Bild auch den andern innerlich zu ergreifen vermochte. Indessen sprachen sie kein Wort miteinander, sondern schritten gleichmässig langsam, beinahe andächtig auf dem weichen, dunkelbraunen Waldweg voran, der sich in nur schwachen Windungen zwischen den mächtigen Stämmen dahin zog und die beiden stetig höher steigen liess. Mit der Zeit wurde der Boden etwas karger, sodass die grossen Wurzeln der Bäume eher der Oberfläche des Bodens entlang streichen mussten, weil sie nicht in die Tiefe zu dringen vermochten. Angenehm weich und mit einem grünen Hauch von zierlichem Waldgras bewachsen war da der Boden, und die ihn durchziehenden Wurzeln nahmen sich auf dem Wege oft wie Tritte aus. Manches Mal leuchteten ihnen die gelben Blütenköpfchen des Waldhabichtskrautes aus dem lichten Grasbestand entgegen, oder es blühte schon eine süssblaue Glockenblume in der Wurzelnische eines bemoosten Baumstammes; und in den Kronen zwitscherten sich die Vögel einen guten Morgen zu. Immer karger wurde mit der Zeit der Boden, sodass hin und wieder der Stein des darunter liegenden Fels sichtbar wurde. Und im äusserst feinen Graspolster fanden sich immer öfters ganze Herden oder Nester loser, zerbröckelter Kalksteine. Schweigsam gingen die beiden durch all diesen Zauber. Nur hin und wieder zeigte der Arzt seinem Freunde eine besonders schöne Stelle oder auch irgendeinmal eine Pflanze, die ihn besonders erfreute. Sie öffneten mit der Zeit ihre leichten Wanderjacken, die sie zu Beginn ihres Ausfluges, im Tale unten, noch gerne zugeknöpft hatten, weil die taufrische Luft sich von der aufgehenden Sonne zu einem kühlenden Lüftchen anfachen liess, das sie zu sehr abgekühlt hätte. Nun aber hatte das gleichmässige Steigen die beiden erwärmt und auch der, zwar immer noch erfrischende, leichte Luftzug hatte nicht mehr seine kühlende Feuchte. Schon schimmerte das Licht des Himmels von oben herab, durch das stets lichter und leuchtender werdende Blätterdach, während die waagrecht einfallenden Sonnenstrahlen schon manch einen der vielen Stämme, die sie kreuzten, berührten, und schöne, goldgelbe Flecken auf sie malten. Auf der Gratseite des Berges wurde der Wald nun manchmal so licht, dass er kurze Stellen weit die Sicht in die weite Landschaft freigab, die in der Ferne durch einen ganz feinen Dunst verhüllt war. Immer karger wurde der Boden und immer steiniger. Aber der Weg war dabei weder beschwerlich noch steil, sondern verlief hier weite Strecken relativ eben, indem er sich in der Nähe des horizontal verlaufenden Grates entlang zog, der die Grenze zur steil abfallenden, teilweise fast senkrechten Bergflanke bildete, die aber weiter unten etwas flacher wurde und grossenteils mit Bäumen bewachsen war. Dann führte der Weg ein wenig vom Grat hinweg und zog sich über den breiten, flachen Rücken des Berges, wo der Wald stellenweise ganz gerodet, und viel Jungwuchs angepflanzt war. Verteilt in diesen Jungwuchsfeldern, durch welche sich der Weg nun zog, standen noch die zersplitterten Stammresten grosser alter Bäume, die bei einem starken Sturme vor etlichen Jahren geknickt worden waren, sodass die Rodung und Wiederaufforstung auf diesem kleinen Hochplateau erforderlich wurde. Grau war nicht nur die Rinde der hier noch übrig gebliebenen, kronenlosen Stammresten, die wie Eminenzen aus dem Jungwuchs heraus ragten, sondern auch das Holz der einzelnen, wuchtigen Splitterteile war durch Sonne und Wetter schon grau geworden und bildete einen herrlichen Kontrast zu dem aufstrebenden, hoffnungsvoll saftiggrünen Jungwuchs. Ehrgebietend standen sie da in ihrer grauen Farbe, wie die stolze Wissenschaft oder die grossen Religionsstifter, aber völlig unbeachtet von den aufstrebenden Neulingen um sie herum, die sich nur allzu gerne und allzu schnell in die Höhe der vermeintlichen Freiheit und des Ruhmes recken wollten und dabei – wohl wie ihre Vorfahren –  wahrscheinlich vergessen, ihren Stand durch mühsames Suchen mit ihren unter-irdischen Wurzelarmen genügend zu sichern, sodass sie auch der Prüfung grösserer Stürme standhalten könnten. Stattdessen orientiert sich solcher Jungwuchs – bei den Bäumen, wie bei den Menschen – stets nach dem Stand der andern, anstatt nach der Möglichkeit der eigenen Widerstandskraft – wohl im Vertrauen darauf, zur Zeit des Sturmes von den andern schon geschützt zu werden.

Inzwischen gelangten die beiden gleich gesinnten Wanderer wieder in ein vom damaligen Sturme verschont gebliebenes Waldstück mit alten gesunden Bäumen und erfrischender Kühle – nachdem die Sonne sie bei ihrer Wanderung durch den Jungwuchs schon ordentlich aufgewärmt hatte. Aber bald einmal wurden die Bäume wieder etwas kleiner, und schon schien das Licht wieder seitlich durch das hellgrüne Laub jüngerer Bäume, sodass sich der nahe Waldrand, dem sie nun eine kurze Strecke entlang zu gehen hatten, in seiner Wirkung ausnahm wie ein vom Sonnenlicht durchfluteter, gezogener Vorhang in einem Kinderzimmer, in welchem die Kinder voller Freude des Momentes harren, da die Eltern ihnen erlauben, hinaus ins Freie zu gehen. Der Weg bog sich etwas gegen diesen Vorhang zu, verengte sich nun ein wenig, und fast etwas gebückt schritten die beiden unter den niedrig stehenden Ästen der noch jungen Bäume hindurch, vorbei am Stamme einer einzelnen, mächtigen Buche, die wie ein Wärter neben dem Wege, aber mitten in der Schar der vielen Jungbäume stand.

Da – unverhofft treten sie aus dem dichten Saum des Waldrandes heraus und stehen unvermittelt auf einer äusserst kleinflächigen Fluh, die durch ein massives Holzgeländer, gerade an der Kante zur senkrechten Wand errichtet, begrenzt wird. Wie eine letzte materielle Schranke in den freien, blauen Himmel des Horizontes gezeichnet erscheinen die Balken des Geländers, das sich durch einen Knick in seinem Verlauf der vorstehenden Felsnase anpasst, und von da zu beiden Seiten hin in den Zweigen der nahe stehenden Bäume und Gebüsche wieder verschwindet. Nur knapp 20 Menschen hätten sich auf diesem freien Platz wohl angenehm lagern können, so klein war er; und dennoch bot er, durch seine etwas vorspringende Gestalt bedingt, eine ungemein weite Rundsicht, die prächtig und dennoch sachte von den Zweigen der beidseitig sie einfassenden Bäume begrenzt wurde.

Eine ganze Weile standen die beiden schweigend am Geländer nebeneinander. Etwas seitlich über ihnen stand die leuchtende Sonne und wärmte die beiden, während sie die vor ihnen liegende, weite Landschaft beschien. Ein schönes Trio war das: die beiden Männer und neben ihnen, leicht erhöht, das leuchtende Gesicht der Sonne. Im Gebüsch, das die Felswand unter ihnen bewuchs, suchte ein Goldhähnchen die Nahrung für seine Jungen und weiter unten, wo sich die Felswand aus dem Bergrücken zu erheben begann, sah man auf dem etwas lädierten Spitz einer mächtigen Tanne das verlassene Nest eines Raubvogels. Dicht drängten sich dort unten die Kronen der Bäume aneinander, weil der stark abfallende Berg ihnen keinen über-flüssigen Platz anzubieten hatte. – "Mir gefällt diese Aussicht! – Sie tut mir so wohl und so gut", liess sich da unvermittelt der Arzt vernehmen und sein Freund meinte, dass ihn die Fernsicht nicht derart verlocke – besonders hier nicht, da die Weite der Sicht nur mit kleinen, eher flachen Hügeln gefüllt sei und ihn diese zu sehr an die nichtigen Sorgen und Vorstellungen der planlos dahinlebenden Menschen erinnere. Gegen den Strom zu, den man in weiter Ferne noch sehe, fielen denn auch diese ohnehin nur kleinen Hügel alle nochmals ab, sodass er sich förmlich einen Zug Menschen, konform dieser Hügelzüge, vorstellen müsse, der ohne Sinn und Zweck sich von Osten, dem Stand der Sonne her, vom Lichte hinweg entferne, bis er dann gegen den Strom zu jämmerlich abrutsche, und im Strom der Welt endlich dem Meere der Vergessenheit zugeführt werde. Auf diese Antwort hin musste sich der Arzt korrigieren, indem er präzisierte, dass er eigentlich nicht die Sicht gemeint habe, da auch ihn dieses Landschaftsbild nicht besonders anspreche, sondern nur die freie Sicht der Dinge und die Empfindung dieser Freiheit gemeint habe.

"Ja, diese empfinde ich allerdings auch mit einer grossen Dankbarkeit", entgegnete nun der Naturarzt, "denn sie entspricht ja jener Freiheit, die sich der Mensch durch sein stetes Bemühen, seinem Vater im Himmel entgegenzukommen, erwerben soll dadurch, dass er bei allen Misslichkeiten des Lebens zu ihm aufblicke und alles von ihm erwarte, und nicht kleinliche Kritik übe an Dingen, die er nicht versteht. So frei, wie wir zwei hier oben sind, sollte er sich fühlen, durch den Glauben und mehr noch durch die Erfahrung bestärkt, dass er in allem und jedem von Gott umgeben und behütet ist.

Siehe einmal da hinab, der Felswand entlang, wie sich die Spitzen der Tannen und die Kronen der Laubbäume bedrängen müssen auf ihrem karg bemessenen Platz, und empfinde, wie enge und wie unausweichlich knapp ihr Platz ist. Sie berühren sich überall, und keiner hat einen freien Platz und eine freie Sicht der Dinge, während wir da oben stehen und voll Seligkeit das Licht und die freie Sicht geniessen. Von da, das heisst von dieser Stellung aus ist es erst so recht schön, den Menschen zu helfen, die da unten, wo sie aufgewachsen sind in ihrem Jammertale, wo kein Platz noch eine Freiheit ist, weil jeder den andern mit seinen Ansprüchen bedrängt, stehen bleiben wie die Bäume dieser Bergflanke, anstatt dass sie sich von ihren äussern Sorgen frei machen, würden dadurch, dass sie das unendlich weite Feld des Geistes der Liebe in sich entdecken würden, das ihnen genügend Platz zum freien Gedankenflug böte und sie kräftigen würde, endlich über die engen Verhältnisse ihrer egoistischen Betrachtungsweise hinauszuwachsen.

So arg sich diese Bäume da, unter uns, bedrängen, so arg bedrängen sich die Menschen durch ihre Gesetze und mehr noch durch ihre Verhaltensweise, die sie stets zusammen treibt wie der Herdensinn die Tiere einer Herde, wo ein einziges Leittier eine ganze Herde bestimmt. Warum müssen sich denn die Menschen, statt um ihren Vater im Himmel, immer um einen Pfarrer versammeln, der um keinen Deut einen bessern Standpunkt hat als die Glieder einer Gemeinde; und weshalb die Studenten alle um die Fehlbeurteilungen ihrer Professoren? Haben sie nicht ein eigenes Urteilsvermögen? Doch! Aber sie sind zu faul, es zu brauchen. Deshalb glauben sie eben, diese Hohen zu brauchen, um an ihnen selber hoch zu kommen, und vergessen ganz, dass dabei so viele hochkommen auf ein und demselben Platze, dass auch in der Höhe wieder kein Platz – und auch nicht mehr Licht – vorhanden ist.

Aber selbst in ihren alleräussersten Dingen vermögen sie sich nicht von den andern zu trennen, die sie dennoch stets als bedrängend empfinden; und so kleiden sie sich nach der Mode der andern, anstatt nach den Bedürfnissen ihres eigenen Leibes, der in seinen Ansprüchen verschieden ist von jenen der andern. Warum lassen sie ihr Inneres dadurch verkümmern, dass sie ihm, dem ewig Bleibenden, weniger Beachtung schenken als dem Gleichsein mit den andern, die sie doch hassen und als lästig empfinden, soweit sie sie nicht gerade zur Belustigung und Zerstreuung brauchen?

Siehe aber noch einmal da hinab zu den Baumwipfeln dieses Waldes, wie stehen sie allesamt so gedrängt. Sie sind vom Schöpfer so gestaltet, dass sie stehen bleiben und ausharren müssen an dem ihnen zugewiesenen Platz. Und dennoch findet dabei ein jeder die eine Seite der Freiheit, jene nach oben – dem Lichte zu. Aber die Menschen, die von ihrem Schöpfer mit der völligen Freiheit ausgestattet sind, und dazu noch berufen sind, sich in aller Freiheit ihrer gereinigten Liebe um das göttliche Licht zu versammeln, die bleiben hartnäckig auf ihrem egoistischen Standpunkte stehen und wünschen keine andere Sicht der Dinge, wie unzufrieden sie mit ihrem Standpunkte auch sein mögen.

Entspricht das nun Gesagte nicht aufs exakteste deinen Gefühlen, die du hier oben empfindest?" – Der Arzt betrachtete noch wehmütig die dicht gedrängten Baumkronen der Tiefe, hob dann aber seinen Blick in die Weite, berührte die Sonne, die nur wenig über ihren Köpfen stand, und sagte mit einem tiefen Aufatmen: "Ja – – ja, das ist es, was ich hier oben fühle, – das heisst natürlich das Gegenteil: die Erfüllung all jener unterlassenen Möglichkeiten jener Wesen da unten". – Eine tiefe Dankbarkeit durchwehte seine Brust. Endlich war der Bann gebrochen; die unendlich beseligenden Gefühle, die aber dennoch durch ihre Unaussprechbarkeit bisher immer auch etwas Bedrückendes hatten, waren ausgesprochen, bezeichnet worden und lagen da, am Sonnenlicht des neuen Tages im Geiste, bereit, tatkräftig aufgegriffen zu werden in allen finstern und grauen Momenten des Alltages.

Die Sonne erwärmte die Landschaft nun schon stärker, sodass der Arzt vorschlug, einige Schritte zurück in den Wald zu tun, wo nicht weit weg drei gefällte Baumstämme nebeneinander lagen, auf welche sich die beiden dann setzten. Der Arzt war immer noch tief beeindruckt von der Rede seines Freundes, sodass eine ganze Weile stille Eintracht herrschte zwischen den beiden, und sie zu tun hatten, ihre Gefühle zu erfassen und all ihre Gedanken zu ordnen. Nach gehöriger Fassung sagte der Arzt zu seinem Freunde: "Wie sehr hast du mir nun aus dem Herzen gesprochen gehabt und mir meine Gefühle so fasslich dargestellt und aufgezeigt! Nein – das habe ich noch nie erlebt! Seit meiner Studienzeit kenne ich diese Gefühle, die mich äusserst stark beleben und mir auch wohl tun, aber in ihrer Unfassbarkeit mich auch immer wieder traurig zu stimmen vermochten, weil ich glaubte, sie seien wie ein Märchen: überirdisch schön zwar, aber eben nicht wahr, nicht Wirklichkeit – nicht real und damit fürs tägliche Leben nicht brauchbar. Du hast ihnen nun mit deinen Worten eine reale Form gegeben, denn diese stimmt mit meinen Gefühlen so stark überrein, dass ich dieser gemäss unverdrossen tätig werden kann, damit sich dann Form und Inhalt – Wort, oder Ausdruck und Empfinden des Gefühls – absolut decken. Oh, wie froh bin ich doch, dich gebeten zu haben, mich auf meinem Weg zu begleiten! Weisst du, ich habe es, seit ich dich kenne, zunehmend klarer gefühlt, dass ich nun das erste Mal in meinem Leben wirklich auf fremden Wegen – auf den deinen – zu gehen begann. Der Glaube meiner Eltern trieb mich wohl auch zu so manchem Schritt in meinem Leben, aber alle diese Schritte waren nicht mein, sie kamen alle nicht aus meiner ungeteilten Zustimmung, nicht aus meinem vollen und lebenskräftigen "Ja", noch weniger alle meine Schritte, die ich als Arzt tat. Ich hatte gegen alle zwar nichts einzuwenden, weil ich an Besserem nichts gefunden hatte, aber wirklich bejahen konnte ich kaum einen. Da traf ich dich. Alle deine Ansichten und Worte musste ich bejahen, wollte ich meiner eigenen, bis dahin zwar nur empfundenen, aber nie so richtig erfassten Meinung treu bleiben. Aber damit ging ich dennoch auf deinen Wegen, weil deinen Worten folgend. – Nun aber bist du mir auf meinen ureigensten Empfindungswegen gefolgt und hast sie mit lichten Worten wie auf eine Karte gezeichnet – die Karte meines Wesens. Ich erkenne nun daraus klarer und sicherer, dass dein Weg und mein Weg derselbe ist. Und dennoch hätte ich es zuvor nie so sehen, sondern nur empfinden können. Nun aber sehe ich es auch, und mich beirrt nichts mehr; ich habe meinen unbewusst schon lange eingeschlagenen Weg nur einfach einmal gesehen und erkannt. Damit habe ich hier, an diesem Morgen und auf dieser Höhe das Grösste empfangen: das exakt ausgesprochene und gezeichnete Bild meiner Wünsche – mein Bild!" – Hier schwieg der Arzt. Nach einer kleinen Weile sagte herzlich lächelnd sein Freund: "Da siehst du wieder, wie fruchtbar es ist, dem Herzen zu folgen, anstatt dem trockenen Verstande. Die Liebe fühlt genauer, als dass der Verstand rechnen kann! Sie zog dich zu mir, bevor du wusstest, was in mir ist, und mich zog sie auch mit auf deinen Weg, ohne zuvor zu erkennen, was sie dir damit eröffnet. Das ist es, was ich darunter verstehe, wenn geschrieben, steht: 'Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.' (Matth. 18, 20), oder wenn steht: 'Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.' (l. Joh. 4, 16). Diesen Stellen gemäss sind die Worte der reinen und völlig uneigennützigen Liebe Gottes Worte. Schau, gerade etwa ebenso, wie du nun meine Worte empfandest, so empfand ich die Worte, die Jakob Lorber im 'Grossen Evangelium Johannes' niederschrieb mit der Aufzeichnung über das Lehramt Jesu. – Ja, der Vater trifft dich immer bei dir selbst, in deinem Herzen – nur sind wir selber leider nicht ständig darinnen tätig und zugegen. Und wäre es nicht so, wie könnte er dein Gott sein?! Er wäre der Gott der Propheten. So aber ist er vollkommen und für ewig dein! Und nimmst du ihn nicht so auf, so kannst du ihn nicht in dir behalten, sowenig wie die beiden Jünger, mit denen der Auferstandene nach Emmaus wandelte, ihn bei sich behalten konnten, weil er von aussen her zu ihnen kam. Hätten sie mehr auf ihre innersten Gefühle und auf ihr Herz gehorcht, sie hätten ihn schon lange in sich, und dadurch die Erscheinung als mit ihrem Innersten identisch erkannt und 'Meister', oder gar 'Vater' zu ihm gerufen. Aber so, wie bei den beiden Jüngern, gestaltet sich die irdische Wanderung der meisten Menschen. So haben wir selbst, heute, als wir in den Wald am Fusse des Berges traten, sinnbildlich unsere eigene Finsternis betreten, das heisst gleichnisweise: Wir sind in die unbezeichneten Gefühle unseres Gemütes eingedrungen und haben da, wo unser Glaube, gepaart mit unserer Hoffnung, so manchen Arm in den lichtvollen Himmel gestreckt hat – wie die Bäume ihre Äste – unsern Weg begonnen. Bald schon haben wir zur linken Seite – das ist entsprechend gegen unsere Herzseite zu – das gleissende Licht der freiheitlichen Liebeerkenntnis und -tätigkeit durch all unsere Glaubensvorstellungen und -hoffnungen hindurch leuchten gesehen. Und es hat uns dieses Bild mit mächtiger Zuversicht und Hoffnung erfüllt. Aber wir mussten den Weg dennoch fortsetzen, zwar wohlgestärkt mit der Zuversicht aus der Wirkung dieses Bildes, aber immer noch im unbestimmten Dunkel unseres Glaubens, den wir durch das Fortschreiten darin – das heisst entsprechend: durch die kraftvolle Tätigkeit nach der Erkenntnis unseres Glaubens – bald einmal lichter werden sahen. Und unsere Tritte, die anfangs noch in den weichen Boden der unbestimmten Vorstellungen einsanken, fanden dabei zunehmend festeren Boden, der den aus gemachter Erfahrung entstandenen Erkenntnissen entspricht. Und so wurde der Wald, als das Sinnbild unseres Glaubens und der Hoffnung zu gleicher Zeit immer lichter und freier, in welcher unsere Erkenntnisse und Glaubenserfahrungen immer gediegener wurden, sodass selbst auf dem Boden unserer Tätigkeit – das ist entsprechend: während unserer weltlichen Arbeit – das grüne Gras der fundierten Hoffnung zu spriessen beginnen konnte. Aber erst auf dem Fels der vollen Glaubensfestigkeit konnten wir dann diese freie Sicht der Dinge erhalten, die uns nun endlich ganz vereint hat unter der Sonne – dem Segen – des Herrn, sodass wir beide frei sind, und keiner den Weg des andern zu gehen braucht, sondern den Weg seines eigenen Herzens und Glaubens nur, der freilich bei jenen, die den Herrn frühe suchen und ihn deshalb eher kennen, stets ein und derselbe ist, was dessen innere Richtung betrifft." – Als sie noch so manches andere miteinander besprachen, da kam von der andern Seite her ein junges Paar und trat aus dem Walde auf die kleine Fluh vor, ohne dass es der beiden Freunde ansichtig wurde. Diese sahen das Paar nun am Geländer stehen, und über ihm die Sonne. Und alle drei, die Eheleute und die Sonne, blickten zusammen in die weite Landschaft und auch hinab ins Tal, von wo die beiden kamen. Da sagte leise der Naturarzt zu seinem Freunde: "Sehe einmal hin, das schöne Bild! Wenn es nur auch der Wirklichkeit entsprechen mag. Denn dann stiegen diese beiden Menschen, zum Paare vereint, am Morgen – das ist in der Jugend ihres irdischen Lebens –, alle Gewohnheit verlassend und allem Herdentreiben den Rücken kehrend, auf diese schöne und segensvolle Anhöhe der innern Herzenserkenntnis, um da den Segen ihres Herrn und Vaters zu empfangen. Hätten sie zu diesem Berge der Wahrheit nicht mehr Liebe gehabt, als zu sich selber untereinander, nie wären sie zu diesem Orte aufgebrochen, weil sie aneinander genügend gehabt zu haben geglaubt hätten. So aber haben sie ihr Herz nicht vorzüglich einander geweiht, sondern nur dem Lichte und der Wärme dieser Sonne, die nun über ihnen, oder fast bei ihnen steht. Und diese wird ihre ferneren Wege erleuchten, damit sie sich nicht in den gegenseitigen Wünschen ihrer Leidenschaften verfangen werden, und sich später dann sogar bekämpfen könnten, sondern in Eintracht und einander unterstützend den Weg ihrer Vollendung so fortschreiten, wie sie ihn heute – das Kommende vorweg versinnlichend – begangen haben. Es wird wohl nicht so sein – leider; aber die Anlage dazu hätten sie in sich, wie jeder Mensch. Dazu betrachte nur die dieser Anlage entsprechende, äussere Form: Wie kräftig und zeugungsstark die Form des Jünglings, die dennoch schlank – in der Entsprechung: selbstverleugnend – sich abhebt vom gemeinen Boden der Waag-rechten, das heisst der Lust und Gier nach dem Gut des andern. Und betrachte daneben auch die sanften und weichen Rundungen der Gestalt des Mädchens, das dazu bestimmt ist, in seiner Ruhe und Hingebung die Bilder und Vorstellungen des Mannes in sich auszureifen zu wieder eigenen, sie selbst beglückenden Wesen."

Dem Arzt gefiel dieser Vergleich ungemein, und dennoch traf er ihn ein wenig, indem er in sich gewahr wurde, dass ihrer beiden Gattinnen fehlten. Sein Freund schien seine Gedanken zu erraten, denn er setzte kurz hinzu: "Die Ruhe, weisst du, die jeder Hingebung vorausgehen muss, kann sich manchmal auch selbständig machen, wenn sie sich nicht einzig aus dem heissen Liebegefühl des Hingebenwollens entfaltet; und dabei kann sie leicht in Schlaf (Seelenschlaf) übergehen, welcher das tätige Leben verpasst. Deshalb auch ist es leichter, aus der Fülle eine Form zu schaffen, als sie hernach mit dem ihr Entsprechenden zu füllen. Würden das die Mädchen alle erkennen, sie würden erschrecken ob der Forderung ihrer Form und sie sorgsam verbergen vor den Blicken der andern, bis ihr Wesen endlich ihrer Form entsprechen würde. So aber – in ihrer gedankenlosen Unkenntnis – stehlen sie sich mit diesem ihrem eigentlichen, innern Wesen noch Fremden nur die Achtung des andern Geschlechtes, indem sie es täuschen, wie die Männer es ebenfalls tun, wenn sie ihre Muskeln ausbilden, anstatt die Kraft ihres Geistes." –

Mittlerweile war das Paar einen kleinen Nebenweg hindurch weiter gezogen, und auch die beiden Freunde begannen aufzustehen und sich wieder auf den Weg zu machen. Während des Abstieges sprachen sie wenig miteinander. Jeder war in seinen Gedanken beschäftigt mit all den Empfindungen und Erkenntnissen die in ihnen waren, und die der Naturarzt so trefflich angetönt hatte. Längere Zeit gingen sie also wortlos hintereinander her, da der Weg schmal war; während die Sonne immer höher stieg und in ihrer Wärmekraft schon stark fühlbar wurde. Da – an einer Wegbiegung blieb der Naturarzt stehen und zeigte mit seiner Hand über den Wegrand hinaus, seinen Freund fragend, ob er willens sei, etwa 20 Schritte mit ihm zu kommen. Sie standen bald an einem steilen, aber ebenmässig abfallenden, bewaldeten Hang, der von der Sonne beschienen wurde. Er zog sich seitlich der Bergflanke entlang, die hier eine Krümmung aufwies, und zog sich jenseitig der Krümmung, bereits im Schatten des Berges, weiter fort, sodass ein leichter Graben zwischen den beiden gleichmässig steilen Hängen entstand. Schweigend sahen sie durch den von vielen Sonnenstrahlen durchzogenen Wald ihrer Hangseite an die von einem leichten Dunst etwas grau gefärbte Bewaldung des jenseitigen Hanges. Es ruhte eine feierliche Stille über dem Ganzen. Die im Gegenlicht der Sonne als schwarz erscheinenden Stämme zogen gerade Linien nach oben, welche hin und wieder von dünnen Zweigen der spärlichen Stammaustriebe unterbrochen wurden. Diese mit hellgrünem Frühsommerlaub beblätterten Zweige hoben und senkten sich ganz sachte und lautlos im sanften Aufwind der von der Sonne erwärmten Luft. Fast senkrecht aufwärts konnte diese stille Luftbewegung die feinen Zweige biegen, und sie dann wieder sachte – wie Federflaumen – fallen lassen in ihre waagrechte oder leicht abwärts gerichtete, natürliche Lage, um sie dann von neuem wieder zu ergreifen. Ein wundersames, weil so lautloses und durch nichts begründet scheinendes Auf- und Abspiel vollzog sich da entlang der Stämme, dass es den beiden vorkam, als sei der ganze Wald von herrlich leuchtenden, aber ätherisch zarten, guten Wesen belebt, während draussen, jenseits des Grabens, der unbeschienene Teil des Hanges sein unbeteiligtes Grau durch den belebten Raum zwischen den Stämmen herüber sandte.  "Das habe ich noch nie gesehen", meinte der Arzt, "das ist ja zauberhaft andächtig und ergreifend zugleich! – Was sagst denn du dazu?"

Sein Freund setzte sich auf einen Baumstrunk und antwortete: "Ich habe diese Erscheinung einmal in meiner Jugend an einem einzigen Baume gesehen, dessen Äste sich stark bewegten, während ringsum alles in Ruhe verharrte. Aber seither wohl eher manchmal empfunden, als wirklich gesehen. Aber du willst ja von mir wohl wieder einige aufzeigende und erklärende Worte für unserer beiden Gefühle, die dabei in uns aufkommen. – Also, siehe: Normalerweise hörst du den Wind nirgends so gut als im Walde. Schon das leiseste Lüftchen berührt die Blättchen und erzeugt dadurch ein feines Rauschen im Dache des Waldes. Dieser Naturvorgang gleicht dann den mehr oder weniger bewegten oder gar stürmischen Weltleidenschaften, die im Gehirne des Menschen ebenfalls allerlei Rauschen durch sein Verlangen nach Äusserem und ihm Fremden verursacht – wie der Wind im Blätterdache. Erste Bedingung zu dieser wahrhaft das ganze Gemüt erhebenden Erscheinung, die wir nun vor uns haben, ist deshalb die gänzliche Windstille. Dazu ist eine Lage, die dem Wind abgekehrt ist, stets die beste. Beim Menschen ist eine solche Gemütslage bei steten, leichten Leiden vorhanden, seien sie leiblicher oder seelischer Natur, sei es von Armut oder leichtem Schmerz. Wenn sich beim Menschen in einer solchen Lage alle seine Leidens